„Stark und unerschrocken, aber auch leiden an der Zerbrechlichkeit. Ich schätze das an Menschen.“ Jana Volkmann_Romanneuerscheinung „Auwald“_im outdoors-Gespräch _ 23.9.2020

Literaturoutdoors_ im Gespräch: Jana Volkmann, Schriftstellerin_ Romanneuerscheinung „Auwald“

Erstveröffentlichung 28.8.2020_Verbrecher Verlag.

Liebe Jana, vielen Dank für unseren Interviewtermin hier in Wien auf der Donauinsel bei der Wasserschisprungschanze und dem folgenden Weg zum „Toten Grund“ ins ursprüngliche Auwald-Gebiet der Stadt.

Welche Zugänge hast Du zur Natur?

Eigentlich gar keine. Ich bin nicht mit viel Natur groß geworden. Meine Natur war sehr klein, Garten und etwas Wald. Ich bin kein nature writer.

Dein neuer Roman „Auwald“ erschien am 28.8. des Jahres.  2020 ist auch das Gedenkjahr der „La divina commedia“ (1320) von Dante Alighieri. Der Weg in Dunkelheit und Licht, Begegnungen, Erfahrungen, Reflexionen sind auch in Deinem Roman zentral. Siehst Du thematische Parallelen?

Ich denke, dass diese Tunnelgeschichten Urbilder sind, die viele mythologische Referenzen haben. Bei meinem Roman hatte ich dies aber nicht so im Kopf und dachte auch nicht an die Bilder, auf die dies zurückgreift. Es ist aber eine interessante Assoziation. Die kreisförmige Bewegung im Roman führt ja vom Tunnel wieder zum Tunnel. Ich bin mir bewusst, dass es sehr viele Anknüpfungspunkte in der Literaturgeschichte dazu gibt.

Dein Roman nimmt in Wien seinen Ausgangspunkt. Judith ist hier verbunden mit Arbeit und Lebenswelt, zugleich jedoch eine Suchende, Fragende nach Erfahrung und Welt. Ist Judith der Prototyp des Menschen unserer Zeit – im Hiersein und dem Unterwegssein in Gedanken und Aufbruch?

Ich glaube nicht. Ich sehe nicht die Möglichkeit über die Generation der Gegenwart, deren Teil ich auch bin, so zu schreiben, dass es eine Figur gibt, die diese repräsentiert. Unsere Zeit ist sehr stark fragmentiert und Lebensläufe sind sehr individualisiert, dass ich sehr stark das Gefühl habe, dass es gar nicht darum geht stellvertretend zu sein für Mensch und Zeit, die Idee davon. Es war im Schreiben des Romans nicht mein Ziel eine Repräsentationsfigur der Zeit zu erschaffen. Wenngleich die Biographie der Romanfigur natürlich vom Zeitgefüge beeinflusst ist.

Ein Unterwegssein in Zufall und Begegnung kennzeichnet den Weg Judiths. Dies erinnert an amerikanische Erzähltraditionen der Moderne, etwa an Paul Auster.

Paul Auster hat mich sehr geprägt, vor allem die Frühwerke, etwa „Die Musik des Zufalls“. Der Zufall, die Kontingenz, die Begegnung von Menschen, die in einem Moment nur der Ort des Zusammenkommens verbindet, das sind auch wesentliche Elemente in meinem Schreiben. Die Zufälligkeiten und Möglichkeiten des Lebens sind sehr wichtig für mich.

Judith ist interessiert und aufmerksam in der Begegnung wie aber auch zielgerichtet im Festhalten an persönlicher Richtung. Trifft dies ins Herz des modernen Menschen und seinen Unsicherheiten und Herausforderungen in der Gegenwart?

Sicherlich, in diesem Jahr ist dies ja viel offensichtlicher geworden als die Jahre davor. Wir sind in viel sicheren und vorhersehbaren Zeiten sozialisiert worden und plötzlich gibt es so viele Unwägbarkeiten, die aber auch Ungleichheiten in der Gesellschaft offenbaren. Der Roman ist aber vor diesen Ereignissen der Pandemie entstanden.

