„Wesentlich wird sein im Augenblick zu leben und die Tage mit Sinn zu erfüllen“ Sabine M.Gruber, Schriftstellerin _ Wien 29.11.2020

Liebe Sabine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lebe in den Tag hinein. Erstaunlich. Endlich verstehe ich Schrödingers Katze. Etwas kann sein oder auch nicht, ich weiß es erst, wenn die Box geöffnet wird. Dabei bin ich gleichzeitig die Katze, die in der Box sitzt und nicht weiß, was mit ihr geschieht, und eine, die draußen steht und überlegt, die Box zu öffnen oder auch nicht. Ich bin flexibel und spontan geworden. Ich sage mir: wenn etwas nicht geht, mach was anderes. Mach das, was geht, und zwar sofort, morgen wird es vielleicht verboten sein. Das hat sich in den letzten Monaten bewährt.

Sabine M.Gruber, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir und Uns sind für mich fast anachronistische Begriffe geworden, seit die weltweit verordnete Vereinzelung die Gesellschaft spaltet, zersplittert, Menschen systematisch trennt und voneinander fern hält, per Gesetz und durch das Sprachrohr der Medien. „Nähe ist nur ein Gefühl“, „Entfernung rettet Leben“, „Masken sind ein Akt der Nächstenliebe“, „Virtuell ist das neue Real“. Wichtig ist, trotz aller verordneten Hindernisse zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten, wo immer es möglich ist. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, er kann ohne physische Nähe, ohne das vollständige Spektrum des Ausdrucks, ohne unmittelbares Erleben des Anderen auf Dauer nicht (über)leben. Das Fehlen von all dem macht ihn krank – seelisch und körperlich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein Neubeginn wird nicht stattfinden, fürchte ich. Aufbruch – wohin? Ziele und Visionen verlieren ihre Bedeutung, im täglichen Kampf ums Überleben, seelisch, geistig, existenziell. Jeder noch so bescheidene Plan kann sich morgen schon in Luft auflösen. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Die Kunst wird eine untergeordnete Rolle spielen. Gesellschaftlich. Für den einzelnen wird sie wichtiger denn je sein, als Quelle der Kraft und der Freude. Die Literatur wird endgültig im Mainstream des Akzeptierten und Erlaubten ertrinken. Das Spektrum der zulässigen Worte hat sich beängstigend schnell verengt, das erstickt freies Denken schon im Keim, es führt letztlich zu vorauseilender Gedankenselbstkontrolle. In eine Dystopie kann man nicht flüchten, denn die Gegenwart, die weit in die Zukunft weist, übertrifft alles, was man sich ausdenken könnte. Hat Literatur jemals etwas verändert? Ich glaube nicht. Das Problem ist, dass nun nicht mehr eine bestimmte Kunst politisch verunmöglicht wird, sondern, durch die Hintertür diverser unverdächtig erscheinender Hygiene-Ge- und Verbote, jede Kunst. Das ist die große Gefahr.

Wesentlich wird sein, dass jeder für sich lernt, im Augenblick zu leben und auch in der neuen Unnormalität, die sich schleichend etabliert, jeden der ihm beschiedenen Tage mit Sinn zu erfüllen.

Was liest Du derzeit?

„Munin oder Chaos im Kopf“ von Monika Maron und „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“ Viktor Frankl

Vielen Dank für das Interview liebe Sabine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sabine M.Gruber_Schriftstellerin

http://www.sabine-m-gruber.at/

Fotos_Paul Feuersänger.

11.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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