„Die regenerierende und heilende Wirkung von Musik und Kunst wird immer bewusster“ Desirée Mostetschnig, Musikerin, Klagenfurt 15.4.2021

Liebe Desirée, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment starte ich den Tag unter der Woche mit meinen beiden Kindern (5  und 9) und bringe meinen Sohn nach den mütterlichen Morgengeschäften in  den Kindergarten – die Große besteht darauf selbst mit dem Bus zu fahren 🙂 Im Idealfall gehe ich danach jeden zweiten Tag eine kleine Runde laufen oder setze mich aufs Ergometer. Dann stehen oft Termine in Vorbereitung für Studiotage, Gigs oder Projekte im Sommer an. An den Vormittagen übe, transkribiere, oder bearbeite ich eigene Lieder, arbeite an Homepage und Socialmedia Präsenz, oder bereite den nächsten Singlerelease in Ton und Bild vor. Mittwochs habe ich einen regelmäßigen Probetermin mit einem Kollegen.

Vor Ostern begann die Projektarbeit mit einer vierten Volksschulklasse der BAfEP Klagenfurt – Voice meets Music – da bin ich dann bis Juni immer montagvormittags in der Schule. Nachdem ich meinen Sohn zwischen 14h und 15h wieder vom Kindergarten abgeholt habe, betreue ich an ein bis zwei Nachmittagen Klienten in vokalen Einzelsessions, weswegen ich mich auch regelmäßig selbst oder am Messegelände testen lasse. Grundsätzlich brauchen mich meine Kinder nachmittags im Moment sehr: wir verbringen Zeit miteinander, lernen, üben Klavier, ich unterstütze sie bei ihren Nachmittagsaktivitäten z.B. die Online-Treffen des Theaterclubs oder der Gang zum Kieferorthopäden …. Abends essen wir gemeinsam.

Wenn die Kinder dann schlafen, geht die Arbeit an den Projekten meist weiter. Es kann aber auch vorkommen, dass ich einfach mit ihnen einschlafe. Wochenends versuche ich mir Kreativzeit einzurichten, nehme Probentermine wahr, mache Aufnahmen mit einer Grazer Kollegin oder bearbeite das was unter der Woche liegen geblieben ist. Sonntags verbringe ich zumindest nachmittags voll und ganz mit meinen Kindern. Alle 2-3 Wochen ca. brauche ich eine intensive Pause für ca. 2-3 Tage – dann geht es wieder weiter.

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben dem, dass die Fähigkeit der persönlichen Selbsteinschätzung noch nie so wichtig war wie heute (was braucht mein System gerade, wie hoch ist mein Stresspegel, muss jetzt unbedingt was raus oder: wie aufnahmefähig bin ich gerade etc. …) ist es wichtig, dass jeder seinen individuellen Umgang findet. Für mich persönlich ist es gut mich vor allem zeitlich in längeren Spektren zu bewegen und die Vorausschau zu pflegen, auch wenn dies schwierig erscheint in solch instabilen Zeiten. Das Arbeiten an Ausrichtung und lebendigen Zielen und  der respektvolle Umgang mit meinen eigenen Bedürfnissen schenkt mir Kraft – und die ist für uns alle gerade besonders wichtig denke ich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich denke wesentlich wird sein wie agil sich der Mensch auf neue Umstände fähig ist einzulassen und sich der Veränderung zu stellen: Dies sind fordernde und anstrengende Prozesse für uns „Gewohnheitstiere“. In der Rezeption von Musik wird es auch in der Popularmusik immer weniger um reine Unterhaltung gehen. Den Menschen wird die regenerierende, rekreative und heilende Wirkung von Musik und Kunst unabhängig ihrer Genres und Sparten immer bewusster. Auch das dem Menschen innewohnende Bedürfnis danach die eigene Kreativität auszuleben und dadurch mental selbstregulierend tätig zu sein gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich wieder Hermann Hesse´s Siddhartha.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das folgende Zitat hat mich bereits durch einige krisenhafte Momente hindurch getragen, da ihm die Hoffnung innewohnt die uns in dunklen Zeiten oft verlässt. Und so möchte ich es an dieser Stelle gerne teilen:

„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt

Schmetterling.“ (Laotse)

