„KünstlerInnen wie viele andere Menschen kämpfen ums Überleben“ Leonie Wahl, Dancer, Performer, Choreographer_Wien 1.6.2020

Liebe Leonie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich fast so wie in den Phasen, in denen ich nicht probe. Damit komme ich klar.

Aufstehen, frühstücken, eineinhalb Stunde Yoga, zwei bis drei mal in der Woche joggen gehen, Mittagessen, und je nach Möglichkeit im Wohnzimmer Choreografien durchgehen oder neu entwickeln (sehr raumbegrenzt natürlich, bin ich aber auch gewohnt, denn ich habe nicht immer den Luxus eines Proberaums) Dann lese ich viel über die aktuelle Situation in der Welt, denn meine Familie ist über halb Europa verstreut, und mach mir Gedanken über die veränderte Situation. Ich beobachte sehr gern, und jetzt gibt es extrem, viel Neues zu beobachten. Vor allem, wie anders sich die Menschen mit Maske und „Schutzhaltung“ bei ihren Alltagshandlungen bewegen. Es kommt mir vor, dass unsere Gesellschaft von einer ganz neuen Seite beleuchtet wird. Aus keinem schönen Anlass natürlich! Abendessen, Filme schauen und dabei viel mehr Zeit mit meinem Freund verbringen als sonst.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns trotz allem nicht zu sehr bedroht zu fühlen und Nischen der Geborgenheit und Sicherheit zu haben. Gewohntes intensiver zu erleben und die einfachen Dinge mehr zu schätzen.

Leonie Wahl_

Wir alle stehen jetzt gesellschaftlich und persönlich vor einem Aufbruch und Neubeginn. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Toll wäre es, wenn die Menschen aus der Krise lernten, dass Geld nicht alles sein kann. Toll wäre es, wenn neue Werte in den Vordergrund treten würden, wenn man endlich erkennen würde, dass der Mensch gar nicht so egoistisch ist, wie in unserem kapitalistischen System immer behauptet wird und sich viel mehr die Gemeinschaft herbeisehnt und den Kontakt und den Austausch mit Ihr aktiv sucht. Toll wäre ein Systemwandel! Aber ich bin da leider Pessimistin…

Theater ist immer noch ein Ort, wo echte Menschen zusammen kommen, live, was leider im Moment nicht wirklich uneingeschränkt möglich ist. Meiner Meinung nach kann das Theater nicht Aussterben, gerade wegen diesem Bedürfnis nach Gemeinschaft. Die Kunst an sich wird immer die gleiche Funktion behalten, nämlich das Leben überhaupt erträglich zu machen. Und um so unerträglicher das Leben, um so wichtiger die Kunst. Genau wie ein leckeres Essen. Ich mach mir zur Zeit gerade um die Kunst überhaupt keine Sorgen.

Sorgen mache ich mir um die Künstlerinnen und Kunstschaffenden, und die vielen anderen Menschen, die gerade wirklich ums Überleben kämpfen müssen und wirkliche Existenzängste haben. Denn die meisten von ihnen hatten es schon vorher schwer genug, und werden nun auch als Systemverlierer aus der Krise herausgehen. Ich hoffe sehr, dass man ihnen (uns) auch danach hilft, und hoffentlich effizienter und genauso großzügig wie wir oft verschwenderisch unsere Fähigkeiten vor die Menschen bringen!

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Kleines Handbuch des Schauspielers“ von Dario Fo.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Inhale 3-4-5, exhale 3-4-5 oder 5-6-7-8…

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Leonie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-/Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leonie Wahl, Dancer, Performer, Choreographer

http://www.leoniewahl.com/

 

23.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Walter Mussil

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