„Ohne Kunst findet Demokratie nicht statt!“ Karin Prucha, Schriftstellerin_ Klagenfurt 21.2.2021

Liebe Karin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Künstlerin, die viel zuhause arbeitet, hat sich der Tagesablauf nicht verändert. Schreiben ist immer eine Art Klausur, in der ich in andere Welten abtauche, genauso wie die künstlerischen Prozesse, in denen ich Neues entwickle. So wie jetzt, ich schreibe am neuen Roman, bereite eine Installation für eine Fotoausstellung vor, konzipiere das nächste Literatur-Projekt im Öffentlichen Raum, plane ein über die österreichischen Grenzen hinausgehendes künstlerisches Projekt mit einer zeitgenössischen Tänzerin/ Choreographin und einer Jazz-Sängerin/ Komponistin, und bin mittendrin in einer künstlerischen Zusammenarbeit mit einer Kärntner bildenden Künstlerin. Meine Gedanken sind frei, ich schreibe, plane, telefoniere von zu Hause aus. Das Schreiben vorwiegend am Abend und in der Nacht.

Karin Prucha, Schriftstellerin, Künstlerin

Was aber gänzlich anders geworden ist, komplett aufgehört hat, ist meine Arbeit am Theater, das Tanzen, die Lesungen und der Kontakt zum Publikum. Das findet nicht statt, das gibt es einfach nicht mehr. Eine Theater-Produktion wurde zum xten Mal verschoben, neue Aufträge gibt es nicht. Das ist hart, auch für das Einkommen. Die Präsentation meines neuen Buches „Anderland. druga dežela“ (mit wunderbaren Übersetzungen ins Slowenische von Ivana Kampuš) steht in den Corona-Sternen. Das ist schon eigenartig, ein Buch veröffentlicht zu haben und es nicht mit Publikum einweihen zu können. Kunst ist nicht für’s stille Kämmerchen gedacht, sondern für die Menschen, für die Gesellschaft! Die Auseinandersetzung, der Diskurs, der direkte Kontakt fehlen, und sie sind nicht ersetzbar!

Hoffnung machen die bereits fixierten Einladungen zu Lese-Terminen im Sommer. Aber auch die sind natürlich corona-abhängig.

Also arbeite ich schreibend und hoffend zu Hause, gehe oft in die Natur, auf Berge, in den Wald, wandernd, fotografierend, nachdenkend Gedanken sammelnd. Es sind die Augenblicke im Selbst mit dem in der Stille entstehenden Glück, die Kraft geben für die Zukunft.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mut, Zuversicht, Freude am Leben! Nicht in Agonie zu verfallen! Und dennoch genau zu beobachten, zu hinterfragen und gegenzuhalten, was da in der Gesellschaft geschieht, was von der Regierung kommuniziert wird und in der medialen Berichterstattung, welche Ängste damit auf den Teller gehoben werden, welche der Corona-Massnahmen widersprüchlich sind und welche Werte diese Massnahmen vermitteln. Zulassen, dass man möglicherweise auf brennende Fragen keine Antworten nach dem Warum hat. Es geht mir selber so, ich nehme Worte, Zustände, Werthaltungen wahr, die der Demokratie höchst abträglich sind, aber nicht auf alles, was ich beunruhigend finde, habe ich eine Antwort zum Dahinter. Und dennoch: wichtig ist, nicht in Angst zu fallen oder in Aggression, wenn das Gegenüber eine andere Meinung vertritt! Ich habe das Gefühl, die Gesellschaft wird zunehmend polarisierter, unsolidarischer und aggressiver. Auf beiden Seiten der Polarisierung Angst. Angst vor dem Corona-Virus und Angst vor den Corona-Massnahmen. Beides verbunden mit den Vorstellungen von qualvollem Sterben oder der Aufgabe des eigenen Selbst. Begegnungen mit Menschen werden wie zu einem russischen Roulette mit Todesfolge umgewertet. Eine unglaubliche entsetzliche Vorstellung, die Angst macht und lähmt! Genau das ist der falsche Weg.

Daher: Nicht die Lust am Leben verlieren! Mit allen Sinnen wahrnehmen, leben, genießen! Die Natur, mit Freunden, lieben Menschen. Und auf die Mitmenschen schauen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ohne Kunst findet Demokratie nicht statt! Ohne Kunst findet Gesellschaft nicht statt! Für Demokratie ist Kunst, Kultur, Literatur so wichtig wie ein Bissen Brot! Dass die kulturellen Veranstaltungen so an den Schluss von Lockerungen gesetzt werden, stimmt mich sehr bedenklich. Aber auch in Vor-Corona-Zeiten hatte es die Kultur schwer. Die freie Szene ganz besonders. Hier wäre ein Umdenken längst angebracht, eine höherdotierte Förderung für die freischaffenden Künstler*innen, Literat*innen und Kulturinitiativen dringend notwendig, die Einnahmen, Arbeitsbedingungen und Strukturen sehr deutlich verbessern.

