„Ich hoffe, dass nicht nur die Hochkultur überlebt“ Dolores Winkler, Schauspielerin_ Wien 15.3.2021

Liebe Dolores, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da sich alles dauernd verändert, ist mein Tagesablauf eigentlich stressiger als vorher, und dass obwohl es fast keine Projekte gibt, die dann auch wirklich bis zum Ende realisiert werden. Ich muss auch dazu sagen, dass ich kurz vor dem ganzen Wahnsinn Mutter geworden bin, und das ist natürlich nicht gerade wenig Arbeit. Außerdem ist man auch seitdem Lockdown auf sich alleine gestellt. Die Großeltern fallen seitdem komplett weg, man will ja niemanden anstecken und dann sein Leben lang mit der Schuld leben. Nein danke. Dann lieber Schlafdefizit. Mein Lebensgefährte oder ich – wer DARF denn nun was machen, natürlich nur beruflich, Vergnügen gibt’s ja eh kaum – oder – zahlt sich das aus, oder ist das jetzt nötig? Also, ich glaube alles in allem haben es die freischaffenden noch viel schwerer als vorher. Deshalb sind so Worte – wie „Entschleunigung“ – für Menschen wie mich ein Schlag in die Magengrube; Zeit zum Sinnieren bleibt kaum. Wenn mal aber gar nix ist, versuche ich dennoch eine Struktur zu finden. Das brauch ich, in den Tag reinleben kann ich leider nicht, da fühl ich mich untätig. Wahrscheinlich ist das Quatsch, aber leben im Kapitalismus und Aufwachsen in der Arbeiterklasse hinterlassen wohl so seine Spuren. Außerdem arbeite ich halt auch echt gerne. Allerdings ist es aber auch ein Segen, ich habe so viel Zeit für meine Tochter, wie ich sie ohne den ganzen Irrsinn sonst sicher nicht hätte und sie ist somit eine Corona Gewinnerin weil Aufmerksamkeit ohne Ende. Eigentlich ist es Jammern auf hohem Niveau. Ich fühle mich 24/7 gebraucht, ziemlich wichtig und habe endlos Zeit mit meinem großartigen Kind. Ein paar Zimmer mehr und ein Garten wären halt toll und mehr Hände. Ah, bevor ichs vergesse: YouTube Training mit schwer motivierenden US-Amerikaner*innen versuche ich auch im Alltag zu integrieren. Da hol ich mich mir meine Glückshormone. Und in letzter Zeit war ich auch ein paar Mal Eisschwimmen, auch super. Leider hänge ich zu viel am Handy, auch um mit meiner Mutter in Kontakt zu sein, sie sieht ihre Enkelin kaum und vor allem auch wegen Freunden außerhalb Österreichs.

Dolores Winkler_Schauspielerin, Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, was für alle besonders wichtig ist, ich bin mir auch nicht sicher ob ich es für mich selbst beantworten kann. Aber mir ist momentan wichtig – mich selbst gut behandeln und mir sagen, „Achtung es könnte noch schlimmer kommen und irgendwann wird – nur Arbeiten und Shoppen zum akzeptierten Normalzustand“ also genieße den Jetzt-Zustand. Ich gehe immer vom schlimmsten aus, freue mich dann aber umso mehr wenns nicht passiert. Außerdem passiert sowieso soviel grausliger Scheiss und man sollte sich für die Einsetzen, denen es noch schlechter geht. Die, die keine Lobby haben. Noch weniger als vorher. Es wird ja viel über Empathie gelabert, aber mal ehrlich, sind wir nicht alle Narzissten mit unserem belanglosen Instagram Account und unserem Selbsterfahrungstrips. Es gibt ganz andere Probleme; man muss sich nur die EU – Außengrenzen ansehen, es kann einem nur schlecht werden, bei soviel Herzlosigkeit. Da ists, find ich wirklich nebensächlich, ob die oder die andere Inszenierung zur Aufführung kommt. Alleine aber der Fakt, dass ich das sage, zeigt ja schon, dass ich ebenso priviligiert bin. Meine US-amerikanischen Freunde z.b. sind froh, wenn sie überhaupt Food Stamps bekommen. Was mich aber auch ärgert: nein, es ist nicht alleine Aufgabe des Volks mitzuhelfen, oder sagen wir der Künstler*Innen. Menschen wurden in ihre Positionen als Politiker*innen gewählt – wir sollten uns nicht ständig schlecht fühlen für all den Scheiss auf der Welt. Es gibt gewählte Menschen die für diese Widerlichkeiten maßgeblich mitverantwortlich sind. Sie gilt es anzukreiden, sie gilt es, verantwortlich zu machen. Es bereitet mir schon Sorgen, was momentan politisch passiert. Wenn Fakten nichts mehr wert sind und die Fantasie überhand nimmt. Hier kommt wieder die Kunst ins Spiel, es ist Aufgabe der Kunst, diese Themen, wie auch immer geartet, zu behandeln, verhandeln, übersetzen, in Dialog zu treten. Diese Krise hat ja sehr genau aufgezeigt, was so alles schiefläuft. Es hat die Unterschiedlichkeiten in der Gesellschaft stark verdeutlicht, fast wie eine Lupe. Es ist ja jedem völlig bewusst, dass eine  Pflegerin systemrelevant ist und so sollte sie auch behandelt werden, ich gehe leider davon aus, dass dies nicht passiert und sie leider weiter unterbezahlt und nicht geschätzt wird. Alles ekelhafte auf der Welt wird gerade noch viel deutlicher. Wenn man momentan nicht das Glück hat, zur herrschenden Klasse zu gehören oder einen überdurchschnittlich gut bezahlten Job zu haben, hat man wohl nicht besonders viel zu lachen oder gerade seinen Plan B oder C geschmiedet. Die Tabuisierung von anderen Jobs neben der Kunst sind ja auch so eine Sache. Der echte und wahre Künstler macht ja nichts außer seiner Kunst. Ja, und die Zahnfee kommt auch noch vorbei, oder wie? Bezahle mich ordentlich und ich muss mir nebenbei nicht die Finger schmutzig machen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass nicht nur die Hochkultur überlebt. Das freie Theater, die Subkultur im Allgemeinen ist etwas sehr Wichtiges, und so sollte es auch behandelt werden. Back to normality – was bedeutet das denn, zurück zu unfair verteilten Löhnen, zurück an den Herd? Man sollte weiterdenken, entstauben, und endlich mal das leben was auch in Inszenierungen behandelt wird. Es kanns doch einfach echt nicht sein, dass Frauen im Kulturbetrieb immer noch weniger verdienen als Männer und immer noch unterrepräsentiert in Führungspositionen sind. Qoute – ja, unbedingt. Es fällt mir kein Argument dagegen ein. Um aber ganz ehrlich zu sein, Kunst ist entbehrlich. Sorry to say, aber die Kunst von der wir hier in unserer Bubble reden, ist Spaß und Berieselung für die Bürgerschicht. Ach, ja, vielleicht ist das auch mal Aufgabe der Kunst, nicht nur in den Wohnzimmern der Bourgeoisie anzukommen sondern mal andere Schichten zu erschließen. Diese Frage stellt man sich aber schon lange, sehr lange und diverse Stadttheater haben sich mit Theater in „schlechten“ Vierteln oder“Problemvierteln“ abgemüht, meist erfolglos, weil Theater halt von diesem Zielpublikum überhaupt keine Ahnung hat und auch keine Vorstellung davon, was es bedeutet, nicht mit Kunst und Kultur aufzuwachsen.

