„Was ist wichtig für mich? Wie will ich leben? Was könnte sich verändern?“ Laura Vogt, Schriftstellerin _ St.Gallen/Schweiz _ 2.1.2021

Liebe Laura, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich gar nicht so anders wie vor der Pandemie. Ich arbeite, wann immer es geht, halbtags in meinem Atelier an meinen Texten. Verbringe Zeit mit meinen Kindern. Gehe meinen Geldjobs nach (die zugegebenermassen etwas spärlicher geworden sind, vor allem die Lesungen aus meinem zweiten Roman, der im Frühjahr erschien, leider). Spaziere. Treffe meine Allernächsten. Es ist gut, dass wir in einer kleinen Genossenschaft leben, wo Austausch gar nicht zu vermeiden ist, unter den Kindern wie unter den Erwachsenen. Wir haben Blick auf den Wald und das Dorf ist nah.

Laura Vogt, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke mal: Ruhe bewahren. So gut es geht. Andere Dinge sehen: Den Raureif an den nackten Kirschbäumen. Den Jogger, der nach der steilen Treppe einen Freudenschrei macht. Das Lesen auch! Und sich fragen, jede*r für sich: Was ist wichtig für mich? Wie will ich leben? War mein Leben vor der Pandemie eigentlich so gestaltet, wie es zu mir passt? Was könnte sich verändern? Was fehlt mir? Und wie geht es den Menschen um mich herum?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Auch wenn es etwas abgeschmackt tönt: Es wäre gut, würde der Mensch sich wieder etwas mehr darauf besinnen, was er tatsächlich braucht. Dazu gehört meiner Ansicht nach die Kunst in all ihren Facetten, und für mich auf jeden Fall an oberster Stelle die Literatur. Durch sie lernt man so viel! Über Unbekanntes und Bekanntes, aber immer wieder anders gedacht, neu betrachtet, durch die jeweiligen Rhythmen und Sprachen, die tragen, und einem nach der Lektüre leicht verschoben zurücklassen, im schönsten Sinne.

Was liest Du derzeit?

Ich habe vor Kurzem Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ und Mely Kiyaks „frausein“ beendet. Eine tolle Kombination! Seit Monaten lese ich ausserdem immer wieder Brocken von Susan Sontag. Und  „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“ liegt auf meinem Schreibtisch.

Nun bin auf der Suche nach einem Roman, den ich lesen mag, was gar nicht immer so einfach ist. Neben meinem Bett liegen: Annie Erneaux „Die Jahre“; John Burnside „Lügen über meinen Vater“; Chris Kraus „I love Dick“ (wieder!); Rachel Cusk „In Transit“ (wieder!), und anderes mehr; ausserdem der Anfang des Manuskripts meines Freundes. Eine Zeitung auch.

Bisher konnte ich  mich noch nicht entscheiden, was es als nächstes sein soll.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich denke, dass Denken eine Art Fühlen und Fühlen eine Art Denken ist“, sagte Susan Sontag mal.
Die Gegenpole ineinander übergehen und verwachsen lassen. Grenzen verschwimmen sehen. Wegkommen vom schwarz-weiss. Das ist schwierig, weil wir’s so gewohnt sind, im „entweder – oder“ zu denken. Aber darin, in den Übergängen, liegt eine große Kraft, finde ich!

Vielen Dank für das Interview liebe Laura, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Laura Vogt, Schriftstellerin

Laura Vogt – Autorin

Foto_Amanda Züst

28.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Stell dich mitten in den Wind, glaub an ihn und sei ein Kind“ Isabel Bogdan, Schriftstellerin_Hamburg 1.1.2021

Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Abgesehen davon, dass 2020 insgesamt 30 Lesungen abgesagt wurden, nicht viel anders als vorher: Aufstehen, arbeiten, zwischendurch etwas essen. Nur halt zu Hause, statt an meinem heißgeliebten Büroplatz. Was mir wirklich fehlt, sind Treffen mit Freunden, Veranstaltungen, Ausgehen, Menschen.

