„Was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt“ Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin _ Berlin 6.6.2020

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Autorin bin ich wie die meisten Kolleg_innen eine Art Lock-Down-Profi. Ich arbeite meistens von daheim, war auch vor Corona ungern einkaufen und seit ich schreibe, brauche ich einsame Spaziergänge und Fahrradfahrten, um meine Gedanken zu sortieren. Natürlich sind auch mir Lesungen und somit Einkünfte ausgefallen, aber ich freue mich auch über die Ruhe und das, was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt. Was meinen Arbeitsalltag tatsächlich erschwert, ist die Betreuung unserer Tochter Alma. Mein Partner übernimmt zwar einen Teil der Sorgearbeit, aber als Manager sitzt er oft halbe Tage in Online-Konferenzen & Besprechungen. Und dann hab ich – wie viele Frauen derzeit – wieder den Hut auf…

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Krise legt ihre Finger auf die Wunden unserer Gesellschaft. Ihre Unwuchten werden sichtbarer. Welche Schultern stemmen unsere Sozialsysteme? Wer sorgt sich in einer Gesellschaft, in der alle flexibel und ungebunden arbeiten und leben wollen, um Alte, Kranke, Kinder? Wer schupft die Supermärkte? Wer fährt trotz Ansteckungsgefahr unsere Busse? Die Errungenschaften des Sozialstaats – Kindergartenbetreuung, Arbeitslosen- und Krankenversicherung – rücken in den Fokus. Sichtbar wird aber auch, dass eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur ihren Glanz verliert, ihre Schönheit und ihre Testballone für die Zukunft.

 

Elisabeth R.Hager

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine der Errungenschaften dieser Krise ist für mich, dass sie uns zeigt, dass wir weniger konsumieren, fliegen, Emissionen raushauen können, ohne dass wir zu Staub zerfallen. Und: Wir können die technologischen Errungenschaften in den Dienst der viel größeren Krise unserer Zeit stellen, der Klimakrise. Wir können, respektive könnten so viel lernen in diesen Wochen. Weil aber die Möglichkeiten, die sich derzeit abzeichnen, das gegenwärtige System nachhaltig schwächen, wenn nicht gar stürzen würden, werden die Menschen, die heute zu den Profiteuren zählen, den Wandel nicht kampflos zulassen… Und vielen fehlt es auch einfach an Hellsicht und Mut, etwas Neues zu denken.

Da kommen Kunst & Kultur ins Spiel. Mich interessiert an meiner Kunstform, der Literatur, vor allem das utopische Potential. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeitsräume aufzumachen. Diese Räume sind mein bevorzugtes Habitat. Dort streife ich herum und überlege mir, wie die Zukunft im besseren Fall ausschauen könnte… Natürlich klingt das für kritische Zeitgenoss_innen heillos naiv, aber das ist mir egal. Solange ich die Kraft habe, an die Menschen und ihre Lernfähigkeit zu glauben, werde ich das tun.

 

 

Was liest Du derzeit?

Grade in diesen besonders für Frauen und Mütter ernüchternden Zeiten, suche ich in der Literaturgeschichte nach weiblichen Vorbildern. Wenn ich nicht schreibe, lese ich über die Leben von Annemarie Schwarzenbach und Erika Mann. Ich beschäftige mich mit Audre Lorde und Hannah Arendt, in deren Schreiben so viel Lebensmut und Draufgängertum steckt, dass es für fünf Leben gereicht hätte. Sie hat einen Gedanken in die Philosophie eingeführt, der mich immer wieder und besonders jetzt tröstet: Dass das Neue mit jedem neuen Menschen und jedem neuen Tag in die Welt treten kann.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche. Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“


Hanna Arendt (Aus: Die Freiheit, frei zu sein, S. 37)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Fünf Tage im Mai“, Klett-Cotta Verlag, 2019 –  und  Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin, 

Aktueller Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Fuenf_Tage_im_Mai/101983

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„In der Kunst muss man keine Lösungen anbieten und allen alles recht machen“ Pia Hierzegger, Schauspielerin_Graz 5.6.2020

Liebe Pia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mittlerweile sehr abwechslungsreich. Schreiben, zoomen, essen, kochen, Kaffee trinken, denken, spazieren, Filme schauen, Bücher lesen, in Österreich herumfahren, Freund*innen treffen. In unterschiedlicher Reihenfolge und manchmal überlappend.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht so genau. Ich hoffe, dass sich die Menschen solidarisch verhalten, nicht jeden Schwachsinn glauben und dass es mehr Grund zur Hoffnung als für Angst gibt. Und dass Corona uns nicht von allen anderen Problemen ablenkt.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Theater und Kunst reagieren im besten Fall immer auf das, was eine Gesellschaft beschäftigt. In der Kunst muss man keine Lösungen anbieten und allen alles recht machen, das erlaubt Probleme anders anzuschauen, ketzerische Fragen zu stellen, einen Raum zu schaffen, in dem man sich mit Phänomenen intensiv aber nicht ergebnisorientiert zu beschäftigen.

