„Die freie Kunst- und Kulturszene ist für jede demokratische Gesellschaft essentiell“ Anette von Eichel, Jazzsängerin_Köln 21.4.2021

Liebe Anette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe zwei Töchter von 12 und 15 Jahren, die im Homeschooling sind. Mein Mann und ich teilen uns die Kindererziehung gleichgestellt und versuchen, für unsere Töchter eine gewisse tägliche Routine aufrecht zu erhalten: wir stehen gemeinsam auf, frühstücken und machen dann erstmal zusammen einen kleinen Spaziergang vor dem Digitalunterricht der zwei Mädels; dann machen wir später am Vormittag eine „große Pause“ zusammen und essen gemeinsam zu Mittag. Wenn ich mit Mittagessenkochen dran bin, koche ich manchmal am Abend vorher schon vor, damit ich vormittags besser arbeiten kann. Das habe ich anfangs nicht gemacht und war dann immer sehr entnervt, wenn ich vormittags nicht richtig für mich selbst arbeiten konnte. Abends Vorkochen ist irgendwie krass – aber erleichtert mir meinen Tag. Außerdem ist es auch ganz nett, abends mit einem Glas Wein etwas zu kochen, das dann (Wunder oh Wunder der Backautomatik) am nächsten Tag vom Backofen selber fertig gekocht wird und einfach auf den Tisch kommt – fühlt sich fast an wie essen gehen.

Bis 11.00 Uhr arbeite ich jeden Morgen für mich und mein eigenes künstlerisches Projekt. Ich kann üben, komponieren, die Orga für mein neues Album „Inner Tide“ weiter anschieben – alles, wonach mir der Sinn steht. Letztes Jahr habe ich „Der Weg des Künstler“ von Julia Cameron gelesen.  Am Anfang meines Arbeitstages stehen seitdem immer „die 3 Morgenseiten“. Julia Cameron schlägt in ihrem Buch vor, dass Künstler*innen ihren Tag immer mit dem Schreiben von 3 Seiten beginnen sollten (die Größe der Seiten wählt man selber… J). Dieses Ritual tut mir gut und ordnet meine Gedanken.

Seit März 2021 bin ich Dekanin des Fachbereichs Jazz Pop an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Hochschularbeit in Zeiten von Corona ist, als ob man über die Kirmes läuft: Alles um dich herum hupt und blinkt und dreht sich! Regelmäßig neue Vorgaben von oben und ihre Auswirkungen auf die Arbeit von uns Kolleg*innen mit den Studierenden. Ich bin ein intuitiv arbeitender Mensch – ab 11.00 Uhr geht darum alles ein bisschen kreuz und quer… Emails, Telefonate, Zoommeetings, mal rausgehen oder einen Kaffee trinken. Das läuft durch bis Ende Nachmittag, soweit ich halt komme. Auf meinem Tisch steht das Bild von einem Faultier, dass das Empire State Building hochklettert, wie King Kong – das Bild soll mir helfen, langsam zu machen und die Arbeit nicht zu ernst zu nehmen.

Was sich für mich in der Pandemie als sehr wichtig erwiesen hat, ist Sport machen und in der Natur sein. Ich versuche, jeden Tag Sport zu machen. Ich gehe mal joggen, mache mal Yoga, nicht Großes, aber möglichst jeden Tag etwas. Ich bin auch so viel wie möglich draußen in der Natur und in meinem Garten. Mit Sport und Bewegung an der frischen Lust kann ich mich gedanklich besser ordnen, abschalten und auch besser schlafen.

In meiner Freizeit sehe ich meine Freund*innen – einzeln, mit Abstand, auf einen Spaziergang im Freien oder auch mal digital (geht auch, Hauptsache man sieht sich). Außerdem schaue ich gerade wirklich viele Filme, lese Bücher und höre abends manchmal Musik auf meinem Plattenspieler. Nachrichtengucken dosiere ich sehr.

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Oh, das ist eine große Frage. Ich glaube, im Moment ist es für uns alle wichtig, individuell Ruhe, Hoffnung und eine gewisse tägliche Routine zu bewahren. Es ist schwierig zu sagen, wie sich die nächste Zeit für uns Kulturschaffende entwickeln wird. Umso wichtiger ist es, kleine verwirklichbare Pläne zu entwickeln, sich selber eine kleine Perspektive zu bauen. Was kann ich umsetzen? Welches Ziel kann ich mir suchen? Eine Sprache lernen? Ukulele lernen? Lesen, kochen, Sport machen. Es ist wichtig, gut auf uns und die Menschen in unserem Umfeld zu achten. Wer braucht vielleicht meine Hilfe? Wie geht es meiner Familie, meinen Freund*innen? Was kann ich für meine Familien, meine Freund*innen und Kolleg*innen tun? Wertschätzung äußern, wenn jemand sich bemüht, geduldig bleiben mit Fremden und der allgemeinen Situation, Hoffnung machen, aufeinander achten, dass wir gesund bleiben und körperlich und seelisch intakt diese Phase überwinden können. Und es ist wichtig, irgendwie den Humor zu bewahren. Mal was Kleines, Absurdes tun. Mein Mann und ich haben uns überlegt, uns nächste Woche vielleicht mal alle für einen Tag lang einen Schnurbart anzumalen. Wir finden das großartig, unsere Töchter wollen noch nicht so recht mitmachen! Haha!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Meiner festen Überzeugung nach ist ihre freie Kunst- und Kulturszene für jede freiheitliche demokratische Gesellschaft essentiell. Ohne uns Kulturschaffende und unsere Kunst wird es nicht nur still in unserer Gesellschaft, sondern, wie ich glaube, wirklich gefährlich auf Dauer! Nach meinem Empfinden wird unser Beitrag als freie Kulturszene zu unseren westlichen Demokratien im Moment von der Politik sträflich unterschätzt. Konzerte, Theater-, Kino- und Museumsbesuche regen die Menschen dazu an, ihre Werte und Normen zu überdenken und weiter zu bilden. Das alles sind Diskussionsorte und Orte der Meinungsbildung einer freiheitlichen Gesellschaft. Kultur ist nicht nur dafür da, dass man sich abends auf die Couch knallt und von einem Streamingdienst berieseln lässt, um am nächsten Tag wieder brav fürs Bruttosozialprodukt zu arbeiten. Das ist auch mal nett, aber das ist nicht alles. Wenn wir die Kunst und unsere Kultur vernachlässigen, fallen wir als Wertegemeinschaft auseinander. Meiner Meinung nach sehen wir davon schon die ersten Ansätze.