Ein Aufbruch in eine längst fällige Änderung unseres ausbeuterischen ungleichen kapitalistischen Systems wäre so notwendig und jetzt wäre eine Chance dazu. Wir sehen doch alle, dass unser Planet das Ausnutzen und Missbrauchen nicht ewig tragen kann. Die Menschen auch nicht. Wir brauchen eine solidarische Gemeinschaft, eine lustvolle Gemeinschaft, die sich für das demokratische, ökologische und ökonomische Wohl unserer Gesellschaft einsetzt und es lebt! Ein Aufbruch in eine andere Gesellschaftsordnung, weg vom gewinn- und leistungsorientierten Konkurrenzdenken auf Kosten anderer hin zu Kooperation, weg von Abwertungen anderer hin zu Gleichberechtigung und Frieden. Den Finger auf die offenen Wunden zu legen und die Ungerechtigkeiten zu thematisieren, immer wieder, ist eine der Aufgaben von Kunst, Kultur, Literatur.

Was liest Du derzeit?

„Zorn und Stille“ von Sandra Gugić. Ihre Themen sind Freiheit und Verantwortung, Liebe und Verlust, Herkunft und Selbstbestimmung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wahrscheinlich sind wir alle ebenso verbunden, wie wir voneinander getrennt sind, ob wir es nun anerkennen oder nicht.“ Und ich füge hinzu: Die Verbundenheit bezieht sich auf die Menschen wie auf alle Wesen dieses Planeten. Das Sein im eigenen Selbst ist eine hohe Kunst, ohne das Eigene zu kennen, erkennen wir nicht das Gemeinsame.

Vielen Dank für das Interview liebe Karin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Karin Prucha, Schriftstellerin, Künstlerin

Literaturhaus Wien: Prucha Karin

Foto_Karin Prucha

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Realität ist ein sehr fragiles Konstrukt, das immer auch Fiktion ist“ Alem Grabovac, Schriftsteller_ Berlin 21.2.2021

Lieber Alem, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Roman „Das Achte Kind“ ist vor drei Wochen erschienen. Das mediale Interesse ist groß, ich gebe gerade viele Interviews.

Alem Grabovac_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keep Calm and Carry On.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Realität ist ein sehr fragiles Konstrukt, das immer auch Fiktion ist. Und die Fiktion, die Kunst ist und bleibt die Essenz von Realität.

Was liest Du derzeit?

Die Erzählungen von Juan Carlos Onetti. Bei ihm ist alles so wunderschön düster.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Und der beste, wenn er eins tut, tut er alles, oder, um weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht er das Gleichnis von allem, was recht getan wird.“ Johann Wolfgang Goethe. Wilhelm Meisters Wanderjahre

Vielen Dank für das Interview lieber Alem, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte – besonders auch für Deinen neuen Roman „Das achte Kind“ , der aktuell bei hanserblau erschienen ist – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alem Grabovac, Schriftsteller

Das achte Kind – Bücher – Hanser Literaturverlage (hanser-literaturverlage.de)

Foto_Paula Winkler

9.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Überleben ist jetzt unser Thema“ Augusta Laar, Schriftstellerin_ München 20.2.2021

Liebe Augusta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gedichte lesen, Texte überarbeiten, Online Unterrichten (Klavier), mich um drei alte Damen kümmern, Abrechnungen machen (Schamrock-Festival der Dichterinnen 2020), neue Anträge stellen, schreiben, Musik machen, Schallplatten hören und kaufen, Video-Formate ausdenken, Mikro-Installationen entwerfen, einen Kunstverein gründen, Konzepte für hybride Veranstaltungen machen, die Vögel füttern – klingt alles ganz normal für ein Künstler*innen-und Veranstalter*innen-Leben, ist es aber nicht, es fehlt das Reisen und der persönliche Austausch, es fehlen Berlin, Wien, Italien und New York. Zeitungen lesen, weiterdenken, weitermachen – aufstehen und weitermachen.

Augusta Laar, Schriftstellerin, Musikerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kontakt untereinander nicht zu verlieren, sich einbinden in gemeinsame Projekte (z.B. digital), kleine Gespräche führen mit Nachbarn und Freunden, Telefonieren, Skypen, Mails schreiben, Postkarten schreiben, sich verabreden zu Spaziergängen an der frischen Luft. Einige von uns haben in der Pandemie festgestellt: wer keine Termine mehr hat, hat Raum für Ideen …  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir sehen ja was wichtig ist – in Bayern ist das die Hochkultur, für uns Künstler*nnen das Überleben – Wesentlich wird sein: weitermachen, die Verfassung nicht über Bord werfen, auf die Impfung warten –

Wir können uns klar darüber werden wie außergewöhnlich dieses riesige Angebot an kulturellen Ereignissen bisher war, und was wir davon hatten und haben wollen in der Zukunft. Es wurde wenig Kritik geübt, es wurde viel nach Preisen, Bestsellern und Auktionserfolgen geschielt, jetzt wäre Unterscheidung angesagt, was ist wichtig und was nicht. Wo gibt es Kunst, die wirklich zu mir spricht? Wo fühle ich mich als Mensch unter Menschen? Was kann uns als Gesellschaft weiterbringen?