Was liest Du derzeit?

Viel weniger als vorher leider. Ich war vorher viel unterwegs, und da hatte ich immer gut Gelegenheit zu lesen, ob im Zug oder im Bus. Jetzt muss ich mich schon am Klo verstecken; und am Abend schlaf ich meistens eh vor Erschöpfung ein oder schau eine Serie zum Runterkommen. Kurzgeschichten eignen sich aber gut: daher: Krisztina Tóth: Pixel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.“

(Didier Eribon)

und weil grad wieder aktuell

„In Österreich ist das Selbstbewusstsein immer über den Sport gekommen. Er wird wahnsinnig überschätzt, gleichzeitig verachtet man Intelligenz und Kunst.“

(Elfriede Jelinek).

Vielen Dank für das Interview liebe Dolores, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-/Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dolores Winkler, Schauspielerin

Foto__Elsa Okazaki

16.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst kann Horizonte öffnen und Kreativität freisetzen“ Harald Gesterkamp, Schriftsteller_Bonn 15.3.2021

Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zum Teil so wie immer, zum Teil völlig anders. Ich lese viel und arbeite an meinem neuen Roman. Das ist im Lockdown nicht anders als sonst. Außerdem arbeite ich weiterhin beim Hörfunk und beziehe Einkommen. Da bin ich privilegiert – vor allem, wenn ich im Vergleich dazu an Schülerinnen und Schülern aus armen Familien denke, die ohne Präsenzunterricht gerade noch mehr abgehängt werden.

Mir fehlen Lesungen, Theater, Museen und natürlich Freunde. Online ist nur ein mäßiger Ersatz. Ich hatte neulich eine Online-Konferenz mit meinen Lektoren. Das war zwar produktiv, aber ich kann mich an diese Formate nur schwer gewöhnen.

Harald Gesterkamp, Schriftsteller, Journalist

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten und den Optimismus nicht verlieren. Sich gegenseitig Mut machen, dass wir es schaffen, unsere Projekte umzusetzen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie bietet theoretisch die Möglichkeit, unsere bisherige Art zu leben und zu wirtschaften einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Ich bin aber realistisch und glaube deshalb nicht, dass dies im großen Rahmen passieren wird.

Doch die Literatur und die Kultur insgesamt sollten zur Reflexion anregen. Künstlerinnen und Künstler können Menschen aus ihrer Welt abholen und mit neuen Überlegungen Horizonte öffnen. Kunst kann so auch bei anderen Kreativität freisetzen. Ich habe zuletzt als Autor an Online-Lesungen teilgenommen, die ausgebucht waren, so dass Interessierte keinen Zugang mehr bekamen. Das heißt, die Menschen dürsten regelrecht nach Kultur. Das ist auch eine Chance. 

Aber eine Bitte habe ich: Schreibt nicht so viele Pandemie-Romane! Mir graust davor, dass womöglich jeder meint, sich literarisch über Corona auslassen zu müssen. Nicht jeder kann und nicht jeder muss „Die Pest“ schreiben.

Was liest Du derzeit?

Ich lese oft drei Bücher parallel: einen Roman, einen Band mit kurzen Texten und ein Sachbuch.

Zurzeit sind das: Terézia Mora: Auf dem Seil

Monika Littau: Von der Rückseite des Mondes – Chinesische Miniaturen

und

Wolfram Wette/Detlef Vogel: Das letzte Tabu – NS-Militärjustiz und „Kriegsverrat“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich kann nicht anders, als glücklich zu sein.“

Der erste Satz aus Terézia Moras Roman „Auf dem Seil“ stammt zwar von 2019, verbreitet aber auch in Pandemiezeiten Zuversicht.

Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Harald Gesterkamp, Schriftsteller, Journalist

Harald Gesterkamp/Schriftsteller und Journalist (harald-gesterkamp.de)

Fotos__1_Heinrich Butler_2_Marvin Rieck

15.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen wieder miteinander sprechen lernen“ Evamaria Schaller, Medienkünstlerin_ Köln 14.3.2021

Liebe Evamaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freischaffende Künstlerin kann ich mir meinen Tag einteilen, doch ehrlich gesagt, mir fehlt Struktur – der zwischenmenschliche Austausch, das Reisen, das Begegnen von Menschen und Kulturen.

Wenn ich in meinem Zuhause-Rhythmus bin wie jetzt, mache ich Yoga, trinke heißes Wasser bis das Klo ruft, lerne ein paar Lektionen Chinesisch, frühstücke und dann setze ich mich meistens (immer) an den Computer zum Abarbeiten von Mails, schneide an Filmprojekten rum, sichte Material, gehe ins Fotostudio, lese, spaziere im Wald.

Gerade schreibe ich mit meiner Kollegin und Freundin Anna Schwingenschuh an einem Drehbuch – einer menstruationsblutigen Komödie. Das Spazieren hilft hier besonders, um Ideen fließen zu lassen, Bilder entstehen. Ich habe schon für die Schule nie im Sitzen lernen können, bin immer wie Mickey Maus ein Loch in den Boden hin-her-gelaufen (in meiner Vorstellung).

Die Tage zerrinnen in zähflüssiger heißer Masse zwischen meinen Fingern, meinem Körper entlang; sie sind gleichförmiger und auch manchmal gefühlt leer. Als Mensch und Performancekünstlerin ist es immer mein nomadischer Drang gewesen zu reisen, Menschen kennenzulernen. Ich bin neugierig, will Neues erkunden. Jetzt erkunde ich meine Toilette, oder die Sitzecke, oder schaue ins Ofenfeuer, oder backe (zu viel) Kuchen, oder esse (zu viel) Erdnussflips, oder prokrastiniere (zu viel). Das ist eigentlich mein letztjähriger Dauerzustand. Todo-Listen wachsen, oft finde ich sie unter den tausend Zetteln am Schreibtisch nicht mehr und beginne eine neue Liste und die alte taucht irgendwann, wenn alle Abgabetermine vorbei sind, wieder auf. Herrlich! Und dann wundere ich mich, dass ich einige Projekte gestemmt habe. Wow!

