„Es gibt bis heute kein einheitliches Vorgehen, jeder Nationalstaat versucht das Beste für sich und seine Wirtschaft herauszuholen“ Tanja Paar, Schriftstellerin _ Wien_30.11.2020 

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich ist Struktur wichtig. Obwohl ich selbstständig und frei arbeite, unterscheide ich strikt zwischen Arbeitstagen und freien Tagen, halte also das Wochenende und Feiertage ein. Mir hilft das, wenn nicht jeder Tag dem anderen gleicht. Ich halte auch Arbeitszeiten ein, obwohl ich zu Hause arbeite: ich setze mich recht pünktlich um neun Uhr hin, mache gegen eins eine Mittagspause und höre gegen 18 Uhr auf.

Zu Mittag mache ich meist einen langen Spaziergang, im Sommer fuhr ich an die Alte Donau zum Schwimmen. Bewegung ist sehr wichtig für mich als Ausgleich zum langen Sitzen. Beim Gehen kommen auch die Gedanken in Fluss. Ich konzipiere und entwerfe viel im Gehen, am Schreibtisch erfolgt dann die Umsetzung. Ich habe immer ein Notizbuch mit. Manchmal kann ich allerdings meine eigene Schrift nicht lesen –

Früher habe ich sehr viel in der Nacht gearbeitet. Das war jetzt viele Jahre wegen meines Schulkindes nicht möglich. Jetzt, wo es wieder gehen würde, habe ich mich umgestellt, leider. Ich liebe die Nacht. Aber mir hilft es beim Schreiben, wenn ich Ordnung halte. Irgendein Autor sagte einmal: Ich warte auf den Musenkuss, aber die Muse muss wissen, wann sie mich wo findet.

Tanja-Paar-sw-hoch-2 _ Foto _ Pamela Rußmann

 

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In Zeiten von Corona ist es besonders wichtig, gut für einander zu sorgen  und freundlich zu bleiben. Das fällt mir selbst nicht immer leicht. Die Pandemie ist wirklich ein Phänomen, wie es unsere Generation bisher nicht kannte. Ich habe im Standard einen Beitrag zu einem Coronatagebuch geschrieben , https://www.derstandard.at/story/2000115965656/tanja-paar-das-ist-erst-der-anfang

zu dem verschiedene SchriftstellerInnen eingeladen waren. Ich war die erste, alles war ganz frisch. Ich würde das heute anders schreiben, aber Einiges, das ich gesagt habe, stimmt für mich bis jetzt. Zum Beispiel die Sorge, dass wir das Virus auch ohne Symptome weiter geben können. Meine Mutter ist fast 80 Jahre alt und in der Hochrisikogruppe, das hat mein Leben verändert. Auch, was die EU betrifft, haben sich meine Bedenken leider bewahrheitet. Es gibt bis heute kein einheitliches Vorgehen, jeder Nationalstaat versucht das Beste für sich und seine Wirtschaft herauszuholen, die Regelungen bleiben Stückwerk.  

Ich sehe in den Zeiten von Corona eine Radikalisierung, in den sozialen Medien, aber auch in der Stadt. Ein Gespräch zwischen Coronaleugnern, Maskenverweigerern und anderen scheint kaum möglich, mich sorgen die Berichte, dass Busfahrer oder Kontrolleurinnen nieder geschlagen werden, wenn sie die Maske bei Passagieren einfordern. Unsere Politik ist da sehr gefordert, aber ich sehe nur einzelne Erfolge. Unser Bundespräsident Van der Bellen macht zum Beispiel sehr gute Arbeit, kalmierend, besonnen, verbindend, nicht trennend.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sind sehr wichtige Themen für mich, persönlich, aber auch in meinen Büchern. Die Themen spielen in meinem Debut „Die Unversehrten“ ebenso eine Rolle wie in meinem zweiten Roman „Die zitternde Welt“, der im September 2020 erschien. Im zweiten Buch vielleicht sogar noch stärker als im ersten.

