Es ist Herbst. 1960. Der Sommer ist vergangen wie ein letztes Leben. Erinnerungen, Träume, Leichtigkeit. Jetzt ist die Schwere der Jahre zurück. Im Blick zum See spiegelt sich die nackte Seele und ihre Angst – „Fremde Stimmen dringen aus der Ferne zu ihr herein. Sie hört Scharniere, die quietschen…“. Es ist der Schrank, der Stahltresor, der über Jahre Besitz und Überleben vor Raub und Vernichtung schützte. Geld, Wertsachen und auch Menschen, wenn sich Freunde vor der Polizei verstecken mussten…
Doch jetzt will sie noch alles ordnen. Den Verkauf ihres „Gwatt“, des Sommersitzes am See, in Thun. Sie denkt an ihre Familiengeschichte. Die Rothschild-Dynastie und ihren Weg durch Zeiten in Licht und Dunkel, Freude und Abgrund. Die Gesellschaftsgeschichte. Kunst und Leben. Und die Zeit der Verfolgung, der Angst, der Schrecken. Das Haus erzählt davon. Manchmal still. Manchmal laut. Jetzt ganz leise… – Der Blick zurück – 1894. Brüssel. Die Spielsachen der jungen Betty – „Bald ist es so weit, nur noch ein paar mal schlafen, dann sind wir bei ihren Cousinen in Paris“, sagt Rahel, ihre Gouvernante. Die Welt öffnet sich. Ein Leben beginnt und so viel gibt es davon zu erzählen…jetzt…im Herbst der Jahre….
Die Autorin und Journalistin Franziska Streun legt mit ihrer Romanbiografie „Die Baronin im Tresor“ eine beeindruckende Lebensgeschichte wie ein Panoptikum der Zeit in allen Schattierungen vor, welches in Spannung und mitreißender Erzählweise begeistert. Das Leben der Betty Esther Charlotte Laure Lambert von Goldschmidt-Rothschild/von Bonstetten (1894 – 1902) lässt Glanz, Verfolgung, Mut und Erinnerung von Mensch, Gesellschaft und Zeit anschaulich werden und ist so auch ein Buch zeitübergreifender Verantwortung und Achtsamkeit. Es ist äußerst bemerkenswert wie die Autorin umfangreiches biografisch/historisches Detailwissen mit einem Erzählfluß verbindet, der bis zur letzten Seite gleichsam mitleben lässt.
„Ein Leben und viel mehr als das – eindrucksvoll erzählt und erinnert!“
Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Es hat sich wenig am üblichen Tagesablauf verändert. Ich arbeite in einem systemrelevanten Brotberuf und habe eine Familie. Allerdings fehlen die Besonderheiten. Der Cafébesuch mit einer Freundin, das Wochenende bei den Schwiegereltern, kleine Spontanitäten und größere Pläne. Aber dieses Fehlen ändert nichts am Aufstehen und am Zähneputzen. Höchstens an der Häufigkeit des Haarewaschens und der Nutzung von Make-Up.
Julia Dathe, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht für alle antworten, auch will ich allen nichts anempfehlen. Für mich ist aktuell wichtig, dass bald Frühling wird und ich damit wieder mehr Raum draußen haben werde. Die 2,55m Deckenhöhe sind manchmal schwer zu ertragen. Ferner, dass es Take-away-Essen gibt, dass die Oma geimpft ist, dass ich meine Familie habe. Manchmal ist auch wichtig, dass der Tag nur 24 Stunden hat und einfach herumgeht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Frage klingt, als wären Literatur, Kunst an sich eigenständig, aber sie werden durch ihre Schaffenden ermöglicht und von denen, die ihnen Strukturen und Raum geben. Diese Menschen, wir, müssen dabei als erstes ihre, unsere Rollen behalten. Ferner müssen dazu Strukturen und der Raum aufrecht erhalten werden, nötigenfalls wiedergefunden. Dann können wir uns über die Rollenvergabe an Kunst und Literatur im Aufbruch unterhalten. Bis dahin ist er vielleicht auch da.
Was liest Du derzeit?
Das ist die Stelle, an der man eigentlich Bücher nennt, die man ausgelesen hat, damit man weiß, ob man sie empfehlen kann. Also. Ganz ehrlich. Ich lese gerade nichts. Zumindest nichts zu Ende.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Max Frisch, Fragebogen VI
…
15 Fürchten Sie sich vor den Armen?
16 Warum nicht?
…
Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Julia Dathe, Schriftstellerin
Foto_privat.
