„Kunst muss hinschauen und ohne falsche Rücksichten von den herrschenden Verhältnissen erzählen“ Gudrun Lerchbaum, Schriftstellerin _ Wien, 26.12.2020

Liebe Gudrun, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Frühstück – Tee, Obstsalat, Ei, Zeitung – erledige ich vormittags eher Routinearbeiten, es sei denn, ich bin im Endspurt eines Projekts. Danach, setzte ich mich auf den Hometrainer, mache Yoga oder einen ausgiebigen Spaziergang mit Freund:innen oder einer meiner Töchter. Die regelmäßige Bewegung ist neu, eine Notwehrmaßnahme gegen die coronabedingte Reduktion im Räumlichen.

Den Nachmittag widme ich fokussiert dem Schreiben oder anderer Kreativarbeit. Das läuft nicht viel anders als ohne Pandemie. Doch die Verunsicherung durch den lebendigen Austausch mit anderen und die Erkundung neuer Orte fehlen mir als Input. Ich kann auf Erfahrungen zurückgreifen, doch auf Dauer, fürchte ich, werden die Farben entweder flau oder zu grell, wenn mangels realer Erlebnisse kein Abgleich mehr stattfinden kann. Social Media sind ein unvollständiger und unbefriedigender Ersatz. Aber immerhin das.

Abends koche ich und esse mit meinem Mann und wir tun, was man halt tut, wenn man nicht ausgehen darf und Angst vor der Nähe anderer Menschen haben muss.

Gudrun Lerchbaum, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle sprechen. Mir hilft es, gedanklich nicht in den jetzt notwendigen Einschränkungen steckenzubleiben, sondern an die Tage zu denken, in denen wir uns wieder freier bewegen und uns in die Arme schließen werden. Dann werden wir die Möglichkeit haben, es besser zu machen. Hoffentlich nutzen wir sie.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass wir durch die Krise gelernt haben, dass die Menschheit nur mit Solidarität weiterkommt. Und dass wir diese Erkenntnis in eine globale Bewältigung der Klimakrise und für mehr Verteilungsgerechtigkeit einbringen.

Kunst muss hinschauen und ohne falsche Rücksichten von den herrschenden Verhältnissen erzählen, um so Türen zu neuen Erkenntnissen zu öffnen.

Was liest Du derzeit?

Das Alphabet der Puppen von Camilla Grudova, Culturbooks

und

Schnelles denken, langsames Denken von Daniel Kahnemann, Penguin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wohin flüchten wir, wenn uns die Angst vor der Unendlichkeit packt?

Vielen Dank für das Interview liebe Gudrun, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Gerne!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gudrun Lerchbaum, Schriftstellerin

g:textet | Gudrun Lerchbaum . Schriftstellerin.

Foto_Stephan Frisch

16.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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