Es geht dabei um eine Frau, die zur Jahrhundertwende Österreich verlässt, um in Anatolien zu leben – also eine umgekehrte Migrationsgeschichte, wenn man so will. Ich habe 2015 begonnen, an dem Buch zu arbeiten, also in der Zeit der großen Fluchtbewegung aus Syrien und dem Irak. Beide Länder sind Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs. Was die Kolonialmächte damals aus Gier nach dem Öl angerichtet haben, hat Auswirkungen bis heute. Mich hat eine gegenläufige Fluchtbewegung interessiert: Maria und Wilhelm gehen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Österreich-Ungarn in die heutige Türkei und haben dort ein sehr gutes Leben, bis der Erste Weltkrieg sie vertreibt und wieder zur Flucht zwingt. Heimat, Identität, falsche Papiere, das sind aktuelle Themen, die ich in historischem Gewand behandle.

Und ja, insofern glaube ich, dass Kunst und insbesondere Literatur etwas bewirken kann – und sei es, dass die LeserInnen zum Nachdenken angeregt werden.

https://www.haymonverlag.at/autoren/tanja-paar/

https://www.haymonverlag.at/produkt/8112/die-zitternde-welt/

 

Was liest Du derzeit?

Die Mussolinibiografie „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ von Antonio Scurati. Der italienische Philosoph beschreibt darin sehr anschaulich und beängstigend den Aufstieg des Faschismus. Der Verlag nennt das Buch einen „Roman“, aber es ist wirklich eine sehr spezielle Form: Autofiktionale Szenen wechseln sich mit Zeitdokumenten (Briefen, Parlamentsreden, Zeitungsartikeln) ab. Das finde ich formal sehr spannend und auch inhaltlich habe ich viel gelernt. Das Buch ist meine Entdeckung 2020 und ich kann es unbedingt empfehlen! Dabei sind die 800 Seiten erst der erste Teil eines auf drei Bände ausgelegten Werkes.

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/M._Der_Sohn_des_Jahrhunderts/112107

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der große türkische Autor Nâzim Hikmet soll einmal gesagt haben, er habe in seinem ganzen Leben nie ein Gefängnis verlassen, ohne dass alle seine Mitgefangenen lesen und schreiben konnten. Darauf sei er stolz.

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Paar, Schriftstellerin

www.tanjapaar.at

Foto_Pamela Rußmann

28.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Die Kunst wird uns das Leben weiterhin erträglicher machen – quasi wie ein permanentes Haustier für Herz, Hirn und Seele“ Georg Rauber, Schauspieler _ Wien, 29.11.2020

Lieber Georg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als isolationsgewohnter Mensch nicht viel anders als sonst. Essen, Schreiben, Schlafen.

Lediglich die Schauspieljobs sind im Moment etwas karg gesät, aber das ist in der Branche ja sowieso immer ein Ding.

Für mich persönlich als gewohnter Eremit hat sich also nicht sonderlich viel geändert, was aber auf alle Fälle dazukommt, ist die regelmäßigere Kommunikation mit Freunden und Familie, die mit der Situation nicht so gut umgehen können. Für die ist man dann natürlich da.

Und die Beisln gehen einem naturgemäß natürlich ab. Ich freu mich schon, wenn ich mich wieder ins Café Rüdigerhof setzen kann.

Georg Rauber, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und uns nicht von Informationsüberflüss den Kopf sprengen lassen. Schön langsam. Alles Punkt für Punkt abarbeiten und nicht überfordern lassen, wir schaffen das.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Mensch ist ein Anpassungstier, also denke ich, dass es wesentlich ist sich gegen notwendige Änderungen nicht zu wehren sondern sie zu akzeptieren. Desto schneller wir das machen desto eher haben wir wieder einen Alltag. Man kann mit allem umgehen.

Die Kunst hat hier wie immer die Rolle des stetigen Begleiters, aus Konsumenten- wie aus Künstlersicht. Sie wird uns das Leben weiterhin erträglicher machen, den Schaffenden wie den Wahrnehmenden. Quasi wie ein permanentes Haustier für Herz, Hirn und Seele.

Was liest Du derzeit?

Ich las zuletzt „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke und den Graphic Novel „Dragon Hoops“ von Gene Luen Yang.

Ich lese gerade „The Tortilla Curtain“ von TC Boyle.

Alles sehr empfehlenswert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weitermachen, besser werden.