Es wird wesentlich sein, dass wir Kulturschaffende mit der Politik jetzt und nach der Pandemie besser ins Gespräch kommen, um zu zeigen, was unsere Arbeit und was unser gesellschaftlicher Beitrag ist. Vielleicht haben wir in Deutschland (und auch Österreich?) als Kulturschaffende auch in der Vergangenheit zu sehr darauf vertraut, als Kultur zum Wertekanon der Gesellschaft zu gehören. Jetzt sehen wir: letztlich sticht immer die wirtschaftliche Abwägung und die schlagkräftigere Lobby. Meiner Ansicht nach ist unsere Gesellschaft zu sehr vom Kapitalismus geprägt.

Wir sind hier in Deutschland seit 1 Jahr von Einschränkungen im Kulturbereich betroffen, seit November 2020 haben wir als Kulturschaffende ein faktisches Arbeitsverbot. Das halten wir durch, weil wir einsehen, dass das ein wichtiger Beitrag zur Pandemiebekämpfung ist. Aber dafür müssen wir auch im Gegenzug als Kulturschaffende von der Politik aufgefangen werden. Hier geht es nicht um Renditen und Millionengewinne von Großkonzernen – hier geht es um die wirtschaftliche und kreative Existenz von rechtschaffenen, hart arbeitenden Soloselbständigen und Betrieben im Kultursektor. Tausende von Einzelschicksalen mit Familien und ihren berechtigten Erwartungen an die Gesellschaft, die sie mit ihrer Arbeit bisher mit getragen haben.

Was liest Du derzeit?

Zu Anfang der Pandemie habe ich alle Bücher von Jane Austen noch einmal gelesen. Sense & Sensibility, Pride & Prejudice, Mansfield Park, Emma, Northanger Abbey, Persuasion… Ich mag Jane Austens Sinn für Humor. Außerdem haben die Menschen in diesen Büchern so viel Zeit und müssen oft so lange auf Bewegung in ihrem Leben warten. Ich habe mir damals gedacht, dass diese Geschichten bestimmt gut sind, um selber für mich die Wartezeit bis nach der Pandemie zu überbrücken.

Jetzt habe ich gerade die „Quasikristalle“ von Eva Menasse gelesen. Kann ich nur empfehlen, hat mir wirklich gut gefallen! Lesen ist jetzt genau das Richtige. Dazu schön eine Kerze anzünden, schöne Musik hören, was Nettes trinken… sehr gut!

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ooh… “whoever needed words”? Vielleicht den Songtext der großartigen britischen Sängerin und Poetin Norma Winstone auf Bill Evans „Prologue“ (von ihrem Album „Somewhere Called Home“)

Now a time to stay a while

And consider who we are.

Oh, so many things to say

But we’ve almost come too far.

As we look down

We see the water flowing fast

Beneath our feet.

While here above

The bridge on which we wait

Will stand forever.

Love paints a silent picture

In a world which speaks no word.

Whoever needed words?

Make belief is where we are

Till we find some other place.

Vielen Dank für das Interview liebe Anette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

… gerne! J

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Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Anette von Eichel

Fotos_Maya Claussen

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher lesen“ Céline Struger, Künstlerin_Wien 21.4.2021

Liebe Celine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe gegen 9:30 Uhr auf, frühstücke, erledige Korrespondenz, Research und Anträge, mache Pilates und gehe nachmittags gegen 15:00 Uhr ins Atelier. Dort arbeite ich bis um 22:30 Uhr. An Montagen, Dienstagen und Donnerstagen zwischen 13:00-18:00 Uhr  erledige ich meine Metallarbeiten in einer Gemeinschaftswerkstatt, baue Gußformen aus Holz und brenne Keramiken. Einen Tag pro Woche bleibe ich zu Hause oder  sehe mir Ausstellungen an. 

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund bleiben und Kraft sammeln für wenn es wieder voll losgeht. Seinen digitalen Medienkonsum herunterzuschrauben und nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher zu lesen. 

Ich bemerke an mir selbst, dass ich mich seit Beginn der Pandemie in meinen Einstellungen zur Welt vielleicht ein bißchen stärker „radikalisiert” habe und da trägt der contentgesteuerte Medienkonsum auf Social Media bestimmt dazu bei. Ich glaube das geht vielen anderen auch so. Wenn man vorher schon ein bißchen links und vegetarisch war, dann ist man es nun noch vehementer und wenn man vorher schon eher rechts und wütender SUV-Fahrer war, dann erst recht. Das einzige was dagegen hilft, ist die eigene „Blase” auch online zu verlassen und sich darin zu üben das eine oder andere Posting für sich zu behalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Es wäre natürlich schön, wenn aus der Pandemie ein positiver, gesellschaftlicher Wandel hervorginge, aber ich halte es angesichts des aktuellen globalen Wertesystems (patriarchaler Kapitalismus) für unwahrscheinlich.