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

Vielen Dank für das Interview liebe Desirée , viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

www.desireemostetschnig.com

https://desireemostetschnig.bandcamp.com

Fotos_Gernot Gleiss

18.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur kann Raum für Veränderung schaffen“ Franziska Hauser, Schriftstellerin_Berlin 15.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich überlege jeden Morgen neu, ob die Prioritäten von gestern heute noch stimmen. An meinem neuen Roman schreibe ich zwar jeden Tag und verbringe die Abende mit meinem Mann und meiner Tochter, aber oft mache ich auch ganz sinnlose Sachen, weil ich zu wenig Arbeit habe. Einerseits tut es ganz gut, nicht mehr so einen effektiven Alltag zu haben, andererseits ist es auch sehr irritierend. Die finanzielle Abhängigkeit, die ich bisher immer vermieden habe, finde ich jetzt beängstigend.

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Hoffnung, dass alles wieder so wird wie es war, sollten wir nicht so viel Raum geben, sondern lieber herausfinden was wir ändern müssen. Ich habe mich, gerade im Frühling, oft total daneben gefühlt, wenn alle unter rosa Kirschblüten, Milchkaffee schlürfend auf den Straßen saßen und die komplette Sorglosigkeit zelebriert haben. Die haben wir jetzt nicht mehr und ich will eigentlich nicht, dass alles wieder wird, wie es war. Diesen Hochleistungsalltag will ich auch nicht zurückhaben, weil ich glaube, dass die Hochleistung und die Selbstoptimierung auch die Vergnügungssucht bedingt. Ich hab mir immer mehr Ernsthaftigkeit und Vernunft gewünscht und gedacht: Irgendwann kommt ein Monster und schlägt uns die Kaffeetassen aus den Händen. Jetzt ist das Monster da und gibt uns einen Auftrag: „Wenn ihr klug und mutig seid, könnt ihr euch retten!“ Jede Bewegung erzeugt ja eine Gegenbewegung und es ist jetzt eine Chance, etwas zu ändern, wenn man sich am Alten nicht mehr festhalten kann. So viele Missstände zeigen sich jetzt und können nicht mehr so leicht verdeckt und ignoriert werden. Vielleicht wissen wir ja in Wahrheit schon immer alles was wir wirklich wissen müssen. Dass wir den Klimawandel und die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen so sehr vorangetrieben haben, liegt ja nicht daran, dass wir nicht anders könnten, sondern vor allem daran, dass uns bisher noch Nichts daran gehindert hat. Vermutlich ist es leider keine Hilfe fürs Klima, oder für unsere Besinnung, oder Achtsamkeit, wie ich es in meinem Harmoniebedürfnis gerne hätte. Aber wenn wir nicht wollen, dass die Pandemie einfach nur eine von vielen Katastrophen ist, sollten wir nicht nur versuchen uns selbst zu retten, sondern auch sehen was sich jetzt besser machen lässt, um auch die Zukunft unserer Kinder zu retten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die wichtigste Aufgabe der Literatur ist es den Lesern die Angst zu nehmen. Die Sorglosigkeit ist genauso falsch wie die Angst. Man kann mit Literatur Raum für Veränderung schaffen, weil wir uns Veränderungen ja immer erstmal vorstellen müssen, bevor wir sie umsetzen können. Die Literatur kann diese Vorstellung sein.

Was liest Du derzeit?

Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve mag ich gerade sehr, weil es so schön respektlos geschrieben ist, sodass ich als Leser selbst entscheiden darf, wen ich sympathisch finde und wen nicht. Das gefällt mir.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Bertolt Brecht

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Fotoprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Hauser, Schriftstellerin, Fotografin

Autorin (foto-haus.info)

Alle Fotos_Selbstporträts_Franziska Hauser

17.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Griffen – wie es früher einmal war“ Ein Zeitbild um 1910. Valentin Hauser. Hermagoras Verlag

Es ist eine Zeit des Innehaltens. Und damit auch des Erinnerns, des Rückblicks in nähere und entferntere Vergangenheit. Dies lässt für Augenblicke die großen Anforderungen der pandemischen Gegenwart etwas vergessen. Wie war es damals? Was magst Du erzählen? Ein Buch ist da ein wunderbarer wissender Reisegefährte in Wirklichkeit und Traum der Menschheitsgeschichte…

