„Life“ Backstage bei Keith Richards – Autobiographie des legendären Stones Gitarristen im Heyne Verlag
Er ist wohl das Gesicht des Rock `n Roll schlechthin – Keith Richards – Gründungsmitglied der „Rolling Stones“. Seit er als Kind von seiner Mutter eine Gitarre bekam, ließ ihn die Musik nicht mehr los. Seine umfangreiche Gitarrensammlung (über 300 Stück) spiegelt diese persönliche Faszination bis heute auch ganz anschaulich wieder.
Viele Stationen einer einzigarten Karriere vom Londener Marquee Club bis zu umjubelten Konzerten der Gegenwart werden in diesen Instrumenten sichtbar und erzählen gleichsam davon…
Für seine Autobiographie „Life“ öffnet Keith Richards aber nicht nur Einblicke in seine Gitarrensammlung sondern viele sehr persönliche Lebensabschnitte werden im Zusammenhang der Karrierestationen geöffnet und erzählt. Dabei werden Gründe und Abgründe eines Musikerlebens zwischen Bühne, Publikum und Business schonungslos offengelegt. Auch der Werdegang einer Band in allen musikalischen und emotionalen Spannungsfeldern von Teamgeist wie auch Eitelkeit und Dominanz wird von Richards in sehr persönlicher Perspektive erzählt.
Besonders spannend legt Richards auch die Hintergründe der Kompositionen und Songtexte dar, die wesentlich von ihm und Mick Jagger (Leadsänger) zu verantworten sind. Es kommt dabei das Lebensgefühl der Zeit in allen Freiheiten wie Ambivalenzen zum Ausdruck und wird damit zur Präsentation eines Epochenbildes in allen schillernden wie auch dunklen Farben persönlicher Tragödien, die nicht zuletzt in grenzüberschreitenden Drogenexperimenten ihren Anfang hatten. Ebenso sind die musikalischen Inspirationen und Begegnungen wie die vielfältigen Einflüsse von Musikstilen auf die Rolling Stones aus erster Hand erzählt. Das Buch ist gleichsam ein „Backstage-Pass“ von Keith Richards persönlich ausgestellt – also ein unvergleichliches Leseerlebnis voller Überraschungen…
Liebe Ivana, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Jeden Morgen ein guter Lupinenkaffee mit meinem lieben Mann, vormittags spiele ich mit meinen zwei im Hause wohnenden Enkelinnen. Ich koche sehr gerne und bereite „köstliche“ vegetarische Mahlzeiten für meine Großfamilie. Nachmittagsschläfchen, Kaffee, und dann geht mein Arbeitstag los: in diesen Tagen und Wochen übersetze ich slowenische Texte ins Deutsche. Mit Vorliebe widme ich mich der Lyrik, weil ich mich den AutorInnen meist sehr nahe fühlen kann.
Ivana Kampus, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In diesen Tagen sollten wir lernen, uns des Lebens zu freuen. Ich meine, die Zeit drängt uns regelrecht, uns den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden. Ob das die Musik ist, ein schönes Buch, das Kinderlachen, auch nur Banales wie Vogelgezwitscher oder Kreieren eines neuen Menus. Lebensfreude steht für mich an erster Stelle.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst kann die schöne Aufgabe haben, die Menschen zu erheitern, ihnen die Schönheit des Lebens, der Natur, des Übernatürlichen näher zu bringen. Künstler sind mit der Phantasiewelt viel eher verbunden als Menschen, die mit Sorgen und Ängsten des Alltags leben und sich in tiefe Sümpfe der Verzweiflung ziehen lassen. Ich weiß, dass es auch Künstlern manchmal so ergeht. Aber nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass wir direkten Zugang zur Freude, Schönheit, Lebensbejahung finden können, wenn wir es nur wollen.
Was liest Du derzeit?
Da habe ich ein wunderschönes, kostbares Buch vor mir, herausgegeben von Gabriele Russwurm-Biro mit dem Titel „Der Baum“, mit vielen bunten Ausflügen in die Natur, besinnliche, aufhellende, melancholische Texte und ebensolche Photos. Dann habe ich das Buch „Freedom – The End of the Human Condition” vor mir, Autor Jeremy Griffith, ein Australier, der die Misere erklärt, in der sich die Menschheit befindet, in englischer Originalsprache natürlich. Das ist ein Wälzer von fast 800 Seiten, schwer in der Hand zu halten, und doch überaus aufbauend, weil zukunftsweisend. Wir müssen nicht ewig leiden. Die Lösung ist … aber vielleicht nimmt der eine oder die andere dieses Buch selbst in die Hand.
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Unsere Gedanken sind kreativ. Helle Gedanken erschaffen eine helle Welt, und dunkle Gedanken …?
Vielen Dank für das Interview liebe Ivana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der ist äußerst unstrukturiert geworden, obwohl ich sehr viel arbeite. Ich schreibe, probe für eine kommende Solo-Performance, kümmere mich um mein Lyrikseminar am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, mache täglich Tanztraining und Workout (draußen oder in meinem zum Glück fast leeren Zimmer). Aber anders als sonst gibts außer für das Lyrikseminar keine verbindlichen Uhrzeiten und Termine. Manchmal steh ich erst um 11 auf, schreibe dann im Bett, manchmal mach ich mein Workout erst um Mitternacht. Wie ich halt gerade Lust habe.