Vielen Dank für das Interview lieber Georg viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Georg Rauber, Schauspieler, Autor

Foto_Daniel Willinger

https://www.georgrauber.com/

Buchneuerscheinung: Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard – aber es weiß was es will. Gedichte. Lyrik_Kampenwand Verlag 11_2020

Unser Verlagsprogramm | Kampenwand Verlag (kampenwand-verlag.de)

10.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zu brennen – für Werke und Wirken“ AnaMaria Heigl_Künstlerin_Wien 29.11.2020

Liebe AnaMaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag beginnt anders. Heute begleitet mich:

„Die Nähe“

geringe räumliche Entfernung

enge persönliche und soziale Nähe

Synonyme:

Umfeld: Gesamtheit der natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse

Gruppe von Menschen, die jemanden umgibt

Verbundenheit, Zusammengehörigkeit, Dankbarkeit

Gegenwörter:

Ferne, Distanz

Oberbegriffe:

Abstand

räumlicher und zeitlicher Zwischenraum

räumliche Entfremdung zwischen zwei Punkten

Gegenwörter: Trennung, Entfremdung

Unterbegriffe: Blickbeziehung

Redewendungen

Aus der Nähe betrachtet

in direkter Nähe

(Quellenangabe: „Wiktionary“ Das freie Wörterbuch)

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(AnaMaria Heigl, Künstlerin)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 „soziale Nähe“

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 (Bild„fragile balance“)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

 

„zu brennen“

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 (Bild: „ein Funke nur“)

Für Ihre Werke und Ihr Wirken

Ihren Träumen Realität schenken

unmittelbar und ganz nah

am Menschen

Was liest Du derzeit?

Nah bei mir, liegen die Werke von

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Birgit Birnbacher:  Ich an meiner Seite

Florentina Pakosta: Vorsicht Mensch

und immer Rainer Maria Rilke und Erich Fried

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

 

„Wenn ich nicht

für mich bin

wer dann?

Doch wenn ich nur

für mich bin

was bin ich?

Und wenn nicht jetzt

wann dann?“

(nach Rabbi Hillel)

Vielen Dank für das Interview liebe AnaMaria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

AnaMaria Heigl, Künstlerin

http://www.anamariaheigl.at/

Alle Fotos_AnaMaria Heigl

29.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur muss weiterhin zwischen den Stühlen hocken und dennoch Standpunkte finden“ Timo Brandt, Schriftsteller_ Wien 29.11.2020

Liebe Timo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinem Tagesablauf hat sich in den Zeiten von Corona nur insofern etwas geändert, als dass ich viel bewusster meine Räumlichkeiten verlasse, ganz gleich ob das Ziel ein Supermarkt, ein Treffen mit Freund*innen oder ein Ort des Broterwerbs ist; oft versuche ich mehrere dieser Ziele miteinander zu verbinden, das fühlt sich gerade irgendwie richtig an.

Sonst tue ich, was ich auch schon vor Corona getan habe: viel lesen, viel schreiben und Dinge suchen, die mit ersteren Aktivitäten möglichst wenig zu tun haben und mich dennoch umtreiben können, was ein seelisches Gleichgewicht ermöglicht. Die Auswahl ist da derzeit eingeschränkt und das tangiert natürlich auch mich, aber ich kann nicht behaupten, dass mein Tagesablauf deswegen grundlegend anders ist.

 

foto_timo-brandt-2 _Foto_Dilan Tas_

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was meint in diesem Fall „alle“? Alle Künstler*innen? Alle Menschen? Alle, die zum alle dazugehören wollen?

Ich denke, sehr wichtig ist, dass wir die Rücksicht, auf der in diesen Zeiten ein besonderes Augenmerk liegt, verinnerlichen. Sie ist eine gute Eigenschaft, auch jenseits von Corona.