Der österreichische Buchautor und Komponist, Valentin Hauser, lädt dazu ein, anhand von Lebenserinnerungen in Wort und Bild die Kärntner Gemeinde Griffen in Leben und Gesellschaft Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts nacherleben zu können. Und es ist vielfältig, erstaunlich und spannend was es da zu sehen und lesen gibt…

Der Autor, ein Freund des österreichischen Nobelpreisträgers Peter Handke, welcheraus Griffen gebürtig ist,lässt auch diesen prominenten Sohn der Gemeinde zu Wort kommen. Peter Handke schreibt ein Vorwort und dabei gleich einen Preis aus. Seien Sie gespannt…

Neben der inhaltlichen sehr gelungen kompakten Zusammenstellung, der eine umfassende Recherche zugrunde liegt, die in höchstem Maße zu würdigen und anzuerkennen ist, ist auch das Druckformat und der Satz von Wort und Bild hervorzuheben – dies ist einmalig gelungen. Besonders auch die Präsentation historischer Fotos in so guter Qualität und die Textabstimmung dazu.

Als diese Besprechung verfasst wird, höre ich im Radio gerade, dass Hugo Portisch, der anerkannte österreichische Journalist und eine Legende zeitgeschichtlicher Präsentation gestorben ist. Wie Portisch so viel für das österreichische Geschichtsbewusstsein geleistet hat, so ist auch das vorliegende Buch ein wichtiger Mosaikstein regionaler wie österreichischer Identität.

Walter Pobaschnig 4_21

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„Die Situation ist zermürbend“ David Czifer, Schauspieler_Wien 14.4.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da man ja Gott sei Dank proben kann, habe ich meinen gewohnten Tagesablauf wieder. Max Mayerhofer und ich planen momentan die Tour mit unserem Verein LASTKRAFTTHEATER und versuchen die Spieltermine unseres zweiten Vereins ergo arte zu verschieben. Hier haben wir DER LECHNER EDI SCHAUT INS PARADIES von Jura Soyfer unter der Regie von Peter Pausz bereits im Jänner fertig geprobt und nun hoffen wir das Stück bald zeigen zu können, beim Lastkrafttheater sind wir mit HÖLLENANGST gerade mitten in den Proben. Wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder bei unserem Publikum sein und auftreten können. Aber die Situation ist zermürbend und man hat den Eindruck von der Politik vergessen zu sein. Insofern ist mein Alltag durch Corona um einiges stressiger und sorgenvoller geworden, so wie der Alltag der meisten Menschen, denke ich.

David Czifer_Schauspieler_Lastkrafttheater 2021

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass wir als Gesellschaft wieder zusammenwachsen müssen und keineswegs noch gespaltener werden dürfen. Es ist wichtig, dass wir trotzdem das Verbindende suchen. Seit einem Jahr gibt es nur noch ein Thema und das muss sich wieder ändern. Die Gesellschaft muss wieder zusammenhalten und zusammenkommen: Corona sollte nicht mehr unsere Diskussionen dominieren. Hier sind auch die Medien gefragt: Sie sollten sich ihrer großen Verantwortung in der Pandemie stärker bewusstwerden und die Berichterstattung nicht nur an Verkaufszahlen orientieren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Theater, Schauspiel und Kunst im Allgemeinen können ein Bindeglied für die Gesellschaft sein. Deswegen kommt der Kunst an sich eine noch wichtigere Rolle zu, als sie vor der Pandemie ohnehin schon innehatte. Kunst kann Räume zur Begegnung schaffen und kann ein Mittel sein unsere Gesellschaft zu stärken. Wir brauchen Kunst und Kultur stärker denn je und es muss auch ganz klar gesagt werden, dass Kunst vom Live-Moment lebt, Online-Streaming ist also nur ein mickriger Ersatz. Es müssen einfach von der Politik schnellstens Rahmenbedingungen geschaffen werden, sodass Kunst und Kultur auch in der Pandemie wieder möglich werden können, denn unsere Gesellschaft braucht sie!

Was liest Du derzeit?

Momentan lese ich eine Biografie über Jura Soyfer, dessen Stück Der Lechner Edi schaut ins Paradies wir im Verein ergo arte unter der Regie von Peter Pausz auch geprobt haben und hoffentlich bald zeigen können.

