
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Daniela Enigst, Schriftstellerin _ Freiburg im Breisgau
Liebe Daniela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Angefangen hat alles mit dem Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“. Ich hatte irgendwo gelesen, das sei der Text gewesen, der Frisch dazu veranlasst habe, mit der jungen Dichterin Kontakt aufzunehmen. Es interessierte mich damals, was den Mann da wohl gelockt haben könnte. Mein Zugang zu Bachmann ist nicht nur deswegen wohl eher untypisch, sagen wir mal, radikal persönlich. Ich nehme mir dreist das heraus, was mich angeht. Bachman-Fans und Leute, die sich wissenschaftlich mit ihr beschäftigen, mögen das verwerflich finden. „Meine“ Bachmann ist eine Sprachliebende, Sprachforschende, eine Wahrheitssuchende, jemand, der dem Aufruf des späten Wittgenstein (der in den Philosophischen Untersuchungen einfach alles, was er Jahre vorher im Tractatus systematisch formuliert hatte, wieder in die Luft jagte), dass man doch einfach selbst denken solle, mit Vehemenz und Lust gefolgt ist. Und „meine“ Bachmann ist vor allem eine Prosaschriftstellerin.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Für mich? Ihre scharfe Intellektualität und die Weigerung, sich festzulegen oder festlegen zu lassen. Mir scheint, „schreiben“ heißt für sie „in Frage stellen“. Das entspricht mir sehr.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die erste der Frankfurter Vorlesungen, „Fragen und Scheinfragen“. Dann „Der gute Gott von Manhattan“ natürlich, das müsste dringend mal neu aufgenommen werden mit einer weniger piepsigen Frauenstimme. ‚Wenig überraschend, die Erzählungen „Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“. Und „Malina“, vor allem der Vorspann und das erste Kapitel „Glücklich mit Ivan“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich weiß nicht, ob man „patriarchal“ einfach mit „zerstörend/zerstörerisch“ gleichsetzen kann. Die Grundausrichtung des Patriarchats ist doch eher erhaltend und zementierend, wenn auch die falschen Dinge, etwa die strukturelle Benachteiligung der Hälfte der Menschheit. Übrigens glaube ich nicht, dass Bachmann grundsätzlich gegen „die Männer“ war oder „die Frauen“ für etwas Besseres hielt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Immer noch wie Goethe: „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt.“
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht ist das nur ein Mythos oder gar eine Pose? Das Martyrium des Schriftstellers, seltener der Schriftstellerin, erscheint mir häufig als eine Art Selbsterhöhung. Wenn nicht gerade eine ernsthafte psychische Erkrankung dahintersteckt. Ich kenne welche, die treten in der Öffentlichkeit als einsamer Wolf auf, und zu Hause mähen sie den Rasen, laden die Nachbarn zum Grillen ein oder machen Campingurlaub mit der Familie wie Herr und Frau Mustermann auch. Was fast alle Schreibenden heute martert, sind existenzielle Fragen, weniger existenzialistische, also: wie vom Schreiben leben, statt warum fürs Schreiben leben?
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihren Humor.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Es tut sich was für die Frauen, aber der Weg ist noch weit und immer nochmal weiter, als man denkt. Es wird sich nämlich auch was für die Männer tun müssen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Juni erscheint eine Erzählung von mir namens „Hundert Jahre“. Der Titel scheint auf Bachmann zu verweisen, aber im Grunde ist es eine falsche Fährte, auch wenn ich ihr den Text zum Geburtstag gewidmet habe. Die Geschichte spielt mit bewusst aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, etwa „das Briefgeheimnis muss gewahrt werden“, oder Anspielungen auf weitverbreitete klischeehafte Lesarten des Verhältnisses von Frisch und Bachmann. Erzählt wird von einem Schriftsteller, dem die Ideen ausgehen und der eine Affäre mit einer Literaturdozentin eingeht, um seiner Fantasie wieder auf die Sprünge zu helfen. Das rächt sich natürlich am Ende. Ein besonderer Briefkasten spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„… darauf, meine ich, kommt es an: daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt.“
Herzlichen Dank für das Interview!

Kommende Veranstaltung mit Daniela Engist und Ingeborg Gleichauf zum 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann: https://veranstaltungen.freiburg.de/freiburg/events/detail/herdermer-sommerlesungen-ingeborg-gleichauf-ingeborg-bachmann-die-widerspenstige
Aktuelle Bücher von Daniela Engist:
LICHTE HORIZONTE, Edition Hubert Klöpfer bei Kröner, 2021
MEIN BASEL – DIE BEWEGTE STADT, Literarisches Porträt _ 8 grad verlag, 2024
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Daniela Engist _: Anja Thölking
Walter Pobaschnig 30.4.26