„In der Kunst ist Platz für alles, was den Menschen umtreibt und in ihm rumort“ Linda Pichler, Schauspielerin_ Wien 18.4.2021

Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Also die kurze Antwort lautet: bei mir läuft, was im Moment geht. Ich versuche so gut es mir gelingt im Tun zu bleiben- ob mit Workshops, im kreativen Austausch mit Kolleg*innen, mit Bewerbungen und dem ein oder anderen Vorsprechen oder Casting, Yoga, eigenen szenischen Basteleien. Liebe Menschen treffe ich gern im Park zum Kaffee und ich fahre öfters mit dem Bus in den Wald. Ich freue mich darauf mich in die Proben für den Sommer zu stürzen und bis dahin soll kommen, was will. Mit dieser Ungewissheit konnte ich mich den letzten Monaten etwas mehr anfreunden- in diesem Beruf ohnehin nie ein Fehler. Ohne die Gastro ist es allerdings nicht so einfach für die fiesen Lücken eine geeignete Überbrückungs-Hackn zu finden- die wenigsten Unternehmen wollen Mitarbeiter*innen einstellen, die sich vertschüssen, sobald der nächste Dreh oder das nächste Engagement an Land gezogen ist. Jene Kolleg*innen, die ganz ohne Unterstützung dastehen, trifft das natürlich besonders hart- das lässt sich nicht schönreden.

Linda Pichler, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarisches Handeln, Flexibilität und Durchhaltevermögen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Auf die politische Ebene runtergebrochen, ist die Bühne für mich ein riesiger Diskursraum, deren Macht darin besteht gesellschaftliche Fragen situativ bekleiden und emotional bespielen zu können, also in ihrer Verhandlung richtig persönlich zu werden. Zum Theater gehört auch die Befriedigung eines eskapistischen Bedürfnisses- sich in den Strudel dieser Geschichten hineinreißen zu lassen und sich auf dieser Flucht dann doch unverhofft selbst über den Weg zu laufen.

Ich denke, dass alles woran wir jetzt knabbern, woran wir uns manchmal vielleicht sogar die Zähne ausbeißen, von der Kunst verdaut wird- da ist Platz für alles, was den Menschen umtreibt und in ihm rumort. Gerade Zeiten des Umbruchs halte ich für besonders großzügige Materialspenderinnen. Vorwegnehmen will ich nichts, das wird alles für sich sprechen. Wir können jedenfalls gespannt darauf sein welchen Braten uns Kunst und Kultur servieren werden, sobald sie wieder richtig auftischen dürfen, so viel ist sicher.

Was liest Du derzeit?

Oh je, ich will seit gefühlt 100 Jahren „Die Eroberung des Brotes“ lesen und habe mir deshalb ausdrücklich verboten neue Romane in meinem Lieblingsbuchladen zu bestellen, bis ich mit dieser Lektüre fertig bin. Herr Kropotkin schläft zwar jede Nacht in meinem Bett, aber gebacken gekriegt hab ich’s bisher trotzdem noch nicht. Ein Buch, das ich gern empfehle, ist „In the dreamhouse“ von Carmen Maria Machado- das hat mich so gefesselt, dass ich es an einem Tag ausgelesen habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The role of the artist is to make the revolution irresistible.“ – Toni Cade Bambara

Linda Pichler, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Linda Pichler, Schauspielerin

Foto_1,2 Barbara Maria Hutter; 3 Linda Pichler.

20.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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