Die Kunst hat immer die gleiche Rolle, ob Virus oder nicht: sie fokussiert, sie fordert und beglückt, sie ist das Material das uns zusammenhält, das uns differenzieren lässt, sie gibt uns Kraft und Hoffnung, gegen Gewalt und Verzweiflung, gegen die Panik. Die Einsamkeit tut ihr nicht schlecht, Isolation führt zu Konzentration (Bazon Brock). Um die Kunst mache ich mir wenig Sorgen, aber um die Künstler*innen doch sehr. Das Überleben ist jetzt unser Thema. Wer keinen guten Verlag hat und keine Preise und Stipendien, und dennoch Kunst macht, ist für uns alle systemrelevant.

Was liest Du derzeit?

Ich lese (eigentlich schon immer) mindestens zehn Bücher gleichzeitig, quer durch alle meine Gedichtbände im Bücherregal und auf den Stapeln neben dem Bett, Sachbücher über Klang, Musik, das Weltall usw.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Bücher sind ja irgendwie Menschenreste“ – Arno Schmidt

Friederike Mayröcker: „Ich brauche die vielen Bücher, die ich mir jeden zweiten Tag kaufe, um jedes ein wenig anzusaugen.“

Vielen Dank für das Interview liebe Augusta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Lyrik-, Musik-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Augusta Laar_Schriftstellerin, Musikerin, Künstlerin

Augusta Laar (poeticarts.de)

Foto_Alan Grund

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ene men muh, draußt bist du!“ Leo Bauer, Regisseur, Wien 20.2.2021

Lieber Leo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So wie immer. Aufwachen. Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Snack, Snack, Snack. Schlafen gehen. Dazwischen Facebook. Oder Netflix. Oder beides. Oder Essen.

Leo Bauer, Regisseur, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Bitte bewahren sie Ruhe!“ „Gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ „Der Notausgang befindet sich auf der linken Seite!“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, dem Theater, Film, der Kunst an sich zu?

Die Wahrheit zeigen. Verdeckt, offen, ironisch, ernst, malerisch, spielerisch. Jedenfalls facettenreich.

Was liest Du derzeit?

Die Fragen hier! (Okay nicht die originellste Antwort)

Im Ernst? Hauptsächlich Antragsformulare für Härtefonds.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ene men muh, draußt bist du!“ Ein Zitat das jedes Leben ganz gut zusammenfasst.

Vielen Dank für das Interview lieber Leo, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Film-, Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leo Bauer, Regisseur, Autor

Leo Maria Bauer – Unterhaltungshandwerker (wpcomstaging.com)

Foto_privat

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Aufstieg durch Arbeit, gerechte Verteilung, Wohlstand für alle – das müsste eigentlich nur mehr zynisch wirken“ Romina Pleschko, Schriftstellerin_Wien 20.2.2021

Liebe Romina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Verloren. Ich hangle mich von Woche zu Woche und bin immer misstrauischer, was die Zukunft angeht. In der Früh versorge ich die Kinder mit Homeschoolingaufgaben, dann sperre ich mich ins Schlafzimmer ein und schreibe auf dem Bett, als “Schreibtisch” nutze ich ein Frühstückstablett. Wenn die Kinder etwas brauchen, müssen sie sich an meinen Mann wenden, der sich auch seit Monaten im Homeoffice befindet. Wir mögen uns gottseidank noch, aber es ist streckenweise wirklich ein freudloses Leben momentan, das Korsett der Arbeit ist übriggeblieben, der Rest verpufft.

Romina Pleschko_Schriftstellerin, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich nicht davonreißen zu lassen von den eigenen Gefühlen. Zumindest mir gelingt das nicht immer, die Nerven werden eindeutig dünner.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Frage ist, ob diese Pandemie wirklich einen Umbruch einläutet, ob verstanden wird, dass die Freuden des Kapitalismus nur ein gut gepflegter Mythos sind. Aufstieg durch Arbeit, gerechte Verteilung, Wohlstand für alle- das müsste eigentlich nur mehr zynisch wirken, aber es gibt leider so viele Menschen, die noch darauf hoffen, irgendwann teilhaben zu können am elitären Lebensstil der wenigen Profiteure.

Die Kunst kann diese Mythen entzaubern, aber das ist nur eine Facette ihrer unendlichen Möglichkeiten. Sie kann die Menschen durch Umbruchszeiten begleiten, die Seelen aufrauen, damit die Oberflächen poröser werden für die unvermeidlichen Veränderungen.

Was liest Du derzeit?

