„Literatur muss weiterhin zwischen den Stühlen hocken und dennoch Standpunkte finden“ Timo Brandt, Schriftsteller_ Wien 29.11.2020

Liebe Timo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinem Tagesablauf hat sich in den Zeiten von Corona nur insofern etwas geändert, als dass ich viel bewusster meine Räumlichkeiten verlasse, ganz gleich ob das Ziel ein Supermarkt, ein Treffen mit Freund*innen oder ein Ort des Broterwerbs ist; oft versuche ich mehrere dieser Ziele miteinander zu verbinden, das fühlt sich gerade irgendwie richtig an.

Sonst tue ich, was ich auch schon vor Corona getan habe: viel lesen, viel schreiben und Dinge suchen, die mit ersteren Aktivitäten möglichst wenig zu tun haben und mich dennoch umtreiben können, was ein seelisches Gleichgewicht ermöglicht. Die Auswahl ist da derzeit eingeschränkt und das tangiert natürlich auch mich, aber ich kann nicht behaupten, dass mein Tagesablauf deswegen grundlegend anders ist.

 

foto_timo-brandt-2 _Foto_Dilan Tas_

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was meint in diesem Fall „alle“? Alle Künstler*innen? Alle Menschen? Alle, die zum alle dazugehören wollen?

Ich denke, sehr wichtig ist, dass wir die Rücksicht, auf der in diesen Zeiten ein besonderes Augenmerk liegt, verinnerlichen. Sie ist eine gute Eigenschaft, auch jenseits von Corona.

Ferner ist, selbstverständlich, wichtig, dass niemand jetzt durch Corona in finanzielle Not gerät, ganz gleich ob er*sie Künstler*in oder Restaurantbetreiber*in oder Altenpfleger*in (etc.) ist – und wenn wir schon dabei sind, deren Nöte zu sichten, könnten wir ja auch noch weiter über den Tellerrand schauen, wo wir viele Menschen sehen würden, deren Nöte auch vor Corona schon groß waren und es auch danach sein werden, wenn wir nicht grundlegend umdenken. Ja: wichtig ist, jetzt nicht nur eine Heilung für Corona zu finden und das Thema abzuhaken, sondern zu schauen, welche Probleme und Nöte diese Krise offengelegt hat. Sie nicht wieder zuzuschütten, sondern sie anzupacken.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die Aufgabe der Kunst wird sich nach Corona nicht geändert haben. Sie muss weiterhin zwischen den Stühlen hocken und dennoch Standpunkte finden, sie muss differenzieren, präzisieren, auffächern.

Vor allem darf sie nicht aufhören, Geschichten zu erzählen, Narrative zu finden, zentrale Aspekte zu bündeln. Wir leben in Zeiten, in denen der Kampf der Narrative gewaltige Ausmaße angenommen hat, so gewaltig, dass die Kunst eigentlich ihre „Rolle“ nur noch selten ergattern und spielen kann, weil die Konkurrenz so groß ist: von überall hagelt es Narrative, Geschichten und Gegenschichten, Fakten und Fake-News, etc. – die Stimme der Kunst ist im Medienrummel nur eine von vielen.

Ich weiß nicht, ob Kunst überhaupt noch eine Rolle jenseits von Unterhaltung und (partieller) Besinnung spielen kann, ob sie also die Kraft hat, transformierende Ideen und Impulse in die Welt zu setzen oder sie nur noch frequentieren, adaptieren, transportieren kann. Aber wenn doch, dann wohl nur, wenn sie einen Weg findet, irgendwo zwischen den höchsten Ansprüchen und den glattesten Oberflächen einen Weg zu finden, auf dem ihr genug Menschen folgen können. Ob dieser Weg allerdings wirklich erstrebenswert ist …

 

 

Was liest Du derzeit?

Vor kurzem habe ich Philipp Bloms neues Buch „Das große Welttheater“ fertiggelesen (ein Autor, den ich nur empfehlen kann, z.B. auch „Was auf dem Spiel steht“). Davor habe ich viel von afroamerikanischen Autor*innen gelesen, darunter Toni Morrison und Ta-Nehisi Coates. Und viel Lyrik, darunter „RÆNDERN“ von Christoph Szalay, „Kollektive Amnesie“ von Koleka Putuma und „Approximanten“ von Saskia Warzecha. Letzteres werde ich wohl noch eine ganze Weile immer wieder zur Hand nehmen – ein großartiger, facettenreicher Gedichtband

Jetzt gerade lese ich Gedichte von Angélica Freitas, Alexandru Bulucz und Nadja Küchenmeister, nebst einem Sachbuch über die Wiedervereinigung Deutschlands. Romanempfehlungen: Leander Fischers „Die Forelle“, ein Buch, das mir praktisch das literarische Lesen ganz neu beigebracht hat und Valeria Luisellis „Archiv der verlorenen Kinder“.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der römische Philosoph Seneca hat einst geschrieben: „Wer ein besserer Mensch werden will, der muss riskieren, dass man ihn für dumm und närrisch hält.“ Mehr Narretei, mehr Mut zum Unbeholfenen, bitte.

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Timo viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Timo Brandt, Schriftsteller

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=11629

Foto_Dilan Tas.

 

24.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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