„In der Kunst ist Platz für alles, was den Menschen umtreibt und in ihm rumort“ Linda Pichler, Schauspielerin_ Wien 18.4.2021

Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Also die kurze Antwort lautet: bei mir läuft, was im Moment geht. Ich versuche so gut es mir gelingt im Tun zu bleiben- ob mit Workshops, im kreativen Austausch mit Kolleg*innen, mit Bewerbungen und dem ein oder anderen Vorsprechen oder Casting, Yoga, eigenen szenischen Basteleien. Liebe Menschen treffe ich gern im Park zum Kaffee und ich fahre öfters mit dem Bus in den Wald. Ich freue mich darauf mich in die Proben für den Sommer zu stürzen und bis dahin soll kommen, was will. Mit dieser Ungewissheit konnte ich mich den letzten Monaten etwas mehr anfreunden- in diesem Beruf ohnehin nie ein Fehler. Ohne die Gastro ist es allerdings nicht so einfach für die fiesen Lücken eine geeignete Überbrückungs-Hackn zu finden- die wenigsten Unternehmen wollen Mitarbeiter*innen einstellen, die sich vertschüssen, sobald der nächste Dreh oder das nächste Engagement an Land gezogen ist. Jene Kolleg*innen, die ganz ohne Unterstützung dastehen, trifft das natürlich besonders hart- das lässt sich nicht schönreden.

Linda Pichler, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarisches Handeln, Flexibilität und Durchhaltevermögen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Auf die politische Ebene runtergebrochen, ist die Bühne für mich ein riesiger Diskursraum, deren Macht darin besteht gesellschaftliche Fragen situativ bekleiden und emotional bespielen zu können, also in ihrer Verhandlung richtig persönlich zu werden. Zum Theater gehört auch die Befriedigung eines eskapistischen Bedürfnisses- sich in den Strudel dieser Geschichten hineinreißen zu lassen und sich auf dieser Flucht dann doch unverhofft selbst über den Weg zu laufen.

Ich denke, dass alles woran wir jetzt knabbern, woran wir uns manchmal vielleicht sogar die Zähne ausbeißen, von der Kunst verdaut wird- da ist Platz für alles, was den Menschen umtreibt und in ihm rumort. Gerade Zeiten des Umbruchs halte ich für besonders großzügige Materialspenderinnen. Vorwegnehmen will ich nichts, das wird alles für sich sprechen. Wir können jedenfalls gespannt darauf sein welchen Braten uns Kunst und Kultur servieren werden, sobald sie wieder richtig auftischen dürfen, so viel ist sicher.

Was liest Du derzeit?

Oh je, ich will seit gefühlt 100 Jahren „Die Eroberung des Brotes“ lesen und habe mir deshalb ausdrücklich verboten neue Romane in meinem Lieblingsbuchladen zu bestellen, bis ich mit dieser Lektüre fertig bin. Herr Kropotkin schläft zwar jede Nacht in meinem Bett, aber gebacken gekriegt hab ich’s bisher trotzdem noch nicht. Ein Buch, das ich gern empfehle, ist „In the dreamhouse“ von Carmen Maria Machado- das hat mich so gefesselt, dass ich es an einem Tag ausgelesen habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The role of the artist is to make the revolution irresistible.“ – Toni Cade Bambara

Linda Pichler, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Linda Pichler, Schauspielerin

Foto_1,2 Barbara Maria Hutter; 3 Linda Pichler.

20.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Lebensentwurf des Künstlerdaseins muss ganz neu gedacht werden“ Nermina Kukic _ Schauspielerin_ Düsseldorf 18.4.2021

Liebe Nermina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf sieht so aus, dass ich an zwei Tagen auf meinem zweiten Standbein beim Juwelier stehe. Habe letztes Jahr Diploma als Edelstein und Diamantenzertifiziererinn gemacht und glücklicherweise eine Teilzeitstelle gefunden. An den anderen Tagen, wie auch sonst immer: aufstehen, einatmen, ausatmen. Nicht viel los.

Nermina Kukic _ Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Count your blessings! Dankbar sein für das, was man hat, Wertschätzung  verbreiten, sich Hilfe holen, wenn man spürt, man schafft es nicht alleine. Immer wichtig, nicht nur jetzt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir müssen alle für uns selber definieren, was Kunst für uns bedeutet. Wir sollten Wege finden, uns von Abhängigkeiten zu befreien, und versuchen Selbstwirksamkeit zu erlangen. Wenn die Kunst, die wir ausüben, unseren Lebensunterhalt nicht sichern kann, dann kann es sein, dass uns wertvolle Ressourcen verloren gehen in und nach dieser Krise, und Künstler/In sein wieder eine Frage von Herkunft wird, von Geld und Gönnern abhängt. Das sollten wir alle gemeinsam hinterfragen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor, vor allem für Menschen, die Verantwortung für Kinder tragen. Der Lebensentwurf des Künstlerdaseins muss ganz neu gedacht werden. Im Privaten und Öffentlichen. Die Wichtigkeit von Kunst im Allgemeinen, in ihrer kathartischen Wirkung und Spiegelfunktion steht für mich ausser Frage , egal in welcher Kunstform.