Ferner ist, selbstverständlich, wichtig, dass niemand jetzt durch Corona in finanzielle Not gerät, ganz gleich ob er*sie Künstler*in oder Restaurantbetreiber*in oder Altenpfleger*in (etc.) ist – und wenn wir schon dabei sind, deren Nöte zu sichten, könnten wir ja auch noch weiter über den Tellerrand schauen, wo wir viele Menschen sehen würden, deren Nöte auch vor Corona schon groß waren und es auch danach sein werden, wenn wir nicht grundlegend umdenken. Ja: wichtig ist, jetzt nicht nur eine Heilung für Corona zu finden und das Thema abzuhaken, sondern zu schauen, welche Probleme und Nöte diese Krise offengelegt hat. Sie nicht wieder zuzuschütten, sondern sie anzupacken.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die Aufgabe der Kunst wird sich nach Corona nicht geändert haben. Sie muss weiterhin zwischen den Stühlen hocken und dennoch Standpunkte finden, sie muss differenzieren, präzisieren, auffächern.

Vor allem darf sie nicht aufhören, Geschichten zu erzählen, Narrative zu finden, zentrale Aspekte zu bündeln. Wir leben in Zeiten, in denen der Kampf der Narrative gewaltige Ausmaße angenommen hat, so gewaltig, dass die Kunst eigentlich ihre „Rolle“ nur noch selten ergattern und spielen kann, weil die Konkurrenz so groß ist: von überall hagelt es Narrative, Geschichten und Gegenschichten, Fakten und Fake-News, etc. – die Stimme der Kunst ist im Medienrummel nur eine von vielen.

Ich weiß nicht, ob Kunst überhaupt noch eine Rolle jenseits von Unterhaltung und (partieller) Besinnung spielen kann, ob sie also die Kraft hat, transformierende Ideen und Impulse in die Welt zu setzen oder sie nur noch frequentieren, adaptieren, transportieren kann. Aber wenn doch, dann wohl nur, wenn sie einen Weg findet, irgendwo zwischen den höchsten Ansprüchen und den glattesten Oberflächen einen Weg zu finden, auf dem ihr genug Menschen folgen können. Ob dieser Weg allerdings wirklich erstrebenswert ist …

 

 

Was liest Du derzeit?

Vor kurzem habe ich Philipp Bloms neues Buch „Das große Welttheater“ fertiggelesen (ein Autor, den ich nur empfehlen kann, z.B. auch „Was auf dem Spiel steht“). Davor habe ich viel von afroamerikanischen Autor*innen gelesen, darunter Toni Morrison und Ta-Nehisi Coates. Und viel Lyrik, darunter „RÆNDERN“ von Christoph Szalay, „Kollektive Amnesie“ von Koleka Putuma und „Approximanten“ von Saskia Warzecha. Letzteres werde ich wohl noch eine ganze Weile immer wieder zur Hand nehmen – ein großartiger, facettenreicher Gedichtband

Jetzt gerade lese ich Gedichte von Angélica Freitas, Alexandru Bulucz und Nadja Küchenmeister, nebst einem Sachbuch über die Wiedervereinigung Deutschlands. Romanempfehlungen: Leander Fischers „Die Forelle“, ein Buch, das mir praktisch das literarische Lesen ganz neu beigebracht hat und Valeria Luisellis „Archiv der verlorenen Kinder“.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der römische Philosoph Seneca hat einst geschrieben: „Wer ein besserer Mensch werden will, der muss riskieren, dass man ihn für dumm und närrisch hält.“ Mehr Narretei, mehr Mut zum Unbeholfenen, bitte.

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Timo viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Timo Brandt, Schriftsteller

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=11629

Foto_Dilan Tas.

 

24.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wesentlich wird sein im Augenblick zu leben und die Tage mit Sinn zu erfüllen“ Sabine M.Gruber, Schriftstellerin _ Wien 29.11.2020

Liebe Sabine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lebe in den Tag hinein. Erstaunlich. Endlich verstehe ich Schrödingers Katze. Etwas kann sein oder auch nicht, ich weiß es erst, wenn die Box geöffnet wird. Dabei bin ich gleichzeitig die Katze, die in der Box sitzt und nicht weiß, was mit ihr geschieht, und eine, die draußen steht und überlegt, die Box zu öffnen oder auch nicht. Ich bin flexibel und spontan geworden. Ich sage mir: wenn etwas nicht geht, mach was anderes. Mach das, was geht, und zwar sofort, morgen wird es vielleicht verboten sein. Das hat sich in den letzten Monaten bewährt.