Martina Hefter, Schriftstellerin
Außerdem rausgehen, im Wald rumlaufen, manchmal mit Freundinnen/Freunden oder meinen Töchtern. Wenn es nicht so einen schlimmen Grund gäbe für die Strukturlosigkeit, würde ich sagen, dass ich das mal ganz interessant finde, quasi ohne Uhrzeit zu leben. Aber auf Dauer wäre es nichts für mich.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für alle traue ich mich eigentlich nicht zu sprechen. Für mich: lieber zu hoffnungsvoll als zu pessimistisch denken. Zur Zeit hält mich der Gedanke an die Impfung einigermaßen oben. Ich weiß, dass die Pandemie damit nicht auf einen Schlag vorbei ist, aber es wird vielleicht einiges ein bisschen einfacher.
Überhaupt, ans Frühjahr denken. Ansonsten versuche ich gerade, immer zu allen nett zu sein, weil alle dünnhäutig sind. Gelingt mir leider nicht immer. Außerdem freu ich mich über kleinere oder größere Gesten der Solidarität, in Leipzig gerade in der darstellenden Kunst: Ein Leipziger Theater hat z.B. im ersten Lockdown seine Probenstudios zum Symbolpreis an Einzelkünstler*innen vermietet, dafür bin ich heute noch dankbar.
Außerdem wichtig: Jeden Abend bei lauter Musik in der Wohnung tanzen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Was wesentlich sein wird, kann ich schwer sagen, das wird man vielleicht erst mit einigem Abstand sehen. Vielleicht gehts erstmal darum, zu lernen, wie man mit dem Virus lebt, es wird ja noch eine ganze Weile da sein, selbst wenn sich die Lage wieder entspannt. Sich anschauen, welche neuen Formen von Geselligkeit und Gemeinsamkeit entstanden sind und wie man sie fortführen kann.
Ich hab noch nie so viel draußen gemacht zum Beispiel, draußen tanzen, draußen Tanzstücke und Lesungen ansehen und -hören, ich hab draußen mit jemand Bier getrunken im November bei Regen, ich bin nicht mehr so verfroren wie früher, laufe kilometerweit zu Fuß oder fahre Rad anstelle den Bus zu nehmen – einiges davon beizubehalten könnte ja auch positive Aspekte haben, was den Klimawandel betrifft z.B.
Das gilt auch für Literatur und Kunst, es wird bestimmt nicht so bald zurück zu den üblichen Lesungen, Konzerten, Theatervorstellungen oder Ausstellungsformaten gehen. Abseits von Onlineformaten Corona – verträgliche Formen der Darbietung hinzubekommen, also dann, wenn die Fallzahlen hoffentlich wieder zurückgegangen sein werden – darin liegt ja auch eine positive künstlerische Herausforderung. In Leipzig habe ich da viele gute Ansätze gesehen im Sommer/Spätsommer.
Ansonsten können Literatur und Kunst wie sonst auch Räume eröffnen fürs Denken/Nachdenken, für Unterhaltung und Vergnügen, für Schönheit auch.
Martina Hefter, Schriftstellerin
Was liest Du derzeit?
Gedichte der Studierenden meines Lyrikseminars sowie theoretische Texte zu meinem Seminarthema, unter anderem Anja Utlers Buch “Manchmal sehr mitreißend” über die Wirkung gesprochener Gedichte. Dann den schönen Gedichtband “Gestohlene Luft” von Yevgeniy Breyger. Den Roman “Was man sät” von Marieke Lucas Rijneveld (dt. von Helga von Beuningen) – der ist toll.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Auf der Suche nach einem solchen – ich wollte auf jeden Fall etwas aus “Gestohlene Luft” nehmen – kam es zu diesem tollen Zufallsfund: “Stechende Weltdüfte launischer Viren, ausgestorbene Rassen von Brutvögeln, die Seelen von allen zerstäubten Nierensteinen sammeln sich in der Atmosphäre und regnen hernieder auf die Impfgegner in kristalliner Klarheit.” (aus: Yevgeniy Breyger, Gestohlene Luft, kookbooks-Verlag)
Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Martina Hefter, Schriftstellerin
Fotos_privat.
19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
„erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt, welcher nichtswürdiger Zeitverderb…“
„Ach Gott blick in die schöne Natur und beruhige dein Gemüth über das müssende.“
„die Liebe fordert alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit dir, dir mit mir…“
„Kann unsre Liebe anders bestehn als durch Aufopferungen, durch nicht alles verlangen, kannst du es ändern, dass du nicht ganz mein, ich nicht ganz dein bin…“
„Ach – Es gibt Momente, wo ich finde dass die Sprache noch gar nichts ist…“
„Ach, wo ich bin, bist auch du mit mir, mit mir und dir rede ich mache, dass ich mit dir leben kann…“
„Ich weine wenn ich denke, dass du erst wahrscheinlich sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst…“
„wie du mich auch liebst – stärker liebe ich dich doch…“
„doch nie verberge dich vor mir…“
„ist es nicht ein wahres Himmels Gebäude unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himmels…“
„ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in deine Arme fliegen kann..“
„O Gott warum sich entfernen müssen, was man so liebt, und doch ist mein Leben…so wie jetzt ein kümmerliches Leben…“
„Deine Liebe macht mich zum glücklichsten und zum unglücklichsten zugleich…“
„sey ruhig – liebe mich – heute – gestern…“
„Welche Sehnsucht mit Tränen nach dir…“
„dir – dir – mein Leben – mein alles“
„leb wohl – o liebe mich fort – verkenne nie das treuste Herz deines Geliebten L. …“
Ludwig van Beethoven _ 250.Geburtstag
Fotoinszenierung nach _„Brief an die unsterbliche Geliebte“_Ludwig van Beethoven, Komponist und Pianist (1770 – 1827)
In der Rolle der unsterblichen Geliebten Daniel Schimpl,Sportwissenschaftlerin, Yogalehrerin und Delphintherapeutin_Model für Beethoven.