Nermina Kukic vor einer Kunstinstallation von Susanne Ristow

Was liest Du derzeit?

Eurotrash von Christian Kracht

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Möge ich die Gelassenheit haben, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Nicht sehr sexy, aber hilfreich.

Nermina Kukic vor einer Kunstinstallation von Claus Föttinger

Vielen Dank für das Interview liebe Nermina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nermina Kukic, Schauspielerin

Nermina Kukic – Wikipedia

Foto_1 Mimi Fiedler; 2 privat; 3 Susanne Ristow; 4 Claus Föttinger.

21.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Viel lesen, schlecht schlafen, viel träumen …“ Christian Futscher, Schriftsteller_Wien 18.4.2021

Lieber Christian, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite an einem neuen Buch, verfasse Auftragsarbeiten, gehe einkaufen, schreibe viele E-Mails, schicke meiner Mutter und meiner Nichte lange Briefe nach Vorarlberg, gehe mit meiner Frau spazieren, wir treffen manchmal wen am Ufer der Alten Donau, am Kanal oder im Wald und trinken zusammen ein Bierchen, ich schenke meiner Frau und anderen Gänseblümchen, wir schauen Serien (nie hätte ich gedacht, dass ich jemals ein Serien-Gucker werde, einen Zweizeiler mit dem Titel „Sofa“ habe ich jüngst verfasst, der geht so: „Sehnsucht danach, / Hass darauf.“), viel lesen, schlecht schlafen, viel träumen …

Christian Futscher, Schriftsteller

Was ist jetzt für alle besonders wichtig?

Den Mut nicht sinken lassen. Zusammenhalten. Gänseblümchen!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nicht unwesentlich wird sein, öfters im Gras zu liegen und Gänseblümchen zu betrachten, über Gänseblümchen nachzudenken, Gänseblümchen zu verschenken, zu bedichten, zu malen, zu filmen, zu vertonen, auf die Bühne zu bringen …

Was liest du derzeit?

Das neue Buch von Arne Rautenberg: betrunkene wälder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„mit etwas glück gibt’s noch einen zeugen vom gesang / ein vogelkadaver erinnert an den toten wellensittich / cosmic deadbird sing the song of the gänseblümchen / ich sage: bei den top elf der pflanzen / ist für mich das gänseblümchen dabei / es wächst neben der scheiße und man kann es essen / überhaupt: jeder blumenstrauß ist eine macht / die blüten sind ein feuerwerk …“ – aus dem langen Gedicht „bilder aus der frühzeit der alten zeitgenossenschaft“ in betrunkene wälder von Arne Rautenberg, eben erschienen bei Wunderhorn.

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Futscher, Schriftsteller

Foto_MagdalenaTuertscher

8.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Erwartete tritt in beständiger Unerwartung in Erscheinung“ Tobias Leibetseder, Komponist_Wien 17.4.2021

Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

„Das älteste elektromagnetische Signal, das wir beobachten können, ist der kosmische Mikrowellenhintergrund (englisch: cosmic microwave background, kurz CMB). Er entstand, als das kosmische Plasma etwa 380 000 Jahre nach dem Urknall zum ersten Mal neutral wurde und die Wärmestrahlung freisetzte, die im heißen, frühen Anfangszustand des Universums entstanden war. Genaue Beobachtungen dieser kosmischen Restwärmestrahlung zeigen, dass bereits damals Strukturen im Universum angelegt waren, die heute noch in Form von geringen Temperaturschwankungen des CMB beobachtbar sind.“ (Spektrum der Wissenschaft)

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wesensfreudige, Infra-  und Ultraregionlae

Das Unortspezifische, Weitluftige

und natürlich NFTs…

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das Erwartete tritt in beständiger Unerwartung in Erscheinung. Gleichwohl grenzförmig, kugelflächig erhellend.

Was liest Du derzeit?

Unebenheiten der Raumzeit im Vorzimmer. Eine Auralisation der Welt im postdimensionalen Zeitalter. (erschienen 2124, 3. Auflage)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Do. Or do not. There is no try. (Yoda)

Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

Tobias Leibetseder :: Home

Fotos_1 Tobias Leibetseder; 2 Christian König.