 
Was liest Du derzeit?

Den 2. Band von Vernon Subutex. Ich denke es wird eine Hassliebe bleiben. Ich werde es schnell fertiglesen, weil es wartet das Buch „My sister, the serial Killer“ der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite, von dem ich bis jetzt nur den Buchdeckel mit herausragenden Kritiken kenne.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das finde ich schwierig, ich hab schon als Volksschulkind bei den Einträgen in Poesiealben immer Angst gehabt, mich zu entscheiden, weil das ja dann für immer da steht. Ich wünsche lieber allen eine gute Zeit.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Pia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film- und Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pia Hierzegger, Schauspielerin

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26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mehr Utopien – für alle vorstellbaren Welten “ Lucia Leidenfrost, Schriftstellerin_Mannheim 4.6.2020

Liebe Lucia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf als Autorin hat sich nicht so stark verändert, nur die üblichen Zusatzherausforderung der Pandemie (z.B. unser Kind ist ständig zu Hause) sind dazugekommen. Ich schreibe, recherchiere, gehe hinaus, bereite mich auf Online-Lesungen vor, mache Sport, lese, informiere mich über Entwicklungen in der Welt…

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vernünftig bleiben (Quellen hinterfragen und den ausgebildeten Leuten Glauben schenken) und was die kanadische Regierung veröffentlich hat: You are not „working from home“, you are „at your home, during a crises, trying to work“.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Mehr Utopien. Wenn unsere Gesellschaft sich Entwicklungen, von denen manche durch die Pandemie wahr geworden sind (weniger Flugreisen, mehr Fahrradwege, Digitalisierung etc), leisten würde. Auch persönlich hat man vielleicht herausgefunden, was essenziell für das eigene Leben ist und wofür es sich lohnt einzustehen. Literatur und Kunst bleibt dabei ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen, für Vorstellungen und Wahrnehmungen unserer und allen vorstellbaren Welten

 

Was liest Du derzeit?

Während Corona habe ich bewusst Bücher aus den Frühjahrsprogrammen 2020 gelesen. Gerade bin ich bei „Feenstaub“ von Cornelia Travincek, habe schon „Ich an meiner Seite“ (Birgit Birnbacher), „Das Loch“ (Simone Hirth) und „Die Wahrheit der anderen“ (Daniel Zipfel) gelesen.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zur Corona-Situation lese ich gerne die Corona-Tagebücher-Einträge (Literaturhaus Graz) und den Fortsetzungsroman des Aargauer Literaturhauses.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lucia, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Wir verlassenen Kinder“ Verlag: Kremayr&Scheriau und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

 

Lucia Leidenfrost, Schriftstellerin

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Wir verlassenen Kinder

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26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es bräuchte ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will“ Tanja Raich, Schriftstellerin_Wien 3.6.2020