“Dicht” von Stefanie Sargnagel, das habe ich mir zu Weihnachten gewünscht. Als gebürtiges Landei lese ich mich begeistert durch eine Stadtkindjugend vom Feinsten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Passend zur Pandemie:

Bruscon zu Frau Bruscon, die die ganze Zeit gehustet hat:

“Der einzige Reiz an dir ist der Hustenreiz”

(aus Thomas Bernhards “Der Theatermacher”)

Vielen Dank für das Interview liebe Romina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Romina Pleschko, Schriftstellerin, Schauspielerin

Aktueller Roman:

Ameisenmonarchie – Kremayr & Scheriau (kremayr-scheriau.at)

Foto_Nadine Studeny

10.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich wünsche mir eine differenzierte und respektvolle Gesprächskultur, ja auch und gerade eine Streitkultur.“ Christiane Spatt, Künstlerin_ Wien 19.2.2021

Liebe Christiane, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lasse mir mehr Zeit bzw. habe ich gerade mehr Zeit, die ich mir frei einteile. So gibt es nun auch unter der Woche Tage, an denen ich ausschlafen kann, ohne dass der Wecker läutet, was ich sehr genieße! Ich träume zur Zeit intensiv und schreibe mir die Träume auf, während ich meinen Frühstückskaffee trinke, ohne Kaffee geht erst mal gar nix. Dann lese ich online Zeitung (wahrscheinlich wäre es schöner, wieder „analog“ Zeitung zu lesen..mein Vorsatz, das Rascheln und der Geruch des Papieres fehlt am Computer sehr), beantworte mails und schau auch mal einfach nur in die Luft.

Christiane Spatt_ „Wen die Götter lieben“ 2015

Da ich in meinem Homeatelier arbeite, hab ich es nicht weit zum Arbeitsplatz, genau genommen 30 Schritte (ich hab sie gerade gezählt) und ich bleibe durchaus bis Nachmittag ungekämmt und im Pyjama (außer ich hab ein online meeting, da sollte ich zumindest oberhalb der Gürtellinie ansehnlich sein).

Mein Atelier ist auch mein Fotostudio, das ich im 1.Lockdown dank der Förderungen für KünstlerInnen besser ausstatten konnte mit Fotoleuchten und Hintergrundstativen. Profifotografin bin ich dennoch keine, ich verwende die Fotografie als Medium, um meine Inszenierungen festzuhalten und hätte am liebsten eine Kamera, die alles von selber macht. Auch wenn ich sonst gerne Menschen um mich habe, möchte ich bei der Arbeit alleine sein, und so entstehen meine Selbstportraits mit 10 Sekunden Selbstauslöser.

Mein Luxus zur Zeit ist es, nicht nur auf Ausstellungen und Termine hinzuarbeiten, ich habe mehr Zeit und Muse, etwas zu entwickeln, auszuprobieren, zu spinnen, zu spielen und eventuell auch wieder zu verwerfen. Die Kehrseite der Flexibilität ist die Unberechenbarkeit, ob Ausstellungen und Präsentationen stattfinden können. Seit März 2020 lebe ich, wie die meisten,  mit Absagen und Verschiebungen, die Motivation bezüglich Planung sinkt. Dennoch arbeite ich gerade an Ausstellungskonzepten und Einreichungen, daher sitze ich neben dem Fotografieren, Zeichnen, Malen auch viel am Computer.

Christiane Spatt „dear darling“ 2014
Christiane Spatt_“als ob“ 2020

Mein Yogakurs bei Sabine Müller-Funk (eine wunderbare Yogalehrerin und tolle Künstlerin) findet als Höryoga statt. Seit über 4 Jahren singe ich mit dem einzigartigen Wiener Beschwerdechor (unter der Leitung von Oliver Hangl und Stefan Foidl). Zur Zeit proben wir online, d.h. wir schalten uns alle stumm und hören nur unseren Chorleiter, den ein miteinander klingt verzerrt. Aber immerhin proben wir!

Täglich Frischluft und Bewegung verdanke ich meinem Herrn Hund. Im Frühling habe ich das Radfahren wiederentdeckt, aber ich bin eindeutig eine Frühling/Sommer/Herbst Radlerin, den Winter lasse ich aus. Schmerzlich vermisse ich die Kontakte „in echt“, meine FreundInnen, KollegInnen, die Vernissagen, Kaffeehäuser, Bars, Museen..auch die Malgruppen mit Menschen mit psychischen Erkrankungen, die ich leite können nicht stattfinden. Letztens beim Buchteln holen in der Vollpension mit dem fröhlichen Team kamen mir unvermutet die Tränen, zwischen Freude und Traurigkeit.

Grundsätzlich mag ich Menschen um mich, ich arbeite gerne in Teams, Kooperationen, Netzwerken. Umso mehr schätze ich die „kleinen“ Begegnungen im Alltag, trotz Maske – meinen Schneider ums Eck, die italienische Pasticceria, ein kurzer Plausch mit Nachbarinnen.. Und mein Anker ist meine Familie (inklusive Haustiere). Den Rest erlebe ich in meinen Träumen, wenn ich dann weit nach Mitternacht schlafen gehe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Humor nicht zu verlieren. Und sich nicht vereinnahmen lassen von der Angst, die uns lähmt. Wir sollten es uns möglichst fein machen.

Am meisten bedrückt mich die Spaltung der Gesellschaft und die Abwertung der jeweils anderen Position, das ist an sich keine neue Entwicklung, die aber in Krisen deutlicher wird. Als gäbe es nur schwarz oder weiß und einer hat recht. Ich wünsche mir eine differenzierte und respektvolle Gesprächskultur, ja auch und gerade eine Streitkultur.  Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Kollektivismus, Selbstbestimmung und sozialem Handeln. Und dieses System scheint gerade aus dem Gleichgewicht.