1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich glaube nicht, dass mein Tagesablauf von Interesse sein könnte. Er ist nicht einmal für mich selbst interessant, wie also für einen Leser?
Ich kann aber sagen, und zwar nicht, weil es sich im vergangenen Jahr geändert hat, sondern gerade weil es gleichgeblieben ist, dass ich meine Zeit mit dem Versuch zu überleben verbringe, vor allem mit dem Versuch, mich selbst zu überleben.
Eine Sache, die sich dabei aber doch geändert hat, ist die Art, wie ich Kaffee koche. Vor ein paar Monaten musste ich meine italienische Kaffeekocher gegen eine French Press austauschen, und das änderte die Reihenfolge, in der ich das Getränk zubereite, und diese neue Reihenfolge veränderte seinen Geschmack. Außerdem ist es natürlich so, dass früher der Kaffee mit dem italienischen Kaffeekocher ein Espresso war und jetzt, mit der French Press der Wassergehalt höher und der Kaffee eher wie ein amerikanischer ist. Außerdem gieße ich jetzt zuerst die Milch in die Tasse, während ich warte, während ich vorher, mit dem italienischen Kocher, den Kaffee zuerst eingegossen und ihn mit Milch nur gefärbt habe. Auch trinke ich ihn jetzt, vielleicht weil der Kaffee schwächer und fader ist, meist mit Zucker. Vorher hatte ich mit dem italienischen Kocher nur genug für eine Tasse Kaffee, bevor ich eine neuen machen musste. Die French Press ist nun größer und reicht für zwei oder zweieinhalb Tassen Kaffee. Das bedeutet: Wenn ich die zweite Tasse trinke, ist der Kaffee bereits kalt und ich muss mich entscheiden, ob ich ihn so trinke oder in einer Kanne wieder aufwärme. Manchmal mache ich das eine, manchmal das andere. Es kommt auf die Stimmung an. Alles kommt auf die Stimmung an, sagt Fernando González.
Ramona de Jesús _ Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht sagen, was für alle „jetzt“ wichtig ist, tatsächlich erzeugt die Formulierung eines „jetzt“ bei mir mehr Zweifel als Hinweise auf die Zukunft, aber ich denke, es ist immer wichtig, Musik zu hören. Ich habe mich in den vergangenen Monaten auch mehrmals dabei ertappt, wie ich über die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Wut gesprochen habe. Wann haben wir das letzte Mal gesehen, dass jemand auf der Bühne eine Gitarre zertrümmert hat? Vielleicht kamen wir dieser Geste der Nonkonformität und Hilflosigkeit am nächsten, als Kanye West den Auftritt von Taylor Swift bei den VMA Awards 2013 unterbrach, um öffentlich anzuprangern, dass die Arbeit einer schwarzen Frau, sogar von Beyoncé, unterbewertet wird. Dieses Ereignis ist interessant, weil hier nicht nur die Tragödie im Spiel ist, sondern auch ihr Gegenpart die Komödie. Und so frage ich mich auch, was aus Banksy geworden ist, warum man nicht John Cooper Clarke und Cervantes wieder liest.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mir fällt in diesem Moment auf, dass meine beiden ersten Antworten mit einer Negation begannen, was ich symptomatisch finde und beibehalten möchte: Ich glaube nicht, dass wir vor einem „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ stehen. Diese Begriffe implizieren ein Ende des Zyklus und das Kommen einer Regeneration. Es ist zu früh, um die Zeichen zu entschlüsseln, um sie zu lesen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einem unbestimmten und undefinierten Stillstand. Eine Zeit der absoluten Negation, in der die Zukunft, verstanden unter christlichen Heilsvorstellungen, aufgehoben ist. Die Zukunft ist weder gewonnen, noch gesichert, noch wird sie besser sein, noch ein Schlaraffenland, wie Estanislao Zuleta in seinem Essay Das Lob der Schwierigkeit sagen würde. Ich denke, dass eine interessante Reflexion darüber, was der Diebstahl von Zukunft und Hoffnung für das Subjekt bedeuten kann, von Afro-Pessimisten wie Frank Wilderson und Christina Sharpe gemacht wird. Erinnert sei auch an die Figur des Heiligen Sebastian, der zum Schutzpatron der Opfer der Beulenpest erklärt wurde, an einen Baum gelehnt, die Brust von Pfeilen durchbohrt und mit dem Vers: keine Hoffnung, keine Angst.
