„Die gegenwärtige Krise zeigt deutlich die Schwachstellen in unseren Systemen auf“ Thomas Kolle, Schauspieler_ Wien 27.12.2020

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als der erste Lockdown im Frühjahr kam, waren wir mit dem Aktionstheaterensemble gerade mitten in der Stückentwicklung des „Bürgerlichen Trauerspiels“. Wie so viele Theater habe wir unsere Proben online fortgesetzt und nach dem Lockdown das Stück fertiggestellt, um es dann im September aufführen zu können.  Seit Anfang Oktober ist es ziemlich still, was das Theater betrifft. Ich habe großes Glück, neben meiner Tätigkeit als freischaffender Schauspieler auch eine Lehrstelle als Assistent für Körperliche Gestaltung am Max Reinhardt Seminar zu haben. Der Unterricht läuft nämlich weiter. Wir wechseln immer wieder zwischen Präsenz- und Onlineunterricht, kommt darauf an, was die Maßnahmen gerade zulassen. Es ist herausfordernd, eine Materie, die von physischer Präsenz und persönlichem Kontakt lebt, über Zoom oder mit Abstandsregeln und Masken zu vermitteln. Aber wir machen das Beste daraus und es ist schön zu sehen, was trotz der Einschränkungen alles entsteht.

Thomas Kolle, Schauspieler _ Foto_Eva Mayer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Positive Bilder, Vorbilder und Gedanken.

Ich lese gerade das Buch „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman, einem niederländischen Autor, Aktivisten und Historiker. Darin hinterfragt und dekonstruiert Bregman unser vorherrschendes Menschenbild, von einem Menschen, dem der Egoismus und „das Böse“ innewohnt, welches lediglich durch die Zivilisierung in Schach gehalten wird.  Bregmann trägt zahlreiche Beweise von SoziologInnen, PsychologInnen, AnthropologInnen und ArchäologInnen zusammen, die dieses Menschenbild widerlegen. Er zeigt auf, dass zahlreiche wissenschaftliche Experimente, Theorien und Geschichten, die unser vorherrschendes Menschenbild prägen, überholt, manipuliert oder erlogen sind. Obwohl das Buch vor dem Ausbruch der Pandemie veröffentlicht wurde, beschreibt Bregmann anhand anderer Katastrophen u.a. ein Phänomen, dass wir alle im ersten Lockdown erlebt haben und das bis heute anhält.

Thomas Kolle, Schauspieler_Vordergrund_Foto_Stefan Hauer

Bei den Hamsterkäufen zu Beginn des ersten Lockdowns kam die Angst der Menschen vor einem Zusammenbruch der Zivilisation zum Vorschein.  Auch in mir hat der Anblick eines leeren Milch-, Eier-, Nudel- oder Konservenregals, Unbehagen ausgelöst und ich habe mich dazu hinreißen lassen, zumindest ein paar Dosen zuhause zu horten. Ich glaube, die wenigsten konnten sich gegen dystopischer Zukunftsgedanken wehren.

Im Rückblick denke ich mir, unsere Vorstellungen der Zukunft waren und sind das Produkt jahrelanger negativer Berichterstattung, dem schnellen Konsum von Medien und dem Overload an Negativbeispielen aus Büchern, Filmen und Serien über die gesellschaftlichen Folgen einer Pandemie. Die meisten Filme, die mir zu diesem Thema einfallen, beschäftigen sich damit, dass nach Ausbruch einer Pandemie Anarchie herrscht.

Was aber ist wirklich im ersten Lockdown geschehen?

Die große Mehrheit der Bevölkerung, begann sich in der Krise miteinander zu solidarisieren und aufeinander zu achten. In der Zeit des ersten Lockdowns hatte ich mehr Kontakt zu meinen NachbarInnen als in den letzten vier Jahren zuvor. Es wurde einander Hilfe angeboten, Lebensmittel wurden weitergegeben, wir haben für andere Menschen Erledigungen übernommen und andere haben für uns gesorgt. Auf Menschen, die von dieser Pandemie besonders gefährdet sind, wurde entsprechend geachtet. Und die Kriminalitätsrate ging um 46,4 % zurück.