Christiane Spatt_“alles besser“ 2015

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich habe keine Ahnung, wie sich die Situation noch weiterentwickeln wird. Viele stehen jetzt schon vor einem Scherbenhaufen, andere blühen auf, da sie nun viel Zeit haben und weniger Druck. Wir leben in Parallelwelten. Ich wünschte, es fände ein breites Umdenken statt – und wir leben umwelt – und ressourcenbewusst, tolerant, inklusiv und sozial. Davon werde ich heute träumen.

Tatsächlich wäre nun der ideale Zeitpunkt, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu etablieren.

Die Kunst betreffend ist das der Weg, diese ein Stück zu befreien aus der Abhängigkeit vom Kunstmarkt und Marktwert. Denn Kunst ist der Seismograph und Spiegel einer Gesellschaft. Und wenn ich mir noch etwas wünschen könnte, dann dass wir uns endlich von dem Schönheitsbegriff verabschieden, der immer noch als Kriterium für Kunst herumspukt. In diesem Sinne ist mir auch das Vermitteln von Kunst und Öffnen neuer Räume im weitern Sinne ein Anliegen.

Gerade jetzt, wo wir großteils vereinzelt leben und arbeiten, sehe ich die Notwendigkeit, eine individualistisches Weltbild zu überdenken und Chancen in der Hinwendung zu kollektiven und sozialen Handeln. Das gilt auch und gerade im Bereich der Kunst, die auch hier exemplarisch fungieren kann.

Christiane Spatt_“dies alles“ 2017

Was liest Du derzeit?

Ich gestehe – ich bin eine Sonntags-und Urlaubsleserin. Ich lese ausgesprochen gerne Biografisches und Bücher, die mich in bezug zu meiner künstlerischen Arbeit interessieren.

Zur Zeit lese ich „Sechs Lebensgeschichten von Frauen“, Hg Toni Distelberger. Außerdem und immer wieder lese und blättere ich im „Insektenbuch“ von Maria Sybilla Merian. Zur Erheiterung liegt der Katalog „Viral“ mit Zeichnungen von Aldo Gianotti bereit. Joachim Meyerhoff „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist noch in der Warteschleife.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gut, dass ich auch etwas tun kann, nicht nur wünschen und träumen.

In diesem Sinne das Zitat von Louise Bourgeois :

I did everything I could every day of my life!

Christiane Spatt, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Christiane, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christiane Spatt, Künstlerin

Christiane Spatt

Foto_Porträt_Alexandra Hager

Kunstobjekte_Fotos_Christiane Spatt

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Welt muss fairer werden“ Lorena Emmi Mayer, Schauspielerin_Wien 19.2.2021

Liebe Lorena Emmi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor kurzem noch proben, proben, proben.

Jetzt habe ich gerade frei, deshalb schlafen, schlafen, schlafen.

Lorena Emmi Mayer_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhaltevermögen. Zusammenhalt. Gesunder Menschenverstand. Kunst und Kultur.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel/Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke wesentlich wird sein, dass man nach neuen Wegen sucht.

Das bedingungslose Grundeinkommen zum Beispiel halte ich für eine sehr gute Idee.

Die Schere zwischen Reich und Arm wird immer größer, das muss sich ändern. Die Welt muss fairer werden.

Das Theater wird für viele Menschen wieder ein Ort der Reflexion, Phantasie, Stimulation und Freude sein.

Was liest Du derzeit?

Mein Lieblingsbuch 2020: Miroloi von Karen Köhler.

Gerade am Nachtkasterl: die Sommer von Ronya Othmann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Meinungen bestehen aus Gedanken, und nichts ist flüchtiger.

Nichts wiederum zeichnet eine Inflexibilität des Geistes so stark, wie auf seiner angeblichen Meinung zu beharren.

Eine Meinung zu haben und sie nicht zu verändern heißt, sich nicht weiterzubilden. Sibylle Berg in einem Faz Interview

Vielen Dank für das Interview liebe Lorena Emmi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lorena Emmi Mayer, Schauspielerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina _ Wien 15.2.2021

2.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vielleicht endlich einmal die Weichen in die richtige Richtung stellen“ Manfred Bruckner, Schriftsteller_Wien 19.2.2021

Lieber Manfred, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem ich ja auch einen Brotjob hab‘, nicht wesentlich anders als früher. Nur, dass ich halt selbigem jetzt großteils im Home Office nachkomme. Interessant ist natürlich der Wegfall beinahe aller sozialer Aktivitäten, ganz so asozial war ich dann vor dem ganzen Pandemieding doch nicht. Aber es ist bestimmt so, dass ich mit dem Alleinsein immer schon recht gut zurecht komm‘.

Was das Schreiben angeht, gewinn‘ ich auf Grund der Beschränkungen Zeit dafür, weil viel mehr Zuhause. Was aber nicht unbedingt heißt, dass ich deswegen mehr schreibe, weil zu faul und abgelenkt und zu wenig diszipliniert. Aber ich wage zu behaupten, dass ich in Sachen Disziplinierung mit jedem Lockdown besser werde. Möglicherweise schaffe ich dann im übernächsten eine ganze Erzählung, wer weiß.