25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass das Kino und seine Filme wieder zelebriert und hochgehalten werden“ Anna Tenta, Schauspielerin_ Zürich 17.4.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment bin ich gerade noch etwas in einer Schockstarre, weil ein Dreh wegen Corona gerade zum dritten Mal verschoben wurde. Von Januar bis Anfang April sah es gerade noch so gut aus, endlich war wieder was los, und ich hatte den Eindruck dass meine Branche gelernt hat, trotz Corona zu funktionieren, aber jetzt wo die Fallzahlen wieder steigen, werden die Engagements, je nach Drehort, gerade wieder auf Eis gelegt.

Anna Tenta, Schauspielerin

Daher versuche ich mir aktuell gerade besonders viel Struktur zu geben um nicht dem Corona-Blues zu verfallen.Ich stehe um 7h auf, wecke meinen Sohn Johnny(11Jahre alt),animiere ihn mit Frühstück und viel Geblödel, damit er wenigstens halbwegs gut gelaunt in die Schule geht.

Wir verlassen gemeinsam das Haus und ich mache dann den ersten Spaziergang mit unserer Hündin Lou. Danach gibts Asthanga oder Vinyasa Yoga inklusive Mini Meditation-mein täglicher Endorphin Kick. Emails beantworten, Krempel und Einkäufe erledigen sind dann am Plan, nach dem Mittagessen gibt es Zeit für E-Castings, falls gerade was ansteht, wenn nicht male ich.

Kürzlich gerade habe ich Dank Instagram wieder ein Bild verkauft was mich sehr gefreut hat, oder ich fahre schnell zu meinem Pflegepferd Manio und streife mit ihm durch den Wald und erzähle ihm alles was mir grad so durch den Kopf geht, er hat die besten Antworten ;)… und dann kommt schon Johnny aus der Schule und wir spielen, machen Aufgaben, Abendessen, und den Rest behalte ich für mich.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube es ist wichtig dass wir einander nicht aus den Augen verlieren. Damit wir durch die individuelle Problematik und die Angst vor der Ungewissheit, die jeden unterschiedlich trifft- nicht zu kleinen Inseln werden, die immer weiter auseinander driften. Jeder hat seinen eigenen Kampf, seine eigenen Issues mit der Situation. Wir sind nicht alle im selben Boot, aber im selben Sturm. Wir dürfen einander nicht vergessen, und sollten immer noch wahrnehmen können, wenn jemand über Bord geht und wirklich Hilfe braucht.

Manchmal muss man die eigene kleine Glasglocke sprengen und wieder lernen andere wirklich zu sehen und wahrzunehmen.Damit die Masken,die Regeln,die Angst vor Ansteckungen oder die Absenz davon, das Kreisen um die eigene Problematik nicht dazu führen dass wir einander verlieren.

Mir kratzt das alles natürlich auch an der Seele, und ich muss dadurch wirklich auch noch bewusster lernen meinen Selbstwert nicht so stark über mein berufliches Wirken zu definieren. Ich hab gedacht ich bin schon weiter diesbezüglich, aber ich merke ich übe immer noch. Es ist schon eine echte Herausforderung, wenn der eigene “Platz in der Welt” plötzlich so massiv in Frage gestellt wird.

Vielleicht ist es die Zeit sich an Sehnsüchte,Träume, Visionen zu erinnern, an die vielleicht zarteren, intimieren Töne die uns bewegen… vielleicht sind Sie es, die unserer Seele helfen da heil durchzutauchen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Theater und Film zu?

Irgendwie ist Kunst doch ein Resonanzkörper unserer selbst, aber im weiteren Sinne auch eine Stellungnahme, eine individuelle Momentaufnahme, ein Zeitzeugnis, eine Haltung und ein Anhalten, eine Erinnerung zur Reflektion und Introspektion.

Ich bin ganz sicher, dass Kunst, sich auszudrücken mit künstlerischen Mitteln, ein Urbedürfnis des Menschen ist und nicht wegzudenken ist aus unserer Welt, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Die Wertigkeit, welche der Kultur innerhalb unserer Gesellschaft gegeben wird, die jedoch ist antastbar und zerbrechlich. Und wir Künstler sind es auch. Das wird uns allen durch die aktuelle Situation schmerzlich bewusst.

Ich hoffe wirklich sehr, dass die Politik unsere Existenz als Kulturschaffende nicht per se in Frage stellt, sondern dass es nach dieser langen Zwangspause zu einer großen Kunst und Kulturwelle kommen wird, in der es nur so sprüht vor Kreativität, Phantasie und Lebenslust.