Er war ein unglaublich inspirierender und interessanter Mensch, der tolle Briefe und Stücke hinterlassen hat, von denen viele heute aktueller denn je sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In Der Lechner Edi schaut ins Paradies sagt der Motor zu Edi folgende Sätze, die aktueller denn je sind und auch heute für uns im Bereich der Digitalisierung, Forschung und Entwicklung Gültigkeit haben sollten.

Merk dir, Edi, wir Motoren sind dazu auf der Welt, dass wir euren Willen vollstrecken. Ihr druckts aufn Starter, wir parieren. Du hast an halben Gedanken ausgedacht- i hab ihn zu Ende gedacht und die Konsequenzen gezogen. Jetzt, wo ihr Menschen uns Maschinen geschaffen habts, müsst ihr halt vorsichtiger sein mitn Herumphantasieren. Auf ja und na wird die Phantasie zur Wirklichkeit. Wir sind die dienstbaren Geister, und ihr seids die Zauberlehrlinge.

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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David Czifer_Schauspieler

Lastkrafttheater

Foto_Nikolaus_Similache

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Gedicht rettet den Tag“ Anton G. Leitner, Schriftsteller_Weßling/D 14.4.2021

Lieber Anton, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auch im Lockdown gehe ich ab dem späteren Vormittag ein Haus weiter, in meinen Verlag, wie früher auch. Alles ist jetzt nur wesentlich aufwändiger und kostenintensiver: Vorher eine FFP3-Einweg-Maske aufsetzen, Hände desinfizieren etc. Ich bin selbst Hochrisikopatient und muss besonders darauf achten, mir nicht dieses verdammte Corona-Virus einzufangen. Ansonsten fühl ich mich jetzt in unseren Redaktionsräumen bisweilen etwas einsam und verloren, keine freien MitarbeiterInnen sind da, mit denen man scherzen könnte, höchstens meine langjährige Angestellte Gabriele Trinckler, wenn sie nicht im Homeoffice ist. Bei offenem Fenster arbeiten, auch bei Eiseskälte, auf mögliche Alarmwerte unserer CO-2-Ampeln reagieren, ggf. die Vorfilter unserer mobilen Hepa-Filteranlagen reinigen, natürlich ebenfalls unter Beachtung der Coronaregeln. Außerdem mache ich mir Gedanken und Sorgen, wie ich meine Festkosten weiter bedienen kann. Ich bekomme absurderweise keine staatlichen Coronahilfen mehr, weil seit der zweiten Stufe der Corona-Hilfsmaßnahmen in Deutschland das Jahr 2019 zur Beurteilung der Höhe des Umsatzrückganges als Referenzjahr herangezogen wird. Ausgerechnet 2018 fiel ich durch eine doppelseitige Lungenembolie mehrere Monate lang aus, 2019 durch einen Herzinfarkt fast sechs Monate, vorher hatte ich 26 Jahre ohne größere gesundheitliche Probleme praktisch durchgearbeitet. Da 2019 krankheitsbedingt genauso schlecht lief wie das Coronajahr 2020 mit seinen Lockdowns bekomme ich keine Unterstützung vom Staat, für einen normal denkenden Menschen vollkommen unbegreiflich, für die deutsche Bürokratie kein Grund, sich um einen Härtefallausgleich zu bemühen. So werde ich jetzt auch noch für meine Krankheiten doppelt bestraft.

Anton G.Leitner_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zu überleben, psychisch und physisch und wirtschaftlich. Und sich die Hoffnung auch von streckenweise dilettantisch agierenden KrisenmanagerInnen aus der Politik und ihrer unbeweglichen, kafkaesk anmutenden allmächtigen Bürokratie nicht nehmen lassen, was mir zunehmend schwerer fällt. Deshalb schreibe ich so viel wie selten in meinem Leben, denn wirklich relevante Literatur entsteht meines Erachtens ja immer in existenziellen Lebenssituationen, wie wir sie gerade erleben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich breche ja eigentlich schon seit 2018 jährlich neu auf, nach so schweren Erkrankungen fühle ich mich mit 25 Kilo weniger gleichsam neugeboren, insofern hat mich die Coronakrise zu einem Zeitpunkt getroffen, als ich mich wieder in der Lage fühlte, ganze Bäume auszureißen. Der Lockdown hat dann ja alle Veranstaltungspläne ersatzlos vernichtet. Aber zunächst hoffe ich auf eine Impfung, sofern bis dahin Deutschland endlich ausdiskutiert hat, wer wann wo von wem womit in welcher Reihenfolge geimpft werden darf oder nicht. Literaturschaffende wie ich wurden vom hiesigen Staat schlecht, von ihren Leserinnen und Lesern allerdings sehr gut behandelt. Ohne deren Unterstützung und Solidarität hätte ich nach meinen Krankheitsausfällen die Coronakrise nicht mehr stemmen können. Insofern freue ich mich unbändig darauf, meinem Publikum nach der Krise wieder persönlich begegnen zu können. Mich verbinden mit diesen Menschen inzwischen viele Freundschaften, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Und das gilt natürlich in ganz besonderer Weise für all meine Poetenfreundinnen und -Freunde. Gemeinsam werden wir dann dem Motto frönen: Ein Gedicht rettet den Tag.