Und auch nach 10 Monaten, in denen mal mehr mal weniger in unser Privatleben eingegriffen wurde und wird, ist es immer noch so, dass sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung an die Maßnahmen hält und aufeinander Acht gibt.  

Es erscheint mir wichtig, im Bewusstsein zu haben, dass die negativen Bilder aus den Medien immer wieder korrigiert und an die Wirklichkeit angepasst werden müssen. Ich glaube, es tut gut, sich immer wieder daran zu erinnern, dass um uns herum Menschen sind, die auf uns Acht geben, uns im Notfall helfen und die „im Grunde gut“ sind, Menschen, mit denen wir auch diese Krise gemeinsam überwinden werden.

Foto_Patrick Wally

Motivation:

Eine große Online-Shoppingfirma wirbt aktuell mit einem mehrstöckigen Werbebanner gegenüber vom Westbahnhof mit dem Slogan „Wir werden uns wieder umarmen“. Ich kann nicht an diesem Plakat vorbeigehen, ohne das Gefühl von Sehnsucht, Sentimentalität und Hoffnung zu verspüren. Perfide ist, dass diese Message von einer Firma kommt, die distanziertes Onlineshopping groß gemacht hat. Dennoch berührt  mich diese Botschaft, wenn ich daran vorbeigehe. Ich fühle mich wahrgenommen in meinen Sehnsüchten und im selben Moment von dieser Firma verarscht.  

Doch die Frage, wann wir uns wieder nah sein können und uns wieder umarmen werden, beschäftigt mich jeden Tag. Was mir Mut macht, ist diese Sehnsucht in Motivation umzuwandeln, die Kraft und Sicherheit gibt. So sehr ich auch wünschte, ich hätte diesen Satz nicht einem Werbeplakat entnommen, muss ich zugestehen, er motiviert mich.

„Wir werden uns wieder umarmen“

Foto_Alexander Gotter

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich sehe es auch so, dass wir als Gesellschaft vor einem Aufbruch stehen und dass wir als Künstlerinnen und Künstler eine wichtige Rolle in diesem Veränderungsprozess haben.

Die gegenwärtige Krise zeigt deutlich die Schwachstellen in unseren Systemen auf. Wir sehen noch deutlicher als zuvor, was an ihnen funktioniert und was nicht, für welche Menschen diese Systeme greifen und welche Menschen nicht ausreichend oder überhaupt nicht unterstützt werden und wie sehr sie auf der Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt basieren.

Alleine, dass fair produzierte und/oder biologische Produkte einen Besonderheitsstatus genießen und noch immer Nischenprodukte sind, zeigt die Schieflage, in der wir uns schon seit langem befinden. Ausbeutung ist aktuell das Grundprinzip auf dem unser Konsum basiert und wir als KonsumentInnen entscheiden, ob wir das weiterhin akzeptieren und unterstützen oder nicht.

Diese Krise zeigt aber auch, was alles möglich ist, wenn der Wille und die Dringlichkeit da sind, etwas zu verändern. 

Ich finde es schade, dass sich die Kunst im gegenwärtigen Prozess weitgehend ins Abseits drängen lässt. Sie fehlt als gesellschaftliches Korrektiv, als Raum in dem Themen, Emotionen und Werte bearbeitet und Perspektiven verhandelt werden können. Wir als Theaterschaffende sollten schnellstmöglich Wege finden, trotz Einschränkungen wieder als Stimme präsent zu sein. Meines Erachtens hat der Auf-Bruch schon damit begonnen, dass diese Missstände deutlich sichtbarer geworden sind und unsere Verantwortung als Künstlerinnen sehe ich darin,  darauf Acht zu geben, dass diese Themen bearbeitet und notwendige Veränderungen umgesetzt werden.

Was liest Du derzeit?

„Im Grunde gut – Einen neue Geschichte der Menschheit“ von Rutger Bergman,

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari,

zwei Bücher, die ich allen sehr empfehle! –

und ich habe gerade begonnen, „Das Theater Meyerholds und die Biomechanik“ von Jörg Bochow zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, dass die Welt geht.“

Thomas Bernhard – Frost

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Thomas Kolle, Schauspieler _ Foto_Eva Mayer

5 Fragen an KünstlerInnen:

Thomas Kolle, Schauspieler

25.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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