„Dass man an den Leben der Anderen teilhabe“ Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller, München 17.4.2021

Lieber Yu-Sheng, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wach geworden bleibe ich auf dem Bett, stelle mir vor, welche Dinge, maßnahmenmäßig und maßnahmen-unmäßig, ich heute begehre, und versuche, ihre Risiken unpräzise zu begreifen, damit ich wahrnehme, dass ich langsam aus dem Schlaf in diesen Tag eintrete und an ihm teilhabe. Danach wiederhole ich, noch auf dem Bett, einige soziologische und politische Diskurse, die ich lernte, und bringe sie in eine Pseudodialektik; derzeit sind diese Diskurse häufig von Carl Schmitts „Freund und Feind” und den verschiedenen gesellschaftlichen Verhüllungen dieses hypothetischen Grundzustandes, von Hobbes, von den Vertragstheorien, und manchmal auch  von Agamben. Meine Andacht/Pseudodialektik endet normalerweise mit einer Versenkung ins (hypothetische/fiktive/allein im Diskurs hervorgebrachte) Leben in jeder/jedem, auf das das Gesetz schreiben wolle, dessen Position das Gesetz aber nicht erreichen könne, das in einem lärme und höre, aber nie spreche.

Gleichzeitig höre ich die Geräusche außerhalb meines Zimmers in dieser Zweier-WG, die meine Vermieterin macht, weil sie danach zur Arbeit gehen muss.

Dann stehe ich mit einem neu formulierten Zeitplan im Herzen auf. Wenn das Wetter nicht schlecht ist, gehe ich joggen, sonst mache ich Sport in meinem Zimmer.

Danach begebe ich mich auf die Spur des Alltags. Im letzten Semester bei einem Seminar bemerkte ich, dass die englische Übersetzung mit dem Ausdruck der routinization den Weber’schen Terminus der Veralltäglichung (der einmal zauberhaften Kräfte) behandelt; ich denke häufig über diese Übersetzung nach, weil ich immer noch eine kleine Distanz zwischen dem Begriff des Alltags und dem Begriff der Route empfinde.

Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Da ich eigentlich nicht geeignet bin, auf diese große Frage zu antworten, würde ich mich in Bezug auf diese Zeiten mit zunehmenden notwendigen Maßnahmen gerne auf einen Absatz der Brihadaranyaka Upanishad beziehen, den T. S. Eliot in seinem Gedicht „The Waste Land” zitiert und Jacques Lacan für das Schlusswort seines Buches Fonction et champ de la parole et du langage en psychanalyse (1953; für die englische Übersetzung, siehe The Language of the Self. Anthony Wilden übers. Johns Hopkins University Press, 1997) übernimmt. Meine unpräzise Übersetzung dieses Absatzes lautet:

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den strahlenden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die strahlenden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, uns selbst zu zähmen. (myata)”

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den Menschen: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die Menschen antworteten, „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, einander ein Etwas zu geben. (datta)”

Der Herrsche all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den sich häufig ärgernden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die sich häufig ärgernden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, aneinander teilzuhaben. (dayadhvam)”

Daher sprach der Herrscher all der geborenen Lebewesen im Donner: „DA! DA! DA! Ihr habt mich verstanden.”

Brihadaranyaka Upanishad: 5.2.1-5.2.4

Im Vergleich zur Mehrheit der Kommentare zur mysteriösen Kadenz des „Waste Land”, die den sanskritischen Ausdruck dayadhvam (day: 2. Person Plural, Imperativ) als Begriff der Sympathie interpretiert, tendiert Lacans Text an dieser Stelle zur Bedeutung des Teilhabens: Man höre den Worten des „großen Anderen” als sporadischen Befehlen zu, sodass man sich verhalte (dāmyata), indem man die anderen, die auch den Worten des „großen Anderen” zuhörten und versuchten, sie zu verstehen, als die Entsprechenden von einem anerkenne (datta); in dieser Hinsicht solle man nicht vergessen, dass man an den Leben der Anderen teilhabe (dayadhvam), weil man innerhalb der zugehörten Worte des „großen Anderen” das eigene Leben in der Form eines anerkannten Menschen habe.