Manfred Bruckner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß ja nicht, wer dieses uns sein könnt‘, deshalb sag‘ ich vielleicht besser was ich wichtig find‘. Ich denk‘, was man sehr schön miterleben kann, während der Pandemie, ist der Widerstreit zwischen Priorisierung der Ökonomie versus Priorisierung der Gesundheit – und also des Menschen an sich. Wie dabei verschiedene Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich vorgehen und unterschiedlich gut performen – falls man das so sagen kann. Was jetzt wichtig wäre? Vielleicht endlich einmal die Weichen in die richtige Richtung stellen. Also nicht dem Primat der Ökonomie folgen… aber angesichts des Rumors in der Gesellschaft bin ich wiederum nicht so sicher, ob das die Menschen wirklich wollen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich befürchte ja, dass versucht werden wird, nach der Pandemie (falls dieses Nachher tatsächlich eintreten sollte) möglichst schnell wieder in die Spur des Vor-der-Pandemie zu kommen. So als wäre nichts passiert. Man sehnt sich nach der Normalität. Alles soll wieder so sein wie früher, wir hatten schließlich – en gros – ein schönes Leben. Das heißt, alles was an Möglichkeitsräumen während der Pandemie aufgegangen ist und mitunter nachhaltige Verbesserungen für die Allgemeinheit verheißen hätte können, sehr schnell wieder vergessen sein wird. Zur Rolle der Literatur dabei… Raymond Carver hat mal geschrieben: „The days are gone, if they were ever with us, when a novel or a play or a book of poems could change people’s ideas about the world they live in or even about themselves.“ Wenn ich etwas schreibe, dann mache ich das primär, weil ich ein Gefühl transportieren möchte. Und dafür denke ich mir Geschichten aus. Und wenn die Leser:innen dann auch etwas fühlen, dann ist das schon sehr viel.

Was liest Du derzeit?

Die Philosophie des Jazz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt ja diese Geschichte von Coleridges Blume, die geht irgendwie so: Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwandert hätte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand – was dann?

Ich denke, es wäre hoch an der Zeit, zu versuchen, nicht mehr zurück ins Paradies zu gelangen.

Vielen Dank für das Interview lieber Manfred, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Manfred Bruckner, Schriftsteller

bruckner (manfredbruckner.blogspot.com)

Foto_privat.

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Noch wissen wir nicht, wie die neue Normalität aussehen wird“ Timo Kölling, Schriftsteller_ Deesbach/D 18.2.2021

Lieber Timo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen festen Tagesablauf habe ich nicht, auch wenn ich ihn mir gelegentlich wünsche. Ich bin indes ein ziemlich anarchischer Arbeiter. Oft gelingt wochenlang außer Nachdenken und der inneren Vorbereitung und Planung gar nichts – dann wieder ist die Schreibphase da, und ich lasse alles andere stehen und liegen, vermeide jede unnötige Unterbrechung. Die Coronakrise macht sich in meinem Alltag im Grunde nicht bemerkbar, da ich schon immer eher zurückgezogen gelebt habe. Seit bald einem Jahr wohne ich in einem recht abseits gelegenen Dorf im Thüringer Wald. Ich verbringe viel Zeit mit Gehen und Wandern, zum einen, weil ich das schon immer getan habe, zum anderen, weil ich kein Auto besitze und natürlich ständig etwas zu besorgen ist. Hinzu kommt, daß immer etwas im Haus getan werden muß, und daß ich meine Bücher seit ein paar Jahren ausschließlich im Eigenverlag veröffentliche, so daß ich nicht nur mit Schreiben, sondern auch mit Werbung, Verkauf und Versand beschäftigt bin. Auf diese Weise fühle ich mich trotz der Freiheit des Schriftstellers immer sehr eingebunden, wünsche es mir aber auch nicht anders. Was sich täglich sehr einprägt, ist die ruhige Begleitung der Natur. Seit Weihnachten herrscht hier im Bergdorf tiefer Winter, und die manchmal auch bedrückenden Seiten der gewählten Abgeschiedenheit lassen sich kaum von den glücklichen Aspekten unterscheiden. Es ist das normale, gute Leben. Natürlich lese ich täglich die Nachrichten, und dem Grübeln über den Ernst der Lage entkommt man auch hier im ländlichen Abseits nicht.

Timo Kölling, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für die Seinen da zu sein. Ansonsten tue ich mir immer sehr schwer damit, etwas zu sagen, das für alle gelten soll.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Noch wissen wir nicht, wie die neue Normalität aussehen wird. Ich bin davon überzeugt, dass die Literatur und die Kunst sich am tiefsten einprägen und am bereicherndsten wirken, wenn sie, ohne das Zeitgeschehen zu ignorieren, ihren ruhigen Gang weitergehen und sich, um das Wort von Adalbert Stifter hier anzuwenden, ihrem sanften Gesetz überlassen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade den »Abu Telfan« von Wilhelm Raabe zuende gelesen und fange jetzt mit dem neuen Roman von Martin Mosebach an. Außerdem lese ich gerade die Hegel-Biographie von Klaus Vieweg und nebenher recht viel Naturkundliches.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt ein Wort von Leibniz, an das ich nahezu täglich denke. Ich habe es meinem Buch »Romanische Halle« als Motto vorangestellt. Es lautet:

»Wenn nun die Seele in ihr selbst eine große Zusammenstimmung, Ordnung, Freiheit, Kraft oder Vollkommenheit fühlet und folglich daran Lust empfindet, so verursachet solches eine Freude […]. Allein es kann in uns eine unzeitige und unmäßige Freude sein, wenn unsre Lust und Kraft sich erzeiget bei solchen Wirkungen, dadurch folglich andere höhere Kräfte und Wirkungen geschwächt werden […]. Derowegen ist nötig, daß man zwar Freude, aber in solchen Dingen suche, dadurch wir zu beständiger Freude gelangen. Und weil jede Freude nichts anderes ist als die Vergnügung, so die Seele an ihr selbst hat, so müssen wir solche Freudenmittel suchen, dadurch die Seele nicht anderwärts folglich verschlimmert und geschwächt, sondern durchaus verbessert und in ihrem ganzen Wesen erhöhet werde.«

Vielen Dank für das Interview lieber Timo, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ebenfalls vielen Dank fürs Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Timo Kölling, Schriftsteller

Timo Kölling – Offizielle Website des Autors (timokoelling.com)

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mein Buch ist ein Gedankenverarbeitungsbuch, das in Wien passiert ist“ Georg Rauber, Schriftsteller _ Station bei Bachmann 18.2.2021

Georg Rauber_Schriftsteller_Wien

Ha.Ha.Ha.

„Haben sie frischen Fisch?“ fragte Johann den Blumenverkäufer und ging.

(aus: Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021_ebenso alle weiteren Gedichte)

Interview_Georg Rauber: Ich begann 2017 an diesem Buchprojekt zu schreiben, einmal ein Gedicht, dann eine Geschichte oder ein absurdes Sprachexperiment und dies immer wo ich gerade in Wien unterwegs war, in der U-Bahn, in Bars, in Parks und diese Texte sammelten sich und stapelten sich am Schreibtisch.

Dann dachte ich, ich könnte dies als Manuskript zusammenfassen und begann die Texte zu sortieren. Ich habe es dann bei Verlagen eingereicht und es kamen nur Absagen – „Du bist unbekannt und es ist kein Roman“ waren die Antworten. „Leute, die keinen Roman schreiben, veröffentlichen wir nur, wenn sie bekannt sind, und Lyrik bringt finanziell nichts.“ . 

Alles was kein Roman ist, gilt quasi nicht als Buch. Das ist natürlich Unfug.

Kitschig, aber wahr

„“Ich glaub schon, dass Liebe ein Ablaufdatum hat“, sagte er und liebte sie für immer.“

Vor einem halben Jahr kam dann doch ein Anruf vom Kampenwand Verlag mit Interesse an einer Veröffentlichung. Daraus entstand dieses schöne Buch, das Gedichte, Geschichten, „Wortzusammenkünfte“ verbindet. Es ist eine sehr spannende Zusammenarbeit.

Mein Buch ist ein Gedankenverarbeitungsbuch, das in Wien passiert ist. Gedanken auf Wegen durch Wien. Wien erlaubte mir, es zu schreiben.

Ich war viel zu Fuß in Wien unterwegs und mit öffentlichen Verkehrsmittel. Zuhause denkt man anders als in der U-Bahn.

Ich wollte so viele Einflüsse wie möglich sammeln. Menschen beobachten. Nicht vom Turm mit Ausblick sondern mitten im Lebensumfeld. Ich bin mit Intention weggegangen, ca. ab 10% des Buches. Es waren Stationen, auch Nachtwanderungen mit ungefilterten Gedanken, die stark bearbeitet werden mussten.

Der Großteil des Buches ist im Bewegungsradius meines Lebensortes entstanden, mit Abweichungen. Ich hatte immer ein Notizbuch mit.

Regen #2

„Der Regen fällt draußen auf die Straße/Er steht wieder auf und tut so als ob nichts passiert wäre.“

Das Schöne an diesem Buchformat ist, dass es Gedanken zu jeder Tageszeit auffängt. Etwa nach dem Aufstehen, dem Träumen.

Wenn ich jetzt wieder die Wege der Gedanken nachgehe, kommen mir auch Erinnerungen, vielleicht 10 Prozent. Ah, da ist dieser Tisch, da schrieb ich es. Das kommt dann ungeplant. Diese geographische Nostalgie packt einen schon manchmal, aber immer überraschend. Zu 90 Prozent ist aber alles gleich wie immer am Weg.

Lektion eines Spaziergangs

„Gehe beim Beschnuppern einer Blume so nah, als würdest Du eine geliebte Person küssen“

Bewusstes Losgehen war jenes am Abend. Die Nachtwanderung – die Intention: jetzt bringe ich das Buch weiter.

Das Schönste am Schreiben ist der erste Inspirationsfunke. Dann am Besten ein paar Tage warten. Denn am Anfang findet man alles geil was man schreibt. Dann beginnt die Editionsarbeit. Auswählen, einen Rhythmus finden. Es sind also immer zwei Phasen. Von zehn Geschichten bleiben dann zwei, oder eine.