Persönlich wünsche ich mir, dass das Kino und seine Filme wieder zelebriert und hochgehalten werden. Die große Leinwand und das gemeinsame Erleben im dunklen Bauch eines Kinosaals hat eine ganz eigene Magie, die ich trotz all der tollen Serienformate weder als Schauspielerin noch als Zuschauerin missen möchte.

Was liest Du derzeit?

“To be a man” von Nicole Krauss-und ein Sachbuch über natural horsemanship von Monty Roberts liegen auf dem Nachttischchen, gerade fertig gelesen habe ich  “conversations with friends” von Sally Rooney.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“The world is violent and mercurial–it will have its way with you. We are saved only by love–love for each other and the love that we pour into the art we feel compelled to share: being a parent; being a writer; being a painter; being a friend. We live in a perpetually burning building, and what we must save from it, all the time, is love.”

Tenessee Williams

soul search_Anna Tanta

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Schauspiel- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Tenta, Schauspielerin

http://www.annatenta.com

Foto_Wolfgang Zac

Bild_Anna Tenta

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass man an den Leben der Anderen teilhabe“ Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller, München 17.4.2021

Lieber Yu-Sheng, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wach geworden bleibe ich auf dem Bett, stelle mir vor, welche Dinge, maßnahmenmäßig und maßnahmen-unmäßig, ich heute begehre, und versuche, ihre Risiken unpräzise zu begreifen, damit ich wahrnehme, dass ich langsam aus dem Schlaf in diesen Tag eintrete und an ihm teilhabe. Danach wiederhole ich, noch auf dem Bett, einige soziologische und politische Diskurse, die ich lernte, und bringe sie in eine Pseudodialektik; derzeit sind diese Diskurse häufig von Carl Schmitts „Freund und Feind” und den verschiedenen gesellschaftlichen Verhüllungen dieses hypothetischen Grundzustandes, von Hobbes, von den Vertragstheorien, und manchmal auch  von Agamben. Meine Andacht/Pseudodialektik endet normalerweise mit einer Versenkung ins (hypothetische/fiktive/allein im Diskurs hervorgebrachte) Leben in jeder/jedem, auf das das Gesetz schreiben wolle, dessen Position das Gesetz aber nicht erreichen könne, das in einem lärme und höre, aber nie spreche.

Gleichzeitig höre ich die Geräusche außerhalb meines Zimmers in dieser Zweier-WG, die meine Vermieterin macht, weil sie danach zur Arbeit gehen muss.

Dann stehe ich mit einem neu formulierten Zeitplan im Herzen auf. Wenn das Wetter nicht schlecht ist, gehe ich joggen, sonst mache ich Sport in meinem Zimmer.

Danach begebe ich mich auf die Spur des Alltags. Im letzten Semester bei einem Seminar bemerkte ich, dass die englische Übersetzung mit dem Ausdruck der routinization den Weber’schen Terminus der Veralltäglichung (der einmal zauberhaften Kräfte) behandelt; ich denke häufig über diese Übersetzung nach, weil ich immer noch eine kleine Distanz zwischen dem Begriff des Alltags und dem Begriff der Route empfinde.

Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Da ich eigentlich nicht geeignet bin, auf diese große Frage zu antworten, würde ich mich in Bezug auf diese Zeiten mit zunehmenden notwendigen Maßnahmen gerne auf einen Absatz der Brihadaranyaka Upanishad beziehen, den T. S. Eliot in seinem Gedicht „The Waste Land” zitiert und Jacques Lacan für das Schlusswort seines Buches Fonction et champ de la parole et du langage en psychanalyse (1953; für die englische Übersetzung, siehe The Language of the Self. Anthony Wilden übers. Johns Hopkins University Press, 1997) übernimmt. Meine unpräzise Übersetzung dieses Absatzes lautet:

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den strahlenden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die strahlenden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, uns selbst zu zähmen. (myata)”

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den Menschen: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die Menschen antworteten, „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, einander ein Etwas zu geben. (datta)”

Der Herrsche all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den sich häufig ärgernden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die sich häufig ärgernden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, aneinander teilzuhaben. (dayadhvam)”

Daher sprach der Herrscher all der geborenen Lebewesen im Donner: „DA! DA! DA! Ihr habt mich verstanden.”