Was liest Du derzeit?

Im Bereich der Prosa den Roman „Was uns erinnern lässt“ von Kati Naumann (HarperCollins Germany). Im Bereich der Lyrik kehre ich zurück zu meinen Lesewurzeln aus der Jugend, nämlich zu Charles Bukowski. Da lese ich parallel zum amerikanischen Orignal („Storm for the Living an the Dead“, herausgegeben von Bukowski-Kenner Abel Debritto bei ecco / HarperCollins) die deutsche Ausgabe „Dante Baby, das Inferno ist da. 94 unzensierte Gedichte“, erschienen im MaroVerlag, übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Wunderbar politisch unkorrekte Gedichte in einer Zeit, in der manche damit beginnen möchten, die Märchen gendergerecht umzuschreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Die Zukunft war früher auch besser.« und »Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.« Zwei wunderbar treffende Zitate des Komikers Karl Valentin, vom offiziellen München lange Zeit unterschätzt, aber von den Münchnern selbst schon seit jeher geliebt. Und von mir natürlich auch.

Vielen Dank für das Interview lieber Anton, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anton G.Leitner, Schriftsteller

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist lebt als Lyriker, Herausgeber und Verleger in Weßling (Landkreis Starnberg). Er publizierte bislang dreizehn Gedichtbände. Im April 2021 erscheint sein neuer Band »Wadlbeissn. Zupackende Verse« (Volk Verlag, München). Leitners Gedichte wurden in neun Sprachen sowie in diverse Dialekte (u. a. Schottisch, Londoner Cockney und Damaszenisch) übersetzt. Neben 28 Folgen der buchstarken Jahresschrift »Das Gedicht« edierte er über 40 Anthologien, zuletzt bei Reclam »Gedichte für alle Liebeslagen« (März 2021). Leitner wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem »Bayerischen Poetentaler« und dem »Tassilo«-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

www.AntonLeitner.de

www.dasgedichtblog.de

www.dasgedicht.de

Foto_Volker Derlath_München

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir alle müssen eine Praxis des Lernens entwickeln“ Tatyana von Leys _ Künstlerin, Tegernsee/D 13.4.2021

Liebe Tatyana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich steh meistens um 6 Uhr morgens auf, mach mich frisch für den Tag, brauche mindestens 3 Tassen Kaffee und lass Social Media vor Yoga und Gymnastik auf mich wirken. Im Laufe des Tages wird der „Gesundheitsblock“ nachgeholt, oft ergänzt durch Streifzüge am Tegernsee, wo ich seit einigen Jahren arbeite und lebe.

Nach der täglichen Routine im Haushalt fische ich im Netz ein paar wissenschaftliche oder philosophische Texte, die mich durch ihre erneuernden Gedanken stärken, um den ganzen Wahnsinn einer total absurden Welt auszuhalten. Dann treibt es mich in mein Studio, wo ich an meinen Leinwänden an der Serie „Posthuman Studies“ und „Transhumane Verstrickung“ arbeite, stets in Begleitung von Vorträgen oder Musik.

Zwischendurch ein kurzer Chat mit meinen, inzwischen erwachsenen Kids, die ich durch die neuen Bedingungen leider nur mehr selten sehen kann. (2 Söhne leben in Österreich, meine Tochter studiert in München).

