„Wir müssen wieder miteinander sprechen lernen“ Evamaria Schaller, Medienkünstlerin_ Köln 14.3.2021

Liebe Evamaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freischaffende Künstlerin kann ich mir meinen Tag einteilen, doch ehrlich gesagt, mir fehlt Struktur – der zwischenmenschliche Austausch, das Reisen, das Begegnen von Menschen und Kulturen.

Wenn ich in meinem Zuhause-Rhythmus bin wie jetzt, mache ich Yoga, trinke heißes Wasser bis das Klo ruft, lerne ein paar Lektionen Chinesisch, frühstücke und dann setze ich mich meistens (immer) an den Computer zum Abarbeiten von Mails, schneide an Filmprojekten rum, sichte Material, gehe ins Fotostudio, lese, spaziere im Wald.

Gerade schreibe ich mit meiner Kollegin und Freundin Anna Schwingenschuh an einem Drehbuch – einer menstruationsblutigen Komödie. Das Spazieren hilft hier besonders, um Ideen fließen zu lassen, Bilder entstehen. Ich habe schon für die Schule nie im Sitzen lernen können, bin immer wie Mickey Maus ein Loch in den Boden hin-her-gelaufen (in meiner Vorstellung).

Die Tage zerrinnen in zähflüssiger heißer Masse zwischen meinen Fingern, meinem Körper entlang; sie sind gleichförmiger und auch manchmal gefühlt leer. Als Mensch und Performancekünstlerin ist es immer mein nomadischer Drang gewesen zu reisen, Menschen kennenzulernen. Ich bin neugierig, will Neues erkunden. Jetzt erkunde ich meine Toilette, oder die Sitzecke, oder schaue ins Ofenfeuer, oder backe (zu viel) Kuchen, oder esse (zu viel) Erdnussflips, oder prokrastiniere (zu viel). Das ist eigentlich mein letztjähriger Dauerzustand. Todo-Listen wachsen, oft finde ich sie unter den tausend Zetteln am Schreibtisch nicht mehr und beginne eine neue Liste und die alte taucht irgendwann, wenn alle Abgabetermine vorbei sind, wieder auf. Herrlich! Und dann wundere ich mich, dass ich einige Projekte gestemmt habe. Wow!

Eine seltsame Blase hat sich um mich gebildet (nicht Einsamkeit, aber doch eine Form davon) in der Zoom-Gespräche und Social Media-Sessions wie eine zusätzliche Leersaugpumpe wirken. Es ist so, als würde ich immer gegen diese unsichtbare zähflüssige Blase stoßen, in Zeitlupe zurückgeworfen werden, um in Slow-Motion Anlauf zu nehmen und wieder ein Tag, noch ein Tag, Tag, noch ein Tag, Hashtag, Tag, Tag…

bastard I US – #4 Doppelkopf
2020 © Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

– Humor. Dieser kommt durch zwischenmenschliches Beisammensein. Zum Beispiel beim Zaunbier mit den Nachbarn – mein Mann und Künstlerkollege Andreas Gehlen und ich stehen auf unserer Seite zu zweit auf einer wackeligen Stehleiter die fast unter unserem Gewicht zusammenbricht und prosten über den Steinzaun. Auf Lachen kann jetzt nicht verzichtet werden und ich merke, es tut den Menschen so gut, trotz aller gehäufter Krebsgeschwüre, Sterbefälle, Depressionen, Geldpanik…


– Solidarität! Meine Freunde und Kolleg*innen in Myanmar brauchen Unterstützung. Die Berichte vor Ort sind schockierend. Solidarity Performance for Burma Stand against Military Rule! 1 Wir müssen uns engagieren, auch wenn es “nur” eine Performance-Aktion FÜR die Künstler*innen in Myanmar ist, um die sie gebeten haben! Ich habe gedacht, dass Solidarität zunehmen wird, in manchen Fällen ist das so, oft aber nicht. Jede/r arbeitet für sich, menschliche Instinkte, Mitgefühl, gegenseitige Unterstützung nimmt ab, in seltenen Fällen zu. Social Media Kampagnen werden geliked, ohne Mitgefühl zu entwickeln. Nicht nur ich bewege mich in zähflüssigen Blasen – siehe oben…

– Kleine Taten. Howard Zinn wird in dem Film “Noam Chomsky: Requiem for the American Dream” zitiert: What really matters are the countless small deeds of unknown people who lay the basis for the events of human history. These are the people who have made change in the past; they are responsible for making change in the future, too.2 Ohhhhhh yes…!

– Miteinander Sprechen. Viele sind explosionsartig politisiert. Extrem! Das Sprechen miteinander funktioniert manchmal nicht einmal mehr innerhalb von Familien. Tiefe Klüfte, Spalten, Gletscherritzen, Monsterfressen, Brunnenschächte liegen zwischen uns. Wir müssen wieder miteinander sprechen lernen ohne emotional überzureagieren.


– Politisches Bewusstsein. Wir müssen genau hinhören, aktiv sein und bleiben, nicht einschlafen, nicht hinnehmen. Nach der Pandemie muss der Sprachduktus wieder in eine demokratische Form rückgeführt werden. Ich hoffe “wir schaffen das”?!

Heilige Drei Königinnen (Orangen)
© 2017 Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz 


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Performancekunst, der Kunst an sich zu?