Eine seltsame Blase hat sich um mich gebildet (nicht Einsamkeit, aber doch eine Form davon) in der Zoom-Gespräche und Social Media-Sessions wie eine zusätzliche Leersaugpumpe wirken. Es ist so, als würde ich immer gegen diese unsichtbare zähflüssige Blase stoßen, in Zeitlupe zurückgeworfen werden, um in Slow-Motion Anlauf zu nehmen und wieder ein Tag, noch ein Tag, Tag, noch ein Tag, Hashtag, Tag, Tag…

bastard I US – #4 Doppelkopf
2020 © Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

– Humor. Dieser kommt durch zwischenmenschliches Beisammensein. Zum Beispiel beim Zaunbier mit den Nachbarn – mein Mann und Künstlerkollege Andreas Gehlen und ich stehen auf unserer Seite zu zweit auf einer wackeligen Stehleiter die fast unter unserem Gewicht zusammenbricht und prosten über den Steinzaun. Auf Lachen kann jetzt nicht verzichtet werden und ich merke, es tut den Menschen so gut, trotz aller gehäufter Krebsgeschwüre, Sterbefälle, Depressionen, Geldpanik…


– Solidarität! Meine Freunde und Kolleg*innen in Myanmar brauchen Unterstützung. Die Berichte vor Ort sind schockierend. Solidarity Performance for Burma Stand against Military Rule! 1 Wir müssen uns engagieren, auch wenn es “nur” eine Performance-Aktion FÜR die Künstler*innen in Myanmar ist, um die sie gebeten haben! Ich habe gedacht, dass Solidarität zunehmen wird, in manchen Fällen ist das so, oft aber nicht. Jede/r arbeitet für sich, menschliche Instinkte, Mitgefühl, gegenseitige Unterstützung nimmt ab, in seltenen Fällen zu. Social Media Kampagnen werden geliked, ohne Mitgefühl zu entwickeln. Nicht nur ich bewege mich in zähflüssigen Blasen – siehe oben…

– Kleine Taten. Howard Zinn wird in dem Film “Noam Chomsky: Requiem for the American Dream” zitiert: What really matters are the countless small deeds of unknown people who lay the basis for the events of human history. These are the people who have made change in the past; they are responsible for making change in the future, too.2 Ohhhhhh yes…!

– Miteinander Sprechen. Viele sind explosionsartig politisiert. Extrem! Das Sprechen miteinander funktioniert manchmal nicht einmal mehr innerhalb von Familien. Tiefe Klüfte, Spalten, Gletscherritzen, Monsterfressen, Brunnenschächte liegen zwischen uns. Wir müssen wieder miteinander sprechen lernen ohne emotional überzureagieren.


– Politisches Bewusstsein. Wir müssen genau hinhören, aktiv sein und bleiben, nicht einschlafen, nicht hinnehmen. Nach der Pandemie muss der Sprachduktus wieder in eine demokratische Form rückgeführt werden. Ich hoffe “wir schaffen das”?!

Heilige Drei Königinnen (Orangen)
© 2017 Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz 


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Performancekunst, der Kunst an sich zu?

“Interessant” ist, dass immer als erstes Kultur und Kunst eingeschränkt werden. Wir als Kulturschaffende produzieren Seelennahrung, Nahrung der Zwischenmenschlichkeit, gesellschaftliche Reflektion, jedenfalls in meiner utopischen Auffassung. Es gibt genügend Ego-Shooter, die von einer Ausstellung zur nächsten hechten, ohne umzublicken. Ich brauche Utopien, diese müssen gefördert werden, damit wir Gesellschaft tragen und weiterentwickeln. Wenn keine Träume und Utopien mehr vorhanden sind… wird es düster, traurig, schlaff, undemokratisch. Demokratie muss gelebt werden und mitgetragen werden! 

Ich frage mich, welche Erinnerungen werden aus dieser (zähflüssigen Blasen)-Zeit bleiben? Was hat es in uns verändert und kehren wir einfach dahin zurück, wo wir gesellschaftlich, politisch, umwelttechnisch, zerstörerisch aufgehört haben?

Welche Ästhetik wird bleiben oder wird nach der Digitalisierungswelle wieder alles haptisch? Debord schreibt beispielsweise, dass er an Ablagerungsspuren der Zeit in einer Stadt, an den Schichten der Erinnerung interessiert ist. Welche Schichten haben sich jetzt manifestiert und abgelagert? Werden wir uns wieder küssen? Und den öffentlichen Raum unser Eigen nennen? Als Performancekünstlerin ist es mein Leben, meine Kunstform, sich zu begegnen, metaphorisch wie körperlich. Ich glaube, dass vor allem performative Künste eine wichtige Rolle spielen, um wieder in die Berührung zu kommen. Grenzen überschreiten! Wagt! Seid solidarisch! Bleibt wach! Die Kunst könnte dies und so einiges mehr schaffen, wenn sie sich nicht oft selbst auffressen würde. Ich hoffe …

ich hoffe sehr…

und so…

Becoming Native – #14 bdsm
© 2019 Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Was liest Du derzeit?

Das ist schlimm, ich muss Bücher besitzen die ich lese! Menschen die Bücher ausleihen und es verbieten, dass sich Rillen in den Buchrücken einlesen, halte ich nicht aus. Das Buch nicht ganz aufschlagen dürfen?! Was?!? Deshalb kaufe ich Bücher, schreibe kleine Zusammenfassungen an den Rand, unterstreiche mit Bleistift. (Es darf nur Bleistift sein!) Früher habe ich nicht parallel gelesen. Das aktuelle Buch musste immer fertig gelesen sein, bevor ich das nächste anfangen “durfte”. Ein kindlicher Zwang, wie das Hüpfen auf nur dunkle und nicht helle Steine oder Pfützen, Striche, Blätter… Jetzt liegen viele angefangene Bücher in Stapeln am Schreibtisch, unterm Tisch, neben dem Bett, im Regal, auf dem Regal, mitten im Zimmer, haha! Ich habe immer ein schlechtes Gewissen den Büchern gegenüber, die so kurz geküsst daliegen, irgendwie respektlos ist das. Die wollen doch geblättert werden! Es geht auch etwas um Geschwindigkeit. Wenn es ein Buch ist, das in 2 Tagen gelesen ist, wie “Freie Geister” von Ursula K. Le Guin – eine utopische Systemhinterfragung, weiß ich, dass ich schneller wieder zu den anderen zurückkehre… “Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus” von Hanno Rauterberg – so schön rosa – ein paar Rillen sind schon in den Rücken gelesen.