Brihadaranyaka Upanishad: 5.2.1-5.2.4

Im Vergleich zur Mehrheit der Kommentare zur mysteriösen Kadenz des „Waste Land”, die den sanskritischen Ausdruck dayadhvam (day: 2. Person Plural, Imperativ) als Begriff der Sympathie interpretiert, tendiert Lacans Text an dieser Stelle zur Bedeutung des Teilhabens: Man höre den Worten des „großen Anderen” als sporadischen Befehlen zu, sodass man sich verhalte (dāmyata), indem man die anderen, die auch den Worten des „großen Anderen” zuhörten und versuchten, sie zu verstehen, als die Entsprechenden von einem anerkenne (datta); in dieser Hinsicht solle man nicht vergessen, dass man an den Leben der Anderen teilhabe (dayadhvam), weil man innerhalb der zugehörten Worte des „großen Anderen” das eigene Leben in der Form eines anerkannten Menschen habe.

Lacans Interpretation thematisiert eine Relation zwischen 1) einer Gewalt, der als imperativischen Worten zugehört wird, weil man sie verstehen will und muss, 2) dem als Worte ausgedrückten Begehren von einer/einem, und 3) den mithilfe der Worte sich gegenseitig als Menschen anerkennenden Menschen, die über die Teile der Leben von Anderen verfügen, indem sie ein eigenes haben; diese Vorstellung erinnert mich an meine/unsere jetzige Situation. DA-da-da-DA…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle(n), die Bühne, die Szenerien, das umfassende Rundtheater der Mnemonik, die Realität und die Wirklichkeiten. Im Kontext der Kybernetik fragte Juri Lotman nach der ontologischen Verortung der Kunst (1967); wahrscheinlich stellt er sich die Wirklichkeit inmitten der Realität vor als ein möbliertes Zuhause, und die Kunst, als eines der funktionierenden Subsysteme der Wirklichkeit, sei ein möbliertes Zimmer dieses Zuhause, in dem man sich unterhalte in der Weise, als würde man sich unterhalten, und sich bewege in der Weise, als würde man sich bewegen; d.h. in diesem Zimmer spielt man mithilfe/wegen der Möbel und der halb-geschlossenen Tür in einer schwebenden Zeit des „als-ob”, damit man Abstände verwirklicht, die ermöglichen, entweder dass man sich auf sich selbst bezieht, oder dass man innerhalb einer Wirklichkeit die Grenze der Wirklichkeit überquert und sehr bald zurückkehrt, sodass man sich als Teil dieser Wirklichkeit auf die Wirklichkeit bezieht.

Kurze Zeit in diesem Zimmer verweilend, weil irgendwo irgendwann nicht erlaubt wird, das Zuhause zu verlassen: Die schwebende Zeit des „als-ob” führt zur logischen Schwierigkeit, die dem „Diagonalargument Cantors”, mit dem Cantor die Überabzählbarkeit einer Menge offenbart, isomorph ist, weil im Zimmer der Kunst jede verwirklichte Selbstbezogenheit der Wirklichkeit ein Fragment der Wirklichkeit hervorbringt, das aus den Elementen der gerade funktionierenden Wirklichkeit besteht, aber trotzdem noch nicht von dieser Wirklichkeit enthalten wird.

Ich kann mich noch an das Gespräch in diesem Zimmer zwischen Dr. Bernard Rieux und Jean Tarrou zum Thema des Grundlegenden erinnern; danach trat René Girard in dieses schwebende Zimmer ein, hier beobachtete er die Spiele der Sündenböcke und dachte an das Bauopfer eines Zuhause, das manchmal auf dem Fundament noch lärmt; danach fand ich in diesem Zimmer Le Guins „The Ones Who Walk Away from Omelas”.

„Re-entry” ist Niklas Luhmanns Zauberspruch, mit dem man sich in einen Bumerang transformieren könne, der wieder und wieder nach/aus dem ortlosen Ort —Utopie— geworfen werde, und wenn man Spencer-Browns Kalkül zur Selbstbezogenheit im Laws of Form wiederholt, wird man wahrscheinlich ein Gefühl der Unsicherheit bekommen, weil diesem Kalkül nach man nicht imstande sei, zu wissen, was in der Dunkelheit auf dem Weg von Selbst nach Selbst erfahren wurde zwischen zwei Wirklichkeiten. Trotzdem, dāmyata, seid leiser, um das Grundlegende zu vernehmen; datta, gebt dem Fundament dieser Szenerie auch ein Stück von stimmhaften Worten; dayadhvam, an ihm hat man aber schon teil.

Was liest Du derzeit?

Der Stupa gerade auf meinem Schreibtisch besteht aus den folgenden Bauelementen: Hilmi Yavuz, wenn die zeit kommt (Özlem Özgül Dündar übers. ELIF Verlag, 2014). Armin Steigenberger, das ist der abgesägte lauf der welt (Norderstedt 2020). Alexandru Bulucz, was Petersilie über die Seele weiß (Frankfurt am Main 2020). Saskia Warzecha, Approximanten (Berlin 2020). Gilbert Simondon, Individuation in Light of Notions of Form and Information (Taylor Adkins übers. University of Minnesota Press, 2020).