Isabel Bogdan, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe! Also wie immer, und jetzt erst recht. Soziale Nähe bei räumlicher Distanz. Die Freund:innen immer mal wieder fragen, wie es ihnen geht. Zusammen spazierengehen, telefonieren, chatten, Videokonferenzen. Das sind teilweise Notlösungen, aber besser als nichts.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und andere Künste erweitern den Horizont und stärken die Empathiefähigkeit, weil man auf unterschiedlichste Weise in die unterschiedlichsten Köpfe gucken kann. Und das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Wenn die tatsächliche Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu Begegnungen eingeschränkt sind, ist es vielleicht sogar die Rettung.

Was liest Du derzeit?

James Krüss, weil ich an einem Buch über Helgoland schreibe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerade ist mir ein Gedicht von Wolfgang Borchert begegnet. Das passt, weil ich es furchtbar unsinnig finde, das Wort „Gutmensch“ als Schimpfwort zu benutzen. Was soll man denn sonst sein wollen? Ein Schlechtmensch?

Versuch es (Wolfgang Borchert)

Stell dich mitten in den Regen,
glaub an seinen Tropfensegen
spinn dich in das Rauschen ein
und versuche gut zu sein!

Stell dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in dich hinein
und versuche gut zu sein.

Stell dich mitten in das Feuer,
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein –
und versuche gut zu sein!

Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabel Bogdan, Schriftstellerin

is a blog (isabelbogdan.de)

Foto_Heike Blenk

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und sobald wir wieder dürfen: Publikum. Live-Publikum: Echte Menschen“ Gerhard Benigni, Schriftsteller_Villach_1.1.2021

Lieber Gerhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Arbeitsmäßig spielen sich die Tage im Wechsel zwischen Büro und Homeoffice ab. Ich bin in der glücklichen Lage, meinen Schwarz- und Weißbrotberuf weiter ausüben zu dürfen und mir somit den Luxus des Nebenerwerbsautors leisten zu können.

Ansonsten ist alles etwas entschleunigt und langsamer, der Tagesablauf ist quasi zum Tagesabgang geworden. Langsam wird es wieder länger hell. Nachts schläft es sich wie immer.

Gerhard Benigni, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Seife. Klopapier wird aus meiner Sicht überbewertet. Und was uns allen niemals ausgehen darf: Humor. Ach ja, und sobald wir wieder dürfen: Publikum. Live-Publikum. Von Angesicht zu Angesicht. Ungeskypte, zoomfreie, weblose Existenzen. Echte Menschen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Dass die Rolle überbewertet wird, habe ich bereits erwähnt. Die Rolle der Literatur und Kunst hingegen wird kein Aufbruch sein, vielmehr ein Mitwirken daran, die in der Krise aufgebrochenen bzw. ausgeweiteten Gräben wieder zuzuschütten. Ich meine diese Gräben zwischen Hellweiß und Dunkelschwarz, all diese Fürs und Widers, die zunehmenden Dafürs und Dagegens. Lebkuchen oder Vanillekipferl, Maske ja oder nein, Tanne oder Fichte, Testen hin oder her, Christkind oder Weihnachtsmann, Impfung her oder hin. Unser Humor bleibt immer noch das beste Vakzin.

Was liest Du derzeit?

Vorwiegend aktuelle Schlagzeilen, weil sie mich zu meinen täglichen Sprüchen in den Social Media inspirieren. Von diesen Breaking News ausgehend entstehen aber auch viele meiner humorvollen, satirischen und wortverspielten Kurzgeschichten. Mitunter – wie im Fall Corona – werden daraus gleich mehrere Bücher, meine Corona-Trilogie in vier Bänden. Diese wurden heuer vor, während und nach der ersten Lockdown-Phase im Frühjahr verbucht. Kurzum, ich schreibe mehr, als ich lese.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Egal ob links oder rechts, eine Hand wäscht die andere.