Was liest Du derzeit?
Ich empfehle immer, Ariana Harwicz zu lesen, natürlich ihre Werke, aber auch ihren Twitter-Account. Mich interessiert vor allem ihre Kritik an dem zeitgenössischen Interesse an einer revisionistischen Vision von Kunst und Literatur; daran, politisch korrekte Literatur zu schreiben und lesen zu wollen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
In dieser Zeit, in der ich so viel Zeit damit verbringe, aus dem Fenster zu schauen, finde ich, dass der beste Textimpuls darin besteht, den Schreibtisch an eine Wand zu stellen.
Vielen Dank für das Interview liebe Ramona,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Ramona de Jesús _ Schriftstellerin
Foto_Bernhard Gruber
22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan sitze ich bereits früh morgens am Schreibtisch und schreibe. Ich bin dann entweder mit journalistischen Arbeiten beschäftigt oder schreibe an meinem neuen Roman. Eine feinsinnige Tragikomödie die mir literarisch und emotional vieles abverlangt. Gerade in Zeiten wie diesen steigt aber das Maß an Verlockung noch mehr, sich in seinem eigenen künstlerischen Schaffen zu verlieren. In der fiktiven Welt eines Romans Asyl zu finden, in der man Handlung und Ende selbst bestimmt.
Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke all das, was auch zuvor schon wichtig war. Woran man hoffentlich wieder vermehrt zu denken beginnt. Menschliche Werte. Besinnung. Menschenverstand. Entschleunigung. Solidarität. Demut. Gelassenheit. Eine gesunde Form von Skepsis. Aber auch eine gesunde Form von Vertrauen. Was wir als Gesellschaft nicht verlieren dürfen, ist die Toleranz gegenüber anderer Meinungen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?
Aufbruchstimmung wird uns sicher weiter bringen als Endzeitatmosphäre, wobei ich Worte wie Neubeginn in diesem Kontext für mich noch nicht zuordnen kann. Ich befürchte eher, dass sich das Rad in derselben Geschwindigkeit und Achse weiterdrehen wird wie zuvor. Es ändern sich bloß die Gegebenheiten aber nicht das System.
Der Kunst an sich wird meiner Ansicht nach eine viel zu große Bedeutung und Verantwortung angedichtet, als sie überhaupt tragen und halten kann. Sie soll sich kein Blatt vor den Mund halten, auch anecken. Aber vor allem soll sie Bühne sein für jene, denen es nicht an außergewöhnlichen Fähigkeiten mangelt. Kunst soll virtuos sein und nicht ein derbes Schlachtfeld politischer Aktivisten.
Was liest Du derzeit?
Ich lese aktuell sehr wenig, da es mir meine zeitlichen Ressourcen nicht wirklich ermöglichen. Aber ich habe mir tatsächlich vor wenigen Tagen ein paar Bücher des Schweizer Alien-Theoretikers Erich van Däniken bestellt, die mir in den kommenden Wochen so manche Zugfahrt versüßen werden. Ich finde seine Thesen sehr originell und spannend. Sie regen meine Fantasie an.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Schicksal malt uns Bilder, die wir in unserer Wahrnehmung bewerten. Das satteste Blau bedeutet gleich wenig Glück wie ein herbes Schwarz-Weiß. Alles Glück, das wir uns wünschen, liegt in einer absurden Betrachtung. Das Leben ist eine Interpretation. Wir müssen bloß lernen, richtig zu interpretieren. Die einzig entscheidende Komponente, die einem Sonnenaufgang seine wundervolle Wirkung schenkt, bist du. Nur du. (Markus Keimel)
Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.
Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.
Ich arbeite so wie immer möglichst viel in meinem Atelier.
Anna Grau, Künstlerin
Anna Grau _ Meister 2, 2015, 250/150, Öl auf Leinwand.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich möchte nicht für andere sprechen, jeder muss für sich selbst entscheiden. Mir persönlich ist jedoch wichtig, mich von den für mich wesentlichen Dingen nicht ablenken zu lassen.