Fotoinszenierung am Wohnort Beethovens in Wien_Probusgasse 6, 1190. Das letzte Wohnhaus Beethovens ist heute ein Museum. Herzlichen Dank an die Stadt Wien für die freundliche Kooperation!
Kostüm und Acessoires von Kostümverleih Lambert Hofer, costumes for film, theatre, TV, evening wear _Wien – herzlichen Dank für das Kostümsponsoring und die so freundliche Kooperation und Unterstützung!
Idee und Inszenierung _ Daniela Schimpl und Walter Pobaschnig
Liebe Christina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeder Tag ist etwas anders strukturiert, je nachdem was zu tun ist. Ich bin sehr schlecht im nichts tun. Aber gut im mich selbst beschäftigen. Seit Anfang Dezember frische ich meine Spanisch-Kenntnisse auf, lese viel – bis auf die täglichen Coronazahlen auch gerne Zeitung – bin jeden Tag an der frischen Luft, koche gerne und nehme mir Zeit um meine Coronanotizen zu schreiben (ein Schreibprozess in dem ich zu verarbeiten versuche was seit der Pandemie so los ist mit mir).
ABER: an manchen Tagen packt mich die Unlust. Das Auftrittsverbot nagt ordentlich an meiner Künstlerinnenseele. Wenn ich für ein Theaterstück probe will ich es auch spielen. Ja, vor Publikum und nicht für einen Online-Live-Stream!
„Kulturverliebte kritisieren die Schließung der Kulturstätten“ sagte Sebastian Kurz im Ö1 Morgenjournal. Darauf kann ich nur sagen: Vernarrt und verschossen in sie, abhängig von ihr und lebensunfähig ist die Menschheit ohne Kultur!
An manchen Tagen plagt mich die Zukunftsangst: wie viele Jobs wird es im nächsten Jahr weniger geben?, werden Theater, Bars und Veranstaltungsstätten zusperren müssen?, ist die Subkultur 2021 schon tot? und überhaupt: wann darf ich wieder auf der Bühne stehen?
Christina Scherrer, Schauspielerin _ Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Kontakt zueinander nicht zu verlieren. Solidarisch zu handeln und unter der Maske das Lächeln nicht vergessen! Ist schwierig, ich weiß, aber machbar.
Ich geb ein einfaches Beispiel: Eine Dame in der Schlange vor Kassa 2 dreht sich um und gibt dem Herrn hinter ihr ein paar -25% Bons in die Hand. „Hab ich gerade gefunden, wir teilen uns das.“ Oder: Die Kassiererin im DM fragt, ob ich eine kleine Spende für die Obdachlosen geben möchte: „Sicher, gerne!“ antworte ich und hoffe, dass die Dame hinter mir dasselbe tut. Kleine Gesten, große Wirkung. Da ist noch viel Luft nach oben, aber ich glaub`, es ist klar worauf ich hinaus will.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Seit jeher ist Kunst Vermittlerin, Spiegel und Kritikerin der Gesellschaft. Seltsam stumm ist es aber geworden im Laufe der Pandemie. Keiner scheint mehr laut zu schreien, verhalten hinter den Masken hört man hie und da noch leichte Zwischenrufe der Empörung. Dabei wär gerade jetzt die Zeit so wichtig um die Weichen für einen „Neubeginn“ zu stellen. Ich würde es lieber „Aufbruch in die Gleichstellung“ nennen. Wie kann es sein, dass die HeldInnen der Krise die großen VerliererInnen sind? Meist Frauen, oft alleinerziehend und immer unterbezahlt. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Im Interview mit dem Standard sprach REWE-Chef Haraszti darüber, seinen VerkäuferInnen (den HeldInnen) eine Prämie von 2mal 200 Euro in Form von Gutscheinen zu bezahlen, die auch bei REWE einzulösen sind. Ich empfinde dies als blanken Hohn.
Die Kunst muss mehr als lästig sein. Das ist ihre Aufgabe. Wenn die bösen Buben und Mädchen dieser Welt über Kunst transportierte Systemkritik (z.B.: ein Gedicht) zur Staatsaffäre machen, fürchten sie um ihre Macht. Genau dann ist Kunst aber auch gut und richtig gemacht. Also wer Kunst mit Kritik nicht verträgt, der soll doch bitte Diktator werden ;-).
„Die Kunst muss nichts. Die Kunst darf alles.“(Ernst Fischer)
Wir müssen dafür sorgen, dass das auch so bleibt.
Was liest Du derzeit?