Vielen Dank für das Interview lieber Gerhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Gerhard Benigni, Schriftsteller

Gerhard Benigni – Literart | Meine Heimseite (gerhardbenignialleineistdochvielzukurzalshomepagename.at)

Foto_Hannes Pacheiner

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Den Mitstreiter*innen aller Kunst-und Kulturbranchen Unterstützung und Sicherheit geben“ Gabriele Russwurm-Biro, Schriftstellerin _ Klagenfurt 1.1.2021

Liebe Gabriele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin im Homeoffice und kann sehr gut arbeiten und die Arbeit über den Tag und die Abendstunden verteilen. Vermehrt kommen Probleme auf, die ich vor Corona nicht hatte. Wir lösen das im Team. Langfristige Vorhaben und Planungen liegen auf Eis. Wir sind ein Dreierteam, hängen von einander ab und wissen alle nicht, wie es weiter gehen wird. Aber, dass es weiter gehen wird – da sind wir uns sicher.

Gabriele Russwurm-Biro, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Hoffnung nicht verlieren, an eine solidarisch gestärkte Gesellschaft glauben, sich die wesentlichen Dinge bewusst machen und an den kleinen Dinge erfreuen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird es für uns alle sein, die Orientierung nicht zu verlieren und im Rahmen des Möglichen den Mitstreiter*innen aller Kunst-und Kulturbranchen Unterstützung und Sicherheit zu geben. In jeglicher Form auch immer. Das versuche ich in meinen ehrenamtlichen Engagement als Vorsitzende des Fachbeirates für Literatur des Kulturgremiums des Landes Kärnten (mit Stipendienvergabe) und als Vorsitzende des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes (mit Lesungen, Publikationen und Wettbewerben. Auf die gesellschaftlichen Umbrüche warten wir schon lange, sicher wird nichts beim Alten bleiben. Das ist auch gut so.

Was liest Du derzeit?

  1. Derzeit lese ich von der amerikanischen Schriftstellerin Madeline Miller den Roman DAS LIED DES ACHILLS ( zuvor ICH BIN CIRCE) – beeindruckend einfallsreich und leidenschaftlich
  2. Ales Steger, LOGBUCH DER GEGENWART / AUFBRECHEN (Haymon Verlag)-sehr lyrisch-ästhetisch
  3. Roman: HIPPOCAMPUS von Gertraud Klemm (verlag Kremayr & Scheriau)- habe mich sehr amüsiert, obwohl es ein sehr ernstes Thema behandelt für uns alle, die wir Künstlerinnen sind…
  4. Felix Mitterer: KEINER VON UNS – stark und überwältigend drastisch, obwohl es eine historische Geschichte ist über den Mohren Angelo Soliman.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Hell Is Empty, and All the Devils Are Here”  (William Shakespeare/ The Tempest/ Der Sturm)

Vielen Dank für das Interview liebe Gabriele, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gabriele Russwurm_Biro, Schriftstellerin

Über mich – Literatur.Report Kärnten

Foto_Martin Rauchenwald.

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Einer, der seinen eigenen Traum mit Hilfe eines Buches weiterträumt, das ist schon die halbe Welt“ Wolfgang Hermann, Schriftsteller_Wien 31.12.2020

Lieber Wolfgang, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen Qi Gong, dann an den Schreibtisch, um an meinem neuen Roman weiterzukommen, was nicht immer gelingt. Es gibt zuviele Möglichkeiten der Ablenkung, Mails und Internet sind für das Schreiben Gift. Telefon aus, Stecker beim Computer ziehen und Konzentration auf die Geschichte. So sähe der ideale Tagesbeginn aus. Aber oft kommt es anders, das Leben da draußen hat seine eigenen Gesetze, denen man sich nicht entziehen kann, und wenn, dann nur für kurze Zeit.

Wolfgang Hermann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein Schreiber wie ich lebt eigentlich schon immer in Quarantäne, denn der Rückzug, um ein Buch zu schreiben, ist ja nichts anderes. Die Lektion des Bei-sich-bleibens, des Bleibens bei den inneren Bildern und Notwendigkeiten der Geschichte, das ist die Aufgabe, der man sich jeden Tag neu stellen muß.

