„Ich hoffe, dass nicht nur die Hochkultur überlebt“ Dolores Winkler, Schauspielerin_ Wien 15.3.2021

Liebe Dolores, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da sich alles dauernd verändert, ist mein Tagesablauf eigentlich stressiger als vorher, und dass obwohl es fast keine Projekte gibt, die dann auch wirklich bis zum Ende realisiert werden. Ich muss auch dazu sagen, dass ich kurz vor dem ganzen Wahnsinn Mutter geworden bin, und das ist natürlich nicht gerade wenig Arbeit. Außerdem ist man auch seitdem Lockdown auf sich alleine gestellt. Die Großeltern fallen seitdem komplett weg, man will ja niemanden anstecken und dann sein Leben lang mit der Schuld leben. Nein danke. Dann lieber Schlafdefizit. Mein Lebensgefährte oder ich – wer DARF denn nun was machen, natürlich nur beruflich, Vergnügen gibt’s ja eh kaum – oder – zahlt sich das aus, oder ist das jetzt nötig? Also, ich glaube alles in allem haben es die freischaffenden noch viel schwerer als vorher. Deshalb sind so Worte – wie „Entschleunigung“ – für Menschen wie mich ein Schlag in die Magengrube; Zeit zum Sinnieren bleibt kaum. Wenn mal aber gar nix ist, versuche ich dennoch eine Struktur zu finden. Das brauch ich, in den Tag reinleben kann ich leider nicht, da fühl ich mich untätig. Wahrscheinlich ist das Quatsch, aber leben im Kapitalismus und Aufwachsen in der Arbeiterklasse hinterlassen wohl so seine Spuren. Außerdem arbeite ich halt auch echt gerne. Allerdings ist es aber auch ein Segen, ich habe so viel Zeit für meine Tochter, wie ich sie ohne den ganzen Irrsinn sonst sicher nicht hätte und sie ist somit eine Corona Gewinnerin weil Aufmerksamkeit ohne Ende. Eigentlich ist es Jammern auf hohem Niveau. Ich fühle mich 24/7 gebraucht, ziemlich wichtig und habe endlos Zeit mit meinem großartigen Kind. Ein paar Zimmer mehr und ein Garten wären halt toll und mehr Hände. Ah, bevor ichs vergesse: YouTube Training mit schwer motivierenden US-Amerikaner*innen versuche ich auch im Alltag zu integrieren. Da hol ich mich mir meine Glückshormone. Und in letzter Zeit war ich auch ein paar Mal Eisschwimmen, auch super. Leider hänge ich zu viel am Handy, auch um mit meiner Mutter in Kontakt zu sein, sie sieht ihre Enkelin kaum und vor allem auch wegen Freunden außerhalb Österreichs.