Die Klimakrise, globale Migrationsströme, Sklavenhandel sind direkte Resultate eines Wirtschaftssystems, das auf dem Prinzip des maximalen Ertrags bei minimalem Einsatz, (d.h. minimaler Umweltschutz, minimale Nachhaltigkeit, minimaler ArbeitnehmerInnenschutz) ausgerichtet ist.

Vielleicht konnte die COVID-Krise nun die BürgerInnen soweit überzeugen, dass ihnen ein größeres Stück ihres eigenen Steueraufkommens tatsächlich zusteht. Die Akzeptanz einer repräsentativen Größe an ÖsterreicherInnen gegenüber einem bedingungslosen Grundeinkommen stieg laut einer Studie seit Beginn der Corona-Pandemie um etwa 7%. Und ich hoffe, dass die Politik im Hinblick auf eine flächendeckende Automatisierung im Servicebereich und Handel zumindest manchen Bevölkerungsgruppen ein Grundeinkommen zugesteht, da dies kostengünstiger wäre als künstlich neue, „unnötige” Arbeitsplätze zu schaffen. – Auch wenn das gemäß kapitalistischer Ideologie nicht „bedingungslos” erfolgen kann.

Künstlerisch sehe ich, zumindest kurzfristig und lokal einen verstärkten Trend zur Kunst im öffentlichen Raum. Auf internationaler Ebene passiert jetzt einiges im Bereich jener Digital Art, die sich mit sogenannten NFTs (Non Fungible Tokens) mit Crypto-Zahlungsmitteln verschränkt hat. Dadurch wurden in den letzten Wochen ernorme Verkaufserlöse erzielt. Ein NFT ist ein einmalig ausgegebenes Zertifikat, das einem digitalen Kunstwerk zugeordnet wird und zur Blockchain der Cryptowährung (in dem Fall: Ethereum) gehört. Diese NFTs werden nun als revolutionäre Möglichkeit zum Sammeln digitaler Kunst angesehen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe letzte Woche Marcel Prousts  „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” zu Ende gelesen. Ich hatte es mit Anfang zwanzig in einer Version als  Bande-Dessinée, als Comic auf französisch begonnen. Lange hatte ich es nicht durch „Im Schatten junger Mädchenblüte” geschafft, da der Protagonist dort als junger Bourgeois von seiner Hausangestellten wie von einem Tier spricht. Er beschreibt sie als „treu wie einen Hund” aber „zu alt und zu einfach gestrickt, um ihr viel beizubringen”. Diese  Äußerungen schienen mir damals im Kontext ihrer Entstehungszeit elitistisch und grausam und ich legte den Text für zehn Jahre beiseite. Im darauffolgenden Band beschreibt er dann wie er der Prinzessin von Luxemburg am Strand von Balbecq in Gegenwart seiner, von ihm verehrten, hochgebildeten Großmutter begegnete. Die Prinzessin, selbst eine Dame mittleren Alters, grüßte seine Großmutter besonders zuvorkommend und drückte ihm dann zum Abschied Brotstücke, wie man sie an Enten verfüttert mit den Worten in die Hand, er solle diese seiner Großmutter schenken. Denn in den Augen der Prinzessin unterscheiden sich die Bürgerlichen nicht im Geringsten von ihren Hausangestellten. Mein Fazit: Ich musste 500 Seiten und zehn Lebensjahre warten, bis diese feine Ironie sich entfaltete und ich diese auch als solche begreifen konnte. Und das Werk ist voll von solchen Besonderheiten. Als ich nun am letzten Band las, ließ ich mir besonders viel Zeit, denn mich durch das Werk durchgearbeitet zu haben, bedeutet auch, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht, so wie im Leben.

Daher mag ich neben Romanen auch Kunstbücher, die keinen klassischen Anfang, Mittelteil und Schluss haben. Eines meiner liebsten ist „Labyrinth” von Olaf Nicolai, da es im Gegensatz zu herkömmlichen Büchern nicht linear gelesen werden muss. Es funktioniert assoziativ mit einigen Hauptthemen, die sich in alle Richtungen zum nächsten Hauptthema verzweigen, wobei auch der Aufbau des Buches, seine Narrationsstränge labyrinthisch angelegt sind. Derzeit lese ich „Arts of Living on a Damaged Planet” von Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan und Nils Bubandt. Man kann dieses Buch ebenfalls von vorne, von hinten oder in der Mitte beginnen, es mischt naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu Ökosystemen des Anthropozäns und den Symbiosen von biologischen Akteuren mit Artistic Research und spickt es mit Abbildungen und einem fundierten Quellenverzeichnis. Ich kann es nur empfehlen, vor allem Künstlerinnen und Künstlern.



Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mir ein Zitat von Derrida ausgesucht, da es Text mit Attributen beschreibt, welche Bewegung und Beobachtung in einer (Stadt-)Landschaft ausdrücken. Und deshalb passt es gut zu Literatur Outdoors:

„Ein Text ist noch kein Text, solange er seine Absichten nicht hinter seiner ersten Biegung, dem ersten Blick der Leserin verbirgt und die Struktur seines Aufbaus und die Regeln seines Spiels bis zum Schluss im Verborgenen bleiben.”