Die Zeit jetzt ist außergewöhnlich für uns alle. Schon lange waren nicht mehr soviele Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Es wäre schön, wenn wir etwas daraus machen könnten, einen Neubeginn, mit anderem Blick auf die Welt da draußen und in uns.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Man schreibt ja hier und heute nicht im Bewußtsein einer Wirkung draußen in der Welt, dazu ist die Literatur viel zu sehr an den Rand gerückt. Wir sind eine Gesellschaft der Zerstreuung, an jeder Ecke poppen überlaute Marketing-Produkte auf, wer soll da noch die leise Stimme einer kleinen Geschichte hören. Aber sei‘s drum, wer nur auf Wirkung hin schreibt, der sollte vielleicht das Metier wechseln. Wenn ein Leser da draußen die innere Bewegung einer Geschichte mitgeht und in sich verwandelt und seine eigenen Bilder dafür an die Membran seiner inneren Netzhaupt strahlt, dann ist das mehr als man sich erträumen darf als Schreiber. Einer, der seinen eigenen Traum mit Hilfe eines Buches weiterträumt, das ist schon die halbe Welt.

Was liest Du derzeit?

Paolo Rumiz, Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Strasse. Ein herrliches Leseabenteuer an der Seite einer kleinen Gruppe von Wanderern, die sich aufmachen, um eine legendäre geschichtsträchtige, aber zerstörte Straße wieder zum Leben zu erwecken.

Außerdem lese ich das Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre von David Graeber, der leider viel zu früh starb. Ich begann das Buch vor Jahren, jetzt ist es Zeit es zu Ende zu lesen, es ist ein Vermächtnis.

Was lese ich noch? Arik Brauers Lebenserinnerungen „Die Farben meines Lebens“. Das ist ein außergewöhnliches Dokument eines Humanisten, humorvoll, lebensweise, eine Rückschau mit einem Augenzwinkern auf das Leben, unglaublich komisch, obgleich dieses Leben oft bedroht war.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich erinnere mich an eine Zeile in einem Gedicht von John Ashbery, die ungefähr so ging:

Wir verirren uns im Leben, aber das Leben weiß, wo wir sind.

Vielen Dank für das Interview lieber Wolfgang, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich habe zu danken!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Wolfgang Hermann_Schriftsteller

Geboren in Bregenz, Studium der Philosophie in Wien. Anschließend lange Jahre in verschiedenen Ländern, u.a. Frankreich, Japan u.a.

Seit „Das schöne Leben“ (Hanser 1988) zahlreiche Bücher, u.a. „Herr Faustini verreist“, „Abschied ohne Ende“, im Jahr 2020 erschienen „Walter oder die ganze Welt“ sowie „Der Lichtgeher“. Im Februar 2021 erscheint „Herr Faustini bekommt Besuch“.

Willkommen (wolfganghermann.at)

Foto__Andrea Peller

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir gerade im Theater essentielle Sehnsuchtsutopien entwerfen können“ Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin_ Kopenhagen _ 31.12.2020

Liebe Mille Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment wegen der Pandemie sieht mein Tagesablauf gleichmäßiger aus als sonst: aufstehen, Kind zur Schule bringen, nach Hause fahren, zweiten Kaffee, virtuelles Morgentreffen im Theater, Mails beantworten und Coronabesprechungen allerart über unterschiedliche Web-Plattformen durchführen. Mich als abenteuersehnsüchtiger Mensch langweilt diese Routine sehr und ich fühle mich wie ein Tiger im Käfig. Selbstredend beunruhigt mich die Situation auch, es trainiert aber auch den langen Atem, was auch was wert ist, – und natürlich auch die Schönheit zu finden in der näheren Umgebung und in den kleinen Verschiebungen im Alltag, und diese zu genießen.

Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kopf nicht verlieren. Ich habe anfangs der Pandemie große Hoffnungen in die Transformation gesetzt, die auch irgendwie zu spüren war. Vor allem als der gesamte Stadt- und Flugverkehr einfach lahmgelegt wurde, haben wir einen Alltag erlebt, den ich in meinem Leben bis hierhin nicht erlebt hatte. Es setzte Freiheit los – nicht für den Stadtmenschen als solchen – aber für die Natur, die tatsächlich reichlich in der Stadt vorhanden ist, da kam urplötzlich ein Drang nach Bodenständigkeit und auch eine gewisse Demut wurde generell spürbar unter den Leuten. Da spürte ich tatsächlich so was wie eine Chance, nicht für mich persönlich, aber für uns als Menschheit. Wenn wir so viel bewegen können, binnen kürzester Zeit, dann gibt es tatsächlich viel (Möglichkeits)Raum nach oben um große Krisen der Gegenwart und Zukunft zu hantieren. Das brachte Hoffnung, und die dürfen wir – in herausfordernden Zeiten wie diesen – ja auch nicht verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Das ist natürlich eine richtig große Frage, doch ich glaube, die Kunst – und damit auch das Theater – wird gestärkt aus der Krise kommen, kann sogar Antworten liefern durch konkretes und spürbares Fragenstellen. Wichtig dabei ist, dass wir gerade im Theater essentielle Sehnsuchtsutopien entwerfen können, die Möglichkeiten für uns Menschen erfassbarer machen. Das ist eine Chance, die wir nutzen sollten, um die Stimme dieses utopischen Ortes zu verdeutlichen. Spätestens durch die Covid-Krise ist zumindest klar geworden, dass ein großes Umdenken gebraucht wird, eine Werteverschiebung, was auch in Taten umgewandelt wird. Vielen war das, glaube ich, auch vorher absolut klar, jetzt ist aber noch dazu deutlich geworden, dass man sich als Politiker*in nicht mehr durch das Argument ‚Realpolitik‘ verstecken kann – es ist tatsächlich möglich die Gesellschaft komplett aus den Gewohnheitsfugen rauszunehmen, sobald die Not lautstark genug an der Tür klopft. Also ran da. Die Entschuldigung untätig zu bleiben scheint futsch. Und für das Theater – ja – da hat die Isolation auch einfach unterstrichen, was für ein unfassbarer Ort und welche herausragende Möglichkeit es ist, gemeinsam mit vielen etwas gleichzeitig zu erleben, was nicht pausiert, wenn du pullern musst, wo der Geist wach bleiben muss um mitzufolgen, wo Gedankenanstöße stattfinden und wo du nach einem gelungenen Theaterabend inspiriert nach Hause gehen und lange davon zehren darfst.

Was liest Du derzeit?

Feder von Ursula Scavenius und Ditte Menschenkind von Martin Andersen Nexö + drei – vier andere Bücher, die gerade Pause machen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe neulich einen Artikel von einem Pyrohistoriker in der Zeitung über unser Zeitalter gelesen, dass alles was wir Menschen schaffen mit dem Feuer verbunden ist. Dass unsere Entwicklung quasi eng mit dem Zähmen des Feuers verbunden ist, und dass wir gerade dabei sind, alle Zeiten gleichzeitig zu verbrennen, nicht nur heutige Landschaften, und dadurch zukünftige, sondern auch die unserer Vorgeschichte; wenn wir z.B. Öl verbrennen. Er meint, wir befinden uns im Gegenteil von der Eiszeit, also in der Feuerzeit, und argumentiert, dass obwohl es durch die Erderwärmung gerade widersprüchlich oder unvorstellbar scheint, sollten wir die prähistorischen Landschaften in der Erde lassen, weil wir es unter Umständen in Zukunft gut gebrauchen können, uns wieder an einem Feuer zu erwärmen, weil die Erde wieder kalt wird. Das war für mich eine neue Perspektive, unsere Zeit durch das Prisma des Feuers zu betrachten. 

Vielen Dank für das Interview liebe Mille Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin, Regisseurin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mille Maria Dalsgaard_Schauspielerin, Regisseurin

skuespiller mille maria dalsgaard

Fotos_Karoline Lieberkind, Lieberkindphoto

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Versprich es mir“ Joe Biden. Beck Verlag.

November 2014. Es ist für den langjährigen Spitzenpolitiker und nunmehrigen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Joseph Robinette „Joe“ Biden, Jr., die alljährliche Fahrt zur Zusammenkunft mit der Familie. Wenige Tage vor dem Thanksgiving Fest im Kreis der Kinder und Enkelkinder feiert Biden seinen Geburtstag. Er wird zweiundsiebzig Jahre alt. Die Weltpolitik fordert seine ganze Kraft tagtäglich aber die Familie gibt ihm Halt und Rückhalt wie auch die Auszeit jetzt fern vom dichtgedrängten politischen Terminkalender.