Anna Grau _ Shadows 7, 2020, 120/170 cm, Öl auf Leinwand
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Meinem Empfinden nach gibt es thematisch zwei Wege, die die Kunst eingehen kann. Der erste reflektiert den Zeitgeist, der zweite konzentriert sich auf die großen, ewigen Themen wie Liebe und Tod. Für den ersten Weg bietet die aktuelle Situation sicherlich viele Impulse, auch der zweite kann von ihr profitieren, wird davon jedoch weit weniger beeinflusst. In meiner Kunst konzentriere ich mich hauptsächlich auf den zweiten Weg.
Anna Grau _ Shadows 2, 2018, 120/170 cm, Öl auf Leinwand
Was liest Du derzeit?
Zur Zeit lese ich Frankls „Man’s Search For Meaning“, außerdem viel von Yukio Mishima.
Anna Grau – Lilith 10, 2018, 160/100 cm, Öl auf Leinwand
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich möchte ein Dostojewski-Zitat aus Frankls Buch anführen: „There is only one thing that I dread: not to be worthy of my sufferings.“
Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Anna Grau – Lilith 8, 2017, 120/120 cm, Öl auf Leinwand
Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Die Tage verlaufen sehr ähnlich und das seit Monaten. Schreiben ist die Ausnahme. Vielmehr geht es darum, den Alltag, den Stillstand, die ständigen Verschiebungen, die Verluste, die unruhigen Newsticker und penetranten Pushnachrichten, die geschlossenen Kindergärten, die fehlenden Kontakte, die Sorgen, die Ent- und Beschleunigung geregelt unter einen Hut zu bekommen.
Seit Februar 2020 führe ich ein öffentliches Tagebuch, bei dem die Pandemie im Zentrum steht. Das Schreiben daran ist eine Art Notwehr gegen den Zustand. Ich habe schnell gemerkt, dass mir diese Stunde am Abend beim Ordnen der Eindrücke von innen und außen hilft. Die Arbeit daran schafft ein Gefühl von Kontrolle, lässt mich glauben, dass das, was geschieht, sich in ein Datum tippen ließe, fein säuberlich durch Tage getrennt.
Außerdem schreibe ich seit einiger Zeit zusammen mit der Autorin Nancy Hünger »Mindestnähe«, eine Art Corona-Glossar, das begleitet wird von den Illustrationen der Künstlerin Dana Berg. Beides – Tagebuch und Mindestnähe – sind Anker.
Stefan Petermann, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Natürlich werde ich schreiben: für einander da sein, Mut bewahren, für die Realisierung der Utopien, die am Anfang der Pandemie als Hoffnung zirkulierten, kämpfen, solidarisch sein etc. Aber ich glaube, zu diesem Zeitpunkt geht es auch darum, durchzuhalten, irgendwie durchzukommen, und das mit so wenig Schaden wie möglich.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich weiß nicht, ob es einen Aufbruch oder einen Neubeginn geben wird. Vielleicht ein Gleiten, eher Rutschen zurück in die Nische, in der jeder existiert hat, hoffnungsvoll, dass diese Nische dann noch halbwegs intakt sein wird.
Wenn man Musik, Literatur, Kunst macht, versucht man sich seit Monaten mehr oder minder verzweifelt eine Systemrelevanz einzureden. Und dann kam man zur Supermarktverkäuferin, die sich zwanzig Mal am Tag anbrüllen lassen musste, weil sie nur eine Packung Toilettenpapier pro Kunde verkaufen durfte, oder hörte von der Cousine, dass sie als Ärztin Ostern komplett durcharbeiten musste und im Übrigen die Desinfektionsmittel von der Station geklaut wurden. Dem musste und muss ich dann das eigene Wort oder die eigene Melodie dagegensetzen. Das sind lapidare Probleme, aber weil es die eigenen sind, riesengroße. Und zugleich ist klar, dass man sich von diesen Fragen lösen, und dafür Blicke finden muss, die helfen können, diese Zeit besser zu durchdringen.
Was liest Du derzeit?