Das Stüpchen gerade an meinem Bett besteht aus den folgenden Bauelementen: W. S. Merwin, The Rain in the Trees. Julio Cortázar, Rayuela (Gregory Rabassa übers). Milorad Pavić, Dictionary of the Khazars (Christina Pribićević-Zorić übers).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als frei vorstellen, ist stärker als der gegenüber einem notwendigen Ding und folglich noch viel stärker als der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als möglich oder zufällig vorstellen. Ein Ding sich als frei vorstellen kann aber nichts anderes bedeuten, als dass wir es uns einfach vorstellen, indem wir die Ursachen, von denen es zum Handeln bewegt wurde, außer Acht lassen. Folglich ist der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns einfach vorstellen, bei sonst gleichen Umständen, stärker als gegenüber einem notwendigen, möglichen oder zufälligen, und mithin ist er der stärkste.” (Spinoza, Ethik: V, Lehrsatz 5, Beweis; zitiert aus Agambens Die kommende Gemeinschaft.)

Ich vermute, darin sollte das Prinzip der anthropomorphischen Rhetorik enthalten sein, die man zuerst auf sich selbst überträgt und danach auf die anderen legt.

Vielen Dank für das Interview lieber Yu-Sheng, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Yu-Sheng Tsou, Schriftsteller

Yu-Sheng Tsou: Drei Gedichte – Signaturen (signaturen-magazin.de)

Foto_privat.

18.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Unterschiede zwischen den Lebenswelten jetzt noch stärker hervortreten“ Thorsten Krämer, Schriftsteller_ Wichlinghausen_D 16.4.2021

Lieber Thorsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe so gegen 8 Uhr auf (oder auch nicht), schreibe ein wenig (oder auch nicht), mache Frühstück (oder auch nicht), gehe einkaufen (oder auch nicht), koche (oder auch nicht), lese (oder auch nicht), mache die Wäsche (oder auch nicht), radel eine halbe Stunde auf dem Heimtrainer (oder auch nicht), esse (man muss ja), sitze in Zoom-Meetings (oder auch nicht), verzettel mich in Online-Diskussionen (das immer), schaue Serien (oder Filme).

Das alles untermalt vom vertrauten Tür-auf-Tür-zu-Boulevardtheater des Familienlebens mit berufstätiger Frau und zwei erwachsenen Söhnen, die zwar gerade studieren, aber dabei kaum die Wohnung verlassen.

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht, jede*r hat doch etwas anderes, das ihm/ihr gerade wichtig ist. Die einen vereinsamen, die anderen haben Lagerkoller; die einen nutzen eine unerwartete Auszeit, die anderen stehen vor dem Ruin. Vielleicht ist nur das verallgemeinerbar: zu verinnerlichen, dass in einer solchen Ausnahmesituationen die eigene Lage, das eigene Befinden noch weniger repräsentativ aufgefasst werden kann als eh schon; dass die Unterschiede zwischen den Lebenswelten jetzt noch stärker hervortreten und entsprechende Folgen zeitigen. Aber selbst eine solche Selbst-Relativierung setzt ja schon ein gewisses Maß an Absicherung voraus, über das sehr viele nicht verfügen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich finde es schwierig, so allgemein zu sprechen, siehe meine vorherige Antwort. Warum sollte ich Empfehlungen für andere aussprechen? Literatur und Kunst spielen in meinem Leben eine große Rolle, daraus kann ich aber nicht ableiten, dass dies für alle gelten sollte. Ich finde es problematisch, eine besondere Bedeutung für das eigene Tun zu proklamieren. Andererseits ist es natürlich legitim, in einer allgemeinen Wettbewerbssituation für die eigene Position einzutreten. In dieser Hinsicht kann und soll auch die Kulturbranche Lobbyarbeit betreiben – aber vielleicht in Zukunft ohne die Verbrämung, die heute damit oft einhergeht.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Die Glocken von Basel‟ von Louis Aragon und „Ducks, Newburyport‟ von Lucy Ellmann. Das hat sich irgendwie ergeben, passt jetzt aber sehr gut zusammen – einerseits dieser an klassische Vorbilder angelehnte französische Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der vor allem Frauenfiguren in den Fokus stellt; andererseits der 1000 Seiten lange innere Monolog einer amerikanischen Hausfrau der Gegenwart.

