„Dass wir gerade im Theater essentielle Sehnsuchtsutopien entwerfen können“ Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin_ Kopenhagen _ 31.12.2020

Liebe Mille Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment wegen der Pandemie sieht mein Tagesablauf gleichmäßiger aus als sonst: aufstehen, Kind zur Schule bringen, nach Hause fahren, zweiten Kaffee, virtuelles Morgentreffen im Theater, Mails beantworten und Coronabesprechungen allerart über unterschiedliche Web-Plattformen durchführen. Mich als abenteuersehnsüchtiger Mensch langweilt diese Routine sehr und ich fühle mich wie ein Tiger im Käfig. Selbstredend beunruhigt mich die Situation auch, es trainiert aber auch den langen Atem, was auch was wert ist, – und natürlich auch die Schönheit zu finden in der näheren Umgebung und in den kleinen Verschiebungen im Alltag, und diese zu genießen.

Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kopf nicht verlieren. Ich habe anfangs der Pandemie große Hoffnungen in die Transformation gesetzt, die auch irgendwie zu spüren war. Vor allem als der gesamte Stadt- und Flugverkehr einfach lahmgelegt wurde, haben wir einen Alltag erlebt, den ich in meinem Leben bis hierhin nicht erlebt hatte. Es setzte Freiheit los – nicht für den Stadtmenschen als solchen – aber für die Natur, die tatsächlich reichlich in der Stadt vorhanden ist, da kam urplötzlich ein Drang nach Bodenständigkeit und auch eine gewisse Demut wurde generell spürbar unter den Leuten. Da spürte ich tatsächlich so was wie eine Chance, nicht für mich persönlich, aber für uns als Menschheit. Wenn wir so viel bewegen können, binnen kürzester Zeit, dann gibt es tatsächlich viel (Möglichkeits)Raum nach oben um große Krisen der Gegenwart und Zukunft zu hantieren. Das brachte Hoffnung, und die dürfen wir – in herausfordernden Zeiten wie diesen – ja auch nicht verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Das ist natürlich eine richtig große Frage, doch ich glaube, die Kunst – und damit auch das Theater – wird gestärkt aus der Krise kommen, kann sogar Antworten liefern durch konkretes und spürbares Fragenstellen. Wichtig dabei ist, dass wir gerade im Theater essentielle Sehnsuchtsutopien entwerfen können, die Möglichkeiten für uns Menschen erfassbarer machen. Das ist eine Chance, die wir nutzen sollten, um die Stimme dieses utopischen Ortes zu verdeutlichen. Spätestens durch die Covid-Krise ist zumindest klar geworden, dass ein großes Umdenken gebraucht wird, eine Werteverschiebung, was auch in Taten umgewandelt wird. Vielen war das, glaube ich, auch vorher absolut klar, jetzt ist aber noch dazu deutlich geworden, dass man sich als Politiker*in nicht mehr durch das Argument ‚Realpolitik‘ verstecken kann – es ist tatsächlich möglich die Gesellschaft komplett aus den Gewohnheitsfugen rauszunehmen, sobald die Not lautstark genug an der Tür klopft. Also ran da. Die Entschuldigung untätig zu bleiben scheint futsch. Und für das Theater – ja – da hat die Isolation auch einfach unterstrichen, was für ein unfassbarer Ort und welche herausragende Möglichkeit es ist, gemeinsam mit vielen etwas gleichzeitig zu erleben, was nicht pausiert, wenn du pullern musst, wo der Geist wach bleiben muss um mitzufolgen, wo Gedankenanstöße stattfinden und wo du nach einem gelungenen Theaterabend inspiriert nach Hause gehen und lange davon zehren darfst.

Was liest Du derzeit?

Feder von Ursula Scavenius und Ditte Menschenkind von Martin Andersen Nexö + drei – vier andere Bücher, die gerade Pause machen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe neulich einen Artikel von einem Pyrohistoriker in der Zeitung über unser Zeitalter gelesen, dass alles was wir Menschen schaffen mit dem Feuer verbunden ist. Dass unsere Entwicklung quasi eng mit dem Zähmen des Feuers verbunden ist, und dass wir gerade dabei sind, alle Zeiten gleichzeitig zu verbrennen, nicht nur heutige Landschaften, und dadurch zukünftige, sondern auch die unserer Vorgeschichte; wenn wir z.B. Öl verbrennen. Er meint, wir befinden uns im Gegenteil von der Eiszeit, also in der Feuerzeit, und argumentiert, dass obwohl es durch die Erderwärmung gerade widersprüchlich oder unvorstellbar scheint, sollten wir die prähistorischen Landschaften in der Erde lassen, weil wir es unter Umständen in Zukunft gut gebrauchen können, uns wieder an einem Feuer zu erwärmen, weil die Erde wieder kalt wird. Das war für mich eine neue Perspektive, unsere Zeit durch das Prisma des Feuers zu betrachten. 

Vielen Dank für das Interview liebe Mille Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Mille Maria Dalsgaard, Schauspielerin, Regisseurin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mille Maria Dalsgaard_Schauspielerin, Regisseurin

skuespiller mille maria dalsgaard

Fotos_Karoline Lieberkind, Lieberkindphoto

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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