„Und das Leben trotzdem feiern, seine Schönheit, seine Schatten“ Cornelia Becker, Schriftstellerin_ Berlin 26.12.2020

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt dein Tagesplan aus?

Während des ersten Lockdowns ist mein Lebensgefährte Ahmed nach zweijähriger Krankheit gestorben. Wir waren 27 Jahre, mit Kind und Kegel zusammen. In den Monaten der Krankheit haben sich viele Projekte und Jobs aufgelöst. Der Krebs fraß nicht nur ihn, sondern auch unser soziales Leben auf. Jetzt bin ich allein, die äußeren Strukturen und Haltegriffe sind weggebrochen. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Ich bin eine Eremitin geworden. Die Verarbeitung dieser harten Zeit wirkt hinein in jeden Lebensbereich, die alltäglichen Dinge – kochen, essen, schlafen – sind davon beeinflusst. Es ist, als hätte ich die eigenen Bedürfnisse in eine Kiste verpackt und nun, da ich sie endlich wieder auspacken kann, bin ich ihnen entwachsen, oder sie mir, nichts passt mehr,  es ist zu eng oder zu weit, es gehört nicht mehr zu mir.

Die Trauer fährt überall hinein wie ein Blitz, unkontrollierbar, ein Tagesablauf ist schwer planbar. Am Morgen aus dem Bett kommen, versuchen, das zu tun, was gerade möglich ist. Essen im Stehen, nebenbei in der Küche, wenn der Hunger mich überfällt. Stundenlang hänge ich wie ein Junkie am Smartphone. Das Bling des Messenger verbindet mich mit der Welt.

Trost gibt mir die Lyrik und die Musik. (Ahmed war Musiker) Ich arbeite die „Sudelbücher“, die ich während seiner Krankheit gefüllt habe, durch, gehe wieder und wieder die Stationen ab. Finde darin schrecklich schöne Gedanken, poetische Fragmente. Ich versuche ihnen eine lyrische Form zu geben. Diese Suchbewegung  gibt mir eine Mitte, ist sinnstiftend. Ich kann mich nicht auf die großen Prosastücke, an denen ich früher täglich, neben Projekten und Jobs und Familie gearbeitet habe, einlassen. Schaffe keine langen Strecken. Schon zu Anfang des Jahres konnte ich kaum noch lesen oder schreiben. Jetzt lerne ich das Lesen wieder. Die Arbeit an einem Gedicht, die Konzentration darauf ist eine dem Nichts abgerungene Höchstleistung! Füllt die Leere, die sein Tod hinterlassen hat und plötzlich kann da wieder etwas Eigenes aufscheinen. Manchmal gelingt mir ein Tag; zwei Stunden schreiben, Yoga, wieder schreiben, nebenbei etwas essen.  Am Nachmittag ein Spaziergang. Besser noch: eine Verabredung mit einer Freundin am Telefon oder im Park. Das sind wundervolle Stunden, für die ich sehr dankbar bin.

Der erste Lockdown veränderte die kollektive Wahrnehmung, endlich rückten unsere Themen: Krankheit, Pflege, Sterben in den Mittelpunkt. Es fühlte sich nicht mehr so einsam an. Der  zweite Lockdown haut mich zurück, ich war gerade wieder so weit, mehr in die Welt und mit der Welt in Kontakt zu gehen. Ich bin weiterhin eine Eremitin. Die Kunst heilt und hält mich. Ich werde es schaffen!

Cornelia Becker, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube es war Spinozas Idee der Ethik, die sagt: nur wenn es allen gut geht, kann es auch mir gut gehen. Der Virus zeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Die Krise fordert, dass wir Mitgefühl entwickeln, Solidarität und gleichzeitig größere Selbstverantwortung übernehmen.  Die große Lehre dieser Monate: auch in schwierigen Zeiten, noch etwas aus der Situation zu lernen, das Beste aus ihr herauszuholen, für mich, für die Gemeinschaft. Uns der Angst stellen. Kontrolle abgeben und mit dem Risiko leben.  Akzeptieren, dass das Leben endlich ist. Und es trotzdem feiern, seine Schönheit, seine Schatten. Das Leben langsamer angehen, es gewinnt an Intensität!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein? Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?

Die weltweite Pandemie fordert kollektive Verantwortung und Kooperation. Ein globales Umdenken, bei allen Problemen – Menschenrechte, Grüne Bewegung, etc. – ist angezeigt. Uns als gemeinsame Bewohner dieses Planeten begreifen und voneinander lernen. Hierarchisches Denken abbauen. Neue Krisen und Veränderungen werden als Folgen der Coronazeit unweigerlich folgen. Eine große Herausforderung werden die digitalen Medien sein/bleiben. Die virtuelle Kommunikation wird nach der Pandemie weiterhin unser aller Leben bestimmen und  geht einher mit größerer individueller Freiheit, aber auch mit mehr Verantwortung. Künstler haben in der Krise neue Räume in den digitalen Plattformen entdeckt, haben sich und ihre Kunst dort aktiv eingebracht.  

Die große Kompetenz der Künstler besteht darin, Widersprüche auszuhalten, Perspektiven zu wechseln, sich für Neues zu öffnen und mit unerwarteten Tools zu verbinden. Sie sind geübt im Umgang mit Krisen, dem Improvisieren und Erfinden. Die Kunst könnte uns also lehren, uns für neue Ideen zu öffnen, andersherum zu denken, vor allem auch fremde/andere Denk- und Verhaltensstrukturen zuzulassen. Krisen flexibel zu begegnen und Brachflächen zu erforschen und mit neuen Mustern zu bespielen.

Was liest du derzeit?

Louise Bourgeois  „Konstruktionen für den freien Fall“, Keri Hulme  „Unter dem Tagmond“, Ted Hughes „Der Tiger tötet nicht“, Uwe Timm „Rot“, Federico Garcia Lorca „Theorie und Spiel des Dämons“, Norbert Elias „Über die Einsamkeit des Sterbenden“, Fatima Mernissi „ Geschlecht, Ideologie, Islam“ usw. Lese alles durcheinander. Spannend wird’s, wenn ich die unterströmigen Verbindungen erkenne!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Mein frühes Werk ist die Angst, zu fallen. Später wurde daraus die Kunst, zu fallen. Wie man fällt, ohne sich zu verletzen. Noch später – die Kunst auszuharren.“ Louise Bourgeois

„Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung, keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung, und ich würde anfügen – des Glaubens.“ Joseph Brodsky

Cornelia Becker, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Becker, Schriftstellerin

Fotos_privat

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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