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in Kurzarbeit und alle Termine der letzten Monate wurden gestrichen. In meinem Kalender ist also gerade sehr viel durchgestrichen und für die nächsten Monate gibt es viele Fragezeichen. Normalerweise ist mein Alltag ziemlich durchgetaktet. Ich hätte in meiner beruflichen Funktion als Lektorin AutorInnen auf Festivals begleitet, wäre selbst auf Lesungen und Schreibaufenthalt gewesen. Ich wäre nach Leipzig, München, Stuttgart, Kiel, Kärnten und Südtirol gereist und abends wäre ich auf vielen Veranstaltungen gewesen. Das alles wurde gestrichen oder verschoben. Jetzt lebe ich in den Tag hinein, habe so wenig Termine wie noch nie in den letzten Jahren, mich aber schnell an die neue Lebensweise gewöhnt und kann mir im Moment gar nicht vorstellen, wie es ist, all diese beruflichen und privaten Termine wieder in meinen Alltag zu integrieren. Ich lese mehr und ich habe das Gärtnern für mich entdeckt, ich bin viel in der Natur und versuche optimistisch zu bleiben.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die letzten Wochen haben vieles offen gelegt, was global und national, was in den Unternehmen und was im Privaten im Argen liegt. Das sind alles keine Neuheiten, aber zum ersten Mal hat jeder und jede vor Augen geführt bekommen – wenn auch nur in der jeweiligen sozialen Blase –, was wesentlich ist, was nicht funktioniert und was wir ändern müssen. Da lägen nun viele Themen auf dem Tisch, die man jetzt anpacken müsste. Sobald wieder Normalität einkehrt, ist die Erfahrung der Krise vergessen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass ein funktionierender Sozialstaat wichtiger als Gewinnmaximierung ist, dass systemrelevante Berufe unterbezahlt sind und vor allem die Frauen wieder einmal zurückstecken müssen, dass die Privatisierung, die schon seit vielen Jahren im Gang ist, der falsche Weg ist. Viele haben die Natur wieder entdeckt, denn die Vorzüge einer Großstadt sind mit den Schließungen von der Bildfläche verschwunden, vielleicht wissen wir jetzt wieder mehr zu schätzen, was wir verlieren könnten. Aber auch wenn die Natur eine Verschnaufpause hatte, wurden in diesem Jahr 120.000 Hektar Regenwald im Amazonas gerodet, der so wichtig für das Weltklima wäre. Als Optimistin hoffe ich darauf, dass wir die Themen, die jetzt auf dem Tisch liegen, anpacken und einen gerechteren und nachhaltigeren Weg beschreiten. Die Pessimistin in mir sagt aber, dass es weiterlaufen wird wie bisher, dass sich die soziale Ungerechtigkeit noch weiter zuspitzen und der Kapitalismus wieder erblühen wird. Die Frage wird also sein, wie lange wir zusehen wollen und wie lange und wie oft noch jene Parteien an der Macht sein müssen, die sich um die wirklich relevanten Themen unseres Lebens einen feuchten Dreck scheren und eine weitere Verschärfung all dieser Probleme betreiben.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Eine gute Auswirkung von Corona war mit Sicherheit, dass mehr gelesen wurde und in der Entschleunigung das Analoge und Unmittelbare wieder gewonnen hat. Literatur und Kunst haben seit jeher die Aufgabe erfüllt, die Finger in die Wunden zu legen, einen Einblick in andere Lebensrealitäten zu gewähren und uns die Möglichkeit zu geben, die eigene Blase (zumindest für den Zeitraum eines Buches, eines Films oder eines Stücks) zu verlassen und Empathie und Verständnis zu entwickeln. Literatur und Kunst sind die Kritikerinnen einer Gesellschaft und im Moment so dringend nötig wie selten zuvor. Mit Sicherheit geht es der Kultur in Österreich verhältnismäßig gut, trotzdem kämpfen derzeit so viele Verlage, Buchhandlungen, Programmkinos und Theater ums Überleben, von den KünstlerInnen sowieso ganz zu schweigen. Es ist für die wenigsten möglich, von ihrer Kunst zu leben, aber jetzt brechen vielen auch noch die Nebeneinkünfte weg. Es bräuchte eigentlich ein Grundeinkommen, wenn sich Österreich weiterhin als Kulturnation positionieren will, und wesentlich höhere Förderungen für die Kulturinstitutionen, die transparent und nachvollziehbar sind.

 

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich vieles und auch mehrere Bücher zugleich. „Still leben“ von Jan Peter Bremer, „Der Apfel im Dunkeln“ von Clarice Lispector und „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Unser Ursprung ist nicht in uns, sondern draußen, an der Luft. Er ist nichts Festes, Uraltes; er ist kein Gestirn von unermesslichen Ausmaßen, kein Gott, kein Titan. Er ist kein Einzelfall. Der Ursprung der Welt sind die Blätter: zerbrechlich, verletzlich und doch in der Lage zurückzukehren, wieder zu leben, nachdem sie den Winter hinter sich gebracht haben.“ Aus: „Die Wurzeln der Welt“ von Emanuele Coccia.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Jesolo“ ,Karl Blessing Verlag/Heyne, und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Raich, Schriftstellerin

https://tanjaraich.at/autorin

link zum buch:  https://www.randomhouse.de/Buch/Jesolo/Tanja-Raich/Blessing/e550175.rhd

Foto_Walter Pobaschnig_Station bei Malina_Wien 6_20.

