„Kunst kann Horizonte öffnen und Kreativität freisetzen“ Harald Gesterkamp, Schriftsteller_Bonn 15.3.2021

Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zum Teil so wie immer, zum Teil völlig anders. Ich lese viel und arbeite an meinem neuen Roman. Das ist im Lockdown nicht anders als sonst. Außerdem arbeite ich weiterhin beim Hörfunk und beziehe Einkommen. Da bin ich privilegiert – vor allem, wenn ich im Vergleich dazu an Schülerinnen und Schülern aus armen Familien denke, die ohne Präsenzunterricht gerade noch mehr abgehängt werden.

Mir fehlen Lesungen, Theater, Museen und natürlich Freunde. Online ist nur ein mäßiger Ersatz. Ich hatte neulich eine Online-Konferenz mit meinen Lektoren. Das war zwar produktiv, aber ich kann mich an diese Formate nur schwer gewöhnen.

Harald Gesterkamp, Schriftsteller, Journalist

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten und den Optimismus nicht verlieren. Sich gegenseitig Mut machen, dass wir es schaffen, unsere Projekte umzusetzen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie bietet theoretisch die Möglichkeit, unsere bisherige Art zu leben und zu wirtschaften einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Ich bin aber realistisch und glaube deshalb nicht, dass dies im großen Rahmen passieren wird.

Doch die Literatur und die Kultur insgesamt sollten zur Reflexion anregen. Künstlerinnen und Künstler können Menschen aus ihrer Welt abholen und mit neuen Überlegungen Horizonte öffnen. Kunst kann so auch bei anderen Kreativität freisetzen. Ich habe zuletzt als Autor an Online-Lesungen teilgenommen, die ausgebucht waren, so dass Interessierte keinen Zugang mehr bekamen. Das heißt, die Menschen dürsten regelrecht nach Kultur. Das ist auch eine Chance. 

Aber eine Bitte habe ich: Schreibt nicht so viele Pandemie-Romane! Mir graust davor, dass womöglich jeder meint, sich literarisch über Corona auslassen zu müssen. Nicht jeder kann und nicht jeder muss „Die Pest“ schreiben.

Was liest Du derzeit?

Ich lese oft drei Bücher parallel: einen Roman, einen Band mit kurzen Texten und ein Sachbuch.

Zurzeit sind das: Terézia Mora: Auf dem Seil

Monika Littau: Von der Rückseite des Mondes – Chinesische Miniaturen

und

Wolfram Wette/Detlef Vogel: Das letzte Tabu – NS-Militärjustiz und „Kriegsverrat“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich kann nicht anders, als glücklich zu sein.“

Der erste Satz aus Terézia Moras Roman „Auf dem Seil“ stammt zwar von 2019, verbreitet aber auch in Pandemiezeiten Zuversicht.

Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Harald Gesterkamp, Schriftsteller, Journalist

Harald Gesterkamp/Schriftsteller und Journalist (harald-gesterkamp.de)

Fotos__1_Heinrich Butler_2_Marvin Rieck

15.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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