Sabine M.Gruber, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir und Uns sind für mich fast anachronistische Begriffe geworden, seit die weltweit verordnete Vereinzelung die Gesellschaft spaltet, zersplittert, Menschen systematisch trennt und voneinander fern hält, per Gesetz und durch das Sprachrohr der Medien. „Nähe ist nur ein Gefühl“, „Entfernung rettet Leben“, „Masken sind ein Akt der Nächstenliebe“, „Virtuell ist das neue Real“. Wichtig ist, trotz aller verordneten Hindernisse zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten, wo immer es möglich ist. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, er kann ohne physische Nähe, ohne das vollständige Spektrum des Ausdrucks, ohne unmittelbares Erleben des Anderen auf Dauer nicht (über)leben. Das Fehlen von all dem macht ihn krank – seelisch und körperlich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein Neubeginn wird nicht stattfinden, fürchte ich. Aufbruch – wohin? Ziele und Visionen verlieren ihre Bedeutung, im täglichen Kampf ums Überleben, seelisch, geistig, existenziell. Jeder noch so bescheidene Plan kann sich morgen schon in Luft auflösen. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Die Kunst wird eine untergeordnete Rolle spielen. Gesellschaftlich. Für den einzelnen wird sie wichtiger denn je sein, als Quelle der Kraft und der Freude. Die Literatur wird endgültig im Mainstream des Akzeptierten und Erlaubten ertrinken. Das Spektrum der zulässigen Worte hat sich beängstigend schnell verengt, das erstickt freies Denken schon im Keim, es führt letztlich zu vorauseilender Gedankenselbstkontrolle. In eine Dystopie kann man nicht flüchten, denn die Gegenwart, die weit in die Zukunft weist, übertrifft alles, was man sich ausdenken könnte. Hat Literatur jemals etwas verändert? Ich glaube nicht. Das Problem ist, dass nun nicht mehr eine bestimmte Kunst politisch verunmöglicht wird, sondern, durch die Hintertür diverser unverdächtig erscheinender Hygiene-Ge- und Verbote, jede Kunst. Das ist die große Gefahr.

Wesentlich wird sein, dass jeder für sich lernt, im Augenblick zu leben und auch in der neuen Unnormalität, die sich schleichend etabliert, jeden der ihm beschiedenen Tage mit Sinn zu erfüllen.

Was liest Du derzeit?

„Munin oder Chaos im Kopf“ von Monika Maron und „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“ Viktor Frankl

Vielen Dank für das Interview liebe Sabine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sabine M.Gruber_Schriftstellerin

http://www.sabine-m-gruber.at/

Fotos_Paul Feuersänger.

11.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist schrecklich zu sehen, welchen Stellenwert die Kultur politisch einnimmt“ Nina Weisz, Schauspielerin _ Berlin 29.11.2020

Liebe Nina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, Frühstück machen, Kaffee trinken und eine Runde Karten mit der Jüngsten spielen. Wenn keine Castings oder Drehs anstehen, verbringe ich viel Zeit damit an meinem alten Hymer Wohnmobil zu basteln, oder fahre mit dem Rad durch die Stadt. Dann lasse ich die Berliner Stadtteile auf mich wirken. Mich fasziniert wie jeder Kiez seinen ganz speziellen Rhythmus und seine eigene Energie hat. Das wirkt ja auch auf einen selber. Ich würde jetzt gerne auch sagen, dass ich lange
Spaziergänge mit meinem Hund mache, aber leider hasst mein Hund sowas.

Nina Weisz _ Schauspielerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weg von diesem Egoismus. Im Kleinen und im Großen erst recht. Und bei all dem Schrecklichen was um uns herum passiert, den Blick auf das Schöne niemals vergessen!


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle
gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein
und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Im Moment begegnet uns sehr viel Verunsicherung und Angst. Das birgt natürlich eine große gesellschaftliche Gefahr aber auch eine Gelegenheit zur Verbesserung, denn wir finden ja oft nur in der Not einen Antrieb zur Veränderung. Das Wesentliche kann dann nur Liebe sein! So einfach ist das…eigentlich.