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Literatur wird definitiv eine wichtige Rolle als Protokollantin der Krise erfüllen“ Elias Hirschl, Schriftsteller_Wien 2.6.2020

Lieber Elias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Spät aufstehen, mich zum Latein-Lernen motivieren und wenn möglich an neuem Buch und einer Radiosendung arbeiten, die hoffentlich beide irgendwann fertig werden. Zum Ausgleich versuch ich relativ viel spazieren zu gehen was mal mehr mal weniger gut hinhaut.

Elias Hirschl _ Fotograf _ Benedict Steyrer_2

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht am meisten die Akzeptanz, dass man sich nicht zur Produktivität zwingen muss, dass man eine Krise auch einfach mal als Krise akzeptieren darf. Das ist natürlich leicht gesagt, wenn man in einer Situation ist, in der man ohnehin jetzt nicht komplett existenzgefährdet ist. Aber für mich selber ist das Wichtigste wahrscheinlich zu akzeptieren, dass das ein Ausnahmezustand ist und man sich das alles auch gerade nicht schönreden muss. Man muss aus der Krise nicht mit fünf neuen Sprachen und drei Romanen rauskommen und ich bezweifle dass ich aus der Krise überhaupt mit geringfügigen Lateinkenntnissen und einem einzigen Roman rauskomm.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich habe in einem Artikel gelesen, dass jetzt bitte nicht alle über Corona schreiben sollen. Das halte ich für eine völlig sinnlose Aussage. Die Literatur wird definitiv eine wichtige Rolle als Protokollantin der Krise erfüllen. Andererseits muss sie das natürlich auch nicht. Mir liegt gerade nichts ferner als über Corona zu schreiben. Das würde mich auch nur deprimieren. Aber ich bin ehrlich gespannt in einem oder zwei Jahren zu sehen, welche Bücher und Geschichten jetzt gerade am Entstehen sind. Im Grunde glaube ich aber nicht, dass irgendetwas nach der Krise drastisch anders sein wird als vorher.

 

 

Was liest Du derzeit?

Viel zu viel parallel und nichts davon konzentriert genug. Quantitativ „lese“ ich am meisten Youtube, dann Netflix, dann Filme von herumliegenden Festplatten. Da gerade alle möglichen Sachen von Werner Herzog, weil ich dazu neige mir das komplette Gesamtwerk einer Person reinzuziehen wenn ich da erstmal reingekippt bin. Auf Papier habe ich lange versucht „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon zu lesen, habe das aber jetzt endgültig aufgegeben. Mit dem Mann ohne Eigenschaften hab ich auch angefangen. Mit „In Liebe, dein Vaterland“ von Ryu Murakami auch, genauso wie „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes, sowie „Weiß“ von Bret Easton Ellis, „GRM brainfuck“ von Sibylle Berg, Signifying Rappers von David Foster Wallace und Mark Costello, This is not a novel and other novels von David Markson und das Stowasser Latein-Deutsch-Wörterbuch. Keines davon über Seite 50 hinaus.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“I didn’t mean to eat this shoe in public. I intended to eat it in a restaurant.”
Werner Herzog, aus der Kurzdokumentation “Werner Herzog Eats His Shoe“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Elias, viel Freude und Erfolg für alle Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elias Hirschl, Schriftsteller

https://www.eliashirschl.com/

 

 

23.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mardi und eine Reise dorthin“ Herman Melville. Roman. Manesse Verlag

 

„Mardi und eine Reise dorthin“ Herman Melville. Roman. Manesse Verlag

„Wir sind los!“ – das Walfängerschiff läuft aus. Reiche Beute wird im Pazifik erwartet. Doch die Tage, Monate und Jahre vergehen und es ist kein Wal in Sicht. Jetzt überlegt der Kapitän eine Änderung des Planes und will Öl an Bord bringen. Seemann Taji ist damit nicht einverstanden und will an Land aussteigen können. Der Kapitän sagt ab und nun sinnt Taji über einen Plan nach…

Das Beiboot wird von Tajj und einem weiteren Matrosen zu Wasser gelassen und ihr laut gerufenes „Mann über Bord!“ lässt Segel und Ruder im Durcheinander am Deck des Walfängers immer weiter am Horizont verschwinden. Die Flucht gelingt…

…und nun beginnt der Aufbruch in die Faszination der pazifischen Inselwelt und der Begegnungen, besonders mit Yillah, die alles verändern wird….

