„Ich kann nicht gelassen bleiben, wenn ich sehe, dass Österreich keine Flüchtlinge aus Moria aufnimmt. Das verstört zutiefst“ Jacqueline Kornmüller, Regisseurin _ Wien 23.9.2020

Liebe Jacqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, mein Tagesablauf ist momentan etwas kaltgestellt, d.h. ich gehe es moderat an. Lese viel, und grabe meinen Garten um, der sich während Covid prächtig entwickelt hat. Ansonsten verbringe ich nach wie vor viel Zeit am Computer, das permanente Umbuchen von Projekten schafft Unmengen an organisatorischer Umwälzarbeit. Im Gegensatz zu der Zeit vor Covid richtet sich die Arbeit mehr nach Innen, was ich auch genieße. Dennoch fehlen mir die Proben, die Vorstellungen, die Auseinandersetzung mit dem Publikum.

Jacquline Kornmüller_Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nun, das kann ich nur für mich selbst beantworten. Für mich ist es die Gelassenheit. Wobei mich manches derzeit daran hindert. Ich kann nicht gelassen bleiben, wenn ich sehe, dass Österreich keine Flüchtlinge aus Moria aufnimmt. Das verstört zutiefst. Ich kann nicht gelassen bleiben mit dem Wissen, dass dort Menschen, Familien, Kleinstkinder im Dreck herumsitzen und in diesem Zustand der Pandemie auf sich selbst angewiesen sind. Es sind wenn ich es richtig gelesen habe 13.000 Menschen. Vor ca einer Woche bin ich am Semmering spazieren gegangen, zugegeben einen Weg den ich nicht kannte, er ging von einem Hotel aus, das in Österreich weltberühmt ist, dem Hotel Pannhans. Nun wie ich auf der Suche nach dem Weg von einer vorbeigehenden Dame erfahren habe steht dieser Riesenschuppen leer, weil ein ukrainischer Inverstor dieses und einige andere Hotels der Gegend aufgekauft haben soll, und der lässt nun alles leer stehen. Ich bin mir sicher dass mindestens tausend Menschen dort vorübergehend untergebracht werden könnten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wittgenstein schreibt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Momentan scheint es so als ob nichts der Fall ist. Vor kurzem war ich in St Petersburg, fing an mit einem Ensemble von russischen KünstlerInnen zu probieren, überraschend, elektrisierend. Dann ein Covid Fall im Team, Verschiebung der Produktion. Und dennoch heiße Schwüre, wilde Prophezeiungen und am Ende wird es doch der Fall sein, und auf diesen Tag freue ich mich ab jetzt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit viele Bücher von Amélie Nothomb, die ich erst vor kurzem für mich entdeckt habe, eine Eröffnung ist ihr Buch Biographie des Hungers.

Ein Zitat über das ich nachdenke:

Die Bewohner von Nie haben keine Hoffnung. Ihre Währung ist die verfliegende Zeit. Sie sind unfähig, etwas zur Seite zu legen, ihr Leben verrinnt in den Abgrund, der Tod heißt und ihre Hauptstadt ist.

Vielen Dank für das Interview liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jacqueline Kornmüller, Regisseurin

https://jacquelinekornmueller.at/

Foto_Lina Kornmüller

20.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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