Gerade beendet: “Alice Hasters – Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten”. Lesen! Wichtig!

Zwischendurch wird der FALTER… dann eine Biographie der Bildhauerin Camille Claudel… so könnte ich weiter durch die Anfangsstadien der Bücher navigieren, einen Stapel nach dem anderen. Eine Schifffahrt durch das Büchermeer. Manchmal fehlt mir die Geduld, um ein Buch weiterzulesen, wenn das nächste am anderen Stapel so rüberlächelt… die rufen mich dann auch so verführerisch, necken mich. Da bin ich eine Schlampe, eine Fremdleserin, wechsle den/die Buch-Partner*in ziemlich oft. Ich frage mich, ob das bei anderen Parallelleser*innen auch so ähnlich abläuft… oder nur ich ein schlechtes Gewissen Büchern gegenüber entwickelt habe?

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vom Kopf –

„Der Kopf ist jener Teil unseres Körpers, der uns am häufigsten im Wege steht.“ (Gabriel Laub)

in den (politischen?) Gemütszustand –
„Heutzutage schämt man sich beinahe, dass man sich immer noch für Dinge schämt, für die man sich auch früher geschämt hat. (Jacques Tati)

der Wohnung –

“Man kann eine Wohnung auch depressiv aufräumen.” (Hermes Phettberg)

während man nichts tut –

“Zeit [musste] verloren werden, damit sie überhaupt wieder erinnert werden kann.” (Jürgen Ritte)

und meist dabei sitzt –

“Der Stuhl ist ein satistisches Produkt und hat autoerotische Anteile.” (Frank Homeyer)

vorm Fernseher, Computer, Tablet, Smartphone…

(Leere…)

Contra Caducum Morbum (Filmstill)
© 2020, Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Zitate:

1 https://www.facebook.com/437993959909552/posts/1338220666553539/?sfnsn=mo

http://www.dailypublic.com/articles/03292016/noam-chomsky-requiem-american-dream

Link:
www.efeumaria.com

Vielen Dank für das Interview liebe Evamaria, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Evamaria Schaller, Künstlerin

www.efeumaria.com

Aktuelle Ausstellung >KRATZIEN< Michaela Polacek / Evamaria Schaller 19. Februar bis 6. April 2021 Galerie 3 / Alter Platz 25 / 9020 Klagenfurt https://www.galerie3.com/

22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Corona hat uns die Einsamkeit und die Stille gezeigt, wie auch die Werte unserer Beziehungen“ Kinga Toth, Künstlerin_Ungarn 14.3.2021

Liebe Kinga, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan bin ich überraschenderweise in Ungarn, sowas ist in den letzten 8 Jahren nicht passiert, dass ich so lange hier bin. Seit Ende Juli bin ich „zu Hause“, wegen der Corona konnte ich nicht in der Schweiz bleiben, meine Auftritte wurden abgesagt, ich landete in einer ziemlich schwierigen Situation. Ungarnzeit ist spannend, ich hatte zwei Ausstellungen, mache viele aktivistische Arbeit, habe mit KollegInnen Ungarns erste Organisation für Frauenrechte-Frauenrepräsentation in der Literatur gegründet, daneben organisiere ich und versuche „on the top of the water“ zu bleiben. Ich arbeite von frühmorgen bis spätabend: zooms, meetings, organisieren, installieren, malen, Ausstellungsarbeit, Musik kreieren – Gott sei Dank gibt es noch einige Projekte, wo ich teilnehme, inspiriert werde und kreiere – und ein bisschen Geld verdiene.

Kinga Toth, (Sound)poet-illustrator, writer, translator, performer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sicherheit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hoffnung und Empathie.

Die Frage ist schwierig, ich bin jetzt in einem sehr unsicheren Land, das ich mal mit Absicht verlassen habe. Die Situation hier (sowohl politisch, als auch mental und existential) sehe ich katastrophal, aber! Damit habe ich nicht gerechnet, vielleicht habe ich es auch sogar vergessen, was für unglaublich tapfere und kreative Leute hier in der Kunstszene-Literaturszene (ich mag diese Szenen voneinander nicht trennen) gibt, was für „movements“ hier kreiert werden, wie bunt die ungarische Kultur ist, wie spannend die Veranstaltungen sind. Oft denke ich daran, wie schön es wäre, falls wir wirklich gleich sein könnten, falls diese movements gefördert sein könnten und Demokratie wäre „normal“, sogar langweilig. Reden sollten wir miteinander, viel mehr zuhören – und es passiert schon. Corona hat uns die Einsamkeit und die Stille gezeigt, wie auch die Werte unserer Beziehungen, unsere Freundschaften, unsere Gespräche. Die Frage ist, was wir mit dieser Lehre machen?

Was liest Du derzeit?

Dunkelschwester über Annemarie von Matt und Sakrale Kommunikation

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Mehr Luft!“ ist der Titel des Gedichts von Ungarns meist bekannten Autor, Attila József

Atmen, Natur, Stille

Vielen Dank für das Interview liebe Kinga, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kinga Toth, (Sound)poet-illustrator, writer, translator, performer

Kinga Toth / visual- and sound poet, writer, performer, translator  

Foto_Borbala ZErgi

14.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„We look to particular works of art, and to art in general, to renew and change our lives“ Mischa Mangel, Schriftsteller_Berlin 14.3.2021

Lieber Mischa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Kaffee, Dusche, Meditieren, Schreibtisch, ggf. Online-Meeting, Schreibtisch, Mittag, ggf. ins Freie, Schreibtisch oder ins Online-Seminar, ggf. Haushalt, Schreibtisch, Abendessen, ggf. Haushalt, ggf. Bewegung/Sport, danach kommt es darauf an, und auch werden die Stichworte hier teilweise anders und spontaner kombiniert. Oft aber ist es tatsächlich recht ähnlich.

Mischa Mangel, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gleichmut. Freundlichkeit, anderen, uns selbst gegenüber.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hm. Kann ich auch Jane Hirshfield antworten lassen?

»We look to particular works of art, and to art in general, to renew and change our lives. Alteration – a changed state of being, a changed state of feeling and comprehension – ist what we have built art’s cupboard to store.« (Jane Hirshfield, Poetry, Transformation, and the Column of Tears)

Was liest Du derzeit?