 

Herman Melville, 1809 geboren wie 1891 gestorben in New York führte ein abenteuerliches wie vom Anspruch der Literatur getragenes Leben. Besonders seine Seefahrten auf einem Walfänger Schiff inspirierten ihn. Das wird zum Thema in seinen großen Romanen wie „Moby Dick“ oder des hier vorliegenden Werkes.

In „Mardi und eine Reise dorthin“ wird der weite Raum von Meer und Sehnsucht zum Spiegelbild von Mensch und Welt. Es ist ein Eintreten in den Kosmos der Schifffahrt mit allen Anforderungen, Anstrengungen, Sehnsüchten und Zweifel. Und dabei begleiten ihn die Fragen nach seelischer Mitte, Hoffnung und Ankommen in der wilden See des eigenen Herzens…

 

„Ein Roman, der Höhen und Tiefen, Weite und Enge eines Lebens im Rausch des Meeres eindrucksvoll durchschifft“

 

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„KünstlerInnen wie viele andere Menschen kämpfen ums Überleben“ Leonie Wahl, Dancer, Performer, Choreographer_Wien 1.6.2020

Liebe Leonie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich fast so wie in den Phasen, in denen ich nicht probe. Damit komme ich klar.

Aufstehen, frühstücken, eineinhalb Stunde Yoga, zwei bis drei mal in der Woche joggen gehen, Mittagessen, und je nach Möglichkeit im Wohnzimmer Choreografien durchgehen oder neu entwickeln (sehr raumbegrenzt natürlich, bin ich aber auch gewohnt, denn ich habe nicht immer den Luxus eines Proberaums) Dann lese ich viel über die aktuelle Situation in der Welt, denn meine Familie ist über halb Europa verstreut, und mach mir Gedanken über die veränderte Situation. Ich beobachte sehr gern, und jetzt gibt es extrem, viel Neues zu beobachten. Vor allem, wie anders sich die Menschen mit Maske und „Schutzhaltung“ bei ihren Alltagshandlungen bewegen. Es kommt mir vor, dass unsere Gesellschaft von einer ganz neuen Seite beleuchtet wird. Aus keinem schönen Anlass natürlich! Abendessen, Filme schauen und dabei viel mehr Zeit mit meinem Freund verbringen als sonst.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns trotz allem nicht zu sehr bedroht zu fühlen und Nischen der Geborgenheit und Sicherheit zu haben. Gewohntes intensiver zu erleben und die einfachen Dinge mehr zu schätzen.

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Wir alle stehen jetzt gesellschaftlich und persönlich vor einem Aufbruch und Neubeginn. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Toll wäre es, wenn die Menschen aus der Krise lernten, dass Geld nicht alles sein kann. Toll wäre es, wenn neue Werte in den Vordergrund treten würden, wenn man endlich erkennen würde, dass der Mensch gar nicht so egoistisch ist, wie in unserem kapitalistischen System immer behauptet wird und sich viel mehr die Gemeinschaft herbeisehnt und den Kontakt und den Austausch mit Ihr aktiv sucht. Toll wäre ein Systemwandel! Aber ich bin da leider Pessimistin…

Theater ist immer noch ein Ort, wo echte Menschen zusammen kommen, live, was leider im Moment nicht wirklich uneingeschränkt möglich ist. Meiner Meinung nach kann das Theater nicht Aussterben, gerade wegen diesem Bedürfnis nach Gemeinschaft. Die Kunst an sich wird immer die gleiche Funktion behalten, nämlich das Leben überhaupt erträglich zu machen. Und um so unerträglicher das Leben, um so wichtiger die Kunst. Genau wie ein leckeres Essen. Ich mach mir zur Zeit gerade um die Kunst überhaupt keine Sorgen.

Sorgen mache ich mir um die Künstlerinnen und Kunstschaffenden, und die vielen anderen Menschen, die gerade wirklich ums Überleben kämpfen müssen und wirkliche Existenzängste haben. Denn die meisten von ihnen hatten es schon vorher schwer genug, und werden nun auch als Systemverlierer aus der Krise herausgehen. Ich hoffe sehr, dass man ihnen (uns) auch danach hilft, und hoffentlich effizienter und genauso großzügig wie wir oft verschwenderisch unsere Fähigkeiten vor die Menschen bringen!

