„Außerdem wichtig: Jeden Abend bei lauter Musik in der Wohnung tanzen“ Martina Hefter, Schriftstellerin _Leipzig, 28.12.2020

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der ist äußerst unstrukturiert geworden, obwohl ich sehr viel arbeite. Ich schreibe, probe für eine kommende Solo-Performance, kümmere mich um mein Lyrikseminar am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, mache täglich Tanztraining und Workout (draußen oder in meinem zum Glück fast leeren Zimmer). Aber anders als sonst gibts außer für das Lyrikseminar keine verbindlichen Uhrzeiten und Termine. Manchmal steh ich erst um 11 auf, schreibe dann im Bett, manchmal mach ich mein Workout erst um Mitternacht. Wie ich halt gerade Lust habe.

Martina Hefter, Schriftstellerin

Außerdem rausgehen, im Wald rumlaufen, manchmal mit Freundinnen/Freunden oder meinen Töchtern. Wenn es nicht so einen schlimmen Grund gäbe für die Strukturlosigkeit, würde ich sagen, dass ich das mal ganz interessant finde, quasi ohne Uhrzeit zu leben. Aber auf Dauer wäre es nichts für mich.


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für alle traue ich mich eigentlich nicht zu sprechen. Für mich: lieber zu hoffnungsvoll als zu pessimistisch denken. Zur Zeit hält mich der Gedanke an die Impfung einigermaßen oben. Ich weiß, dass die Pandemie damit nicht auf einen Schlag vorbei ist, aber es wird vielleicht einiges ein bisschen einfacher.

Überhaupt, ans Frühjahr denken. Ansonsten versuche ich gerade, immer zu allen nett zu sein, weil alle dünnhäutig sind. Gelingt mir leider nicht immer. Außerdem freu ich mich über kleinere oder größere Gesten der Solidarität, in Leipzig gerade in der darstellenden Kunst: Ein Leipziger Theater hat z.B. im ersten Lockdown seine Probenstudios zum Symbolpreis an Einzelkünstler*innen vermietet, dafür bin ich heute noch dankbar.

Außerdem wichtig: Jeden Abend bei lauter Musik in der Wohnung tanzen.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Was wesentlich sein wird, kann ich schwer sagen, das wird man vielleicht erst mit einigem Abstand sehen. Vielleicht gehts erstmal darum, zu lernen, wie man mit dem Virus lebt, es wird ja noch eine ganze Weile da sein, selbst wenn sich die Lage wieder entspannt. Sich anschauen, welche neuen Formen von Geselligkeit und Gemeinsamkeit entstanden sind und wie man sie fortführen kann.

Ich hab noch nie so viel draußen gemacht zum Beispiel, draußen tanzen, draußen Tanzstücke und Lesungen ansehen und -hören, ich hab draußen mit jemand Bier getrunken im November bei Regen, ich bin nicht mehr so verfroren wie früher, laufe kilometerweit zu Fuß oder fahre Rad anstelle den Bus zu nehmen – einiges davon beizubehalten könnte ja auch positive Aspekte haben, was den Klimawandel betrifft z.B.

Das gilt auch für Literatur und Kunst, es wird bestimmt nicht so bald zurück zu den üblichen Lesungen, Konzerten, Theatervorstellungen oder Ausstellungsformaten gehen. Abseits von
Onlineformaten Corona – verträgliche Formen der Darbietung hinzubekommen, also dann, wenn die Fallzahlen hoffentlich wieder zurückgegangen sein werden – darin liegt ja auch eine positive künstlerische Herausforderung. In Leipzig habe ich da viele gute Ansätze gesehen im Sommer/Spätsommer.

Ansonsten können Literatur und Kunst wie sonst auch Räume eröffnen fürs Denken/Nachdenken, für Unterhaltung und Vergnügen, für Schönheit auch.

Martina Hefter, Schriftstellerin


Was liest Du derzeit?

Gedichte der Studierenden meines Lyrikseminars sowie theoretische Texte zu meinem Seminarthema, unter anderem Anja Utlers Buch “Manchmal sehr mitreißend” über die Wirkung gesprochener Gedichte. Dann den schönen Gedichtband “Gestohlene Luft” von Yevgeniy Breyger. Den Roman “Was man sät” von Marieke Lucas Rijneveld (dt. von Helga von Beuningen) – der ist toll.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf der Suche nach einem solchen – ich wollte auf jeden Fall etwas aus
“Gestohlene Luft” nehmen – kam es zu diesem tollen Zufallsfund:
“Stechende Weltdüfte launischer Viren, ausgestorbene Rassen von Brutvögeln,
die Seelen von allen zerstäubten Nierensteinen sammeln sich in der
Atmosphäre und regnen hernieder auf die Impfgegner in kristalliner Klarheit.”
(aus: Yevgeniy Breyger, Gestohlene Luft, kookbooks-Verlag)

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martina Hefter, Schriftstellerin

Fotos_privat.

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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