Eine gesunde und abwechslungsreiche Küche ist mir wichtig, die ich gerne mit einem schrecklich komplizierten, höchst eigenwilligen WG-Bewohner in einem Haus am Tegernsee teile.

Relativ unspektakulär und doch verbunden, unter dem Titel: Lebe so, als wäre es dein letzter Tag!

Tatyana von Leys _ Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Akzeptanz! Das Corona Virus hat uns gezeigt, dass wir doch nicht so groß und wichtig sind.

Wir leben in einer Übergangsgesellschaft. Die Fragen diesbezüglich sind:

Gibt es nun einen moralischen Fortschritt oder nicht? Kann uns die Technik retten? Können wir uns eingestehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind? Können wir neu denken?

Einen plausiblen Zugang bieten uns Gedanken zum Trans- und Posthumanismus.

(In meinem Buch: „das kleine Buch zum neuen Denken“
ISBN 978-3-7460-5451-3 habe ich den Weg des Transhumanismus in Form von Essays beschrieben) – als Einstieg für weiteres gedacht.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Wahrnehmung von Kunst verändert sich durch neue Medien. Es ist die Geburt neuer Formen, virtueller Formen. Der virtuelle Raum des Digitalen hat die Realität eingeholt und ist Teil unserer Realität.

Was liest Du derzeit?

Ich studiere „Unruhig bleiben“ (die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän) von Donna J. Haraway

und  „Nietzschean Meditations/Untimely Thoughts at the Dawn of the Transhuman Era“ von Steve Fuller

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir alle müssen eine Praxis des Lernens entwickeln, die es uns ermöglicht, uns auf allen Ebenen weiter zu bilden – auf der geistigen, körperlichen und emotionalen.

Vielen Dank für das Interview liebe Tatyana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tatyana von Leys _ Künstlerin

Visual Artist – Tatyana Leys (tatyana-leys.com)

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst schöpft aus der Natur“ Reinhard Trinkler_Künstler, Wien 13.4.2021

Lieber Reinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der hat sich eigentlich nicht großartig verändert im Vergleich zu jenem der Prä-Corona-Epoche. Ich bin nicht selten ein Nachtarbeiter, da herrscht Ruhe und es lenkt nichts ab, wie schönes Sonnenwetter, ein Ausflug in die Natur oder ein Museumsbesuch, der jetzt wieder möglich ist Gott sei Dank. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch tagsüber zeichne und male. Was wegfällt sind die Abendveranstaltungen wie Theater, Lesungen und Vernissagen. Die vermisse ich, aber ich zweifle nicht daran, dass sie in Zukunft wieder florieren werden.

Reinhard Trinkler, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht zu verzweifeln und nicht zu resignieren. Haltung bewahren und den Verstand benutzen, wäre nicht schlecht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kunst wird weiterhin eine Oase des Wahren, Schönen und Guten sein und ein Austrittsticket aus dem grauen Alltag (ebenso die Kultur) – sogar oder gerade dann, wenn sie unangenehme Themen behandelt bzw. behandeln muss, die sehr real und unmittelbar aus dem Leben gegriffen sind. Das geht einfach nicht anders. Sie ist etwas so Konstantes in der Geschichte der Menschheit. Man muss aber ebenso bedenken, dass es sie nur solange geben wird, solange es die Menschen gibt und diese sich nicht gegenseitig komplett zerstört haben und ihren Lebensraum. Denn dann passiert das, was man in Tschernobyl oder in Yucatan bei den Maya-Tempeln (und an anderen versunkenen Kulturen) bereits jetzt sieht, die Natur holt sich alles zurück. Das hat aber auch eine ganz besondere Poesie. Die Kunst schöpft aus der Natur, versucht sie zu ersetzen, wird aber letztendlich in einiger Zeit, in Millionen oder viel weniger Jahren selbst zu Natur.

Was liest Du derzeit?