Dolores Winkler_Schauspielerin, Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, was für alle besonders wichtig ist, ich bin mir auch nicht sicher ob ich es für mich selbst beantworten kann. Aber mir ist momentan wichtig – mich selbst gut behandeln und mir sagen, „Achtung es könnte noch schlimmer kommen und irgendwann wird – nur Arbeiten und Shoppen zum akzeptierten Normalzustand“ also genieße den Jetzt-Zustand. Ich gehe immer vom schlimmsten aus, freue mich dann aber umso mehr wenns nicht passiert. Außerdem passiert sowieso soviel grausliger Scheiss und man sollte sich für die Einsetzen, denen es noch schlechter geht. Die, die keine Lobby haben. Noch weniger als vorher. Es wird ja viel über Empathie gelabert, aber mal ehrlich, sind wir nicht alle Narzissten mit unserem belanglosen Instagram Account und unserem Selbsterfahrungstrips. Es gibt ganz andere Probleme; man muss sich nur die EU – Außengrenzen ansehen, es kann einem nur schlecht werden, bei soviel Herzlosigkeit. Da ists, find ich wirklich nebensächlich, ob die oder die andere Inszenierung zur Aufführung kommt. Alleine aber der Fakt, dass ich das sage, zeigt ja schon, dass ich ebenso priviligiert bin. Meine US-amerikanischen Freunde z.b. sind froh, wenn sie überhaupt Food Stamps bekommen. Was mich aber auch ärgert: nein, es ist nicht alleine Aufgabe des Volks mitzuhelfen, oder sagen wir der Künstler*Innen. Menschen wurden in ihre Positionen als Politiker*innen gewählt – wir sollten uns nicht ständig schlecht fühlen für all den Scheiss auf der Welt. Es gibt gewählte Menschen die für diese Widerlichkeiten maßgeblich mitverantwortlich sind. Sie gilt es anzukreiden, sie gilt es, verantwortlich zu machen. Es bereitet mir schon Sorgen, was momentan politisch passiert. Wenn Fakten nichts mehr wert sind und die Fantasie überhand nimmt. Hier kommt wieder die Kunst ins Spiel, es ist Aufgabe der Kunst, diese Themen, wie auch immer geartet, zu behandeln, verhandeln, übersetzen, in Dialog zu treten. Diese Krise hat ja sehr genau aufgezeigt, was so alles schiefläuft. Es hat die Unterschiedlichkeiten in der Gesellschaft stark verdeutlicht, fast wie eine Lupe. Es ist ja jedem völlig bewusst, dass eine  Pflegerin systemrelevant ist und so sollte sie auch behandelt werden, ich gehe leider davon aus, dass dies nicht passiert und sie leider weiter unterbezahlt und nicht geschätzt wird. Alles ekelhafte auf der Welt wird gerade noch viel deutlicher. Wenn man momentan nicht das Glück hat, zur herrschenden Klasse zu gehören oder einen überdurchschnittlich gut bezahlten Job zu haben, hat man wohl nicht besonders viel zu lachen oder gerade seinen Plan B oder C geschmiedet. Die Tabuisierung von anderen Jobs neben der Kunst sind ja auch so eine Sache. Der echte und wahre Künstler macht ja nichts außer seiner Kunst. Ja, und die Zahnfee kommt auch noch vorbei, oder wie? Bezahle mich ordentlich und ich muss mir nebenbei nicht die Finger schmutzig machen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass nicht nur die Hochkultur überlebt. Das freie Theater, die Subkultur im Allgemeinen ist etwas sehr Wichtiges, und so sollte es auch behandelt werden. Back to normality – was bedeutet das denn, zurück zu unfair verteilten Löhnen, zurück an den Herd? Man sollte weiterdenken, entstauben, und endlich mal das leben was auch in Inszenierungen behandelt wird. Es kanns doch einfach echt nicht sein, dass Frauen im Kulturbetrieb immer noch weniger verdienen als Männer und immer noch unterrepräsentiert in Führungspositionen sind. Qoute – ja, unbedingt. Es fällt mir kein Argument dagegen ein. Um aber ganz ehrlich zu sein, Kunst ist entbehrlich. Sorry to say, aber die Kunst von der wir hier in unserer Bubble reden, ist Spaß und Berieselung für die Bürgerschicht. Ach, ja, vielleicht ist das auch mal Aufgabe der Kunst, nicht nur in den Wohnzimmern der Bourgeoisie anzukommen sondern mal andere Schichten zu erschließen. Diese Frage stellt man sich aber schon lange, sehr lange und diverse Stadttheater haben sich mit Theater in „schlechten“ Vierteln oder“Problemvierteln“ abgemüht, meist erfolglos, weil Theater halt von diesem Zielpublikum überhaupt keine Ahnung hat und auch keine Vorstellung davon, was es bedeutet, nicht mit Kunst und Kultur aufzuwachsen.

Was liest Du derzeit?

Viel weniger als vorher leider. Ich war vorher viel unterwegs, und da hatte ich immer gut Gelegenheit zu lesen, ob im Zug oder im Bus. Jetzt muss ich mich schon am Klo verstecken; und am Abend schlaf ich meistens eh vor Erschöpfung ein oder schau eine Serie zum Runterkommen. Kurzgeschichten eignen sich aber gut: daher: Krisztina Tóth: Pixel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.“

(Didier Eribon)

und weil grad wieder aktuell

„In Österreich ist das Selbstbewusstsein immer über den Sport gekommen. Er wird wahnsinnig überschätzt, gleichzeitig verachtet man Intelligenz und Kunst.“

(Elfriede Jelinek).

Vielen Dank für das Interview liebe Dolores, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-/Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dolores Winkler, Schauspielerin

Foto__Elsa Okazaki

16.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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