„Der Traum des Kelten“ von Mario Vargas Llosa, „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig, „Bus nach Bingöl“ von Richard Schuberth und „Sexismus“ von Susan Arndt – ist von meiner Tagesverfassung abhängig, in welche Welt ich eintauchen möchte oder nicht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Folgendes Zitat hat mich unter anderem zum Theater gebracht und behält bis heute seine Gültigkeit:
„Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind Anzeichen für kritischen Sinn, Phantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus. Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst.“(Dario Fo, anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1997 in Stockholm)
Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als der erste Lockdown im Frühjahr kam, waren wir mit dem Aktionstheaterensemble gerade mitten in der Stückentwicklung des „Bürgerlichen Trauerspiels“. Wie so viele Theater habe wir unsere Proben online fortgesetzt und nach dem Lockdown das Stück fertiggestellt, um es dann im September aufführen zu können. Seit Anfang Oktober ist es ziemlich still, was das Theater betrifft. Ich habe großes Glück, neben meiner Tätigkeit als freischaffender Schauspieler auch eine Lehrstelle als Assistent für Körperliche Gestaltung am Max Reinhardt Seminar zu haben. Der Unterricht läuft nämlich weiter. Wir wechseln immer wieder zwischen Präsenz- und Onlineunterricht, kommt darauf an, was die Maßnahmen gerade zulassen. Es ist herausfordernd, eine Materie, die von physischer Präsenz und persönlichem Kontakt lebt, über Zoom oder mit Abstandsregeln und Masken zu vermitteln. Aber wir machen das Beste daraus und es ist schön zu sehen, was trotz der Einschränkungen alles entsteht.
Thomas Kolle, Schauspieler _ Foto_Eva Mayer
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Positive Bilder, Vorbilder und Gedanken.
Ich lese gerade das Buch „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman, einem niederländischen Autor, Aktivisten und Historiker. Darin hinterfragt und dekonstruiert Bregman unser vorherrschendes Menschenbild, von einem Menschen, dem der Egoismus und „das Böse“ innewohnt, welches lediglich durch die Zivilisierung in Schach gehalten wird. Bregmann trägt zahlreiche Beweise von SoziologInnen, PsychologInnen, AnthropologInnen und ArchäologInnen zusammen, die dieses Menschenbild widerlegen. Er zeigt auf, dass zahlreiche wissenschaftliche Experimente, Theorien und Geschichten, die unser vorherrschendes Menschenbild prägen, überholt, manipuliert oder erlogen sind. Obwohl das Buch vor dem Ausbruch der Pandemie veröffentlicht wurde, beschreibt Bregmann anhand anderer Katastrophen u.a. ein Phänomen, dass wir alle im ersten Lockdown erlebt haben und das bis heute anhält.
Thomas Kolle, Schauspieler_Vordergrund_Foto_Stefan Hauer
Bei den Hamsterkäufen zu Beginn des ersten Lockdowns kam die Angst der Menschen vor einem Zusammenbruch der Zivilisation zum Vorschein. Auch in mir hat der Anblick eines leeren Milch-, Eier-, Nudel- oder Konservenregals, Unbehagen ausgelöst und ich habe mich dazu hinreißen lassen, zumindest ein paar Dosen zuhause zu horten. Ich glaube, die wenigsten konnten sich gegen dystopischer Zukunftsgedanken wehren.
Im Rückblick denke ich mir, unsere Vorstellungen der Zukunft waren und sind das Produkt jahrelanger negativer Berichterstattung, dem schnellen Konsum von Medien und dem Overload an Negativbeispielen aus Büchern, Filmen und Serien über die gesellschaftlichen Folgen einer Pandemie. Die meisten Filme, die mir zu diesem Thema einfallen, beschäftigen sich damit, dass nach Ausbruch einer Pandemie Anarchie herrscht.
Was aber ist wirklich im ersten Lockdown geschehen?
Die große Mehrheit der Bevölkerung, begann sich in der Krise miteinander zu solidarisieren und aufeinander zu achten. In der Zeit des ersten Lockdowns hatte ich mehr Kontakt zu meinen NachbarInnen als in den letzten vier Jahren zuvor. Es wurde einander Hilfe angeboten, Lebensmittel wurden weitergegeben, wir haben für andere Menschen Erledigungen übernommen und andere haben für uns gesorgt. Auf Menschen, die von dieser Pandemie besonders gefährdet sind, wurde entsprechend geachtet. Und die Kriminalitätsrate ging um 46,4 % zurück.
Und auch nach 10 Monaten, in denen mal mehr mal weniger in unser Privatleben eingegriffen wurde und wird, ist es immer noch so, dass sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung an die Maßnahmen hält und aufeinander Acht gibt.
Es erscheint mir wichtig, im Bewusstsein zu haben, dass die negativen Bilder aus den Medien immer wieder korrigiert und an die Wirklichkeit angepasst werden müssen. Ich glaube, es tut gut, sich immer wieder daran zu erinnern, dass um uns herum Menschen sind, die auf uns Acht geben, uns im Notfall helfen und die „im Grunde gut“ sind, Menschen, mit denen wir auch diese Krise gemeinsam überwinden werden.
Foto_Patrick Wally
Motivation:
Eine große Online-Shoppingfirma wirbt aktuell mit einem mehrstöckigen Werbebanner gegenüber vom Westbahnhof mit dem Slogan „Wir werden uns wieder umarmen“. Ich kann nicht an diesem Plakat vorbeigehen, ohne das Gefühl von Sehnsucht, Sentimentalität und Hoffnung zu verspüren. Perfide ist, dass diese Message von einer Firma kommt, die distanziertes Onlineshopping groß gemacht hat. Dennoch berührt mich diese Botschaft, wenn ich daran vorbeigehe. Ich fühle mich wahrgenommen in meinen Sehnsüchten und im selben Moment von dieser Firma verarscht.