Quer durch das Gemüsebeet, wie man so sagt: Sachbücher, Künstler-Biografien , die Bücher von Prof. Otto Koenig ebenso wie Bücher über Theatergeschichte, die Maya und Azteken. Je nachdem, was mich gerade inspiriert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Satz aus einer Fernsehsendung von Prof. Otto Koenig (österr. Verhaltensforscher) aus dem Jahr 1973 beschäftigt mich in diesen Zeiten, da er prophezeit hat, was jetzt eingetreten ist. Hier das Originalzitat: „Was ist das für eine Welt in der wir leben,in der ein Fortschritt gepriesen wird, in der von einer Zukunft gesprochen wird, von einem Wohlstand, der nur mit Gasmasken genossen werden kann…“ Koenig hat schon lange vor Greta Thunberg gewarnt vor der Zerstörung der (Um)Welt durch den Menschen. Viele haben ihn damals als Pessimisten abgetan, heute ist vieles eingetreten, wovor er gewarnt hat. Gasmasken tragen wir (noch) keine, aber ich bin zu sehr Realist, als das ich glauben könnte, die Menschheit als Ganzes wird sich in Zukunft bessern oder komplett umdenken. Ich würde mich dennoch nicht als „Schwarzseher“ einstufen und meine die vorangegangenen Worte nicht zynisch oder defätistisch. Sondern nach dem Motto: carpe diem.

Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Reinhard Trinkler, Künstler

https://reinhard-trinkler.de.tl/

Foto_Sven Eisermann

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Inhalte statt Aufmachung“ Sarah Zaharanski, Schauspielerin, Wien 12.4.2021

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens meistens irgendwas mit Bewegung, Joggen oder Yoga, dann Frühstück und an den Laptop. Mails, neue Theater- und Hörspielideen, schreibe seit Jahren an einem Roman, den ich versuche fertigzustellen, … Am Nachmittag gehe ich oft nochmal an die frische Luft. Abends schaue ich ZIB oder Tagesschau und danach einen Film von dem Stapel mit den Filmen aus der Stadtbücherei.

Sarah Zaharanski, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sonnenlicht?

oder…

Im Gespräch bleiben, Fragen stellen, deren Antworten man nicht weiß und wahrscheinlich die All Time Classics des Menschseins: Lachen, Sonne, frische Luft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Mainstream-unabhängiges Agieren, Inhalte statt Aufmachung, nachhaltiges, solidarisches Handeln anstelle von punktueller Scheinaktivität, Haltung einnehmen anstatt opportunes Sich Ausrichten.

Was liest Du derzeit?

„Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was wir in diesen Prozessen fordern, ist, dass Menschen auch dann noch Recht von Unrecht zu unterscheiden fähig sind, wenn sie wirklich auf nichts anderes mehr zurückgreifen können als auf das eigene Urteil.“ – Hannah Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sarah Zaharanski, Schauspielerin

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Foto_Stefan Klüter

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Besuch in der Hölle“ Dantes göttliche Komödie. Biographie eines Jahrtausendbuchs. Franziska Meier.

Es ist ein Werk, das Fragen nach Mensch, Welt, Hölle und Himmel im Horizont der Zeit und darüber hinaus verbindet. Der Enstehungszeitraum, das Mittelalter(14.Jhdt), ist während der Niederschrift gekennzeichnet vom Konflikt zwischen Papst und Kaiser. Es sind unsichere Zeiten, in denen ein Dichter über die großen Sinnkonzepte nachdenkt und diese poetisch durchwandert und beschreibt…

Die literarischen Horizonte sind dabei bis heute zeitlos geblieben. Diese Grundfragen des Menschseins finden über Jahrhunderte bis in die Gegenwart Anknüpfungspunkte und Wiederentdeckungen. Angst und Angstbewältigung im Woher, Wohin und Weiter des Lebens werden von Generation zu Generation lesend neu diskutiert. Ein wesentlicher Impuls kommt dabei aus der Mitte dieses zeitlosen Meisterwerkes…

Franziska Meier, Literaturwissenschafterin in Göttingen, legt mit „Besuch in der Hölle“ einen umfassenden Überblick zu Werk- und Werkgeschichte vor, welcher in wisschenscftlicher Information wie flüssiger Lesart beeindruckt. In 14.Kapitel werden Zeit und Leben des italienischen Dichters wie umfassend die Wirkungsgeschichte als „Bestseller“ und die grenzübergreifende poetische Botschaft geöffnet und spannend erläutert. Erschütternd sind auch Bezugspunkte zur Shoa wie auch der Katastrophen des 20.Jahrhunderts an sich.

Leserin und Leser bietet dieses außergewöhnliche Sachbuch ein Näherkommen zu einem „Jahrtausendbuch“ wie auch persönliche Impulse in herausfordernden Zeiten, die Sinn und Mut motivieren.