The Writing Life von Annie Dillard, Der Tod des Iwan Iljitsch von Leo Tolstoi, Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger, Gedichte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Zucker!« (Wolfram Lotz, gefunden bei Dorothee Elmiger)

Vielen Dank für das Interview lieber Mischa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – vor allem auch für Deinen aktuellen Roman – und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Mischa Mangel, Schriftsteller

Ein Spalt Luft: Roman von Mischa Mangel – Suhrkamp Insel Bücher Buchdetail

Foto__Kathrin Bach

15.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass manche mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen)“ José Oliver, Schriftsteller_ Hausach/D 13.3.2021

Lieber José, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage und Nächte haben sich seit der Ausgangssperre in Baden-Württemberg strukturell noch einmal stark verändert. Die rigorose Einschränkung durch die Vorgaben zu den sozialen Kontakten sind ja schon unerträglich genug und dann auch das noch: Ab 20 Uhr wurde uns hier im Südwesten ja quasi bis zum 11.Februar 2021 ein „Hausarrest“ verordnet. Der frei verfügbare Tag wurde deshalb zu einem gefährlich engen, schier erstickenden geistigen und körperlichen Korsett. Mal sehen, wie es weitergeht … Ich empfinde das als sehr große Belastung, der ich psychisch nicht immer gewachsen bin. Also lasse ich die Tage und Nächte manchmal auch zu einem guten Teil auf mich zukommen, kümmere mich um meine Mutter – ein Halt! –  und plane, in motivierten Phasen, hoffentlich corona-intelligent genug, die 24. Ausgabe des Hausacher LeseLenzes 2021.

Ich denke viel nach, lese, schreibe, collagiere, organisiere (weiter) und bitte mich selbst darum, alles einigermaßen unversehrt zu überstehen. Wenn meine Emotionen und meine Gedanken zu sehr miteinander kämpfen, gehe ich den Wald – wider die Einsamkeit. Dann treffe ich Entscheidungen und „informiere“ mich diesbezüglich: allerdings erst einen Tag später. So wie das im Augenblick zwischen den Executiven und den Parlamenten ja die äußerst fragwürdige politische Praxis geworden ist.

José Oliver, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Spannend dieses „uns“.  Die Frage beschäftigt mich seit längerem. Wer ist dieses „uns“? Ich habe den Eindruck, dass manche in unseren Gesellschaften mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen). Kultur in all ihren Facetten ist seit geraumer Zeit wohl mit einem wie auch immer gearteten „uns“ nicht gemeint. Insofern: Wach bleiben, um noch wacher zu „w:erden“.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die der Freiheit. Die Freiheit, die Kunst der Freiheit zu verteidigen, indem sie in all ihren Ausdrucksformen präsent „b:leibt“.  Wie sagte Calderón de la Barca so treffend: „Ich war ein Narr und was ich gesehen habe, hat mich zu zwei Narren gemacht.“

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein Vielleser, um nicht zu sagen ein Lesesüchtiger. Ich hänge quasi an der (Bücher)nadel! Im Augenblick versorgen mich: # BLACK LIVES MATTER von Patrisse Khan-Cullors; SEIN REICH von Martin Schäuble und DISCOVERY PASSAGES von Garry Thomas Morse und immer wieder deutschsprachige Lyrik (u.a. Lütfiye Güzel, Dagmara Kraus, Marie T. Martin und Jan Kuhlbrodt).  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich weiß nicht, bist du der Durst oder das Wasser auf meinem Weg“ (Antonio Machado)

Vielen Dank für das Interview lieber José, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

José Oliver_Lyriker, Essayist, Übersetzer, Festivalleiter des Hausacher LeseLenzes.

José F. A. Oliver (oliverjose.com)

Foto_Privatarchiv Oliver

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Theaterbesuch ist nicht zu ersetzen“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _Wien 13.3.2021

Liebe Valerie Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich hatte das große Glück, von Anfang Jänner des Jahres bis Anfang März proben zu können. Das hat sehr gutgetan, die letzte Produktion liegt doch schon ein paar Monate zurück, die war vor dem Lockdown im November 2020. Und nach einer langen Zeit des intensiven physical distancing war es einfach wunderschön, wieder mit anderen Menschen im selben Raum arbeiten zu können. Da richtet sich der Tagesablauf dann meist nach den Proben, und alles andere wird rundherum eingeteilt.

Valerie Anna Gruber_Schauspielerin

Ich schlafe gern viel und lange, und die reduzierten und unregelmäßigen Termine haben es möglich gemacht, dass ich auch manchmal am Vormittag noch im Bett liege… trotzdem muss man darauf achten, ein bisschen Routine beizubehalten, und so ist das tägliche bewusste an die frische Luft gehen ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs geworden.

Dann stehen auch noch andere Dinge auf dem Plan, wie etwa Bewerbungen schreiben, Gesangsstunden, an zukünftigen Projekten arbeiten – ich finde mir eigentlich recht leicht eine Beschäftigung. Abends wird dann meistens gekocht und entweder ferngesehen (was ich vor der Pandemie nur noch selten tat), einfach geplaudert oder auch mal ein Brettspiel gespielt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wachsam und achtsam zu bleiben. Ich erwische mich selbst oft dabei, wie ich einfach in den Tag hineinlebe und ihn an mir vorbeiziehen lasse, weil die Tage oft so eintönig und gleich wirken – und am Ende so, als ob sie gar nicht wirklich stattgefunden hätten. Das ist schade, denn es gibt viele Dinge, die auch jetzt schön sind und über die man sich freuen kann, wenn man nur hinschaut.

Auch wachsam zu bleiben gegenüber all den negativen Gefühlen, die da auftauchen – die Situation ist für uns alle sehr fordernd, und hin und wieder muss man einfach auch zulassen, dass man sich wütend oder niedergeschlagen fühlt. Es gilt auch wachsam und kritisch zu bleiben, was die immer neuen Maßnahmen und Regeln betrifft, die bestimmt gesundheitspolitisch wichtig sind, aber deren Auswirkungen auf die Demokratie, die Freiheit und die Psyche viel zu wenig beachtet werden. Außerdem ist es wichtig, achtsam zu bleiben gegenüber den Mitmenschen, obwohl sich der Kontakt stark verändert hat. Und am Allerwichtigsten ist es, nicht den Humor zu verlieren!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir sollten uns überlegen, wie wir weitermachen wollen. Ist es wirklich erstrebenswert, dass „alles wieder wird wie vorher“? Was bedeutet das? Noch mehr, noch schneller, noch unmenschlicher? Ich mag die Entschleunigung, die die Pandemie in der Gesellschaft bewirkt hat. Im Alltag davor hatte ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. Das hat Corona ziemlich unsanft unterbrochen. Auch den Konsumwahn – es war selbstverständlich, dass alles immer verfügbar ist. Und ich habe bemerkt, wie viel ich davon eigentlich gar nicht brauche.