Doch die Frage, wann wir uns wieder nah sein können und uns wieder umarmen werden, beschäftigt mich jeden Tag. Was mir Mut macht, ist diese Sehnsucht in Motivation umzuwandeln, die Kraft und Sicherheit gibt. So sehr ich auch wünschte, ich hätte diesen Satz nicht einem Werbeplakat entnommen, muss ich zugestehen, er motiviert mich.
„Wir werden uns wieder umarmen“
Foto_Alexander Gotter
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ich sehe es auch so, dass wir als Gesellschaft vor einem Aufbruch stehen und dass wir als Künstlerinnen und Künstler eine wichtige Rolle in diesem Veränderungsprozess haben.
Die gegenwärtige Krise zeigt deutlich die Schwachstellen in unseren Systemen auf. Wir sehen noch deutlicher als zuvor, was an ihnen funktioniert und was nicht, für welche Menschen diese Systeme greifen und welche Menschen nicht ausreichend oder überhaupt nicht unterstützt werden und wie sehr sie auf der Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt basieren.
Alleine, dass fair produzierte und/oder biologische Produkte einen Besonderheitsstatus genießen und noch immer Nischenprodukte sind, zeigt die Schieflage, in der wir uns schon seit langem befinden. Ausbeutung ist aktuell das Grundprinzip auf dem unser Konsum basiert und wir als KonsumentInnen entscheiden, ob wir das weiterhin akzeptieren und unterstützen oder nicht.
Diese Krise zeigt aber auch, was alles möglich ist, wenn der Wille und die Dringlichkeit da sind, etwas zu verändern.
Ich finde es schade, dass sich die Kunst im gegenwärtigen Prozess weitgehend ins Abseits drängen lässt. Sie fehlt als gesellschaftliches Korrektiv, als Raum in dem Themen, Emotionen und Werte bearbeitet und Perspektiven verhandelt werden können. Wir als Theaterschaffende sollten schnellstmöglich Wege finden, trotz Einschränkungen wieder als Stimme präsent zu sein. Meines Erachtens hat der Auf-Bruch schon damit begonnen, dass diese Missstände deutlich sichtbarer geworden sind und unsere Verantwortung als Künstlerinnen sehe ich darin, darauf Acht zu geben, dass diese Themen bearbeitet und notwendige Veränderungen umgesetzt werden.
Was liest Du derzeit?
„Im Grunde gut – Einen neueGeschichte der Menschheit“ von Rutger Bergman,
„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari,
zwei Bücher, die ich allen sehr empfehle! –
und ich habe gerade begonnen, „Das Theater Meyerholds und die Biomechanik“ von Jörg Bochow zu lesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“
Thomas Bernhard – Frost
Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Thomas Kolle, Schauspieler _ Foto_Eva Mayer
5 Fragen an KünstlerInnen:
Thomas Kolle, Schauspieler
25.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber August, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der sah schon vorher immer unterschiedlich aus. Je nachdem welcher Auftritt oder Workshop gerade so ansteht. Diese bestimmten im Prinzip den Tagesablauf von Woche zu Woche. Wenn es ging – möglichst immer auspennen! Ich brauch das. Mein Körper braucht das. Dafür kann ich abends ewig lang wach bleiben. Macht sich gut für Auftritte. Ich hab nicht mal Rituale, wie andere das haben: Kein Kaffee, kein Tee, kein Rauchen oder sowas. Aber dennoch haben die Auftritte und Aufgaben eine gewisse Regelmäßigkeit gebracht, eine Art Ablauf. Der ist jetzt im „harten“ Lockdown völlig weg. Das Gute: Mir wird nie langweilig: Ich esse, lese, gucke YouTube Videos, Spiele Videospiele, sehe meine Freundin und nehme an der einen oder anderen Online-Sache teil. Ich lebe quasi mehr in den Tag hinein. Ich sollte vielleicht etwas fleissiger an meinem Album und an kommenden Auftritten arbeiten. Je nachdem wann das sein wird. Vielleicht fang ich damit jetzt gleich an.
