„Vielleicht birgt ja gerade der jetzige Zeitpunkt die größte Chance für Utopien“ Lisa Schrammel, Schauspielerin_Wien 11.4.2020

Liebe Lisa wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Von Langeweile bis jetzt keine Spur, auch exzessive Putz- oder Ausmistanfälle sind bisher noch ausgeblieben. Zwar hab ich im Augenblick keine Proben oder Vorstellungen aber da ich seit einigen Jahren auch vermehrt als Sprecherin arbeite und zum Glück über ein Home Studio verfüge, gibt es in dem Bereich immer wieder was zu tun. Ein paar Aufträge sind natürlich weggefallen, dafür kamen wieder neue hinzu. Alles in allem fühle ich mich sehr privilegiert, da ich durch meine Festanstellung am TAG keine Existenzängste zu haben brauche. Einmal die Woche kaufe ich für meinen Vater ein, ansonsten versuche ich mir gerade bewusst Zeit zu nehmen für die Dinge, für die im Alltag oft wenig Zeit bleibt wie ausgiebig kochen, wieder öfter mal was backen, lesen, Yoga machen, damit das viele Essen nicht allzu sehr auf die Figur schlägt und vor allem viel mit lieben Menschen (video)telefonieren. Also nur physical distancing und kein social distancing.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es schwierig Dinge in diesem Kontext zu verallgemeinern, da die aktuelle Situation für Jede und Jeden unterschiedlich große Schwierigkeiten und Herausforderungen mit sich bringt und auch diese wiederum ganz individuell empfunden werden können. Für mich ist im Moment Solidarität und Wertschätzung ein wichtiges Thema, vor allem gegenüber den Menschen und Dingen, die wir oft als Selbstverständlichkeiten ansehen. Trotz all der Widrigkeiten ist es aber wichtig sich bewusst zu machen, dass diese Ausnahmesituation, die für uns alle neu ist, nur temporär ist und die Entbehrungen, die wir gerade hinnehmen müssen noch viel schlimmer sein könnten.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?

Es wäre (zu) schön, wenn nach diesem globalen Ereignis gewisse Strukturen ernsthaft hinterfragt werden würden. Vielleicht birgt ja gerade der jetzige Zeitpunkt die größte Chance für Utopien. Was Theater und Kunst betrifft, hoffe ich in erster Linie natürlich, dass wir in absehbarer Zeit Kultur wieder hautnah und live erfahren können und dieses unmittelbare, gemeinschaftliche Erlebnis dann vielleicht noch mehr zu schätzen wissen, jetzt wo wir gerade erfahren, wie es ist auf einmal keinen Zugang mehr zu Theater, Ausstellungen, Konzerten und dergleichen zu haben.

 

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Was liest Du derzeit?

„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky, ein humorvoller und berührender Roman mit herrlich skurrilen Elementen.

 

 

Welches Zitat, welche Szenerie aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Bis vor kurzem haben wir noch an Fahrenheit 451 geprobt, dann kam Covid 19 und plötzlich befanden wir uns selbst inmitten einer realen Dystopie. Meine Figur sagt in einer Szene, dass die Menschen überhaupt keine Zeit mehr füreinander haben und keine richtigen Gespräche mehr führen. Dass im Augenblick in meinem Umfeld das Gegenteil der Fall ist, zählt für mich definitiv zu den erfreulichen Aspekten der Krise.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa und auf ein baldiges Wiedersehen im TAG Theater Wien wie persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: Lisa Schrammel, Schauspielerin

http://www.lisa-schrammel.com/

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig_2018 „Der Untergang des österreichischen Imperiums“ _TAG Theater Wien

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