Dafür habe ich die spärlichen Treffen mit nahestehenden Menschen wirklich zu schätzen gelernt. Ich finde erschreckend, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben, niemanden zu umarmen und niemandem die Hand zu geben, zu allen Menschen auf Abstand zu gehen und sie mitunter auch als potentielle Bedrohung wahrzunehmen. Mit dieser Konditionierung werden wir in Zukunft als Gesellschaft umgehen müssen, und ich hoffe sehr, dass wir Nähe bald wieder als etwas Schönes wahrnehmen können.


Die Pandemie hat auch gezeigt, welche Berufe im Ernstfall wirklich wichtig sind. Ich würde mir wünschen, dass diese in Zukunft nicht nur mehr Anerkennung, sondern auch eine gerechtere Bezahlung bekommen.


Es ist mir aber auch sehr wichtig, dass anerkannt wird, welchen Beitrag Kunst und Kultur für die seelische Gesundheit leistet und, dass man darauf nicht so einfach verzichten kann.

Für das Theater wünsche ich mir, dass man sich so bald wie möglich rückbesinnt auf die Bedeutung einer Live-Performance. Theater ins Internet zu verlegen macht vielleicht notgedrungen Sinn, aber ein Stream oder eine Zoom-Lesung können einfach einen Theaterbesuch nicht ersetzen. Wenn Schauspieler mit einem Publikum im selben Raum sind entsteht eine Energie, die man nur in diesem Rahmen erleben kann.

Was liest Du derzeit?

Zu seinem 10. Todestag habe ich begonnen, die Biografie von Peter Alexander zu lesen, einem großartigen Künstler, der mich schon immer inspiriert hat.
Durch meine aktuelle Theaterproduktion, „Die Schamlosen“ in der TheaterArche, lese ich derzeit auch privat gerne Daniil Charms. Seine Texte sind so absurd, dass sie fast an die Absurdität unserer aktuellen Realität herankommen…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann. – Antonio Gramsci

Vielen Dank für das Interview liebe Valerie Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

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Fotos_Mode_Styling: Valerie Anna Gruber.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig: Cafè Prückel_Wien_3_21

28.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Irritiert bis erschüttert, dass man nicht die Grundlagen für eine Pandemie wie diese hinterfragt“ Angelika Reitzer, Schriftstellerin_ Wien 13.3.2021

Liebe Angelika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Äußerlich hat sich nicht so viel geändert, Schreiben, Lesen, Laufen. Zwar kann ich jetzt länger schlafen, weil der Teenager nicht mehr oder kaum in die Schule darf oder muss, je nachdem (schon verwunderlich, was man sich auf einmal zu wünschen beginnt…). Nur dass Schreiben, Lesen, Laufen jetzt Inseln sind inmitten von … allem oder eben nichts. Es fehlen Begegnungen, absichtliche, zufällige, Inspirationen, Auseinandersetzungen (… mit Menschen, mit der Kunst anderer, mit Kultur), Widersprüche, aber auch Unterwegssein, das Bewirten und Bewirtet-Werden.

Angelika Reitzer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Frage verstehe ich nicht oder kann sie zumindest nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wer dieses wir/alle sind.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob wir wirklich vor einem Aufbruch stehen, weiß ich nicht, befürchte doch eher, wir sind ein- oder ausgesperrt, teils depressiv, armutsgefährdet, allein, irritiert bis erschüttert darüber, dass man nicht die Grundlagen für eine Pandemie wie diese (neoliberaler Globalisierungsparforceritt) hinterfragt, sondern nur wieder das alte Fast-Normal zurückhaben will.

Sinn und Existenzgrundlage von Kunst liegt immer nur in ihr selbst, sogar wenn sie politisch ist oder agitiert. Dennoch können wir Forderungen stellen, die nicht mit dem Faktor der Wirtschaftlichkeit argumentieren, sondern nach einer Grundsicherung aller, die Künstler*innen könnten hier vorangehen.

Was liest Du derzeit?

„Das vorläufig Beibende“ von Elfriede Gerstl, Gedichte von Thomas Kling und „Triceratops“ von Stephan Roiss, das fetzt alles sehr!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerstls Gedicht „einem vorwurf vorauseilend // ich habe keine ahnung / wie gut es mir geht / jetzt habe ich eine ahnung / dass ich keine ahnung habe / wie – bitte – geht es mir“

Vielen Dank für das Interview liebe Angelika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Angelika Reitzer, Schriftstellerin

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Foto_privat.

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Farbe muss sich erst wieder in das Bild zurückkämpfen“ Christopher Ray Colley, Künstler_Ulm/D 12.3.2021

Lieber Christopher, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt um 7 Uhr, ich mache einen Telefonspaziergang mit einer Freundin, wir sprechen über Neuigkeiten, was uns motiviert und über dies und das ! 

Danach gibt es  Porridge und Kaffee, dazu schaue ich die Tagesschau vom Vorabend!

Ich gehe an meinen Schreibtisch und beginne mich mit der Ästhetik, der Kunstgeschichte und Kinderzeichnungen zu beschäftigen und zu studieren.

Über eine Videokonferenz, analysiere ich mit Kommilitonen kunstwerke und wir diskutieren. Von Picasso, Kandinsky über den Kontrapost bis zu der ägyptischen Kunst.

Danach koche ich und es gibt meinen zweiten Kaffee.

Freitags geht es in die Kunsthochschule und ich arbeite weiter an meiner Tusche- und Kohlezeichnungen zu dem Thema /LOCKDOWN/. Dies ist mein Highlight.

Bevor die Sonne untergeht, jogge ich noch eine Runde an der Dreisam oder im Schwarzwald.

Zwischendurch organisiere ich Ausstellungen, Treffen mit Zeitungen und halte meine social community auf dem Laufenden.

Am Abend koche ich noch mit meinen Mitbewohnern, reden über den Tag und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

Christopher Ray Colley, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt, Kreativität, Inspiration, Motivation, Ziele, Gesundheit, Freunde und Familie

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich bin der festen Überzeugung, Kunst trotzt Corona!

Kunst ist in dieser Zeit so wichtig wie noch nie!

Meine Kunst, meine Kreativität und meine großen Ziele sind meine Waffe, ich möchte Menschen inspirieren und motivieren!

Ich merke, dass die Menschen Lust haben über Kunst zu reden, Ausstellungen zu besuchen und Kultur erleben möchten!

#ohnekunstwirdsstill

Die Kunst wird sich verändern, genauso wie die Kunstszene!

Meine Bilder haben sich verändert. Die Farbe muss sich erst wieder in das Bild zurückkämpfen und ein Licht am Ende des Tunnels wird hoffentlich bald wieder zu sehen sein!