Doch es gibt auch Schatten über der Familie. Die Krankheit des Sohnes, ebenso aufstrebender Politiker, lastet auf der Familie…

Und nun ist der Vizepräsident der USA inmitten von fordernden politischen Aufgaben wie jenen innerhalb der Familie. Es geht jetzt um Vertrauen, Trost, Ziele. Um Leben und Perspektive da und dort. Und der Politiker und Familienvater Joe Biden stellt sich diesen Herausforderungen. Verantwortung und der Blick nach vorne, bis hin zur Kandidatur als Präsident der Vereinigten Staaten, prägen die kommenden Jahre…

Joe Biden (*1942), US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei und der designierte Präsident der Vereinigten Staaten, legt in diesem sehr persönlichen Buch Erinnerungen und Ausblicke seines privaten wie politischen Lebens vor. Die unmittelbare Schilderung familiärer Tragik und Hoffnung lässt den Politiker als Mensch in allen Facetten von Glück und Leid erfahren. Diese Offenheit beeindruckt. Ebenso wie die Schilderung des Alltags und der Herausforderungen eines politischen Lebens in Spitzenpositionen.

„Ein beeindruckendes Buch über Leben und Politik im Horizont von Hoffnung und Verantwortung“

Walter Pobaschnig 12_20

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„Aber ich weiß, dass Musik und Kunst wichtig sind, und ich hoffe, dass das so bleibt!“ Karsten Riedel, Musiker_ Bochum 30.12.2020

Lieber Karsten,wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich kümmere mich im wesentlichen um meine drei Kurzen! Nachmittags geh ich spazieren, und genieße ansonsten die Pause vom ‚Auf Knopfdruck kreativ sein!‘ – heißt: ich spiele so gut wie keinen Ton..

Karsten Riedel, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld

Im Studio für Aufnahmen zum Moondog-Album ‚ERK‘, mit dem Ensemble Bracelli der Bochumer Symphoniker

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das kann ich nich sagen.. aber ich weiß, dass Musik und Kunst wichtig sind, und ich hoffe, dass das so bleibt!

Karsten Riedel_‚Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz’ in den Bochumer Kammerspielen_2017_ Foto_Kirch
Karsten Riedel_‚Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz’ in den Bochumer Kammerspielen_2017_ Foto_Kirch
Konzerthaus Wien, mit FRANUI
Auftritt mit dem Roman Britschgi Quartett.. Wien, Ende 2017.

Was liest Du derzeit?

Andrej Kurkow:Pinguine frieren nicht

Ska-und Reggaeband ‚Alphaboyschool‘

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

‚ES IS SO, WIE ES IS!‘

Karsten Riedel _Burgtheater-Kantine mit Ignaz Kirchner.. Wir hatten schöne Zeiten zusammen, auf – und außerhalb der Bühne! Ich vermisse ihn sehr!

Vielen Dank für das Interview lieber Karsten, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Karsten Riedel_Musiker, Komponist

13.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Erkenntnisse aus der Krise nicht zu vergessen: Sozialstaat, Demokratie, Diskurs.“ Brigitte Walk, Regisseurin_Feldkirch, 30.12.2020

Liebe Brigitte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe früh auf, gegen 6.30 Uhr, das habe ich vorher gemacht, das mache ich jetzt. Derzeit wartet zumeist ein Tag mit Arbeit, aber wenigen Kontakten, keine Proben, keine Workshops, keine Projekte. Geblieben sind Besprechungen, manche auch live, Abrechnungen, Projektplanungen, Organisation meiner Compagnie, Körpertraining, inhaltliches Arbeiten an kommenden Stücken und Projekten. Kochen ist vorher immer eine seltene Luxuserholung gewesen neben sehr viel Berufsarbeit, derzeit ist die Familienversorgung aufwändig und wichtig, um alle bei guter Laune zu halten.

Ohne Impulse von Menschen und Berufskolleginnen ist alles gedankliche und organisatorische Arbeiten sehr viel zäher als sonst. Die Energie ist recht niedrig, flackert bei Telefonaten oder Zooms kurz auf, verdämmert aber bald wieder.

Tägliches Gehen / Radfahren mache ich bei jedem Wetter derzeit.