Das Jahr 1990 freilegen
Anna Wiener – Code kaputt
Liv Strömquist – Der Ursprung der Welt
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Als ich aufwachte, dachte ich: Ich bin nicht zu Hause. Ich bin hier.«
Susanna Clarke, Piranesi
»how strange it is to be anything at all« Jeff Mangum / Neutral Milk Hotel
Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Adelheid, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie nicht wesentlich verändert, nur manch Treffen oder Abendtermine fallen weg. Ich stehe zwischen sieben und halb acht auf, dann Kaffee, dabei Mailkorrespondenz, Nachrichten beantworten, News lesen, Büroarbeit. Danach geht´s ab ins Atelier. Derzeit arbeite ich sehr intensiv an neuen Bildern – heuer stehen neben Ausstellungsbeteiligungen auch drei große Solo-Shows und ein Kunst am Bau Projekt an. Im Atelier konzentriere ich mich vollständig aufs Malen, es gibt nicht einmal Internet dort, damit mich nichts ablenkt. Der Maltag dauert meist bis etwa 16 Uhr, dann kochen, Hausarbeit, etc… Am Abend erledige ich wieder Computerarbeiten, zB Bildbearbeitung, Layouts erstellen oder Webpage betreuen, schreibe To-Do Listen, sammle Ideen… Ab und an schau ich mir aber einfach einen Film an. Am Wochenende mache ich gerne Wanderungen im Mühlviertel. Das ist für mich der perfekte Ausgleich zur Arbeitswoche – beim Gehen in der Natur bekomme ich den Kopf frei.
Adelheid Rumetshofer _ Künstlerin
Adelheid Rumetshofer _ untitled (Liminal), 90×100 cm, Öl auf Leinwand, IX-2020
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das maße ich mir nicht an zu wissen. Vermutlich, dass wir so schnell wie möglich die Pandemie hinter uns bringen und dann die Scherben einsammeln gehen. Die Kollateralschäden werden enorm sein. Doch es wird Neues entstehen und es wird auch viel Gutes dabei sein, da bin ich mir sicher.
Adelheid Rumetshofer_dark and bright blues, 100x90cm, Öl auf Leinwand, IV-2020
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass uns diese Krise gezeigt hat, wie schnell sich gewohnte Dinge ändern können. Vieles, das wir in den letzten Monaten erlebt haben, wäre vorher undenkbar bzw. unvorstellbar gewesen. Das zeigt uns aber auch, wie fragil unsere gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Systeme sind und wie leicht sie zusammenbrechen können. Es ist jetzt eine gute Gelegenheit dies zu hinterfragen. Bestandsaufnahme zu machen und daraus Schlüsse zu ziehen, halte ich für einen guten Weg. Das gilt ebenso für das System Kunst.
Kunst hat für mich die Aufgabe eines Universalwerkzeuges – sie ist wie ein Schweizer Messer! Kunst kann klären, verstören, Kunst soll Fragen stellen, Antworten geben, unterhalten, sie darf auch langweilen. Ich denke, wir haben gerade in dieser Zeit der kulturellen Unterversorgung gemerkt, dass die Vielschichtigkeit der Kunst uns eine Ahnung vom Menschsein sehr nahe bringt. Und sie, dieses Universalwerkzeug, wird auch mithelfen, die Coronakrise und deren Nachwehen zu bewältigen.
Adelheid Rumetshofer _ untitled (Liminal), 90×100 cm, Öl auf Leinwand, XII-2020
Was liest Du derzeit?
Duft der Zeit – ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens von Byung-Chul Han
und
Die Lehre der Sainte-Victoire von Peter Handke
Adelheid Rumetshofer _ middle deep bright blue, 100×90 cm, Öl auf Leinwand, IV-2019
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Manchmal sehe ich meine Farben, und es sind die richtigen.“
Aus oben genanntem Buch von Handke. Damit meint er wohl, man soll sich auf seine eigene Wahrnehmung verlassen.