Die Rolle der Kunst ist in solchen schwierigen Zeiten umso wichtiger. Es ist schrecklich zu sehen, welchen Stellenwert die Kultur politisch einnimmt. Die Kunst könnte heilsam wirken, kann sie aber nicht, wenn sie nur als schicker Zeitvertreib gesehen wird. Kultur ist kein Luxus sondern Notwendigkeit!


Was liest Du derzeit?

Panikherz von Benjamin von Stuckrad Barre und Heinz Strunk in Afrika. Und als nächstes Land in Sicht von Ilona Hartmann und Nerds von Sibylle Berg. Ich kann mich noch nicht entschieden welches zuerst…


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gibt kaum ein Wort heutzutage, mit dem mehr Missbrauch
getrieben wird als mit dem Worte frei. Ich traue dem Wort nicht,
aus dem Grunde, weil keiner die Freiheit für alle will; jeder will sie
für sich.“

Otto von Bismarck

Vielen Dank für das Interview liebe Nina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Nina Weisz, Schauspielerin

http://www.ninaweisz.com/

Foto _Alan Ovaska

4.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist da, um dafür zu sorgen, dass die Welt niemals gänzlich dunkel wird“ Oliver Welter, Musiker_ Klagenfurt 29.11.2020

Lieber Oliver, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zeitig auf, trinke Kaffee und beantworte und schreibe dabei Mails.
Dann, circa jeden zweiten Tag, laufe ich eine Runde. Anschließend beginne ich mit der Arbeit. Ich schreibe und komponiere Musik, werke an Texten und diversen Konzepten. Und das für den Großteil des Tages.
Da ich im Grunde auf und von der Bühne lebe, die meisten davon aber immer noch geschlossen sind und wohl auch noch länger geschlossen bleiben, sind die Abenden, im Gegensatz zu „früher“, nun frei. Das bedeutet zwar mehr Freizeit, aber leider auch weniger Einkommen.

Oliver Welter_Musiker, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Grunde dieselben Tugenden, die in allen Zeiten wichtig sind und immer Gültigkeit besitzen sollten: Empathie, Solidarität, Mut und Durchhaltevermögen. Mit diesen Eigenschaften – von Gesellschaft und Politik gelebt und getan – sollte jede Krise überwunden werden. Die Realität sieht aber leider ganz anders aus.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik und der Kunst an sich zu?

Ich hatte zu Beginn der Pandemie wirklich die Hoffnung, dass sich durch dieses globale Ereignis notgedrungen einiges ändern würde:
Deglobalisierung, eben größere Solidarität – innerstaatlich, wie auch weltweit – sowie empathisches Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und auch Kunst. Diese Hoffnung habe ich mittlerweile aber wieder aufgegeben. Sieht man davon ab, dass es ein kollektives Massenbesäufnis wie einst in Ischgl oder auf Mallorca länger nicht mehr geben wird, und die Maske auch zukünftig viele von uns tragen werden, ist keinerlei Änderung zu erwarten. Der Kunst (und dazu gehört auch die Musik) wird das alles nichts anhaben können. Sie ist da, um für alle Zeiten zu bleiben und dafür zu sorgen, dass die Welt niemals gänzlich dunkel wird. Ohne die Kunst hätten wir vor zig tausenden Jahren gleich auf den Bäumen hockenbleiben sollen…

Was liest Du derzeit?

Ein Buch, das ich die längste Zeit zu lesen aufgeschoben habe, nämlich Cervantes „Don Quijote von der Mancha.“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich empfehle einen Satz des französischen Philosophen Roland Barthes, den ich seit Jahren immer wieder persönlich als Abschluss von Briefen; Mails etc. verwende. Wie ich finde, passt dieser recht genau zu mir und im Moment womöglich auch zu vielen anderen. Er lautet: „Immer verzweifelt, nie entmutigt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Oliver, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Oliver Welter_Musiker, Autor

Naked Lunch

Foto_Johannes Puch

1.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sich in Krisenzeiten zu fragen, bei was sollte ich in Aktion kommen und welche Ereignisse erfordern eine Ruhephase“ Cornelia Böhnisch_Künstlerische Leitung Toihaus Theater Salzburg _ 29.11.2020

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ende des Sommers sah mein Tagesablauf scheinbar wieder wie vor dem Lockdown im März aus. Ich brachte meine Tochter in den Kindergarten und probte für die Saisoneröffnung am Toihaus Theater.