Lacans Interpretation thematisiert eine Relation zwischen 1) einer Gewalt, der als imperativischen Worten zugehört wird, weil man sie verstehen will und muss, 2) dem als Worte ausgedrückten Begehren von einer/einem, und 3) den mithilfe der Worte sich gegenseitig als Menschen anerkennenden Menschen, die über die Teile der Leben von Anderen verfügen, indem sie ein eigenes haben; diese Vorstellung erinnert mich an meine/unsere jetzige Situation. DA-da-da-DA…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle(n), die Bühne, die Szenerien, das umfassende Rundtheater der Mnemonik, die Realität und die Wirklichkeiten. Im Kontext der Kybernetik fragte Juri Lotman nach der ontologischen Verortung der Kunst (1967); wahrscheinlich stellt er sich die Wirklichkeit inmitten der Realität vor als ein möbliertes Zuhause, und die Kunst, als eines der funktionierenden Subsysteme der Wirklichkeit, sei ein möbliertes Zimmer dieses Zuhause, in dem man sich unterhalte in der Weise, als würde man sich unterhalten, und sich bewege in der Weise, als würde man sich bewegen; d.h. in diesem Zimmer spielt man mithilfe/wegen der Möbel und der halb-geschlossenen Tür in einer schwebenden Zeit des „als-ob”, damit man Abstände verwirklicht, die ermöglichen, entweder dass man sich auf sich selbst bezieht, oder dass man innerhalb einer Wirklichkeit die Grenze der Wirklichkeit überquert und sehr bald zurückkehrt, sodass man sich als Teil dieser Wirklichkeit auf die Wirklichkeit bezieht.

Kurze Zeit in diesem Zimmer verweilend, weil irgendwo irgendwann nicht erlaubt wird, das Zuhause zu verlassen: Die schwebende Zeit des „als-ob” führt zur logischen Schwierigkeit, die dem „Diagonalargument Cantors”, mit dem Cantor die Überabzählbarkeit einer Menge offenbart, isomorph ist, weil im Zimmer der Kunst jede verwirklichte Selbstbezogenheit der Wirklichkeit ein Fragment der Wirklichkeit hervorbringt, das aus den Elementen der gerade funktionierenden Wirklichkeit besteht, aber trotzdem noch nicht von dieser Wirklichkeit enthalten wird.

Ich kann mich noch an das Gespräch in diesem Zimmer zwischen Dr. Bernard Rieux und Jean Tarrou zum Thema des Grundlegenden erinnern; danach trat René Girard in dieses schwebende Zimmer ein, hier beobachtete er die Spiele der Sündenböcke und dachte an das Bauopfer eines Zuhause, das manchmal auf dem Fundament noch lärmt; danach fand ich in diesem Zimmer Le Guins „The Ones Who Walk Away from Omelas”.

„Re-entry” ist Niklas Luhmanns Zauberspruch, mit dem man sich in einen Bumerang transformieren könne, der wieder und wieder nach/aus dem ortlosen Ort —Utopie— geworfen werde, und wenn man Spencer-Browns Kalkül zur Selbstbezogenheit im Laws of Form wiederholt, wird man wahrscheinlich ein Gefühl der Unsicherheit bekommen, weil diesem Kalkül nach man nicht imstande sei, zu wissen, was in der Dunkelheit auf dem Weg von Selbst nach Selbst erfahren wurde zwischen zwei Wirklichkeiten. Trotzdem, dāmyata, seid leiser, um das Grundlegende zu vernehmen; datta, gebt dem Fundament dieser Szenerie auch ein Stück von stimmhaften Worten; dayadhvam, an ihm hat man aber schon teil.

Was liest Du derzeit?

Der Stupa gerade auf meinem Schreibtisch besteht aus den folgenden Bauelementen: Hilmi Yavuz, wenn die zeit kommt (Özlem Özgül Dündar übers. ELIF Verlag, 2014). Armin Steigenberger, das ist der abgesägte lauf der welt (Norderstedt 2020). Alexandru Bulucz, was Petersilie über die Seele weiß (Frankfurt am Main 2020). Saskia Warzecha, Approximanten (Berlin 2020). Gilbert Simondon, Individuation in Light of Notions of Form and Information (Taylor Adkins übers. University of Minnesota Press, 2020).

Das Stüpchen gerade an meinem Bett besteht aus den folgenden Bauelementen: W. S. Merwin, The Rain in the Trees. Julio Cortázar, Rayuela (Gregory Rabassa übers). Milorad Pavić, Dictionary of the Khazars (Christina Pribićević-Zorić übers).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als frei vorstellen, ist stärker als der gegenüber einem notwendigen Ding und folglich noch viel stärker als der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als möglich oder zufällig vorstellen. Ein Ding sich als frei vorstellen kann aber nichts anderes bedeuten, als dass wir es uns einfach vorstellen, indem wir die Ursachen, von denen es zum Handeln bewegt wurde, außer Acht lassen. Folglich ist der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns einfach vorstellen, bei sonst gleichen Umständen, stärker als gegenüber einem notwendigen, möglichen oder zufälligen, und mithin ist er der stärkste.” (Spinoza, Ethik: V, Lehrsatz 5, Beweis; zitiert aus Agambens Die kommende Gemeinschaft.)

Ich vermute, darin sollte das Prinzip der anthropomorphischen Rhetorik enthalten sein, die man zuerst auf sich selbst überträgt und danach auf die anderen legt.

Vielen Dank für das Interview lieber Yu-Sheng, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Yu-Sheng Tsou, Schriftsteller

Yu-Sheng Tsou: Drei Gedichte – Signaturen (signaturen-magazin.de)

Foto_privat.

18.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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