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Diese Stelle findet sich gleich auf den ersten Seiten von „Ducks, Newburyport‟ (erschienen 2019) und hat mich davon überzeugt, dass ich das weiterlesen will:

„… the fact the Ben says everybody on earth will soon be starving or suffocating or dying of SARS or Ebola or H5N1, the fact that H5N1 only has to mutate a few more times and we‘re all goners, so maybe it was all for nothing, human achievement, but before that happens, we still have to do our taxes, and Leo needs to fix the garage door …‟

Vielen Dank für das Interview lieber Thorsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Home (thorstenkraemer.de)

Fotos_stills_Video „Interventions for Readings‟:
https://vimeo.com/387270820

17.3..2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine gute Mischung zwischen Nachrichten-Konsum und der Vermeidung dessen“ Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin_Wien 16.4.2021

Liebe Lisa-Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Erstaunlich geregelt (sagte sie stolz J). Ich bin viel in der Natur und beginne gerade wieder zu proben. Außerdem konnte ich mich aufraffen, mit der Umsetzung einiger eigener Projekte zu beginnen.

Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nach innen zu gehen, weil das außen manchmal ganz schön deprimierend sein kann. Eine gute Mischung zwischen Nachrichten-Konsum und der Vermeidung dessen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich tu mir immer schwer damit solche Dinge für die Gegenwart zu beantworten. Geschichte schreibt sich doch immer erst im Nachhinein. Ich darf gespannt darauf warten, welche Rolle dem Theater im Zusammenhang mit der Coronakrise zuteil wird, wenn die Spielstätten uns wieder empfangen dürfen.

Was liest Du derzeit?

Christoph Schlingensief „Kein falsches Wort jetzt“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich nehm` noch ein Schlückchen Eierlikör, das Leben muss ja irgendwie weitergehen“ Harpe Kerkeling

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Lena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin

Lisa-Lena Tritscher – österreichische Schauspielerin und Model

17.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ausgewählte Lyrik“ Zdenka Becker. Podium Porträt 112. Verlag Podium.

Ausgewählte Gedichte_Zdenka Becker_Podium Verlag

Zdenka Becker, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, trifft schon mit dem ersten Gedicht „diese einladung“ Ihres neu erschienen Lyrikbandes in das Herz von Leserin und Leser.

Es ist eine einzigartige Kraft und Wucht mit der die Autorin Mensch, Liebe und Welt in Ihren Wortbogen spannt und die poetischen Pfeile landen treffsicher im Erleben, Erfahren von Rausch und Schmerz, Sehnsucht und Erfüllung, Drama und Hoffnung des Menschen. Beeindruckend ist die Virtuosität von Sprache, welche gleichsam die Essenz von Liebe reduziert und wirkmächtig auf den Punkt bringt und erfasst. Es ist ein Mitgerissenwerden, dem ein Staunen und Ergeben folgt in diesen faszinierenden poetischen Kosmos, der Gedanke und Wiedererkennen öffnet und nicht loslässt.

Die Gedichte Zdenka Beckers sind Spiel und Mitte des Lebens. Es geht darin immer um alles. Um Begegnung mit Menschen und Orten. Um Leichtigkeit, Offenheit wie um Einsamkeit und Kraft im Fortgehen und Erinnern.

Gedichte als Mut zu Leben und Sein. Zur Liebe. Ohne Kompromiss.

„Ein poetisches Geschenk zur richtigen Zeit. Ein mitreißendes Plädoyer für Mensch, Liebe, Welt, Mut“

Walter Pobaschnig 4_2021

https://literaturoutdoors.com

„Ingeborg Bachmann geht es nicht um Perfektion sondern um das Leben“ Patricia Trageser_ Schauspielerin_ Station bei Bachmann_Wien 16.4.2021

Patricia Trageser, Schauspielerin

Ingeborg Bachmann ist so vielseitig. Da ist Kraft wie Zerbrechlichkeit.

Im Schreiben ist ganz dieses Ankommen zu spüren. Reflexion, Mut und Direktheit. Dieses Bei-Sich-Sein, das Ängste nicht ausschließt, sondern an- und aufnimmt, vielleicht um diese zu verwandeln, in jedem Fall um diese auszusprechen für sich und andere, schonungslos.

Wenn Bachmann schreibt ist sie Zuhause. Da ist innerlich Haus und Grund. Auch Abgrund. Natürlich steckt da viel Persönliches drin und das macht verletzbar.

Auch auf der Bühne ist es so. In jeder Rolle steckt viel aus dem eigenen Leben und es ist ein Preisgeben davon. Das ist Überwindung, Angst und Befreiung.

Der Roman Malina ist da sehr exponiert. Das ist einzigartig. 