Brigitte Walk, Schauspielerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Gespräch bleiben, mit Freunden reden und manche auch treffen. Im Internet spannende Sachen suchen, aber nicht ständig sinnlos herumsurfen. Solidarisch bleiben, demokratische Standards kennen und nicht abrücken, gegenseitig aufmuntern und von was anderem als C zu reden. Wichtig ist,  die Erkenntnisse aus der Krise nicht zu vergessen: Sozialstaat, Demokratie, Diskurs.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Ich habe noch nie etwas davon gehalten, dass die Kunst irgend etwas erfüllen muss. Kunst ist frei und wenn sie Wege findet, auf die Ereignisse zu reagieren ist dies genauso wichtig wie auch, uns ganz woanders hin zu entführen. Kunst ist keiner Mode unterworfen, keiner Thematik, keinem Zweck und dies ist ihr wichtigstes Merkmal: Frei zu sein. Darin kann jede und jeder sehr viel für sich bekommen, sei es als Künstlerin oder als Publikum.  

Was liest Du derzeit?

Hannah Arendt, alles von ihr und wiederholt, das ist unser nächstes Projekt.

Dazwischen Monika Helfer, Die Bagage.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

For the times they are a’changing….

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitte, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitte Walk, Regisseurin, Schauspielerin

Foto_Mark Mosman

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist unter diesen Bedingungen schon schwer vorzustellen, wie man als Künstlerin jetzt leben und überleben könnte“ Katrin Targo_ Sopran_Wien 29.12.2020

Liebe Katrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich jetzt sehr damit beschäftigt bin, mir neben der Musik auch einen anderen Erwerbszweig aufzubauen, fehlt mir ein bisschen die Zeit, aber am meisten das Gemüt zum Singen. Also ein glücklicher Vogel bin ich im Moment sicherlich nicht – und da fehlt mir auch die Lust zum Singen. Aber ich versuche meine geistige Gesundheit zu bewahren und auch das Singen nicht ganz zu vergessen. Aber Existenzängste sind groß. Auch die Ungewissheit – was kommt überhaupt und wenn wann wieder?

Katrin Targo_Sopran_ Palais Auersperg Wien.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als Mentalhygienistin weiss ich, dass es sehr wichtig ist, unsere Laune nicht komplett fallen zu lassen. Es ist sehr einfach ein Einweg-Ticket in die eigene Gedanken-Hölle zu nehmen und Tag für Tag sich schlimmer zu fühlen. Also dagegen kämpfe ich an und versuche doch nicht einfach zu faulenzen und depressiv sein, sondern versuche mit Freunden und Familie zu videophonieren und mir Beschäftigung zu finden. Und das Gute bei dieser Zeit ist ja, dass man  fast immer lang genug schlafen kann.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Jede Gesellschaft braucht Brot und Circus. Das ist ein altes Sagen in Estland. Es ist aber auch die Wahrheit meiner Meinung nach. Deshalb weiß ich, dass die Kunst nie völlig in Vergessenheit fallen wird…aber es ist unter diesen Bedingungen schon schwer vorzustellen, wie man nur als Künstlerin jetzt leben und überleben könnte. Also suche ich auch Alternativen etwas anderes zu tun. Ja, das ist traurig – aber was kann man sonst tun. Wir können uns ja nicht selber aussuchen, wann wir sterben möchten.. 🙂 also an die Arbeit.. und finden wir uns was zu tun bis diese Wahnsinns-Situation zu was Besseren wird..

Was liest Du derzeit?

Eckhart Tolle und Anthony William.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Motto ist: Denke bessere Gedanken, fühle dich besser. Das möchte ich mit euch teilen. Ich weiß, es klingt am Anfang sehr schwer, aber vergesst nie – die Gedanken in euren Köpfen sind wie ein sehr kompliziertes Auto. Sie bewegen und lenken es aber.

Katrin Targo_Sopran_Palais Auersperg Wien

Vielen Dank für das Interview liebe Katrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und Deine neue Qualifikation als Mentalhygienistin wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katrin Targo, Sopran, Mentalhygienistin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Palais Auersperg_Wien _ 12_2020.

28.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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