Cornelia Böhnisch _ Foto _ Martin Holtkamp, Tokyo

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Balance zwischen Ruhe und Unruhe zu finden.
Sich in Krisenzeiten zu fragen, bei was sollte ich in Aktion kommen und welche
Ereignisse erfordern eine Ruhephase, finde ich sehr wichtig.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst kann uns lehren, dass ein zielloses Kneten des Tones durchaus eine
Skulptur zustanden bringen kann.

Was liest Du derzeit?

„Faszination Ikebana. Kulturgeschichte der japanischen Blumenkunst“ von
Franziska Ehmcke

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wie der Sternenhimmel: Still und bewegt!
Friedrich Hölderlin

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte am Toihaus Theater Salzburg wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Böhnisch_Künstlerische Leitung Toihaus Theater_ A 5020 Salzburg 

Cornelia Böhnisch

Foto_Martin Holtkamp/Tokyo

30.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nicht die Nerven verlieren, die Realität nicht leugnen, trotzdem offen sein und neugierig“ Johanna Orsini-Rosenberg, Schauspielerin _ Wien 29.11.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im September des Jahres war alles“ fast“ normal, ich habe begonnen am Landestheater Linz zu arbeiten, wobei wir alle mit Masken durch das Haus gingen/gehen und dann auch absurde Situationen entstehen wo man mit einem Kollegen auf der Bühne spielt und dann am Gang sich mit Maske unterhält obwohl niemand anderer da ist  weit und breit, es ist am Theater ein großes Thema und eine berechtigte  Angst da, aber alle bemühen sich sehr und wir sind so dankbar, dass wir wieder proben dürfen (und spielen durften) !

Noch hat die Schule nicht wieder begonnen, aber bald werden wir wissen ob es gut geht. Es bleibt eine Ungewissheit, die ist immer da.

Johanna Orsini Rosenberg _ Foto _ Ingo Pertramer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Nerven verlieren, die Realität nicht leugnen, trotzdem offen sein und neugierig und das was uns fehlt, anders kompensieren, noch mehr Aufmerksamkeit anderen Menschen gegenüber pflegen.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke, wir alle können nur noch mehr wertschätzen, was es bedeutet auf der Bühne zu stehen, miteinander zu spielen, zu arbeiten, ein Publikum zu haben und vice versa. Das ganze online Dings war/ist schrecklich!

Es geht nichts über den Moment und den direkten Kontakt. Initiativen wie der Kultursommer Wien waren für uns essentiell! Solche Ideen wird es weiterhin brauchen! Nicht nur finanziell war es wichtig,  wir konnten so unser Projekt ( Konrad Bayer Chansons) retten und es ist nicht“ verhungert“, wir sind in der Übung geblieben und konnten es weiter entwickeln. Spontanität und über den Horizont hinaus denken!

Was liest Du derzeit?

Ivan Klima: „Liebende für eine Nacht, Liebende für einen Tag“

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich empfehle die Lektüre von Elfriede Gerst.

Wird schon nix gutes sein, wenn man das beste daraus machen muss..

(E. Gerstl)

Vielen Dank für das Interview liebe Johanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Johanna Orsini-Rosenberg_Schauspielerin

https://www.johannaorsinirosenberg.com/

5.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Denn was wären wir ohne unsere Träume? Nichts.“ Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin_Wien 29.11.2020.

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Augen aufschlagen und offenhalten.

Einatmen. Ausatmen.

Dunkle Gedanken wegschieben.

Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin

Drei Söhne in den Tag schicken.

Musik hören.

Mindestens zwei Tassen Kaffee trinken.

Mindestens ein Schokoladencroissant essen.

Dankbar sein für jeden Tag, an dem die Kinder das Haus verlassen.

Dankbar sein für jede Stunde, in der ich arbeiten kann.

Die Sonne suchen in der Birke vor meinem Fenster.

Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin

Lesen. Schreiben. Vermissen.

Dunkle Gedanken wegschieben.

Schreiben. Lesen. Dinge ausmalen.