Rollen mit großer „Fallhöhe“ interessieren mich sehr. Das geht an das Innerste, greift über Konvention hinaus und führt weiter in der eigenen Persönlichkeit.

Bei Ingeborg Bachmann geht es nicht um Perfektion sondern um das Leben. In allen Schattierungen. Es geht um Dasein im Doppelsinn. Die Welt wahrzunehmen und mein Da-Sein – „Ich bin da!“. Das ist ein Wert und Weg.

Es ist viel zu lernen von Ingeborg Bachmann.

Das Feuer stellt ja bei Bachmann eine wesentliche Chiffre für Kunst und Leben dar. Und ist natürlich ganz unmittelbare Tragik. In meiner Kindheit hatte ich selbst große Angst vor Feuer, ich träumte davon und konnte kein Feuerzeug in die Hand nehmen.

Ich muss jetzt wieder stark daran denken. Dieses Brennen wie die Angst vor dem Feuer ist ja eine Metapher für Kunst. Der Wille, das Bemühen, die Herausforderung um die Flamme der Anerkennung und des Erfolges im Beruf Künstlerin und gleichzeitig die Angst, die Enttäuschung. Das liegt sehr nahe beieinander. Flamme und Asche.

Feuer hat eine große Kraft wie Macht. Da ist Spiel, Faszination und Zerstörung. Kunst, Liebe, Leben trägt all das in sich. Der Roman erzählt davon. Da ist alles kompromisslos.

Auch diese Lust zu Begegnung bei Bachmann kommt mir da in den Sinn. Gerade in einer Stadt wie Wien ist es ja wunderbar möglich sich zu treffen und auszutauschen. Bachmann lebte das und es ist hoffentlich bald wieder so gut möglich. Kunst lebt wesentlich davon. Begegnung ist natürlich auch Netzwerk, das trägt. Gerade in diesen Tagen.

Begegnung ist ebenso ein Entdecken der eigenen Persönlichkeit. Ein ganz wichtiges. Das fehlt ja jetzt großteils in der unmittelbaren Form. Wir müssen uns da wieder finden und wohl neu entdecken.

Im Roman Malina geht es um Kopf und Herz. Um den Zwiespalt dabei, den Widerstreit. Das kennen wir alle. Aber wer traut sich das so schonungslos auszusprechen?

Leben heißt riskieren. Auch den Schmerz.

Frau kann ihre Konflikte selbständig lösen, dazu braucht es keinen Mann.

Frau ist so viel – aber nicht das Schneewittchen, das auf den Prinzen wartet.

Heute muss alles sehr schnell gehen. Auch das Kennenlernen. Das ist der falsche Weg.

Es fehlt oft das Interesse für das Gegenüber in einer Beziehung. Der echte Kontakt. Da ist viel Oberfläche aber keine Tiefe.

Sympathie auf den ersten Blick gibt es, nicht Liebe.

Liebe ist Arbeit.

Nur die ersten 4/5 Monate ist honeymoon.

Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet von Erwartung und Überforderung. Das ist auch in der Liebe so.

Eine Stadt, ein Ort trägt Liebe. Im Entflammen, Erleben, Zelebrieren wie dem Erlöschen.

Jede Stadt trägt die Flamme und die Asche der Liebe. Das prägt, lässt nicht los. Bleibt unvergessen. Der Roman erzählt davon.

Ingeborg Bachmann _ Foto _Heinz Bachmann

Männer suchen nach Rechtfertigungen, Frauen stellen Fragen. Frauen sind im Selbstreflexionsprozess weiter. Männer haben da noch einen Weg vor sich.

Diversität in der Kunst sollte mehr strukturell angesprochen und thematisiert werden. Es gibt viel zu tun.

Ingeborg Bachmann war mir bisher über Fotos und Berichte bekannt. In der Erarbeitung dieses Projektes zum Romanjubiläum ist sie mir aber sehr schnell nahegekommen. Da ist eine starke Verbindung fühlbar geworden. Diese Entdeckungsreise ist sehr interessant.

Ingeborg Bachmann ist Vorbild und Inspiration. Es geht darum aufmerksam und neugierig sein. Nach Außen wie nach Innen. Zurückzuschauen wie ich was ich geworden bin und immer weiterzugehen in Leben und Kunst.

Patricia Trageser, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Patricia Elisabeth Trageser, Schauspielerin _Wien.

„Das Theater und die Kunst haben nun die Möglichkeit ganz neue Wege zu gehen“ Patricia Elisabeth Trageser_Schauspielerin, Wien 16.12.2020 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Kempinski_Wien_15.1..2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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