„Dieser große Stopp, den die ganze Welt gerade erfährt, war die einzig logische Entwicklung “ Michaela Khom, Sängerin_Wien 21.2.2021

Liebe Michaela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

…sehr dicht! Ich versuche immer sehr früh aufzustehen, Sport zu machen und mir dann ausreichend Zeit zum Frühstücken zu nehmen, bevor ich in die Arbeit fahre. Derzeit bin ich nämlich halbtags als Musik- und Chorlehrerin in einem Gymnasium tätig. Ich bin dann meistens schon gegen Mittag wieder zuhause und widme mich an den Nachmittagen allen künstlerischen Belangen. Momentan male ich sehr viel, aber wenn es wieder mit Konzerten losgeht, nutze ich die Zeit um neue Lieder einzustudieren, etc. Außerdem bin ich gerade dabei neue Songs zu schreiben (Ich habe im Herbst 2019 mit meiner Band „Die Duetten“ unser Debütalbum herausgebracht und es ist einfach Zeit an was Neuem zu arbeiten).

Michaela Khom, Sängerin, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld. Man mag an das Schicksal glauben oder auch nicht, aber ich glaube dieser große Stopp, den die ganze Welt gerade erfährt, war die einzig logische Entwicklung aus diesem ständigen „höher, weiter, schneller“, das in den letzten Jahren wirklich an die Spitze getrieben wurde und ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht ewig so weitergehen kann. In welcher Form die Menschheit jetzt zum Einhalt gezwungen wird, damit hat wohl niemand gerechnet, aber meist passieren die Dinge ja sowieso ganz anders als geplant und trotzdem machen sie hinterher total Sinn. Aber ja, ich glaube Geduld ist das Stichwort, ich steh ja selbst auch die Hufe scharrend in den Startlöchern, möchte endlich wieder auf die Bühne, singen, tanzen, meine Leidenschaft leben. Aber wenn ich sehe, dass viele Menschen gerade ihre Liebsten an diese Krankheit verlieren, oder selbst mit den Folgen zu kämpfen haben, dann muss ich einfach mal meine eigenen Bedürfnisse zurückstecken.

Also: abwarten, beten und die Zeit anders nutzen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das frage ich mich jeden Tag. An schlechten Tagen habe ich Angst, dass das Bedürfnis nach Theater nach der Krise nicht mehr da sein wird, dass Netflix und Co. die Leute an ihre Couches fesseln und sich niemand mehr aufraffen wird, abends ins Theater zu gehen. An guten Tagen denk ich mir, wir haben schon Schlimmeres überwunden. Ich glaube wir sind uns alle einig, dass sich die Gesellschaft gerade wandelt. Aber, vielen ist vermutlich nicht bewusst, dass wir uns ständig im Wandel befinden, vielleicht nicht so deutlich, aber Stillstand per se gibt es nicht. Jetzt krampfhaft an alten Mustern, Gesellschaftsformen, Kunstformen etc. festzuhalten wäre glaube ich nicht förderlich, höchstens frustrierend. Es wird schon alles kommen wie es kommen soll und es wird gut sein.

Was liest Du derzeit?

Also angefangen liegen auf meinem Nachttisch „On Being Human“ von Jennifer Pastiloff  und „City of Girls“ von Elizabeth Gilbert. Aber momentan komm ich nicht so viel zum „Vergnügungslesen“, sondern lese viel für Uni und Arbeit, z.B schreibe ich gerade eine Arbeit über den Topos des verrückten Künstlers und lese dafür E.T.A Hoffmanns „Kreisleriana“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerade geht alles drunter und drüber…ich lehne mich zurück, denk mir lächelnd „S‘Leben“. Wenn man über das Außen keine Kontrolle mehr hat, kann so eine staunend beobachtende und nicht urteilende Haltung helfen nicht durchzudrehen. Und da passt ganz gut ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (übrigens auch ein Zitat aus „Wie ist es möglich da zu sein?“, ein Stück in dem ich mitwirke, das hoffentlich bald in der Theater Arche aufgeführt werden kann).

„Du musst das Leben nicht verstehen,

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen

sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,

das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,

drin sie so gern gefangen waren,

und hält den lieben jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.“

Rainer Maria Rilke, 8.1.1898, Berlin-Wilmersdorf

Vielen Dank für das Interview liebe Michaela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Michaela Khom, Sängerin, Schauspielerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michaela Khom, Sängerin, Schauspielerin

Michaela Khom (michaela-khom.at)

Fotos_1 und 6 Jennifer Pöll; 2-5: Birgit Machtinger

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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