(„A text is not a text unless it hides from the first comer, from the first glance, the law of its composition and the rules of its game.” Derrida)

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Céline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Home | CÉLINE STRUGER (celinestruger.com)

Fotos_1,4 Daniel Hosenberg; 2,3,5 Detlef Löffler

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Pantherzeit“ Vom Innenmass der Dinge. Marica Bodrozic. Otto Müller Verlag

Es ist Frühling. 2020. Die Welt steht still. Pandemie.

Die vielfach ausgezeichnete, in Dalmatien geborene und in Berlin lebende, Schriftstellerin Marica Bodrozic, stellt sich dieser veränderten Zeit in Reflexion und täglicher Aufgabe und Herausforderung. In Leben und Wort.

Es ist das Gegenüber von Innenwelt und Außenwelt, in dem jetzt Text- und Gedankenimpulse Perspektiven und mögliches Verstehen öffnen sollen. Daraus ergeben sich Momente der Stille und des Ringens.

„Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“ zitiert die Autorin eingangs Elias Canetti und umreißt damit die Fülle der Gedanken bei Tag und Nacht im Zurückziehen von und Widerstehen der Außenwelt. Es geht dabei um „Regie“, um das nicht „Verschlungen“ zu werden…

Tag für Tag nun im völlig veränderten Leben als Frau, Mutter und Schriftstellerin. Das Wort erzählt davon, ist Zeugnis und Mut am Weg des Lebens….“Ich habe aufgehört auf eine Zukunft zu warten…“…

Marica Bodrozic legt mit „Pantherzeit“, der Titel bezieht sich auf das Rilke Gedicht „Panther“, ein sehr aufmerksames Zeitzeugnis in diesen Tagen der Pandemie vor, das in seiner schonungslosen persönlichen Innen- und Außensicht wie dem Dialog und der Reflexion von Literatur, Kunst am Weg beeindruckt. Es ist gleichsam ein Tagebuch, das sich aber wie ein Roman in Spannung und Gedankenimpulsen liest und ein Wiedererkennen wie ein Nachdenken anstößt und guten Raum dafür gibt.

„Das Buch zur Zeit in Wahrhaftigkeit, Schönheit und Mut von Sprache und Leben“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Die Werte haben sich verändert, was zählt, wenn nichts mehr geht? Christine Perseis, Künstlerin_Mondsee 20.4.2021

Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe relativ früh auf, mache Yoga und dann gibts Frühstück.

Währenddessen und im Anschluss heißt es Bürokratie abarbeiten. Je nachdem an welchem Material ich arbeite, geht es dann entweder in die Werkstatt oder ich arbeite Zuhause. Meine Frauenskulpturen entstehen immer in meiner Wohnung. Ein geschützter Raum für Modell und mich. Stahl, Holz, Beton, etc. entstehen in der Werkstatt. Da ich meistens hoch konzentriert arbeite, gehts oft spätnachmittags zum Kopf auslüften und Inspirationen sammeln in die Natur.

Die Abende sind nicht strukturiert – selbst jetzt nicht. Wobei Ideen skizzieren, Musik hören, Freunde treffen Routine sind. Was mir neben dem Kulturbetrieb (Vernissagen, Ausstellungen, Theater, etc.) sehr fehlt, sind geöffnete Gastronomien. Ich gehe sehr gern Essen, oder auf ein/zwei/… Achterl, um Freunde, Menschen zu treffen, zusammen zu philosophieren. Neue Eindrücke zu bekommen – das geht im Zuhause begrenzt.

Christine Perseis, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zu Leben. Und das Bewusstsein, dass wir nur dieses eine haben. Den Hausverstand, wie man in Österreich so schön sagt, nutzen. Nicht allem Nachrennen/-plappern was uns für gut & wichtig angepriesen wird. In die Natur gehen, alle Sinne auftanken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ja, es wird spannend. Ich versuche mir die fast ausschließlich negativen Nachrichten nur in homöopathischen Dosen zu geben. Es gibt in dem ganzen Konglomerat aus Angst und Schlagzeilen auch viel Positives – gerade aufgrund des aktuellen Ausnahmezustandes, weil Menschen kreativ geworden sind. Höher-Weiter-Schneller hat nicht mehr funktioniert. Die Werte haben sich verändert, was zählt, wenn nichts mehr geht? Darin liegt meiner Meinung ein großes Potential. Seine Bedürfnisse und Werte zu hinterfragen und neu zu definieren, oder beizubehalten. Sich selbst dadurch vielleicht näher kennenlernen, was ist mir wichtig, was nicht.

„THE MIRROR“_ Christine Perseis

Kunst kann so vieles. Ich z.B. möchte mit meinen Werken bewegen, berühren, etwas Positives erzeugen. Daran ändert sich auch jetzt nichts. Wir sind ja nach wie vor Menschen. Kunst ist ein Kind der Freiheit – Themen anzusprechen, aufzuzeigen, die sonst nicht so leicht thematisiert werden können ist nach wie vor wichtig, noch wichtiger als davor? Danach?

Was liest Du derzeit?

Wie so viele lese ich mehrere Bücher gleichzeig. Eins zum „Lernen“, eins für die Unterhaltung und eins das meistens am längsten braucht gelesen zu werden… 🙂 Stephen Hawkins – Große Antworten auf große Fragen Martin Suter – Der Koch, Dr. William Davis – Die Weizenwampe, Kunstbücher z.B. von Maillol, Das Buch der Symbole, Kunstformen der Natur,…blättere ich regelmäßig durch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ein großer großer Fan von Rumi.

„Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt“

Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Christine Perseis, Künstlerin

Perseis (christine-perseis.de)

Foto_1 Renate Schrattenecker-Fischer, 2 _ Christine Perseis.