Dankbar sein für jeden Menschen, der gesund ist.

Mails schreiben, Haushalt machen, Mittagessen kochen. Über Unfug kichern.

Dankbar sein für jeden Tag, an dem die Kinder heimkehren.

Zuhören, streicheln, spielen, Kastanienmännchen basteln. Erklären, was ein Quader ist. Streithähne besänftigen.

An dem Zimmer für mich allein vorbeigehen. Sehnsucht haben. Nach dem Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch schielen.

Aufräumen. Laut werden. Kopfschmerzen bekommen. Klebehände im Gesicht haben. Luftküsse fliegen lassen.

Dunkle Gedanken wegschieben.

Abendessen zubereiten, Geschichten erzählen, gemeinsam lachen. Kinder baden, frische Kleider für den nächsten Tag suchen.

Im Bett liegen, vorlesen, nahe sein. Körper spüren und riechen. Ruhig werden.

Sich zusammen sammeln. Aufstehen. Die Nacht betrachten.

Alleinsein.

Pläne schmieden. Helle Träume –

ausdenken.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Anstand. Demut. Zuversicht. Humor. Zusammenhalt. Engagement. Mitgefühl. Kunst.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist an sich. Sie war und ist immer notwendig und existentiell. Damit braucht und will Kunst keine Funktion, keine Aufgabe oder Rolle, kein Ziel und keinen Zweck. Die Gedanken sind frei, und die Kunst ist frei. Daran glaube ich fest. Ich stehe daher jeder Funktionalisierung und Vereinnahmung von Kunst grundsätzlich kritisch gegenüber. Da Kunst aber einem grundlegenden menschlichen Drang zur Imagination, zum Schöpferischen, zum Entkommen aus faktischen Gegebenheiten entspringt, wird sie umso lebensnotwendiger, desto prekärer die realen Lebensumstände werden. Denn was wären wir ohne unsere Träume? Nichts.

Was liest Du derzeit?

Die Zeiten, in denen ich mich nur und ausschließlich einem einzigen Buch widmen konnte, sind leider lange vorbei. Jetzt sammeln sich die Bücher, die ich lese, immer in mindestens vier Stapeln auf Schreib-, Nacht- und Wohnzimmertisch.

Auf einem Stapel befinden sich die Bücher, die ich für meinen Literaturpodcast „Drachen-Bücher“ besprechen möchte. Derzeit lese ich von ihnen Thomas Hardys Roman „Far from the Madding Crown“ („Am grünen Rand der Welt“).

Der zweite Stapel setzt sich aus Büchern zusammen, die ich zur Recherche für meine verschiedenen literarischen Projekte lese. Das sind momentan u. a. Bücher zu verschiedenen medizinischen Themen, der Roman „Nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert und die von Lina Muzur herausgegebene Erzählungssammlung „Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht“.

Der dritte Stapel sind Bücher, die ich zum reinen Vergnügen, aus Neugier und Wissensdurst, zur Unterhaltung und zum Abtauchen lese. Gerade sind das zum Beispiel die Romane „Die Infantin“ von Helena Adler, „Die Vegetarierin“ von Han Kang und „Die Natur der Dinge“ von Georg Thiel, Short Stories von Lucia Berlin und Essays von Virginia Woolf und Siri Hustvedt.

Der vierte Stapel sind Lyrik-Bände. Mein Leben lang lese ich immer auch Gedichte, neben allem Anderen. Im Moment haben es mir wieder die Gedichte von Jorge Luis Borges und Konstantinos Kafavis besonders angetan, aber auch die von Anne Sexton und der zeitgenössischen brasilianischen Dichterin Angélica Freitas, deren Gedichte ich beim Elif-Verlag entdeckt habe: „Der Uterus ist groß wie eine Faust“ heißt der dort jüngst erschienene Band.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

pastellfarbenes licht

liegt auf der welt und

du stellst es dir kaum vor

legst nur das gesicht in den

wind der uns bewegt dort

wo wasser sich sammelt

weißt du es gibt eine richtung

Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ulrike Schrimpf_Schriftstellerin

https://www.ulrike-schrimpf.de/

Fotos_Andrea Peller

5.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com