Bewegung und Begegnung sind bei Judith zentral. Ist dies ein Kennzeichen unserer Zeit?

Der Begriff der Bewegung muss sehr stark aufgefächert werden. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Bewegung in der Gegenwart. Da ist die Bewegung im sozialen Status in der Welt, die touristische Bewegung. Es ist aber für mich sehr fraglich, worin da die Beweglichkeit besteht, es ist ja nur eine Körperbewegung. Es erinnert an die Gehäusefahrten im 19. Jahrhundert in der Kutsche. Das war auch ein Reisen in Isolation, in einer Miniaturenklave. Und dann der Aspekt der Arbeitsnomaden zwischen Erntehelfern und dem silicon valley. Die Gegenwart ist sehr schwer zu greifen, wenn wir den Finger darauflegen sollen.

Auch Judith würde diese globalisierte, erschlossene Welt zur Verfügung stehen. Die geistige Beweglichkeit spielt da eine ganz wichtige Rolle. Es ist ein großes Glück, wenn beides zusammenfällt – freie Bewegung und Offenheit für wirkliche Begegnung. Bewegung in zwei Richtungen – Neues kennenlernen und dann eine Perspektive von außen zu gewinnen, um das Eigene neu zu sehen. Aber das ist nicht immer der Fall, auch bei mir selbst nicht. Es gibt unterschiedliche Arten sich zu bewegen und Judith bildet mehrere Formen davon ab, zeitversetzte Prozesse von Bewegung.

Judith bewegt sich in der Natur auf unbekannten Wegen mit allen Herausforderungen. Welches Verhältnis hat sie zur Natur?

Judith ist ein Stadtmensch. Sie merkt zunächst, dass sie in der Natur nicht zuhause ist. Da ist etwas Feindseliges. Das ist sehr wechselseitig. Am Weg in und durch die Natur verdichtet sich dies. Sie arbeitet zwar mit Holz hat aber kein romantisches Verhältnis zur Natur.

Ist der Roman ein Plädoyer für den Wert menschlicher Begegnung im Wahrnehmen, Erfahren und Erleiden von Naturmacht, -übermacht?

Dieser Zugang gefällt mir. Was Judith am Stärksten verändert ist ja die Begegnung mit Menschen. Da passiert ganz Tiefes. Ob in Berlin oder Bratislava. Aber diese Begegnung funktioniert ja auch mit Tieren, domestizierten Tieren.

Im Roman begegnet Judith Robert, der materielle Besitzansprüche sehr kritisch sieht und dies auch unmittelbar lebt.

Ich habe ein Herz dafür. Ich wurde einmal von einem guten Bekannten als Proudhonistin (Anm: Pierre-Joseph Proudhon, franz.Ökonom/Soziologe, 19.Jhdt.)  bezeichnet. Für die anarchistische Weltsicht der Diebe habe ich Sympathie und ich wollte im Schreiben sehen was passiert. Es ist eine Umkehrung klassischer Diebesgeschichten. Es gibt keine Explosionen, keine spektakulären Zugüberfälle wie in Western-Genres etwa. Das Messgerät steht dann bei Robert einfach im Garten und niemand vermisst es.

Judith ist in der jüdisch-christlichen Tradition eine starke Frauenfigur, die ihre Gruppe, Menschen um sich stärkt. War diese Judith Vorbild für die Romanprotagonistin?

Judith ist im Roman eine eigenständige Frau, aber auch mit großer Verletzbarkeit. Ich schätze dies an Menschen an sich. Judith ist ja stark und unerschrocken, aber sie leidet auch an der Zerbrechlichkeit von Mensch, Tier, Welt. Dieses zu sehen, ist für sie schlimmer als ihre eigene Verwundung. Sie hat beide Seiten.

Namen sind sehr bedeutsam im Roman. Ein Name mit breiteren Assoziationsraum war wichtig. Die jüdische Tradition bietet da viel.

Wie kam es zu Idee und Konzeption des Romans?

Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß es nicht mehr. Es hat sich sehr stark fortentwickelt. Es war sehr lebendig und unkontrollierbar. Von der Figur und der Schiffssituation begründet. Geschichten vom Verschwinden fand ich immer gut, spannend ist vor allem, was macht dies mit den Menschen, die zurückbleiben.

Die Topographie Wien_Bratislava ist im Roman zentral, warum hast Du diese Schauplätze gewählt?

Ich lebe seit acht Jahren in Wien und es hat mich sehr begeistert, dass zwei Hauptstädte in rund 60 km Entfernung liegen und trotzdem auch einander sehr fern sind. Ich kenne viele Menschen, die in Wien geboren sind und noch nie in Bratislava waren und kein Bewusstsein für die Nachbarhauptstadt haben. Die Landschaft zwischen den Städten hat mich auch fasziniert, weil sie sehr stark Erde und Wasser verbindet. Es ist ja eine Art Landschaftssymbiose.

Zwei Länder, in topographischer Nähe und gesellschaftspolitischer Entfernung, ist dies auch ein Bild für das Europa der Gegenwart?

Es fällt mir derzeit sehr schwer optimistisch an Europa zu glauben. Jetzt im Moment dieses Interviews brannte vor ein paar Tagen das Flüchtlingslager in Moria und ein unglaublicher Zynismus tritt zutage. Unglaublich, dass in Europa keine Möglichkeit gefunden wird, diese Menschen würdig zu behandeln. Damit ist eigentlich alles gesagt. Die Idee einer Gemeinschaft über nationale Grenzen hinaus ist sehr schön. Aber ich  möchte diesen Gedanken lieber noch größer, über Europa hinausdenken.

Wie war Dein Weg zum Schreiben?

Ich bin früh darin bestärkt worden. Berlin war dann vor zehn Jahren eine wesentliche Station, vor allem die Lesebühnen. Ein besonderer Kulturraum mit dankbarem Publikum. Dieses Nach-Außen-Gehen, dass nicht nur für sich schreiben sondern für sein Publikum, war ein ganz wichtiger Schritt für mich.

Wie lange hast Du am aktuellen Roman gearbeitet?

Rund fünf Jahre. Das war ein Prozess mit anderen Projekten, Arbeit.

Wie schreibst Du?

Ich habe keine fixen Schreibzeiten. Ich schreibe sehr gerne in Bibliotheken. Konzentrierte Menschen bilden da so eine Art Schwarm. Das finde ich sehr schön. Ich schreibe auch viel zuhause, brauche da absolute Ruhe. Ich bin sehr geräuschempfindlich. Ich kann nicht überall schreiben und nicht immer.

Du hast für Deinen Roman auch unmittelbar in Wien/Bratislava recherchiert.

Ich hatte ein Reisestipendium für Bratislava, das war ein Luxus für das Romanschreiben. In einer Wiener Tischlerei habe ich Einblick in die Arbeitsabläufe bekommen, die Gestaltung der Räume – vom Groben zum Feinen, von der Anlieferung bis zur Herstellung. Eine Nachbarin hat das eingefädelt. Ich wohne im 15. Bezirk Wiens und es gibt da eine unglaubliche große Zahl an Handwerksbetrieben.

Machst Du persönlich Abenteuerurlaube?

Nein, ich war einmal in Nepal, da war eine längere Tour geplant, es wurde aber jemand krank, damit kam es nicht dazu. Ich betreibe auch keine gefährlichen Sportarten. Reisen ist immer ein Abenteuer, aber gezielt unternehme ich keine Abenteuerreisen.

Was sind Deine weiteren Schreibpläne?

Nächstes Frühjahr erscheint ein Gedichtband. Die Arbeit am neuen Roman ist bereits im Gange. Es gibt große Motivation.

Vielen herzlichen Dank für das Interview und viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman „Auwald“!

Janna Volkmann _ Roman „Auwald“ _Verbrecher Verlag.

https://www.verbrecherverlag.de/book/detail/1031

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig.

13.9.2020, Donauinsel_Toter Grund_Wien.


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