„Es gibt bis heute kein einheitliches Vorgehen, jeder Nationalstaat versucht das Beste für sich und seine Wirtschaft herauszuholen“ Tanja Paar, Schriftstellerin _ Wien_30.11.2020 

Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich ist Struktur wichtig. Obwohl ich selbstständig und frei arbeite, unterscheide ich strikt zwischen Arbeitstagen und freien Tagen, halte also das Wochenende und Feiertage ein. Mir hilft das, wenn nicht jeder Tag dem anderen gleicht. Ich halte auch Arbeitszeiten ein, obwohl ich zu Hause arbeite: ich setze mich recht pünktlich um neun Uhr hin, mache gegen eins eine Mittagspause und höre gegen 18 Uhr auf.

Zu Mittag mache ich meist einen langen Spaziergang, im Sommer fuhr ich an die Alte Donau zum Schwimmen. Bewegung ist sehr wichtig für mich als Ausgleich zum langen Sitzen. Beim Gehen kommen auch die Gedanken in Fluss. Ich konzipiere und entwerfe viel im Gehen, am Schreibtisch erfolgt dann die Umsetzung. Ich habe immer ein Notizbuch mit. Manchmal kann ich allerdings meine eigene Schrift nicht lesen –

Früher habe ich sehr viel in der Nacht gearbeitet. Das war jetzt viele Jahre wegen meines Schulkindes nicht möglich. Jetzt, wo es wieder gehen würde, habe ich mich umgestellt, leider. Ich liebe die Nacht. Aber mir hilft es beim Schreiben, wenn ich Ordnung halte. Irgendein Autor sagte einmal: Ich warte auf den Musenkuss, aber die Muse muss wissen, wann sie mich wo findet.

Tanja-Paar-sw-hoch-2 _ Foto _ Pamela Rußmann

 

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In Zeiten von Corona ist es besonders wichtig, gut für einander zu sorgen  und freundlich zu bleiben. Das fällt mir selbst nicht immer leicht. Die Pandemie ist wirklich ein Phänomen, wie es unsere Generation bisher nicht kannte. Ich habe im Standard einen Beitrag zu einem Coronatagebuch geschrieben , https://www.derstandard.at/story/2000115965656/tanja-paar-das-ist-erst-der-anfang

zu dem verschiedene SchriftstellerInnen eingeladen waren. Ich war die erste, alles war ganz frisch. Ich würde das heute anders schreiben, aber Einiges, das ich gesagt habe, stimmt für mich bis jetzt. Zum Beispiel die Sorge, dass wir das Virus auch ohne Symptome weiter geben können. Meine Mutter ist fast 80 Jahre alt und in der Hochrisikogruppe, das hat mein Leben verändert. Auch, was die EU betrifft, haben sich meine Bedenken leider bewahrheitet. Es gibt bis heute kein einheitliches Vorgehen, jeder Nationalstaat versucht das Beste für sich und seine Wirtschaft herauszuholen, die Regelungen bleiben Stückwerk.  

Ich sehe in den Zeiten von Corona eine Radikalisierung, in den sozialen Medien, aber auch in der Stadt. Ein Gespräch zwischen Coronaleugnern, Maskenverweigerern und anderen scheint kaum möglich, mich sorgen die Berichte, dass Busfahrer oder Kontrolleurinnen nieder geschlagen werden, wenn sie die Maske bei Passagieren einfordern. Unsere Politik ist da sehr gefordert, aber ich sehe nur einzelne Erfolge. Unser Bundespräsident Van der Bellen macht zum Beispiel sehr gute Arbeit, kalmierend, besonnen, verbindend, nicht trennend.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn sind sehr wichtige Themen für mich, persönlich, aber auch in meinen Büchern. Die Themen spielen in meinem Debut „Die Unversehrten“ ebenso eine Rolle wie in meinem zweiten Roman „Die zitternde Welt“, der im September 2020 erschien. Im zweiten Buch vielleicht sogar noch stärker als im ersten.

Es geht dabei um eine Frau, die zur Jahrhundertwende Österreich verlässt, um in Anatolien zu leben – also eine umgekehrte Migrationsgeschichte, wenn man so will. Ich habe 2015 begonnen, an dem Buch zu arbeiten, also in der Zeit der großen Fluchtbewegung aus Syrien und dem Irak. Beide Länder sind Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs. Was die Kolonialmächte damals aus Gier nach dem Öl angerichtet haben, hat Auswirkungen bis heute. Mich hat eine gegenläufige Fluchtbewegung interessiert: Maria und Wilhelm gehen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Österreich-Ungarn in die heutige Türkei und haben dort ein sehr gutes Leben, bis der Erste Weltkrieg sie vertreibt und wieder zur Flucht zwingt. Heimat, Identität, falsche Papiere, das sind aktuelle Themen, die ich in historischem Gewand behandle.

Und ja, insofern glaube ich, dass Kunst und insbesondere Literatur etwas bewirken kann – und sei es, dass die LeserInnen zum Nachdenken angeregt werden.

https://www.haymonverlag.at/autoren/tanja-paar/

https://www.haymonverlag.at/produkt/8112/die-zitternde-welt/

 

Was liest Du derzeit?

Die Mussolinibiografie „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ von Antonio Scurati. Der italienische Philosoph beschreibt darin sehr anschaulich und beängstigend den Aufstieg des Faschismus. Der Verlag nennt das Buch einen „Roman“, aber es ist wirklich eine sehr spezielle Form: Autofiktionale Szenen wechseln sich mit Zeitdokumenten (Briefen, Parlamentsreden, Zeitungsartikeln) ab. Das finde ich formal sehr spannend und auch inhaltlich habe ich viel gelernt. Das Buch ist meine Entdeckung 2020 und ich kann es unbedingt empfehlen! Dabei sind die 800 Seiten erst der erste Teil eines auf drei Bände ausgelegten Werkes.

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/M._Der_Sohn_des_Jahrhunderts/112107

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der große türkische Autor Nâzim Hikmet soll einmal gesagt haben, er habe in seinem ganzen Leben nie ein Gefängnis verlassen, ohne dass alle seine Mitgefangenen lesen und schreiben konnten. Darauf sei er stolz.

Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tanja Paar, Schriftstellerin

www.tanjapaar.at

Foto_Pamela Rußmann

28.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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