August Klar, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich hab absolut keine Ahnung. Ich könnte jetzt Phrasen dreschen, nach dem Motto „Zusammenhalt“ oder „Durchhalten“ ist jetzt super wichtig. Im Prinzip sollte das Gesundheitssystem gestärkt werden, alle, die jetzt besonders belastet sind müssen jetzt und in Zukunft mehr entlastet werden. Und alle, die jetzt zwangsweise kein Geld verdienen, brauchen natürlich ausreichende Unterstützung und zum Teil klappt das ja. Ansonsten ist wohl „Ruhe bewahren“, auch wenn es floskelig klingt, schon wichtig. Ich bin kein Fan von „lauten“ Menschen und irgendwelchen abstrusen Theorien in alle möglichen Richtungen. Überall gibt es immer diese und jene Lager: Die Linken, die Rechten, die Ökos, die Gutmenschen, usw. Irgendwie schotte ich mich immer mehr von sowas ab. Teils hat man in der Familie dann Gespräche über diese und jene Lager und politische Richtungen und ich habe das Gefühl, dass diese Gespräche zu absolut nichts Nützlichem führen. Also zur Frage, was wichtig ist: Vielleicht mehr runde Tische, mal in groß, mal in kleiner, an denen möglichst diverse Menschen sitzen. Mit Zielen. Und das möglichst progressiv und weniger auf Zank und Geschrei aus. Ich denke selbst das klingt so phrasig von mir. Ich halt mich weiter eher zurück und beobachte. Vielleicht auch falsch. Im Endeffekt kann ja nur jeder für sich selbst sagen, was er für wichtig hält. Ich finde zusammen Lösungen finden wichtig, aber in sachlichem Ton. Und Familie und Freunde. Zur Not eben erstmal nur digital. Müssen da ja alle durch.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich hoffe und vermute, dass Kunst bzw. Kultur wohl ein wenig einen Höhenflug erlebt. Dass Leute richtig Bock auf Theater, Poetry Slams, Konzerte, Shows, usw. haben. Also falls es irgendwann mal wieder „normal“ werden kann. Zum Beispiel durch den Impfstoff. Das wäre grandios. Für mich ist Kultur und Kunst so wichtig wie mein Essen. Meine Eltern hatten zwar irgendwie damals Recht als ich mich selbstständig machte, dass die Leute erst mal satt sein müssen und dann kommt die Kultur. Aber meine Güte, was und wo wäre ich ohne diese ganzen phantastischen Filme, Bücher, Spiele, Konzerte, Events. Mein Leben wäre unfassbar langweilig und trist. Meine Psyche braucht das. Vor allem muss allen klar sein, dass sehr viele Formate digital einfach nicht stand halten können mit der Live Erfahrung. Das darf nicht alles zunehmend digital werden. Poetry Slams Konzerte, Theater usw muss man live sehen. Hätte ich als Kind damals nicht für möglich gehalten, ich war ein absolutes Zocker Kind. Aber seit vielen Auftritten weiß ich wie geil das ist auf der Live Bühne zu stehen und steil zu gehen. Oder jemandem beim „steil gehen“ zuzugucken. Kunst macht glücklich. Kunst verändert dich. Kunst schweißt zusammen. Kunst ist so wichtig. Egal welche Form. Das darf nicht verloren gehen. Die muss gewertschätzt werden. Klingt schon etwas pathetisch, aber das isso.
Was liest Du derzeit?
Ich bin ein fauler Leser. Ein schlechter Leser, wenn man so will. Ich fange viel an und beende dann wenig. Ich lese viel im Internet: verrückte Kurzgeschichten, Blogs, Artikel, Essays. Kürzlich stieß ich auf Benjamin Weissinger Genießerscheibe. Grandioser Typ. Geniale innovative, kleine Geschichten und Versatzstücke. Ansonsten bin ich ein ziemlicher Film/YouTube Mensch: ich schaue/höre viele Dokus, „Do it yourselfs“, Streamende, Video-Essays zu allen möglichen Themen und alles, was man so findet.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Puh. Ich find’s immer ziemlich gruselig wenn Menschen in Kommentarspalten oder auf Webseiten irgendwelche (meist deplatzierte) Zitate vorbringen. Alle werfen mit Zitaten um sich, in der Hoffnung ganz weltoffen und allgemeingebildet zu wirken „Sich mit Dingen auskennen“. Und dann Albert Einstein oder irgendeine/n Künstler/in zitieren, um das eigene Argument zu untermauern. Also wenn es ein Zitat gibt, das ich einigermaßen vertreten kann, dann ists wohl „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, von Albert Einstein (Kleiner Spaß).
Vielen Dank für das Interview lieber August, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
August Klar, Schriftsteller
Fotos_Florian Wintels
8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich nicht recht viel anders als sonst. Spazierengehen ist neu hinzugekommen. Ich war ja nie so der Spaziergänger, das hab ich mir jetzt angewöhnt. Mir fehlt eher so das Unterwegssein. Lesungen, Shows usw. die einen in andere Städte führen, dort lernt man zufällig neue Menschen kennen, daraus entstehen wiederum neue Impulse für Leben & Arbeit usw. Das fehlt dann doch sehr in meinem täglichen Sein.
Thomas Köck, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Auch da würde ich sagen, das Gleiche wie bisher, nur noch mehr davon. Sich noch mehr in Solidarität üben als sonst. Sich noch mehr in Empathie üben als zuvor. Einfach noch bedingungsloser lieben, egal was passiert. Und noch viel klarere Kante gegen Nazis, gegen rechts, gegen Spaltung zeigen als je zuvor. Aber auch viele andere Sachen. Aktiv soziale Kontakte aufrecht erhalten, zur Psychohygiene, physical distancing ja, aber kein social distancing. Und vor allem müssen wir begreifen, dass es eine vierte Welle geben wird (und eine fünte, sechste, usw.), namens Klimawandel. Was wir gerade erleben ist, gelinde gesagt ein Lärcherlschas gegen das, was an natürlichen Katastrophen ins Haus steht, wenn man nicht schleunigst sich vom Kapitalismus verabschiedet. Und es ist schon ein bisschen erstaunlich und ironisch, dass gerade jetzt viele Politker*innen auf die Wissenschaft hören und betonen, dass man den wissenschatlichen Fakten Aufmerksamkeit schenken muss, aber wenn die gleichen Expertinnen vom drohenden ökologischen Kollaps berichten, dann werden diese Fakten verwaschen, bedrohen den Wirtschaftsstandort oder werden schlicht als Panikmache abgetan. Zeit für eine ordentliche Vermögenssteuer, um zB das Pflegepersonal angemessen zu entlohnen, wärs auch schön langsam mal.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Auch da glaube ich, die gleiche Rolle wie bisher, nur ist der Vorhang jetzt weit aufgezogen, liegen jetzt die ungerechten Verhältnisse und Strukturen, auf denen diese Gesellschaft ruht, offen zutage. Man kann nicht mehr hinwegsehen und die systemischen Wunden und Ausbeutungen, die vorher noch mit neoliberaler Rhetorik geputzt und kaschiert werden konnten, werden noch eine Weile Wundwasser absondern. Also Heilung. So oder so. Und oft braucht es Gift (in kleinen Dosen, dann allerdings) um Gift zu bekämpfen.