Vielen Dank für das Interview liebe Adelheid viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Jonathan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen. Kaffee. Den Kindern Frühstück machen. Den Sohn in die Notbetreuung bringen. Die Tochter in den Online-Unterricht schicken. Die Frau in den Rundfunk verabschieden. Einen Grüntee kochen. Selbst an den Schreibtisch. Unzufrieden mit dem Erreichten vor dem Rechner herumdümpeln. Mathe-/Deutschaufgaben Korrektur lesen. Eine kleine Hofpause anordnen. Zwischenspeichern. Waschmaschine anstellen. Kohlsuppe kochen. Eine Einkaufsliste schreiben. Nochmal an den Schreibtisch. Lesen. Ein Nickerchen machen. Mit dem großen Kind das kleine abholen. Einkaufen. Spielplatz. Kaffeetrinken. Gleise verlegen. Weichen stellen. Dampflok sein. Vergessene Wäsche aufhängen. Sauerkraut aus dem Keller holen. Die zurückgekehrte Frau ebenda vorfinden und umarmen. Gemeinsam das Abendbrot einnehmen. Mit dem Kleinen die Zähne putzen. Sandmann schauen. Vorlesen. Ein Gebet sprechen. Licht ausschalten. Dabei selbst einschlafen. Aufwachen. Die Küche putzen. Über der Zeitung einschlafen. Ins Bett gehen.
Jonathan Böhm , Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ausgiebige Spaziergänge an der frischen Luft und regelmäßig und idealerweise zweimal am Tag: Sauerkraut. Bier in Maßen. Und wenn wir nicht nach draußen können, ist es immer noch wichtig, dass wir uns in unseren schönsten Kleidern vor den Spiegel stellen und uns hemmungslos schön finden. Dabei versuchen, uns in die Augen zu schauen, bis uns die Tränen kommen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Rolle, die ihr immer schon zugekommen ist: zu hinterfragen, wer wir eigentlich sind und sein wollen. Einzeln oder in Gemeinschaft. Dabei muss die Literatur das Leben nehmen wie ein Kellner das Tischtuch, auf dem eine Festgesellschaft Teller mit abgenagten Knochen, eine nach Flieder duftende Grußkarte, fettige Servietten mit Abdrücken soßenbekleckerter Münder, Aschenbecher mit Zigarettenstummeln darin, Blumensträuße und Tassen mit Kafferändern hinterlassen hat und sie muss es zuknoten, und mitnehmen. Und in dem Aneinandegeschmiegtsein dieser groben Gegensätze kann sie dann Schönheit und Anmut finden.
Was liest Du derzeit?
Vítěslav Nezval: Sexuelles Nocturno, Sajath-Nova: Thamam ašchar – Die ganze Welt, Stepahnie Haerdle: Spritzen eine Geschichte der weiblichen Ejakulation. Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling – Feuilletons und Reportagen von 1919-1939, sowie: Das Noma-Handbuch Fermentation: Wie man Koji, Kombucha, Shoyu, Miso, Essig, Garum, milchsauer eingelegte und schwarze Früchte und Gemüse herstellt und damit kocht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus dem Roman Nadja von André Breton: „Und ich werde auch weiterhin in einem gläsernen Haus wohnen, wo alles aus Glas ist, wo ich jeden sehen werde, der über die gläsernen Stufen zu mir kommt, dort, wo ich auf einem gläsernen Bett schlafen werde, und mich mit einem gläsernen Laken zudecken werde, auf dem früher oder später die mit einem Diamanten eingeritzte Inschrift erscheint… Wer bin ich?“
Vielen Dank für das Interview lieber Jonathan viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Jonathan Böhm, Schriftsteller
Foto_Sven Mersiowski
28.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Olivia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan sieht mein Tagesablauf so aus, dass ich als Erstes nach dem Aufstehen mir meinen Kaffee mache und meinen Tag sowie Todos durchgehe.
In Zeiten wie Lockdown bin ich sehr an mein Macbook gebunden und auch künstlerisch sehr inspiriert durch die mediale Welt. Dann begebe ich mich in mein Studio und wandere gedanklich von einem Bild zum anderen. Und dann geht`s los.
Olivia Altmann, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Corona hat uns als Künstler sehr getroffen, da wir vom persönlichen Austausch mit anderen Kollegen, Gallerien, sowie Ausstellungseröffnungen leben. Da reicht die digitale Kommunikation nicht aus. Ein Bild zum Beispiel wird vom Betrachter ganz anders aufgenommen, wenn dieser/diese vor dem Kunstwerk steht. Auch wird sich unsere Zukunft sehr verändern, weil wir Künstler gezwungen wurden mit dieser „neuen Welt“ umzugehen und neue Wege für unseren Austausch finden werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die Kunst wird sich verändern. Wir werden meiner Meinung nach eine neue Ruhe finden, denn am Beispiel Lockdown haben wir alle gesehen wie unwichtig vieles eigentlich ist. Das Konzentrieren aufs Wesentliche wird eine springende Rolle spielen.