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Kleines Handbuch des Schauspielers“ von Dario Fo.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Inhale 3-4-5, exhale 3-4-5 oder 5-6-7-8…

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Leonie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-/Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leonie Wahl, Dancer, Performer, Choreographer

http://www.leoniewahl.com/

 

23.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst sollte in der Gesellschaft etwas Heiliges sein“ Ina Riegler, Malerin_Kärnten_31.5.2020

Liebe Ina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bei mir hat sich nicht viel verändert. Hauptberuflich arbeite ich derzeit in einem Kinderheim. Ich habe die Kunst nicht an einer Akademie studiert, sondern schon immer nebenbei gemacht und mir insgeheim gewünscht, dass ich mehr Zeit dazu hätte. Wir haben jetzt längere Dienste, in einem Turnusrad, um das Risiko zu minimieren uns gegenseitig anzustecken. Das ist sehr anstrengend und bringt mich oft an meine Grenzen. Dazwischen haben wir mehrere Tage frei. Diese freien Tage dieser Dienste haben mir sehr gut getan, da ich mich dann gut erholen konnte. Ich habe diese Tage genutzt, um mein Atelier, einen alten Stall in meinem Garten, zu renovieren.

Kunst mache ich, wenn ich frei habe. Im Normallfall beginnt, hier mein Tagesablauf mit einem guten Kaffee, meistens spiele ich dann Gitarre und singe dabei, das ist mein Morgenritual. Danach wecke ich meinen Sohn auf unter der Woche, damit er etwas Rhythmus beibehält und seine online- Hausübungen erledigt. Morgens mache ich etwas Sport. Danach beginnt von ca. neun Uhr bis Mittag meine produktivste Zeit. In dieser recherchiere ich, skizziere, schreibe und male. Danach Essen kochen, Haushalt, etc. Am Nachmittag habe ich eben an meinem Studio gearbeitet oder war im Garten. Abends habe ich entweder meine Freunde online „getroffen“, Serien oder Filme angesehen, oder gelesen.

Ina Riegler

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt. Demonstrationen. Demokratie. Einhaltung der Menschenrechte. Ein System, das die Arm-Reich Schere nicht noch größer macht und sozial Schwache noch mehr benachteiligt bzw isoliert. Sich nicht von der kollektiven Angst anstecken zu lassen, innere Ruhe und Rhythmus zu bewahren. Da ich der Kunst nicht hauptberuflich nachgehe, war ich auch nicht so betroffen, da ich ja mein Geld mit meiner anderen Arbeit verdiene. Für viele Künstler/ innen die ich kenne, war es allerdings sehr schwierig, da sie große Existenzängste hatten bzw. haben. Ich finde, aus einer Krise lernt man im Besten Fall immer etwas. Die Reduktion auf das Wesentliche hat mir einiges aufgezeigt.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Kunst sollte in der Gesellschaft etwas Heiliges sein. Im Moment wird sie aber ausgeklammert. Man sperrt große Konzerne wie den Ikea auf, lässt die Leute aber nicht ins Theater gehen. Das ist eine Tragödie. Wesentlich wird dabei sein, wie man politisch damit in Zukunft umgeht. Für mich ist die Kunst überlebensnotwendig.

 

Was liest Du derzeit?

Mehreres parallel. Das beste Buch das ich gerade lese ist das „Buch der Symbole“. Hier geht es um Betrachtungen zu archetypischen Bildern, sehr umfangreich, ein wunderschönes, umfassendes Wissen nahezu aller Zeiten und Kulturen/ Kategorien. Dann habe ich auch gerade eine Biographie von Maria Lassnig fertiggelesen. Ich lese aber auch Fachliteratur, Fachliteratur der Psychologie mit Kindern im Moment, da mich das für meine Arbeit brauche.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Don´t stay inside!

 

Vielen Dank für das Interview liebe Ina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ina Riegler, Malerin

https://www.inariegler.com/

 

 

30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ousia“, Gedichte_Verena Stauffer. Kookbooks.

 

Was Poesie an Zärtlichkeit, Kraft und Reflexion zu schenken und zu öffnen vermag, zeigt dieser Gedichtband in Stille, Feuer und Geheimnis. Verena Stauffer ist ohne Zweifel eine der interessantesten und  innovativsten PoetInnen der Zeit. Ihre Sprache ist Dynamit in allem. Sie verbindet einzigartige Sprachvirtuosität, Intellektualität und ästhetisches Experiment und nimmt große Traditionen der Poesie in eigenständiger Weiterentwicklung und Kontur auf. Es geht in jedem Wort um Mensch und Sinn wie neue literarische Formsuche.

