„Zu hinterfragen, wer wir eigentlich sind und sein wollen“ Jonathan Böhm, Schriftsteller_Leipzig 22.2.2021

Lieber Jonathan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen. Kaffee. Den Kindern Frühstück machen. Den Sohn in die Notbetreuung bringen. Die Tochter in den Online-Unterricht schicken. Die Frau in den Rundfunk verabschieden. Einen Grüntee kochen. Selbst an den Schreibtisch. Unzufrieden mit dem Erreichten vor dem Rechner herumdümpeln. Mathe-/Deutschaufgaben Korrektur lesen. Eine kleine Hofpause anordnen. Zwischenspeichern. Waschmaschine anstellen. Kohlsuppe kochen. Eine Einkaufsliste schreiben. Nochmal an den Schreibtisch. Lesen. Ein Nickerchen machen. Mit dem großen Kind das kleine abholen. Einkaufen. Spielplatz. Kaffeetrinken. Gleise verlegen. Weichen stellen. Dampflok sein. Vergessene Wäsche aufhängen. Sauerkraut aus dem Keller holen. Die zurückgekehrte Frau ebenda vorfinden und umarmen. Gemeinsam das Abendbrot einnehmen. Mit dem Kleinen die Zähne putzen. Sandmann schauen. Vorlesen. Ein Gebet sprechen. Licht ausschalten. Dabei selbst einschlafen. Aufwachen. Die Küche putzen. Über der Zeitung einschlafen. Ins Bett gehen.

Jonathan Böhm , Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ausgiebige Spaziergänge an der frischen Luft und regelmäßig und idealerweise zweimal am Tag: Sauerkraut. Bier in Maßen. Und wenn wir nicht nach draußen können, ist es immer noch wichtig, dass wir uns in unseren schönsten Kleidern vor den Spiegel stellen und uns hemmungslos schön finden. Dabei versuchen, uns in die Augen zu schauen, bis uns die Tränen kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle, die ihr immer schon zugekommen ist: zu hinterfragen, wer wir eigentlich sind und sein wollen. Einzeln oder in Gemeinschaft. Dabei muss die Literatur das Leben nehmen wie ein Kellner das Tischtuch, auf dem eine Festgesellschaft Teller mit abgenagten Knochen, eine nach Flieder duftende Grußkarte, fettige Servietten mit Abdrücken soßenbekleckerter Münder, Aschenbecher mit Zigarettenstummeln darin, Blumensträuße und Tassen mit Kafferändern hinterlassen hat und sie muss es zuknoten, und mitnehmen. Und in dem Aneinandegeschmiegtsein dieser groben Gegensätze kann sie dann Schönheit und Anmut finden.

Was liest Du derzeit?

Vítěslav Nezval:  Sexuelles Nocturno, Sajath-Nova: Thamam ašchar – Die ganze Welt, Stepahnie Haerdle: Spritzen eine Geschichte der weiblichen Ejakulation. Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling – Feuilletons und Reportagen von 1919-1939, sowie: Das Noma-Handbuch Fermentation: Wie man Koji, Kombucha, Shoyu, Miso, Essig, Garum, milchsauer eingelegte und schwarze Früchte und Gemüse herstellt und damit kocht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus dem Roman Nadja von André Breton: „Und ich werde auch weiterhin in einem gläsernen Haus wohnen, wo alles aus Glas ist, wo ich jeden sehen werde, der über die gläsernen Stufen zu mir kommt, dort, wo ich auf einem gläsernen Bett schlafen werde, und mich mit einem gläsernen Laken zudecken werde, auf dem früher oder später die mit einem Diamanten eingeritzte Inschrift erscheint… Wer bin ich?“

Vielen Dank für das Interview lieber Jonathan viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jonathan Böhm, Schriftsteller

Foto_Sven Mersiowski

28.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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