„Texte brauchen auch eine Stimme, ein Publikum und vor allem den unmittelbaren Austausch“ Martin Peichl_Schriftsteller_Wien 20.9.2020

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich war die letzten Wochen und Monate mit der Fertigstellung meines zweiten Buches („In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“, Erscheinungstermin: 14.9.2020) beschäftigt, habe währenddessen aber sehr stark gespürt, wie sehr mir Kulturveranstaltungen und das Wiener Nachtleben, in welches diese eingebettet sind, abgehen – auch als Teil meines kreativen Prozesses. Für mein Schreiben, das weiß ich jetzt, brauche ich nicht nur die Ruhe, da brauche ich vor allem auch den Lärm.

Es war eine entsprechend große Erleichterung, als Ende Juni die von Raoul Eisele und mir organisierte Lesereihe „Mondmeer und Marguérite“ fortgesetzt werden konnte. Und in der ersten Juliwoche habe ich gemeinsam mit Verena Stauffer die Open-Air-Lesung „This ain’t no picnic“ mit neun Autor*innen für einen guten Zweck organisiert. (Weil Literatur eben nicht nur zwischen zwei Buchseiten oder im digitalen Raum existiert, weil Texte auch eine Stimme, ein Publikum und vor allem den unmittelbaren Austausch brauchen.)

Ich verbringe meine Tage damit, viel zu lesen und sammle Ideen für die nächsten Projekte (bis ich die passende Sprache für den nächsten Text, das nächste Buch gefunden habe).

Martin Peichl_Matthias Ledwinka

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„mein himmel ist nicht voller geigen / sondern voll solidarität“ habe ich bei Elfriede Gerstl gefunden. Ich denke, das brauchen wir jetzt: Solidarität, die über sich selbst als Schlagwort und Hashtag hinausgeht, mit anderen Worten: tatsächlichen Zusammenhalt. (Und viel Geduld auch, vor allem mit uns selbst und mit den Menschen, die uns nahe sind – wir dürfen nicht vergessen, dass wir gerade ein kollektives Trauma aufarbeiten müssen und das Wegfallen von gewohnten Abläufen.)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Covid-19 hat die Bruchstellen unserer Gesellschaft aufgezeigt. Wie wichtig Schule zum Beispiel ist, um eine gewisse Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. Oder wie heraufordernd das wochenlange „home schooling“ für Alleinerziehende war. Die Profiteure (ich gendere hier absichtlich nicht) dieser Krise sind die großen Konzerne und Politiker (auch hier verwende ich bewusst die männliche Form), die auf Kontrolle durch Angst und Falschinformation setzen. Während auf der anderen Seite kleinere Unternehmen vor einer ungewissen Zukunft stehen und viele Menschen in „systemrelevanten“ Berufen Applaus, nicht aber kürzere Arbeitszeiten oder fairen Lohn bekommen.

Versucht man in Österreich die 35-Stunden-Woche (für Pflegekräfte zum Beispiel) zu diskutieren, rennt man gegen eine Wand, dann werden sofort Totschlagargumente ausgepackt, dann heißt es: „Jobvernichtungsmaschine“ (klingt ein wenig nach Thomas Bernhard, ist aber ein Zitat von Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer).

Kunst und Literatur haben (unter anderem) die Aufgabe diese Bruchstellen zu beleuchten, und genau hinzuschauen, wohin wir uns gesellschaftlich und politisch bewegen. Wir müssen laut werden, wenn feministische Themen wieder vermehrt in den Hintergrund gerückt werden, wenn die Demokratie von Seiten der Politik gezielt untergraben wird, wir müssen und dürfen (vielleicht zum Teil utopische) Gegenentwürfe anbieten, die dabei helfen, Fehlentwicklungen zu entlarven.

Was liest Du derzeit?

Lyrik von Verena Stauffer („Ousia“), Essays von Dubravka Ugrešić („Lesen verboten“), Prosa von Barbara Rieger („Friss oder stirb“) und Science-Fiction von Jeff VanderMeer („Dead Astronauts“). Außerdem lese ich mich gerade durch das Gesamtwerk von Elfriede Gerstl!

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I am ready to be every animal you leave behind“ ist ein Satz aus Ocean Vuongs Lyrik-Band „Night Sky with Exit Wounds“, der auch seinen Weg hinein in mein Buch gefunden hat.

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Peichl, Schriftsteller

Startseite

Foto_Matthias Ledwinka

4.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s