„Ein unvergleichliches Meisterwerk im spannenden Überblick der Entstehung und der Wirkungsgeschichte“

Walter Pobaschnig 3_21

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„Hierarchien zu überwinden, Ungleichheit zu beseitigen“ Lukas Watzl, Schauspieler_ Wien 12.4.2021

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich ziemlich genau seit einem Jahr nicht mehr Theater gespielt habe, ist mir viel an Struktur verloren gegangen. Die „Restrukturierung“ sieht so aus, dass ich versuche die viele freie Zeit für Schönes zu nutzen. Es versteht sich: Schönes dass ich allein tun kann. Was mir manchmal nur bedingt gelingt. Aber ich finde man muss nicht alles immer nutzen. Ich bin glücklich wenn ich viel Zeit zum Verschwenden habe. Ich versuche meist zur gleichen Zeit aufzustehen, je früher desto besser, trinke Kaffee und höre Ö1 – das Radio hat mir wirklich sehr geholfen im vergangenen Jahr. Danach zieh ich mich an, regelmäßig sogar Hemden und Anzüge, weil mir das Ausgehen abgeht und es gerade jetzt wichtig ist, nicht zu verwahrlosen. Dann gehe ich oft spazieren oder schaue aus dem Fenster oder lese. Eigentlich lese ich viel, paradoxerweise habe ich das im vergangenen Jahr deutlich weniger getan als sonst. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf schlechter funktioniert als gewöhnlich und bin froh wenn ich etwas mit meinen Händen tun kann: zum Beispiel backen und kochen – am liebsten für meine Freundin, die hat die gesamte Corona-Zeit über durchgearbeitet und das ziemliche Gegenteil von meinem Tagesablauf. Ohne sie hätte ich diese Zeit nur sehr schwer durchgestanden. Abends schauen wir uns oft Filme an. Durchaus auch banale Dinge – ich merke dass ich deutlich empfindsamer bin als sonst und sehr intensiv träume, also kann ich mir Tragisches, Brutales oder zu Spannendes kaum ansehen. Am liebsten Humorvolles! Dazwischen drehe ich im Moment sehr Unterschiedliches fürs Fernsehen und Kino. Und bin unglaublich glücklich, wenn ich arbeiten und Menschen um mich haben kann!

Lukas Watzl, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich sagen würde: Sich auf die positiven Aspekte der Situation konzentrieren, hilft das wahrscheinlich niemandem weiter. Vor allem den Menschen nicht, die einsam sind, die Probleme mit ihrer Psyche bekommen, deren Existenz bedroht ist: wirtschaftlich, privat odergesundheitlich. Ich bin kein Pessimist, aber ehrlich gesagt: Es ist eine Katastrophe! Was kann da helfen? Ablenkung? Für mich persönlich ist jeder Moment eine Erleichterung in dem ich nicht darüber nachdenken muss was da gerade vor sich geht. Das ist kein Plädoyer für Verdrängung aber ich halte es für gesund einen gewissen regelmäßigen Abstand zum Medienkonsum und den eigenen Ängsten zu wahren. Um konkreter zu werden: Besonders wichtig ist, dass jetzt der Frühling kommt, dass es heller und wärmer wird, dass etwas wird, wächst, gedeiht, das sich von nichts und niemandem aufhalten lässt!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/
Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat vieles was falsch läuft auf dieser Welt noch deutlicher sichtbar gemacht. Es wird daher umso mehr das wesentlich sein, was es auch davor war. Hierarchien zu überwinden, Ungleichheit zu beseitigen, für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Für eine Gesellschaft, in der weder geografische, ethnische noch soziale Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder unser Alter darüber entscheiden ob wir die Chance bekommen ein geglücktes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ohne die Kunst als Raum der Reflexion, als Ort der Auseinandersetzung mit schwierigen und schmerzhaften Themen wird uns das nur schwer gelingen.


Was liest Du derzeit?
„Ich wollt, ich wär ein Eskimo“ eine Wilhelm Busch Biografie von Gudrun Schury, einiges an Lyrik, Michel de Montaigne und Epikur zum Trost und Märchen aus Tausend und einer Nacht zum Einschlafen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“
(Berthold Brecht)

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lukas Watzl, Schauspieler

Foto_Antonia Renner

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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