Jetzt ist es wichtig die Geduld nicht zu verlieren, es ist wichtig zu kämpfen und durchzuhalten!

Denn die Kunst wird wiederkommen!

So farbenfroh und motivierend wie noch nie zuvor!

Was liest Du derzeit?

Aufgrund der Tatsache, dass ich gerade in der Prüfungsphase in meinem Kunst– und Mathestudium bin, fehlt mir die Zeit ein Buch zu lesen.

Jedoch habe ich die Empfehlung meines Kunstdozenten das Buch:

/30 000 Jahre Kunst/ zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

/JEDER VON UNS IST KUNST, GEZEICHNET VOM LEBEN/ Casper _ Unzerbrechlich

Vielen Dank für das Interview lieber Christopher Ray, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Christopher Ray Colley, Künstler

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Fotos_Christopher Ray Colley

14.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen“ Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller _ Wien 12.3.2021

Lieber Maximilian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zunächst mal recht früh aufstehn, dann meine Freundin nochmal gescheit zudecken, je nachdem, die schläft dann noch zwei Stunden, die Schlafmütze, und mir einen Kaffee holen gehn. Das aber so oder so. Kein Tag ohne Kaffee. Und wieder mit dem Rauchen begonnen, also eher versuchen wieder damit aufzuhören, bei meiner ersten Tschick zum Kaffee. Klo gehn, mich dort derweil über tagespolitische Sachen auf Facebook und Konsorten aufregen, mich über die Regierung aufregen, und über Internetnutzer*innen im Allgemeinen. Aber bloß kurz nur. Erst danach beginnt so richtig mein Tag.

Setz mich an den Schreibtisch, mach Sachen für die Uni, schieb sie doch auf, mach sie dann trotzdem, meistens, oder so. Und schreiben, ganz viel schreiben. Gegen die inneren Zustände anschreiben, von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen, so viel wie geht, das aber trotzdem eigentlich im Stillen in meinem Zimmer, und hoffen dass die Hoffnung mal aufgeht, naja.

Spazieren geh ich auch recht viel, zu unterschiedlichen Zeiten am Tag, Corona hat ja Struktur so ziemlich im Privaten wie im Öffentlichen weitgehend aufgelöst, also zuverlässige, dementsprechend der ständige Versuch, Struktur einzuführen in mein Leben, von Tag zu Tag. Aber halt Spazierengehen. Und die Unruhe. Die Unruhe an der Unruhe, und das kratzen daran. Ein wenig Werther spielen und sich leidenschaftlich auf die Nerven dabei gehn, die Strukturentleerung durch Corona und die Rigidität der monotonen Gleichförmigkeit jeden Tages ohne Möglichkeit zum wirklich mal was machen (kann man ja jetzt ENDLICH wieder ins Museum gehn, yay) lässt mich halt mich in meine eigenen Dramen mehr reinsteigern, beziehungsweise Dramen zu erzeugen, wo bloß vielleicht Mücken, eigentlich. Und dann das wieder erschreiben.

Und dann doch wieder ein klein wenig Exzess, ein zwei Bier am Abend, egal welcher, die Wochentage haben für Studierende und Schreibende ja herzlich wenig Bedeutung, also jetzt nicht jeden Tag und nicht die ganze Zeit, ach, ich meinte halt auch hin und wieder unter der Woche. Und dann wieder das Reflektieren des Exzesses und eventuell die nächste Wertheraktion. Hab mir meine Haare abrasiert, hab mir zwei Piercings gestochen, hätte gerne eine Tätowiermaschine zuhause. So wird mir eigentlich eh nie wirklich fad. Zumindest aber nicht meinen Mitbewohner*innen und meiner Freundin. Ein wenig Inszenierung halt und ein wenig Spaß. Also nix mit fad die meiste Zeit über, außer manchmal dann beim Schreiben und Studieren wiederum. Ach ja, lesen ganz viel, ein wenig Ruhe um die Unruhe aushalten zu können. So schauts mal aus, derweil.

Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, Transparenz. Transparenz in allen Regierungsentscheidungen, Klarheit in ihren Forderungen, ihren Aktionen etc. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Querdenker, Corona ist real, der Staat muss intervenieren, Maßnahmen sind notwendig, eindeutig. Bloß in der Kommunikation zu den Bürger*innen würde ich mir doch etwas mehr Transparenz und Klarheit wünschen und in den Regierungsentscheidungen, und nicht ständig dieses Hin und Her, dieses Wischiwaschi, machen wir mal auf und dann wieder zu und dann wieder auf, obwohl rundherum, also zumindest in Deutschland, der Lockdown einfach mal durchgezogen wird. Österreich ist und bleibt – ich hoffe jedoch, nicht für immer, bitte nicht – eine Weißspritz-Nation, zumindest im politischen Feld: man ist weder ganz Wein, noch ganz Soda, mach ma mal die Hälfte, trink ma mal halt was, und dann schaun ma weiter, vielleicht nachm nächsten Glaserl Halb-Halb, a bisserl bsuffn samma ja schon, ist ja lustig. Oder anders: Österreich, wie mir mal ein Freund gesagt hat, ist halt ein Operettenland ohne Wiener Schluss, es gibt viel Drama, dann wirds wieder lustig, ein wenig traurig, spannend auch, doch versöhnlich wirds leider nie; die Operette Österreich kommt nie wirklich aus dem Lustigdramatischen raus, was mehr als bloß tragisch für die Bevölkerung ist, eigentlich zum Kotzen dieser ganze geheuchelte Kitsch, der mehr Verdrängung als Glänzen.