21.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kärntner Geschichte und Geschichten“ Doris Wolek. Hermagoras Verlag

Geschichte ist immer erzählte Geschichte. Das Gesehene, Erlebte und das Wort verbinden sich in der Mitteilung, die in Staunen, Begeisterung oder Trauer weitergegeben wird. Oft sind es dabei nur wenige Sätze, die beschreiben und erinnern lassen. Vielleicht ein Bild im Kopf. Ein Spaziergang zum See oder einer Ruine. Oder ein gutes Küchenrezept…

Die Autorin Doris Wolek verbindet all das kompakt in ihrem vorliegenden Buch, das zu einer vielfältigen und bunten Reise durch Kärnten einlädt und ein kurzweiliger Impuls zu einem Ausflug oder einer Station am Weg ist, auch am Gedankenweg…

Bemerkenswert auch die kulinarischen Kärntner „Schmankerl“, welche die Autorin zwischen den historischen Blitzlichtern aufleuchten lässt und die zum alternativen Schmaus einladen.

In Summe ist das Buch ein bildkräftiger Reiseführer am Weg bzw, in Erinnerung und Ausblick jetzt Zuhause, der neugierig macht und viel Wissenswertes kurzweilig aufbereitet. Es macht Lust auf Frühling und Sommer, Natur und Kultur, im schönen Kärnten!

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„Malina blickt schonungslos auf den Wunsch geliebt zu werden“ Johanna Mucha, Schauspielerin_50 Jahre Roman Malina _Ingeborg Bachmann_ Wien 20.4.2021

Die erste intensive Begegnung mit Ingeborg Bachmann und ihrem Werk fand in meiner Schulzeit statt. Ich habe mit 17 Jahren „Malina“ für die Erstellung meiner Fachbereichsarbeit gelesen. Da war für mich diese Dreiecksbeziehung zwischen der Erzählerin, Ivan und Malina zentral. Jetzt sehe ich mehr dieses Spiegel-Ich. Malina ist die Rückfrage an das Ich – „Weißt Du wer/wie Du bist, wie Du geworden bist?“

Johanna Mucha_Sängerin, Schauspielerin

Der Blick auf sich selbst ist der schwierigste. Ob in Kritik oder Lob.

Auf der Bühne wird ob in Wort, Gesang oder Tanz eine Geschichte erzählt. Da steckt das Leben in Dramatik und Vision drin. Das kann auch ein Kampf sein, wie im Roman. Das treibt mich an.

Eine Darstellung, ein Kunstwerk ist immer ein Stück Biographie. Auch ein Weiterkommen darin. Der Versuch dazu.

Meine Beobachtung der Gegenwart ist, dass wir uns sehr schwer tun, uns selbst anzuschauen, uns selbst zu sehen. Das zu sehen was wir wirklich sind.

Moderne Selbstdarstellung in sozialen Medien hat nichts mit dem realen Selbstbild zu tun, da geht es um Perfektion, um den Aufbau von Perfektion. Die Schwierigkeit ist dann eben der reale Spiegelblick. Da kann viel zerbrechen. Malina ist da eine kritische Position dazu und ist 50 Jahre danach aktuell wie nie – wer bin ich hinter Fassaden und Schichten, die oberflächlich oder tief im Außen und Innen liegen?

Liebe kann ein Sehnen, Wollen, Ziehen und Zurückweichen sein. Wer kennt das nicht? Der Roman trifft da ins dunkle Herz der Liebe. Stellt ihre erdrückenden Schatten bloß.

Es dreht sich alles um Ivan. Das Sehnen, das Warten. Der einzige Gedanke. Es macht sie kaputt und sie weiß es.

Das beiderseitige Spiel der Liebe, diese Koketterie von Nähe und Distanz, funktioniert ja zwischen Ivan und der Erzählerin gar nicht. Ivan hat eine Position und sie zerbricht daran.

Liebe ist Begeisterung und Schwere. Zweiteres bleibt, wenn ersteres geht. Umgekehrt funktioniert das meist nicht.

Jede Frau und jeder Mann wünschen sich geliebt zu werden. Angenommen zu sein, Halt zu haben. Der Roman blickt auf und hinter diesen Wunsch. Stellt schonungslos das Ringen und Scheitern daran dar.

Malina lesen gelingt mir nur in Etappen. Ich muss es immer wieder beiseite legen. Da ist so viel Schmerz, Verzweiflung. Der Griff zum Buch braucht dann wieder Zeit.

Es gibt immer Verletzungen in der Liebe. Die Selbstliebe kann da ein Halt und eine Kraft der Integration ein. Auch die Distanz, der Humor.

Im Roman wird gekämpft. Um Liebe, um jeden Moment von Nähe. Bis zum Ende. Ich liebe das. Ich liebe dieses Ringen, dieses Alles-Geben bis der Vorhang fällt, auf der Bühne wie im Leben.

Ein leidender Mensch auf der Bühne ist immer interessant, weil es näher ist. Glücklich sind ja immer die anderen.

Das Spiegelbild darf nicht nur der eigene Spiegel sein. Es braucht das Außen. Freunde wie Feinde. Das ist der Weg sich selbst besser kennenzulernen. Das ist in der Kunst wie im Leben, der Liebe so.

Die Enge der eigenen Spiegelbilder im Roman ist ja das Zehrende und Verzehrende. Da ist kein Kabinett von Spiegeln, kein Drehen und Wenden, dann auch keine Kraft mehr dazu.

Es gibt nur eine offene Tür in der Liebe. Liebe ist frei. Im Beginn, der Dauer und im Ende. Im Hinein oder Hinaus.

Wir lernen in der Liebe zu scheitern. Besser zu scheitern.

