„Ist die Subkultur 2021 schon tot?“ Christina Scherrer, Schauspielerin_ Wien, 28.12.2020.

Liebe Christina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist etwas anders strukturiert, je nachdem was zu tun ist. Ich bin sehr schlecht im nichts tun. Aber gut im mich selbst beschäftigen. Seit Anfang Dezember frische ich meine Spanisch-Kenntnisse auf, lese viel – bis auf die täglichen Coronazahlen auch gerne Zeitung – bin jeden Tag an der frischen Luft, koche gerne und nehme mir Zeit um meine Coronanotizen zu schreiben (ein Schreibprozess in dem ich zu verarbeiten versuche was seit der Pandemie so los ist mit mir).

ABER: an manchen Tagen packt mich die Unlust. Das Auftrittsverbot nagt ordentlich an meiner Künstlerinnenseele. Wenn ich für ein Theaterstück probe will ich es auch spielen. Ja, vor Publikum und nicht für einen Online-Live-Stream!

„Kulturverliebte kritisieren die Schließung der Kulturstätten“ sagte Sebastian Kurz im Ö1 Morgenjournal. Darauf kann ich nur sagen: Vernarrt und verschossen in sie, abhängig von ihr und lebensunfähig ist die Menschheit ohne Kultur!

An manchen Tagen plagt mich die Zukunftsangst: wie viele Jobs wird es im nächsten Jahr weniger geben?, werden Theater, Bars und Veranstaltungsstätten zusperren müssen?, ist die Subkultur 2021 schon tot? und überhaupt: wann darf ich wieder auf der Bühne stehen?

Christina Scherrer, Schauspielerin _ Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kontakt zueinander nicht zu verlieren. Solidarisch zu handeln und unter der Maske das Lächeln nicht vergessen! Ist schwierig, ich weiß, aber machbar.

Ich geb ein einfaches Beispiel: Eine Dame in der Schlange vor Kassa 2 dreht sich um und gibt dem Herrn hinter ihr ein paar -25% Bons in die Hand. „Hab ich gerade gefunden, wir teilen uns das.“ Oder: Die Kassiererin im DM fragt, ob ich eine kleine Spende für die Obdachlosen geben möchte: „Sicher, gerne!“ antworte ich und hoffe, dass die Dame hinter mir dasselbe tut. Kleine Gesten, große Wirkung. Da ist noch viel Luft nach oben, aber ich glaub`, es ist klar worauf ich hinaus will.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Seit jeher ist Kunst Vermittlerin, Spiegel und Kritikerin der Gesellschaft. Seltsam stumm ist es aber geworden im Laufe der Pandemie. Keiner scheint mehr laut zu schreien, verhalten hinter den Masken hört man hie und da noch leichte Zwischenrufe der Empörung. Dabei wär gerade jetzt die Zeit so wichtig um die Weichen für einen „Neubeginn“ zu stellen. Ich würde es lieber „Aufbruch in die Gleichstellung“ nennen. Wie kann es sein, dass die HeldInnen der Krise die großen VerliererInnen sind? Meist Frauen, oft alleinerziehend und immer unterbezahlt. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Im Interview mit dem Standard sprach REWE-Chef Haraszti darüber, seinen VerkäuferInnen (den HeldInnen) eine Prämie von 2mal 200 Euro in Form von Gutscheinen zu bezahlen, die auch bei REWE einzulösen sind. Ich empfinde dies als blanken Hohn.

Die Kunst muss mehr als lästig sein. Das ist ihre Aufgabe. Wenn die bösen Buben und Mädchen dieser Welt über Kunst transportierte Systemkritik (z.B.: ein  Gedicht) zur Staatsaffäre machen, fürchten sie um ihre Macht. Genau dann ist Kunst aber auch gut und richtig gemacht. Also wer Kunst mit Kritik nicht verträgt, der soll doch bitte Diktator werden ;-).

„Die Kunst muss nichts. Die Kunst darf alles.“ (Ernst Fischer)

Wir müssen dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

Was liest Du derzeit?

„Der Traum des Kelten“ von Mario Vargas Llosa, „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig, „Bus nach Bingöl“ von Richard Schuberth und „Sexismus“ von Susan Arndt – ist von meiner Tagesverfassung abhängig, in welche Welt ich eintauchen möchte oder nicht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Folgendes Zitat hat mich unter anderem zum Theater gebracht und behält bis heute seine Gültigkeit:

„Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind Anzeichen für kritischen Sinn, Phantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus. Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst.“ (Dario Fo, anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1997 in Stockholm)

Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christina Scherrer, Schauspielerin

Christina Scherrer Schauspielerin

Foto_Flo Waitzbauer

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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