Aber naja, Transparenz, das ist es, was wir, glaub ich, besonders brauchen würden bzw. was wichtig wär. Was sonst? Bücher, vielleicht, auch ein paar Bier und Kaffee. Und vermutlich ein kleines bisschen weniger Rechtspopulismus, wenn ich bitten dürfte. Und die Grünen wieder grün. Ach ja, und eine Käseglocke auf Tirol.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hm, die Rolle der Literatur. Ich leih mir da mal kurz ein paar Worte: Reinhard Priessnitz meinte einmal in einem Interview, dass Literatur nicht „die verantwortung oder sogar die fähigkeit hat, dinge in der empirischen welt zu verändern.“ Wenn man also etwas schreibe oder anderweitig mache, meint Priessnitz, so sei das immer schon „ein ausdruck von freiheit und damit auch von opposition zum status quo.“ Ich stehe dieser Aussage seitens Priessnitz ja recht ambivalent gegenüber, so sehr ich ihn auch schätze. Zum einen verdammt er den literarischen Ausdruck zum bloßen Ausdruck bereits strukturell präsenter Möglichkeiten, also zum Ausdruck von durch die Struktur bereitgestellten und damit auch erlaubten Oppositionsmöglichkeiten zum Status Quo. Sprich, die Möglichkeit der Literatur wäre damit bloß die Möglichkeit des Status Quo, ganz hart gestrafft jetzt, natürlich. Und davor grauts mir massiv. Zum anderen aber baut er trotzdem auf das revolutionäre Potential von Literatur, es unterliegt halt gewissen Beschränkungen. So sehr ich mich dagegen auch aussprechen möchte, sehe ich das leider dennoch als zutreffend, beide Seiten nun, für die Zukunft, oder besser gesagt, Gegenwart von Kunst und Literatur, ich möchte ja nur sehr ungern diese beiden Begriffe getrennt voneinander benutzen, impliziert das doch, dass Literatur keine Kunst wäre, das aber nur mal so im Dranvorbeigehen, – also Literatur (ich beschränke mich nun auf diesen Begriff einfach mal), zumindest in Österreich, hat leider nicht uneingeschränktes Potential zum gesellschaftlichen Eingriff. Seit Corona noch viel weniger denn je, leider, aber auch schon davor noch unter SchwarzBlau, ähm, TürkisBlau, also unter der blauen EinserPasch-Regierung, und so wahrscheinlich auch noch weiterhin, wenn die Regierung, selbst unter „Mitwirkung“ der Grünen, weiterhin nichts mehr als bürokratisierte Freunderlwirtschaft und Hintertür verbleiben sollte, und Türkis die Kulturlandschaft noch weiter zum Ergrauen verdammt. Alle Schreibenden und Kunstschaffenden (upps, schon wieder diese Trennung), müssen, meiner Meinung nach, gegen dieses Verhaftetsein im Status Quo, gegen dieses Verhaftetsein des künstlerisch-revolutionären (großes Wort, aber mein Gott..) Potentials in eben diesem Status Quo, bereitgestellt vom Staat – Kunst also zu kurz kommend –, anschreiben. Immer weiter, mehr. Aber es ist schon verständlich, dass die Kritik- und Interventionsfähigkeit der Literatur, vor allem im Lyrik-Bereich, natürlich stark leidet und eingeschränkt bleibt und wird, wenn Schriftsteller*innen hauptsächlich von Förderungen, Preisen, Stipendien, etc. etc. – kauft ja niemand so Zeugs, schade – abhängig sind, also von vom Staat bereitgestellten Strukturen, nicht nur um Kritik überhaupt üben zu können, sondern um bloß schon einfach nur zu überleben. Daher glaube ich leider nicht so wirklich an die Fähigkeit von Literatur, ins gesellschaftliche Leben hart und tief eingreifen zu können, momentan zumindest, doch aber glaube ich dafür um so mehr an ihre Verantwortung diesbezüglich, so paradox das auch klingt wahrscheinlich. Also schließe ich mich cum grano salis Priessnitz an, halt umgemünzt auf die heutige und voraussichtlich auch momentan mal anhaltende Situation. Aber noch kurz nochmal zurück zur eigentlichen Frage: was wird wesentlich sein? Ich glaube Kritik, sofern möglich halt, denk ich mir. Den Kurz beim Schopfe packen, also, selbst ohne Aussicht auf großartigen noch kleinen Erfolg, naja. Ein ewiges „und aber“ halt, vermutlich mit Hunger.

Was liest Du derzeit?

Viel und wenig, eigentlich. Recht unsystematisch relativ viel Lyrik, hie und da stöber ich im Thomas Kling umher, haben seine Gedichte ja wieder teilweise mehr Relevanz denn je (Stichwort „tiroler hai“, „lamentiertes tirol“ etc.). Und natürlich immer wieder mal im Stefan Schmitzer herumgewühlt, herrlich lustig und politisch und einfach nur wahr, oder zumindest scharf treffend, aber lustig. Sehr gut auf jeden Fall. Dann hab ich grad das neueste Buch von meiner guten Freundin Raphi Edelbauer gelesen, „Dave“, sehr gutes Ding, Empfehlung an alle, jetzt, kaufen, sofort. Hab grad mit „Auwald“ von Jana Volkmann begonnen, da bin ich auch sehr gespannt. Ansonsten halt wie immer hie und da in „Dessen Sprache du nicht verstehst“ von Marianne Fritz reingestöbert, hoffe ja noch immer, das irgendwann mal auch komplett durchzuhaben, 3300 Seiten sind ja ein wenig eine Zumutung, aber meines Erachtens nach eines der wichtigsten Werke österreichischer Literatur (proletarischer Gegenmythos zum bürgerlichen Narrativ vom 1. Weltkrieg und Österreich im Allgemeinen, was will man mehr? Also stark verkürzend jetzt dargestellt, versteht sich ja von selbst..). Und auch mal wieder „Geometrischer Heimatroman“ von Gert Jonke vor kurzem gelesen, lohnt sich das Ding, echt, Anti-Heimatsachen sind schon was Schönes, Herzwärmendes, vielleicht auch mehr Werner Schwab lesen daher, naja, ist jetzt eine Empfehlung mal. Dementsprechend möchte ich mir auch gern mal wieder bald Klaus Hoffers „Bei den Bieresch“ zugute führen. Ansonsten les ich grad Juri Lotman, geniale Raumsemiotische Theorie, auch wiederum gut auf Österreich anwendbar, sein Spätwerk zumindest, jedenfalls auf den komischen Lokalpatriotismus, den unsere kleine aber feine (aber oho!) Staatsoperette so vehement übt. Aber ja, noch eine Empfehlung noch?: Mehr Lyrik lesen, jetzt! Wär schon cool, find ich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„[…]

sprachs adam vor dem sündenfall lachten sie irr / und flogen das blaue vom himmel – versus – / „‚die wenigen die was davon erkannt‘ / – wovon eigentlich?“ so etwa wird es enden.

[…]“

aus Ulf Stolterfoht, „Fachsprachen I-IX“

und (wieder ein Österreich-Bezug):

„Es war das Land, in dem belohnt wurde die Willkür. Und bestraft, der nicht vergessen konnte.“

aus Marianne Fritz, „Dessen Sprache du nicht verstehst“

und zum Abschluss noch was lustiges, tröstliches, vielleicht (aber auch nicht):

„[…]

scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur, noch einmal scheiß kunst. […]

scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit. sag neuer mensch, sag es anders, sag am besten gar nichts mehr.

scheiß einfamilienhaus-cluster, scheiß alter, scheiß kunst, scheiß wiederholungszwang, scheiß zwang.

scheiß sozialer frieden.“

aus Stefan Schmitzer, „scheiß sozialer frieden“

jetzt und aber schluss.

Vielen Dank für das Interview lieber Maximilian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Foto_privat

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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