Was liest Du derzeit?
Momentan lese ich von C.G. Jung „Archetypen“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Get movin.
Vielen Dank für das Interview liebe Olivia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Michaela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
…sehr dicht! Ich versuche immer sehr früh aufzustehen, Sport zu machen und mir dann ausreichend Zeit zum Frühstücken zu nehmen, bevor ich in die Arbeit fahre. Derzeit bin ich nämlich halbtags als Musik- und Chorlehrerin in einem Gymnasium tätig. Ich bin dann meistens schon gegen Mittag wieder zuhause und widme mich an den Nachmittagen allen künstlerischen Belangen. Momentan male ich sehr viel, aber wenn es wieder mit Konzerten losgeht, nutze ich die Zeit um neue Lieder einzustudieren, etc. Außerdem bin ich gerade dabei neue Songs zu schreiben (Ich habe im Herbst 2019 mit meiner Band „Die Duetten“ unser Debütalbum herausgebracht und es ist einfach Zeit an was Neuem zu arbeiten).
Michaela Khom, Sängerin, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld. Man mag an das Schicksal glauben oder auch nicht, aber ich glaube dieser große Stopp, den die ganze Welt gerade erfährt, war die einzig logische Entwicklung aus diesem ständigen „höher, weiter, schneller“, das in den letzten Jahren wirklich an die Spitze getrieben wurde und ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht ewig so weitergehen kann. In welcher Form die Menschheit jetzt zum Einhalt gezwungen wird, damit hat wohl niemand gerechnet, aber meist passieren die Dinge ja sowieso ganz anders als geplant und trotzdem machen sie hinterher total Sinn. Aber ja, ich glaube Geduld ist das Stichwort, ich steh ja selbst auch die Hufe scharrend in den Startlöchern, möchte endlich wieder auf die Bühne, singen, tanzen, meine Leidenschaft leben. Aber wenn ich sehe, dass viele Menschen gerade ihre Liebsten an diese Krankheit verlieren, oder selbst mit den Folgen zu kämpfen haben, dann muss ich einfach mal meine eigenen Bedürfnisse zurückstecken.
Also: abwarten, beten und die Zeit anders nutzen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das frage ich mich jeden Tag. An schlechten Tagen habe ich Angst, dass das Bedürfnis nach Theater nach der Krise nicht mehr da sein wird, dass Netflix und Co. die Leute an ihre Couches fesseln und sich niemand mehr aufraffen wird, abends ins Theater zu gehen. An guten Tagen denk ich mir, wir haben schon Schlimmeres überwunden. Ich glaube wir sind uns alle einig, dass sich die Gesellschaft gerade wandelt. Aber, vielen ist vermutlich nicht bewusst, dass wir uns ständig im Wandel befinden, vielleicht nicht so deutlich, aber Stillstand per se gibt es nicht. Jetzt krampfhaft an alten Mustern, Gesellschaftsformen, Kunstformen etc. festzuhalten wäre glaube ich nicht förderlich, höchstens frustrierend. Es wird schon alles kommen wie es kommen soll und es wird gut sein.
Was liest Du derzeit?
Also angefangen liegen auf meinem Nachttisch „On Being Human“ von Jennifer Pastiloff und „City of Girls“ von Elizabeth Gilbert. Aber momentan komm ich nicht so viel zum „Vergnügungslesen“, sondern lese viel für Uni und Arbeit, z.B schreibe ich gerade eine Arbeit über den Topos des verrückten Künstlers und lese dafür E.T.A Hoffmanns „Kreisleriana“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gerade geht alles drunter und drüber…ich lehne mich zurück, denk mir lächelnd „S‘Leben“. Wenn man über das Außen keine Kontrolle mehr hat, kann so eine staunend beobachtende und nicht urteilende Haltung helfen nicht durchzudrehen. Und da passt ganz gut ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (übrigens auch ein Zitat aus „Wie ist es möglich da zu sein?“, ein Stück in dem ich mitwirke, das hoffentlich bald in der Theater Arche aufgeführt werden kann).
„Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.“
Rainer Maria Rilke, 8.1.1898, Berlin-Wilmersdorf
Vielen Dank für das Interview liebe Michaela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!