Was liest Du derzeit?
Ich schaue gerade viele Filme tatsächlich, Sion Sono, Kim-Ki Duk wieder, Khavn de la Cruz hab ich entdeckt und gefeiert, Queens Gambit war eine schöne Ablenkung gegenüber den vielen schlecht geschriebenen Serien, die über diverse Streamingplattformen irren, ich hab viel Hildur Guðnadóbr gehört, Caterina Barbieri immer wieder, Winged Victory for the Sullen fand ich zuletzt recht schön auch, Rafael Anton Irisarri heilt wundervoll oder Ian William Craig, und das letzte Album von Fauna war glorios! Ansonsten lese ich gerade alles von Oeessa Moshfegh und Clarice Lispector, meine Entdeckungen im Lockdown. Deniz Ohdes Streulicht fand ich umwerfend und durch Unlearning Imperialism von Ariella Aïsha Azoulay arbeite ich mich auch. Und viele Theorien über Müll.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eins meiner aktuellen Lieblinsgzitate ist aus dem frz. Film Tous le dieux du ciel, da fragt ein älterer Herr namens Simon ein Mädchen: „Do you believe in ghosts?“ und das Mädchen namens Zoe antwortet: „I don’t know. I know they exist.“
Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Kein Problem. Ebenso. Und liebe Grüße!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Thomas Köck, Schriftsteller, Dramatiker
Foto_privat.
16.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Gudrun, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Frühstück – Tee, Obstsalat, Ei, Zeitung – erledige ich vormittags eher Routinearbeiten, es sei denn, ich bin im Endspurt eines Projekts. Danach, setzte ich mich auf den Hometrainer, mache Yoga oder einen ausgiebigen Spaziergang mit Freund:innen oder einer meiner Töchter. Die regelmäßige Bewegung ist neu, eine Notwehrmaßnahme gegen die coronabedingte Reduktion im Räumlichen.
Den Nachmittag widme ich fokussiert dem Schreiben oder anderer Kreativarbeit. Das läuft nicht viel anders als ohne Pandemie. Doch die Verunsicherung durch den lebendigen Austausch mit anderen und die Erkundung neuer Orte fehlen mir als Input. Ich kann auf Erfahrungen zurückgreifen, doch auf Dauer, fürchte ich, werden die Farben entweder flau oder zu grell, wenn mangels realer Erlebnisse kein Abgleich mehr stattfinden kann. Social Media sind ein unvollständiger und unbefriedigender Ersatz. Aber immerhin das.
Abends koche ich und esse mit meinem Mann und wir tun, was man halt tut, wenn man nicht ausgehen darf und Angst vor der Nähe anderer Menschen haben muss.
Gudrun Lerchbaum, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht für alle sprechen. Mir hilft es, gedanklich nicht in den jetzt notwendigen Einschränkungen steckenzubleiben, sondern an die Tage zu denken, in denen wir uns wieder freier bewegen und uns in die Arme schließen werden. Dann werden wir die Möglichkeit haben, es besser zu machen. Hoffentlich nutzen wir sie.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich hoffe, dass wir durch die Krise gelernt haben, dass die Menschheit nur mit Solidarität weiterkommt. Und dass wir diese Erkenntnis in eine globale Bewältigung der Klimakrise und für mehr Verteilungsgerechtigkeit einbringen.
Kunst muss hinschauen und ohne falsche Rücksichten von den herrschenden Verhältnissen erzählen, um so Türen zu neuen Erkenntnissen zu öffnen.
Was liest Du derzeit?
Das Alphabet der Puppen von Camilla Grudova, Culturbooks
und
Schnelles denken, langsames Denken von Daniel Kahnemann, Penguin
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wohin flüchten wir, wenn uns die Angst vor der Unendlichkeit packt?
Vielen Dank für das Interview liebe Gudrun, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Cornelia, wie sieht jetzt dein Tagesplan aus?
Während des ersten Lockdowns ist mein Lebensgefährte Ahmed nach zweijähriger Krankheit gestorben. Wir waren 27 Jahre, mit Kind und Kegel zusammen. In den Monaten der Krankheit haben sich viele Projekte und Jobs aufgelöst. Der Krebs fraß nicht nur ihn, sondern auch unser soziales Leben auf. Jetzt bin ich allein, die äußeren Strukturen und Haltegriffe sind weggebrochen. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Ich bin eine Eremitin geworden. Die Verarbeitung dieser harten Zeit wirkt hinein in jeden Lebensbereich, die alltäglichen Dinge – kochen, essen, schlafen – sind davon beeinflusst. Es ist, als hätte ich die eigenen Bedürfnisse in eine Kiste verpackt und nun, da ich sie endlich wieder auspacken kann, bin ich ihnen entwachsen, oder sie mir, nichts passt mehr, es ist zu eng oder zu weit, es gehört nicht mehr zu mir.