Das Geheimnis von Liebe ist Ehrlichkeit und Humor. Das sind die Zutaten.

Männer tun sich mit der zweiten Stelle schwer. Wenn sie nicht immer und überall auf der „Lebens-Liebes-Bühne“ ganz vorne stehen. Ich habe meine Bühne, meine Kunst, das muss der Mann akzeptieren.

Das Schlimmste für eine Frau ist ein Mann, der sich seiner selbst, seiner Männlichkeit, nicht bewusst ist. Es gibt leider sehr viele davon.

Selbstbewusstsein ist immer ruhend und still. Das ist kein Narzissmus. Das ist auch sehr attraktiv.

Im Sex geht es nicht um Leistung sondern um Liebe. Für Männer ist dies oft schwer. Auch heute noch.

Wenn ein Mann Schluss macht in einer Beziehung kommt es aus dem Nichts.  Das macht ziemlich grantig.

Ich bin in der Liebe „old school“. Es geht um ein Miteinander, nicht nur bei Sonnenschein, kein schnelles Aufgeben bei Wind und Wetter. Drama gehört dazu.

Eine Partnerschaft ist für mich ein Halten und Heben. Zuhause und in der Öffentlichkeit. Das ist für mich ganz wichtig.

Und ich liebe das Diskutieren in der Liebe. Ich mag das, es erweitert den Horizont. Und ich heiße Johanna, ich kämpfe (lacht).

Wenn ich probe, nehme ich die Rolle auch mit nachhause. Das muss der Mann aushalten. Da bin ich Perfektionistin. Wenn dann das Stück läuft, ist es anders. Bis dahin gilt es für den Mann durchzuhalten (lacht). Das ist natürlich für eine Beziehung anstrengend.

Ein attraktiver Körper ohne Herz, Gefühl und Intellekt ist nur für zwei Tage toll.

Ich verliebe mich gern in den Intellekt. Wissen zieht mich an. Aber das genügt natürlich allein nicht. Irgendwann ist alles erzählt und bewundert. Dann braucht es mehr. Wie im Roman.

Fehlende Liebe kann nicht nach-, aufgeholt werden. Der Schmerz, das Leiden daran holt beim ersten Kuss ein. Das ist ein Todeskuss. Ein dunkles Ringen mit der Sehnsucht.

Bei Ingeborg Bachmann geht es immer um Erfahrungen, Erleben, Gegensätze, welche die Liebe, das Leben bestimmen und die es zu benennen gilt. Das Schreiben ist das offene Wort dazu.

Liebe ist ein Lernen von Nähe. Wie nahe lasse ich Verletzungen kommen? Wie weit entfernt mich dies von mir selbst? Was zerstört mich? Darum geht es ja im Roman.

Die eigenen Gedanken sind nicht immer die besten Wegweiser. Sie können Pfeile nach Innen sein. Selbstgespräche der gespannte Bogen dazu. Es braucht eine Distanz und einen Austausch. Im Roman geht es ja auch um die Suche danach, das Befreien davon. Und das Scheitern daran.

Der Tod ist im Roman ein Gesprächspartner. Und das ist er ja auch. Die Auseinandersetzung ist wichtig, in Kunst und Leben.

Die Herausforderung von Kunst und Bühne ist, Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden. Ich sehe mich als Darstellerin in diesem Inspirations- und Spannungsfeld.

Jedes Buch, jedes Bühnenstück sind eine Entdeckungsreise zum Menschen. Kultur ist Entdeckung.

Johanna Mucha_Schauspielerin, Sängerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Johanna Mucha _ Sängerin, Schauspielerin _Wien.

Johanna Mucha | Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Model & Coach

„Ein ganz normaler Tag im Lockdown“ Johanna Mucha, Schauspielerin_Wien 27.2.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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„Kunst und Kultur entwickelt sich weiter, mit oder ohne Zustimmung eines Systems“ Xiting Shan, Schauspielerin_ Wien 20.4.2021

Liebe Xiting, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich. Wenn ich meinen Nebenjob habe, dann wache ich meistens gegen 8 oder 9 auf, frühstücke und gehe dann direkt in die Arbeit. Nach dem Dienst gehe ich meistens direkt nach Hause. Zuhause, koche ich mir dann etwas Feines und wenn ich danach noch fit genug bin, stürze ich mich auf meine üblichen Sprach- oder Gesangsübungen.

Wenn ich keinen Dienst habe, frühstücke ich genüsslich, danach mache ich meine üblichen Aufwärmübungen. Meistens bin ich an solchen Tagen zuhause und arbeite an Projekten, für die ich immer keine Zeit gefunden habe. Bei guter Stimmung singe ich auch gerne und bei gutem Wetter gehe ich liebend gerne in den Wald spazieren oder an die Donau.

Xiting Shan, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weiterdenken und den Fokus nicht verlieren. Es ist einfach, in solch turbulenten Zeiten das Wesentliche aus den Augen zu verlieren und sich mitreißen zu lassen, besonders wenn man noch einen Nebenjob hat und schier um das Überleben ringt. Doch auch wenn die Lage prekär ist, glaube ich, ist es umso wichtiger die eigenen Prioritäten nicht zu vernachlässigen und sich nicht demotivieren zu lassen. Die Zeit sinnvoll zu nutzen – sei es für eine Auszeit um mal durchzuatmen – und uns dessen bewusst zu sein, dass aller Anfang auch ein Ende hat.

