„Der Vorhang ist jetzt weit aufgezogen, die ungerechten Verhältnisse und Strukturen liegen offen zutage“ Thomas Köck, Schriftsteller _ Berlin 27.12.2020

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich nicht recht viel anders als sonst. Spazierengehen ist neu hinzugekommen. Ich war ja nie so der Spaziergänger, das hab ich mir jetzt angewöhnt. Mir fehlt eher so das Unterwegssein. Lesungen, Shows usw. die einen in andere Städte führen, dort lernt man zufällig neue Menschen kennen, daraus entstehen wiederum neue Impulse für Leben & Arbeit usw. Das fehlt dann doch sehr in meinem täglichen Sein.

Thomas Köck, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auch da würde ich sagen, das Gleiche wie bisher, nur noch mehr davon. Sich noch mehr in Solidarität üben als sonst. Sich noch mehr in Empathie üben als zuvor. Einfach noch bedingungsloser lieben, egal was passiert. Und noch viel klarere Kante gegen Nazis, gegen rechts, gegen Spaltung zeigen als je zuvor. Aber auch viele andere Sachen. Aktiv soziale Kontakte aufrecht erhalten, zur Psychohygiene, physical distancing ja, aber kein social distancing. Und vor allem müssen wir begreifen, dass es eine vierte Welle geben wird (und eine fünte, sechste, usw.), namens Klimawandel. Was wir gerade erleben ist, gelinde gesagt
ein Lärcherlschas gegen das, was an natürlichen Katastrophen ins Haus steht, wenn man nicht schleunigst sich vom Kapitalismus verabschiedet. Und es ist schon ein bisschen erstaunlich und ironisch, dass gerade jetzt viele Politker*innen auf die Wissenschaft hören und betonen, dass man den wissenschatlichen Fakten Aufmerksamkeit schenken muss, aber wenn die gleichen Expertinnen vom drohenden ökologischen Kollaps berichten, dann
werden diese Fakten verwaschen, bedrohen den Wirtschaftsstandort oder werden schlicht als Panikmache abgetan. Zeit für eine ordentliche Vermögenssteuer, um zB das Pflegepersonal angemessen zu entlohnen, wärs auch schön langsam mal.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Auch da glaube ich, die gleiche Rolle wie bisher, nur ist der Vorhang jetzt weit aufgezogen, liegen jetzt die ungerechten Verhältnisse und Strukturen, auf denen diese Gesellschaft ruht, offen zutage. Man kann nicht mehr hinwegsehen und die systemischen Wunden und Ausbeutungen, die vorher noch mit neoliberaler Rhetorik geputzt und kaschiert werden konnten, werden noch eine Weile Wundwasser absondern. Also Heilung. So oder so. Und oft braucht es Gift (in kleinen Dosen, dann allerdings) um Gift zu bekämpfen.


Was liest Du derzeit?

Ich schaue gerade viele Filme tatsächlich, Sion Sono, Kim-Ki Duk wieder, Khavn de la Cruz hab ich entdeckt und gefeiert, Queens Gambit war eine schöne Ablenkung gegenüber den vielen schlecht geschriebenen Serien, die über diverse Streamingplattformen irren, ich hab viel Hildur Guðnadóbr gehört, Caterina Barbieri immer wieder, Winged Victory for the Sullen fand ich zuletzt recht schön auch, Rafael Anton Irisarri heilt wundervoll oder Ian William Craig, und das letzte Album von Fauna war glorios! Ansonsten lese ich gerade alles von Oeessa Moshfegh und Clarice Lispector, meine Entdeckungen im Lockdown. Deniz Ohdes Streulicht fand ich umwerfend und durch Unlearning Imperialism von Ariella Aïsha Azoulay arbeite ich mich auch. Und viele Theorien
über Müll.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eins meiner aktuellen Lieblinsgzitate ist aus dem frz. Film Tous le dieux du ciel,
da fragt ein älterer Herr namens Simon ein Mädchen: „Do you believe in
ghosts?“ und das Mädchen namens Zoe antwortet: „I don’t know. I know they
exist.“


Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Kein Problem. Ebenso.
Und liebe Grüße!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Thomas Köck, Schriftsteller, Dramatiker

Foto_privat.

16.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Vielen Dank!

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