Die Trauer fährt überall hinein wie ein Blitz, unkontrollierbar, ein Tagesablauf ist schwer planbar. Am Morgen aus dem Bett kommen, versuchen, das zu tun, was gerade möglich ist. Essen im Stehen, nebenbei in der Küche, wenn der Hunger mich überfällt. Stundenlang hänge ich wie ein Junkie am Smartphone. Das Bling des Messenger verbindet mich mit der Welt.
Trost gibt mir die Lyrik und die Musik. (Ahmed war Musiker) Ich arbeite die „Sudelbücher“, die ich während seiner Krankheit gefüllt habe, durch, gehe wieder und wieder die Stationen ab. Finde darin schrecklich schöne Gedanken, poetische Fragmente. Ich versuche ihnen eine lyrische Form zu geben. Diese Suchbewegung gibt mir eine Mitte, ist sinnstiftend. Ich kann mich nicht auf die großen Prosastücke, an denen ich früher täglich, neben Projekten und Jobs und Familie gearbeitet habe, einlassen. Schaffe keine langen Strecken. Schon zu Anfang des Jahres konnte ich kaum noch lesen oder schreiben. Jetzt lerne ich das Lesen wieder. Die Arbeit an einem Gedicht, die Konzentration darauf ist eine dem Nichts abgerungene Höchstleistung! Füllt die Leere, die sein Tod hinterlassen hat und plötzlich kann da wieder etwas Eigenes aufscheinen. Manchmal gelingt mir ein Tag; zwei Stunden schreiben, Yoga, wieder schreiben, nebenbei etwas essen. Am Nachmittag ein Spaziergang. Besser noch: eine Verabredung mit einer Freundin am Telefon oder im Park. Das sind wundervolle Stunden, für die ich sehr dankbar bin.
Der erste Lockdown veränderte die kollektive Wahrnehmung, endlich rückten unsere Themen: Krankheit, Pflege, Sterben in den Mittelpunkt. Es fühlte sich nicht mehr so einsam an. Der zweite Lockdown haut mich zurück, ich war gerade wieder so weit, mehr in die Welt und mit der Welt in Kontakt zu gehen. Ich bin weiterhin eine Eremitin. Die Kunst heilt und hält mich. Ich werde es schaffen!
Cornelia Becker, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube es war Spinozas Idee der Ethik, die sagt: nur wenn es allen gut geht, kann es auch mir gut gehen. Der Virus zeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Die Krise fordert, dass wir Mitgefühl entwickeln, Solidarität und gleichzeitig größere Selbstverantwortung übernehmen. Die große Lehre dieser Monate: auch in schwierigen Zeiten, noch etwas aus der Situation zu lernen, das Beste aus ihr herauszuholen, für mich, für die Gemeinschaft. Uns der Angst stellen. Kontrolle abgeben und mit dem Risiko leben. Akzeptieren, dass das Leben endlich ist. Und es trotzdem feiern, seine Schönheit, seine Schatten. Das Leben langsamer angehen, es gewinnt an Intensität!
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein? Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?
Die weltweite Pandemie fordert kollektive Verantwortung und Kooperation. Ein globales Umdenken, bei allen Problemen – Menschenrechte, Grüne Bewegung, etc. – ist angezeigt. Uns als gemeinsame Bewohner dieses Planeten begreifen und voneinander lernen. Hierarchisches Denken abbauen. Neue Krisen und Veränderungen werden als Folgen der Coronazeit unweigerlich folgen. Eine große Herausforderung werden die digitalen Medien sein/bleiben. Die virtuelle Kommunikation wird nach der Pandemie weiterhin unser aller Leben bestimmen und geht einher mit größerer individueller Freiheit, aber auch mit mehr Verantwortung. Künstler haben in der Krise neue Räume in den digitalen Plattformen entdeckt, haben sich und ihre Kunst dort aktiv eingebracht.
Die große Kompetenz der Künstler besteht darin, Widersprüche auszuhalten, Perspektiven zu wechseln, sich für Neues zu öffnen und mit unerwarteten Tools zu verbinden. Sie sind geübt im Umgang mit Krisen, dem Improvisieren und Erfinden. Die Kunst könnte uns also lehren, uns für neue Ideen zu öffnen, andersherum zu denken, vor allem auch fremde/andere Denk- und Verhaltensstrukturen zuzulassen. Krisen flexibel zu begegnen und Brachflächen zu erforschen und mit neuen Mustern zu bespielen.
Was liest du derzeit?
Louise Bourgeois „Konstruktionen für den freien Fall“, Keri Hulme „Unter dem Tagmond“, Ted Hughes „Der Tiger tötet nicht“, Uwe Timm „Rot“, Federico Garcia Lorca „Theorie und Spiel des Dämons“, Norbert Elias „Über die Einsamkeit des Sterbenden“, Fatima Mernissi „ Geschlecht, Ideologie, Islam“ usw. Lese alles durcheinander. Spannend wird’s, wenn ich die unterströmigen Verbindungen erkenne!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
„Mein frühes Werk ist die Angst, zu fallen. Später wurde daraus die Kunst, zu fallen. Wie man fällt, ohne sich zu verletzen. Noch später – die Kunst auszuharren.“ Louise Bourgeois
„Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung, keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung, und ich würde anfügen – des Glaubens.“ Joseph Brodsky
Cornelia Becker, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Cornelia Becker, Schriftstellerin
Fotos_privat
22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.