 

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Wie Rimbaud lenkt die Autorin den Blick auf das Spiegelbild des modernen Menschen und gibt diesen als Papierschnitt vor dem flackernden Laternenlicht seiner Triebe und Antriebe frei. Ein gnadenloser Blick auf das Alltägliche, die Routinen und Verkleidungen der Welt, die Täuschungen und Projektionen der „abgeschnittenen Köpfe“.   Verena Stauffer zerfetzt dieses dünne Papier moderner Identität und blickt dahinter auf die „ousia“, das Wesen von Existenz und Sein. Nicht die „gnosis“, die Erkenntnis, ist dabei der Weg sondern das Hinaustreten über erstarrte Formen und Schatten von Existenz hin zum Licht, zum Feuer. Das Wort reißt Verständniswege an sich und schöpft diese aus Geheimnis und Kraft der Erde. Dem Saft der Welt. Davon gilt es zu trinken, um zu leben, um zu überleben und weit darüber hinaus zu greifen – zur Liebe.

 

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„Das Ich ist ein anderer“ schrieb Rimbaud und setzte Wege von Exzess und Erkenntnis hinzu. Verena Stauffer nimmt denselben Ausgangspunkt der Ich-Analyse – fragt aber danach nach der Kraft des „Leuchtens“ des Menschen. Nach dem Entzünden und der Vision, welcher der Mensch zu folgen imstande ist. Nach Heilung in Prozessen der Zerstörung.

 

 

 

Die Antwort selbst liegt in der eigenen Sprache und Ansprache von und zu Natur, Mitmensch und Liebe. Hier liegt der Exzess im Sinne des Heraustretens aus Erstarrung. Natur und Leben werden im neuen, gereinigten Sehen des Menschen erkannt und belebt – „ousia“. In Schmerz, Trost, Freude und Ekstase. Die Autorin bleibt bei diesem unmittelbaren Erkenntnis- und Erlebniszug des Menschen ohne Traditionen der Geistes- und Religionsgeschichte in eine Synthese bringen oder aufzulösen zu wollen. Es geht um Vollzüge und Fragen zu und mit dem was unmittelbar ist. Um die Geheimnisse des Lebens  in Reflexion und Transformation.  Hier schließt Verena Stauffer an die Bildgewalt eines Georg Trakl oder Christine Lavant an und setzt dabei in ganz außergewöhnlicher Aufmerksamkeit und Phantasie kraftvolle Sprachbilder, um das stille, stumme Ringen des Menschen zwischen Erde und Himmel zu umreißen.

 

 

 

Einen Kampf von Existenz und Kontexten der geistigen Sozialisation der Zeit kennt Verena Stauffer im Unterschied zu Rimbaud explizit nicht, sondern es geht um den Kontext von Welt innerhalb und außerhalb von Zeit und Raum an sich – im Prozess eines persönlichen Lebens in Kopf und Körper, hier und jetzt, in Licht und Schatten. „Une Saison en Enfer“ ist bei Verena Stauffer nicht eine begrenzte Lebensetappe sondern eine Gegensätzlichkeit, ein Schattenspiel, das lebenslänglich währt und nach Mut, Erkenntnis und Weg verlangt. Der Saft der Erde kann verschlingende Dunkelheit oder Feuer und Wärme sein. Darin gilt es zu sehen und zu bestehen. Jedoch nicht allein. „ousia“, das bedeutet auch Schutz und Hilfe. Die Natur hat, wie bei Christine Lavant, Ansprache und Injektion im täglichen Suchen, Finden, Verlieren und Hoffen. Wie die Liebe.

 

 

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„Wir werden leuchten“ – Der Mensch und die Welt sind auf Messers Schneide und Verena Stauffer setzt den furiosen sprachlichen soundtrack dazu – die Poetin als wiederentdeckte Seherin.

 

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Verena Stauffer

 

Ousia, Verena Stauffer, Kookbooks, 

http://www.verenastauffer.at/wordpresshome/

 

 

 

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Hikikomori _Fulminante Premiere_ TheaterArche, Wien, 29.5.2020

Eine Matratze. Die Bettwäsche von damals. Wenn Sie erwacht ist die Kindheit um sie. Jeden Tag. Der Spielteppich. Die Kinderküche. Da gibt es kein Fenster und keine Türe mehr. Das Draußen ist weit weg von ihr.

