„Die Literatur wird definitiv eine wichtige Rolle als Protokollantin der Krise erfüllen“ Elias Hirschl, Schriftsteller_Wien 2.6.2020

Lieber Elias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Spät aufstehen, mich zum Latein-Lernen motivieren und wenn möglich an neuem Buch und einer Radiosendung arbeiten, die hoffentlich beide irgendwann fertig werden. Zum Ausgleich versuch ich relativ viel spazieren zu gehen was mal mehr mal weniger gut hinhaut.

Elias Hirschl _ Fotograf _ Benedict Steyrer_2

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht am meisten die Akzeptanz, dass man sich nicht zur Produktivität zwingen muss, dass man eine Krise auch einfach mal als Krise akzeptieren darf. Das ist natürlich leicht gesagt, wenn man in einer Situation ist, in der man ohnehin jetzt nicht komplett existenzgefährdet ist. Aber für mich selber ist das Wichtigste wahrscheinlich zu akzeptieren, dass das ein Ausnahmezustand ist und man sich das alles auch gerade nicht schönreden muss. Man muss aus der Krise nicht mit fünf neuen Sprachen und drei Romanen rauskommen und ich bezweifle dass ich aus der Krise überhaupt mit geringfügigen Lateinkenntnissen und einem einzigen Roman rauskomm.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich habe in einem Artikel gelesen, dass jetzt bitte nicht alle über Corona schreiben sollen. Das halte ich für eine völlig sinnlose Aussage. Die Literatur wird definitiv eine wichtige Rolle als Protokollantin der Krise erfüllen. Andererseits muss sie das natürlich auch nicht. Mir liegt gerade nichts ferner als über Corona zu schreiben. Das würde mich auch nur deprimieren. Aber ich bin ehrlich gespannt in einem oder zwei Jahren zu sehen, welche Bücher und Geschichten jetzt gerade am Entstehen sind. Im Grunde glaube ich aber nicht, dass irgendetwas nach der Krise drastisch anders sein wird als vorher.

 

 

Was liest Du derzeit?

Viel zu viel parallel und nichts davon konzentriert genug. Quantitativ „lese“ ich am meisten Youtube, dann Netflix, dann Filme von herumliegenden Festplatten. Da gerade alle möglichen Sachen von Werner Herzog, weil ich dazu neige mir das komplette Gesamtwerk einer Person reinzuziehen wenn ich da erstmal reingekippt bin. Auf Papier habe ich lange versucht „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon zu lesen, habe das aber jetzt endgültig aufgegeben. Mit dem Mann ohne Eigenschaften hab ich auch angefangen. Mit „In Liebe, dein Vaterland“ von Ryu Murakami auch, genauso wie „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes, sowie „Weiß“ von Bret Easton Ellis, „GRM brainfuck“ von Sibylle Berg, Signifying Rappers von David Foster Wallace und Mark Costello, This is not a novel and other novels von David Markson und das Stowasser Latein-Deutsch-Wörterbuch. Keines davon über Seite 50 hinaus.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“I didn’t mean to eat this shoe in public. I intended to eat it in a restaurant.”
Werner Herzog, aus der Kurzdokumentation “Werner Herzog Eats His Shoe“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Elias, viel Freude und Erfolg für alle Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elias Hirschl, Schriftsteller

https://www.eliashirschl.com/

 

 

23.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

Foto_Benedict Steyrer.

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