Ich glaube, das, was uns alle KünstlerInnen zusammenhält, ist ein loderndes Feuer und ein unbeugsames Vertrauen in unser eigenes Schaffen. Egal in welcher Sparte wir auch sind, wir alle leben und lieben unsere Kunst. Besonders jetzt, wo es keine Bühnen und Säle gibt, in welchen wir diese Kunst ausüben und zeigen können, haben wir die Möglichkeit neue Wege zu entdecken unsere Kunst auch ortsungebunden auszuleben und dieses, so wichtige Element, einer funktionierenden Gesellschaft, nicht untergehen zu lassen. Kunst und Kultur entwickelt sich weiter, mit oder ohne Zustimmung eines Systems. Das macht die Kunst und das macht uns Kulturschaffende aus.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass die Kunst immer schon einen hohen Stellenwert genossen hat, aber immer nur an der Oberfläche. Diese Krise hat uns gezeigt, wie immens der Kulturbereich aus dem System rausfällt und wir sollten dies nicht stillschweigend hinnehmen.

Die Kunst ist ein Fenster zu unserem inneren Selbst. Sie spiegelt das System, die Bevölkerung und jeden einzelnen von uns wieder. Das Theater ist das Medium, wo wir SchauspielerInnen Gefühle und Bilder mit Menschen verbinden und zum Nachdenken anregen. Es entsteht eine Art Austausch und Kommunikation zwischen Darstellenden und Zuschauenden, und diese Verknüpfung führt, meiner Meinung nach, zu einem neuen Bewusstsein. Somit bilden wir uns weiter, indem wir ins Theater, ins Museum, in die Oper oder zu einem Konzert gehen.

Daher bin ich davon überzeugt, dass Theater sowie Kultureinrichtungen für unsere persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung essentiell sind und auch nach dieser Krise stärker denn je in den Fokus treten werden.

Damit jedoch dies funktionieren kann, ist die Versorgung von Kultureinrichtungen mitsamt den KünstlerInnen und die im Hintergrund Arbeitenden von größter Wichtigkeit, denn Kultur lebt und belebt, aber Kultur kann nicht funktionieren ohne die Menschen, die Kultur ausleben; und der Mensch kann nicht sein ohne Kultur.

Was liest Du derzeit?

Das letzte Buch, das ich gelesen habe hieß „Weniger ist mehr“ von Michael Caine, da ich mich ein bisschen in die Filmbranche einlesen wollte. Aber ich muss  auch zugeben, dass ich zurzeit, nicht wie viele meiner anderen Kollegen und Kolleginnen, etwas lese, sondern dem Aufholbedarf meiner ewig langen Filmliste nachkomme. Erst kürzlich habe ich mir den Lars von Trier Film „Dancers in the dark“ angesehen. Es war überwältigend.

Xiting Shan, Schauspielerin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Den Wind können wir nicht ändern, aber die Segel anders setzen. ~Aristoteles

Vielen Dank für das Interview liebe Xiting, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Xiting Shan, Schauspielerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Roth Bar_Wien 28.3.2021.

21.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine Theatererfahrung kann ich auf keinem Sofa dieser Welt alleine zu Hause erreichen“ Elisa Seydel, Schauspielerin _Wien 19.4.2021

Liebe Elisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe im Februar des Jahres wieder angefangen zu proben. Eine Stückentwicklung im Werk X! Ob und wann wir Premiere haben „dürfen“, steht noch in den Sternen. Seitdem fühlt sich mein Leben wieder ein bisschen normaler an.

2020 habe ich nur zwei Tage gearbeitet. Ich hatte zwei Drehtage fürs Fernsehen. Alle geplanten Theaterproduktionen sind verschoben worden. Fad war mir aber trotzdem nicht, weil es privat bei mir drunter und drüber ging! Trotzdem war ich frustriert, weil man mit der Zeit anfängt zu glauben, der eigene Beruf ist sinnlos.

Elisa Seydel, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

sozialer Zusammenhalt (und keine noch größere Spaltung der Gesellschaft durch einen grünen Pass…)!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel und der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass dem Theater und der Kunst nach der Krise überhaupt wieder eine Rolle oder Bedeutung zukommt, weil zur Zeit spielen wir keine Rolle! Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft nicht denken, dass wir auch ohne Kunst und Kultur leben können, weil wir während der Lockdowns bequem geworden sind und glauben, dass auf dem Sofa liegen und Netflix schauen ausreicht in unserem Leben! Theater ist nicht bequem. Ich kenne das von mir als Zuseher. Zuallererst muss ich vom Sofa aufstehen und hinfahren. Manchmal an den Arsch der Welt. Dann kostet es auch noch Geld, (was nicht automatisch von meinem Konto abgebucht wird, so dass ich es gar nicht mitbekomme…), ich muss aktiv bezahlen und manchmal gar nicht wenig, dass es sogar weh tut und dann muss ich manchmal 2-4 Stunden auf unbequemen Stühlen sitzen. Also, das hört und fühlt sich erst mal sehr unbequem an und ist alles andere als eine „Berieselung“. Aber den Gewinn/  den Nutzen einer Theatererfahrung, unabhängig vom persönlichen Geschmack, kann ich auf keinem Sofa dieser Welt alleine zu Hause erreichen. Ich bekomme neuen Input, neue Lebensenergie, spüre mich selber, bin berauscht, entsetzt, gelangweilt, aufgedreht…

Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft ( und vorallem auch nicht Theaterschaffende) uns nach dieser Krise daran erinnern, was Kunst und Kultur für eine lebenswichtige Rolle spielt, auch wenn wir uns erst mal dafür in den Arsch treten müssen um das zu erkennen.

Was liest Du derzeit?