Der effizienteste Mann der Welt

„Mit 2 Jahren schloss er die Schule, mit 3 Jahren die Uni ab. Er arbeitete bis Ende 7 und war mit 8 in Pension. Er fing an Tomaten zu züchten und die Violine zu spielen. Er verliebte sich mit 11 und traute sich mit 13, dies zuzugeben. Er lebte glücklich bis 17, schob ein obligatorisches Jahr der Depression ein und hatte die Vernunft, mit 18 zu sterben.“

Das Schreiben nimmt das Knäuel im Hirn und macht einen Faden daraus. Es ist auch eine Art Therapie, ein Anfang von Verarbeitung von Emotionen.

Jeder Faden kann reißen. Jedes Wollknäuel ist anders. Einfach weitermachen.

Manche Knäuel werden einen Kilometer lang, manche einen Zentimeter.

Wesentlich ist, das Knäuel zu entwirren.

Kunst hilft Positives wie Negatives konkreter zu fassen.

Ein gedrucktes Buch war ein Ziel. Ich würde das gerne weitermachen.

Ich lese gerne und viel und habe es noch nie bereut ein Buch gelesen zu haben.

Ingeborg Bachmann ging von einer rohen Emotion beim Schreiben aus. Da ist nichts gekünstelt. Und dann diese schöne Sprache. Da ist jemand begnadet für die Sprache.

Roher Schmerz, rohe Liebe, wie aus dem Herz gespien, wie gefühlt obwohl es in einer so schönen Sprache ist. Das macht die Ehrlichkeit und Authentizität.

Bachmann fällt mit der emotionalen Tür ins Haus und das respektiere ich sehr.

Das Darstellen von Wahrheit, ich sehe dies als Verbindung zu Ingeborg Bachmann.

Seltsamer Tag

Dann war da der seltsame Tag, an dem ich anfing, deine Stimme wie Graffiti auf Wänden und frei schwebend in der Luft zu sehen.

Ich habe hier im 3.Beziek als Programmierer gearbeitet. Ich habe immer schon nebenbei geschrieben und Schauspiel gemacht, bis ich sagte, ich kündige. Als ich kündigte, wurde am selben Tag mein erstes Gedicht veröffentlicht. Ich ging wie auf Wolken nachhause. Dann gab es harte Jahre, aber ich konnte jeden Tag schreiben, gehen, Eindrücke sammeln. Ich hatte 10 Euro die Woche, aber es war Leben, Schreiben.

Hier im 3.Bezirk sagte ich „ganz oder gar nicht“ zum Schreiben.

Der Kuss

„Und dann war`s plötzlich so und es gab kein Zurück mehr.“

Georg Rauber_Schriftsteller

Georg Rauber, Schriftsteller, Schauspieler _Station bei Ingeborg Bachmann_Wien 1030 _ 2_2021

Alle Gedichte_ Interview_Georg Rauber _ Alle Fotos_Interview_Walter Pobaschnig _2/2021.

Georg Rauber — Georg Rauber

Buchneuerscheinung: Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021.

Georg Rauber, Das Herz ist ein dummer Bastard, aber es weiß was es will. Kampenwand Verlag 2021

Besprechung:

Es ist ein selbstbewusster variantenreicher Sprachweg, den der Wiener Schriftsteller und Schauspieler Georg Rauber in seinem ersten Buch wählt. Die in einem Zeitraum von mehreren Jahren entstandenen Gedankenzugänge zu Welt, Sinn, Sprache und Liebe nehmen in Form von Gedichten, Geschichten und Textexperimenten große Traditionen der Literatur- und Philosophiegeschichte auf und katapultieren diese gleichsam in das 21.Jahrhundert.

Das Augenblick-Phänomen der Erfahrung und Erinnerung, das Gedankenkarussell des Lebens, treten in den Prozess der Reflexion. Und dieses Begegnen und Nachdenken über Ereignis und Geschehen wird in Sprache destilliert, die nicht mehr Treibstoff zulässt als es am Weg braucht. Am täglichen Riesenrad und der Geisterbahn von Welt und Liebe.

Der moderne Mensch stellt sich dem Leben, der Liebe als Kunst, die es zu erlernen, pflegen gilt. Im Gelingen und Scheitern. In Glück und Absurdität. Im Weitermachen. Es ist gleichsam ein aufmerksames Mitgehen, Zeitgeben von Welt und Liebe. Ein Erwarten, Erleiden von Spannung und Wiedersprüchen und Ausschauhalten nach dem Sonnenaufgang, wenn Gedanken ihre Form finden. Die Wirkkraft von Sprache ist dabei zentrale Mitte. Gedankenräume – Sprachräume – Lebensräume. Diese literarische Dreiecksbeziehung trifft bei Georg Rauber punktgenau und fasziniert im lesenden Mitgehen zu überraschenden wie packenden Sprach- und Denkräumen.

Der Schreibtisch von Georg Rauber ist eine faszinierende Raketenstation in Sprache und Experiment und der Wiener Schriftsteller ist ohne Zweifel eine der literarischen Entdeckungen des Jahres.

Walter Pobaschnig 2_2021

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