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Den Weg in die Erwachsenenwelt hat sie verbarrikadiert mit ihrer Kindheit. Niemand betritt diesen Raum, in dem sie schläft, spielt, träumt. Die Zeit und die Welt um sie aufhält.

 

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Sie will nicht mehr weiter. Zu Arbeit und Aufgabe. Zu Wecker und Stechuhr. Anspruch und Leistung. Bewerbung und Bewertung. Höher und weiter. Nein. Damit ist jetzt Schluss.

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Der Zahnputzbecher kommt wieder aus der Kinderküche. Danach wird „Für Elise“ am Keyboard gespielt. Wie damals. Und dann Saxophon. Und dann die Seife. Waschen und waschen. Wegwaschen. Das Erwachsensein. Das Alter. Die Familie. Das Sein und das Nichts. Diese Welt draußen.

 

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Doch dann kehrt die Bilderwelt und die Maschine im Kopf zurück. Schattenbilder und Gespenster des schnellen, zu schnellen Wachsens von allem. Das verlorene Hier und Jetzt.

 

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Lass` mich schreien, singen, lachen, tanzen – spielen.

 

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Wer bin ich eigentlich? Ist es in meiner Kindheit zu finden?…

 

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Hikikomori

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In seiner aktuellen Produktion „Hikikomori“ begeistert Regisseur und Theaterdirektor Jakub Kavin mit dem  „TheaterArche“ Wien wiederum mit tiefgehender zeitkritischer Bühnenarbeit.

In „Hikikomori“ wird das Phänomen moderner Isolation und Regression exemplarisch zum famosen Solo-Bühnenspiel, das über gegenwärtige weltweite Erfahrungen von „physical distance“ gesellschaftskritisch hinausweist.

Hikkomori“, Text von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, wird zur beklemmend anschaulichen Fragestellung von Identitätsverlust und Fluchtmechanismen modernen Menschseins. Die Inszenierung des inneren Dramas von Isolation in allen Sehnsüchten, Erinnerungskämpfen und Ablenkungsversuchen greift die aktuelle Corona-Krise in ihrer Kernfragestellung nach unserem Menschwerden, Menschsein und Menschbleiben in der Welt schonungslos auf. Was lässt uns wachsen oder scheitern? Was gibt uns Raum und Richtung oder setzt Enge und Isolation? Regisseur Jakub Kavin gibt diese wesentlichen Fragen einer Gesellschaft in der Krise mit und öffnet damit eine wichtige tiefere Reflexionsebene von Psychoanalyse und Kulturkritik. Ein genialer Kunstgriff.

Die Schauspielerin Manami Okazaki begeistert mit einer eindringlichen variantenreichen Darstellung, die vom ersten Moment an in den Bann zieht und staunen lässt. Diese Schauspielerin ist zweifellos eine Bühnenentdeckung des Jahres und wir dürfen gespannt auf ihre weiteren Rollenwege sein.

Hervorzuheben ist auch das Bühnenbild, welches in Ansprache und Ausdruck wesentliche tragende Säule von Spiel und Wirkung ist. Auch hier leisten Bernhardt Jammernegg und Jakub Kavin großartiges.

 

„Hikikomori“ ist ein fulminanter Theaterstart in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation und setzt in Reflexion und Darstellung Maßstäbe. Theater lebt – und wie!

 

 

Hikikomori

 

Eine TheaterArche Produktion

Schauspiel: Manami Okazaki

Regie: Jakub Kavin

Autor*innen: Sophie Reyer, Thyl Hanscho

Musik: Manami Okazaki

Regieassistenz: Odilia Hochstetter

Bühne und Technik: Bernhardt Jammernegg, Jakub Kavin

Visuals: Jakub Kavin

Gemälde: Hiromitsu Kato (https://hirokato.info/)

 

Premiere am 29. Mai 2020 um 20 Uhr

  1. und 30 Mai um 20 Uhr

dann jeweils Donnerstag, Freitag und Samstag bis 4. Juli

also am: 4., 5., 6., 11., 12., 13., 18., 19., 20., 25., 26., 27. Juni jeweils um 20 Uhr

und am

2., 3., und 4. Juli um 20 Uhr.

 

TheaterArche

Münzwardeingasse 2a, 1060, Wien.

office@theaterarche.at

 

 

Walter Pobaschnig, 29.5.2020

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