“Interessant” ist, dass immer als erstes Kultur und Kunst eingeschränkt werden. Wir als Kulturschaffende produzieren Seelennahrung, Nahrung der Zwischenmenschlichkeit, gesellschaftliche Reflektion, jedenfalls in meiner utopischen Auffassung. Es gibt genügend Ego-Shooter, die von einer Ausstellung zur nächsten hechten, ohne umzublicken. Ich brauche Utopien, diese müssen gefördert werden, damit wir Gesellschaft tragen und weiterentwickeln. Wenn keine Träume und Utopien mehr vorhanden sind… wird es düster, traurig, schlaff, undemokratisch. Demokratie muss gelebt werden und mitgetragen werden! 

Ich frage mich, welche Erinnerungen werden aus dieser (zähflüssigen Blasen)-Zeit bleiben? Was hat es in uns verändert und kehren wir einfach dahin zurück, wo wir gesellschaftlich, politisch, umwelttechnisch, zerstörerisch aufgehört haben?

Welche Ästhetik wird bleiben oder wird nach der Digitalisierungswelle wieder alles haptisch? Debord schreibt beispielsweise, dass er an Ablagerungsspuren der Zeit in einer Stadt, an den Schichten der Erinnerung interessiert ist. Welche Schichten haben sich jetzt manifestiert und abgelagert? Werden wir uns wieder küssen? Und den öffentlichen Raum unser Eigen nennen? Als Performancekünstlerin ist es mein Leben, meine Kunstform, sich zu begegnen, metaphorisch wie körperlich. Ich glaube, dass vor allem performative Künste eine wichtige Rolle spielen, um wieder in die Berührung zu kommen. Grenzen überschreiten! Wagt! Seid solidarisch! Bleibt wach! Die Kunst könnte dies und so einiges mehr schaffen, wenn sie sich nicht oft selbst auffressen würde. Ich hoffe …

ich hoffe sehr…

und so…

Becoming Native – #14 bdsm
© 2019 Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Was liest Du derzeit?

Das ist schlimm, ich muss Bücher besitzen die ich lese! Menschen die Bücher ausleihen und es verbieten, dass sich Rillen in den Buchrücken einlesen, halte ich nicht aus. Das Buch nicht ganz aufschlagen dürfen?! Was?!? Deshalb kaufe ich Bücher, schreibe kleine Zusammenfassungen an den Rand, unterstreiche mit Bleistift. (Es darf nur Bleistift sein!) Früher habe ich nicht parallel gelesen. Das aktuelle Buch musste immer fertig gelesen sein, bevor ich das nächste anfangen “durfte”. Ein kindlicher Zwang, wie das Hüpfen auf nur dunkle und nicht helle Steine oder Pfützen, Striche, Blätter… Jetzt liegen viele angefangene Bücher in Stapeln am Schreibtisch, unterm Tisch, neben dem Bett, im Regal, auf dem Regal, mitten im Zimmer, haha! Ich habe immer ein schlechtes Gewissen den Büchern gegenüber, die so kurz geküsst daliegen, irgendwie respektlos ist das. Die wollen doch geblättert werden! Es geht auch etwas um Geschwindigkeit. Wenn es ein Buch ist, das in 2 Tagen gelesen ist, wie “Freie Geister” von Ursula K. Le Guin – eine utopische Systemhinterfragung, weiß ich, dass ich schneller wieder zu den anderen zurückkehre… “Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus” von Hanno Rauterberg – so schön rosa – ein paar Rillen sind schon in den Rücken gelesen.

Gerade beendet: “Alice Hasters – Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten”. Lesen! Wichtig!

Zwischendurch wird der FALTER… dann eine Biographie der Bildhauerin Camille Claudel… so könnte ich weiter durch die Anfangsstadien der Bücher navigieren, einen Stapel nach dem anderen. Eine Schifffahrt durch das Büchermeer. Manchmal fehlt mir die Geduld, um ein Buch weiterzulesen, wenn das nächste am anderen Stapel so rüberlächelt… die rufen mich dann auch so verführerisch, necken mich. Da bin ich eine Schlampe, eine Fremdleserin, wechsle den/die Buch-Partner*in ziemlich oft. Ich frage mich, ob das bei anderen Parallelleser*innen auch so ähnlich abläuft… oder nur ich ein schlechtes Gewissen Büchern gegenüber entwickelt habe?

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vom Kopf –

„Der Kopf ist jener Teil unseres Körpers, der uns am häufigsten im Wege steht.“ (Gabriel Laub)

in den (politischen?) Gemütszustand –
„Heutzutage schämt man sich beinahe, dass man sich immer noch für Dinge schämt, für die man sich auch früher geschämt hat. (Jacques Tati)

der Wohnung –

“Man kann eine Wohnung auch depressiv aufräumen.” (Hermes Phettberg)

während man nichts tut –

“Zeit [musste] verloren werden, damit sie überhaupt wieder erinnert werden kann.” (Jürgen Ritte)

und meist dabei sitzt –

“Der Stuhl ist ein satistisches Produkt und hat autoerotische Anteile.” (Frank Homeyer)

vorm Fernseher, Computer, Tablet, Smartphone…

(Leere…)

Contra Caducum Morbum (Filmstill)
© 2020, Evamaria Schaller, Galerie Petra Martinetz

Zitate:

1 https://www.facebook.com/437993959909552/posts/1338220666553539/?sfnsn=mo

http://www.dailypublic.com/articles/03292016/noam-chomsky-requiem-american-dream

Link:
www.efeumaria.com

Vielen Dank für das Interview liebe Evamaria, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Evamaria Schaller, Künstlerin

www.efeumaria.com

Aktuelle Ausstellung >KRATZIEN< Michaela Polacek / Evamaria Schaller 19. Februar bis 6. April 2021 Galerie 3 / Alter Platz 25 / 9020 Klagenfurt https://www.galerie3.com/

22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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