„Körpersprache“ von Sami Molcho

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Unsere Körpersprache ist deutlicher als die der Wörter. (…) Unser Körper reagiert immer auch spontan und kann sich nicht so verstellen, wie das unsere Wörter tun. Der Körper ist primär – nicht das Wort.

Vielen Dank für das Interview liebe Elisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisa Seydel, Schauspielerin

Foto_selfie/ Selbstportrait, März 2020_lockdown _in Quarantäne am Neusiedlersee/Burgenland.

20.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Paul Celan“ Theo Buck. Böhlau Verlag

Es ist ein Vermächtnis, das von und für den deutschen Germanisten Theo Buck mit dem vorliegenden Buch in die Welt gesetzt wird. Das Leben eines Dichters am Weg in und schließlich am Scheitern der Welt. Einer Welt, die derzeit selbst taumelt und um Möglichkeiten und Perspektiven des Lebens und der Zukunft ringt und das Scheitern zu verhindern sucht.

Perspektiven des Lebens, darum ging es wesentlich dem Dichter Paul Celan (1920 – 1970) in seinem Werk, das von einer Auseinandersetzung der persönlichsten Leidenserfahrung in der Shoa wie dem Ausblick zu Leben und Liebe geprägt ist.

Theo Buck, selbstkonfrontiert mit einer erschütternden Krankheitsdiagnose, arbeitete an dieser Biographie Paul Celan als Vermächtnis seiner persönlichen Lebensschwerpunkte wie als Zeugnis von Poesie für und in der Welt. Es gibt in dieser Welt etwas zu sagen. Schwer, leicht – immer bedeutungsvoll. Und darauf ist hinzuweisen, davon ist zu sagen.

Das vorliegende Buch bietet einen kompakten Überblick zu Leben und Werk Paul Celans, der wichtige Lebensstationen öffnet wie exemplarisch Gedichte und deren Kontext in Zeit und Biographie vorstellt.

Dem Autor (sein Sohn, Bertolt Buck, assistierte bei dem letzten Kapitel und dem Personenregister) ist dabei eine sehr griffige Darstellung von Literatur und Lebens-, Zeitbezügen gelungen. Die biographische Grundstruktur lässt gleichsam ein Mitwandern in Zeit und Leben wie poetischer Kraft und Ausdruck zu. Es ist eine ganz enge Verbindung von Kunst und Lebensweg, die hier sichtbar und spürbar wird und die damit wesentlich Vermächtnis von Theo Buck ist.

Beeindruckend sind auch die literaturhistorische Detailkenntnis und die Darstellung im Kontext von Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Sicherlich eine der großen Stärken des Autors, dem posthum für dieses Buch zu danken und große Anerkennung zu zollen ist.

Walter Pobaschnig 4_21

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„Ich denke, jeder ist in seiner eigenen Weltenblase angehalten in sich zu gehen“ Rosa Roedelius, Künstlerin _ Wien 19.4.2020

Liebe Rosa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin eine Frühaufsteherin, genieße die stillen Morgenstunden sehr. Oft ist es nur ein vor mich hinschauen, erste Denkversuche oder Nichtdenkversuche, Morgenmeditation dann Tee trinken. Unter der Woche heißt es den jüngeren Buben auf Homeschooling-Schiene setzen, wenn er es nicht schon selbst getan hat und ihm dann Frühstück bringen. Bei Präsenzunterricht gehen wir gemeinsam zum Zug und ich verbringe den Tag im Atelier, was ich sonst erst nach dem Familienrummel mache. Mein Großkind ist ja schon 20, macht die Ausbildung zum Sounddesigner und taucht auf und wieder ab, wie es für ihn passt. Zwischendurch lässt er mich an seinen Kompositionen teilhaben oder findet Zeit musikalisch etwas für meine Videosequenzen zu machen.

Die Ausschließlichkeit, das -ganz das meine -Tun zu können, hat mir gezeigt wie viel weiter es gehen kann. Im Atelier ist es Schaffen; Malerei und skulpturales Arbeiten, daheim eben Kinder, Katzen, Küche, Körper 🙂 Und die Nacht fürs Ideen spinnen.

Rosa Roedelius, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für die Anderen sprechen, nur ahnen was Krisenzeiten fürs Kollektiv auch an Chancen bringen. Wir sind jedenfalls aufgefordert, nicht die Nerven zu verlieren. So ganz auf uns selbst zurückgeworfen, kommt natürlich vieles zu Tage was sonst keine Bühne finden würde, hm. Ich denke, es gilt neue Kanäle zu finden. Wir Kreativen sind da ja Glückskinder, finde ich. Ich walke vieles in meinen Ton ein, bau mir eigene Welten, wo doch das Reisen im Moment nicht sein kann, verschriftliche die Sorgen und versuche leicht zu bleiben. Bei mir in der Familie hat sich eine wunderschöne Tiefe entwickelt, ein Zusammenhalt, innige Gespräche. Irgendwie hat sich der Freundeskreis auf die Allerliebsten zusammengezogen oder erweitert, wie man`s sehen will. In der Informationsflut, mit der wir konfrontiert sind, ist es schwer einen klaren Kopf zu behalten.  Da kommen wir wieder zurück zu uns selbst. Zum Fühlen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Schön, wie du das mit dem Aufbruch und Neubeginn formulierst. Ich denke, jeder ist in seiner eigenen Weltenblase angehalten in sich zu gehen und zu sehen wie man in seinen Möglichkeiten fürs Große Ganze seinen Beitrag leisten kann. Ich möchte auch mehr tun, als einfach meine Welt zu zeigen. Vielleicht gelingt mir manchmal den Blick ins Schöne zu lenken und dann auch wieder ins Dunkle, das auch angeschaut werden will. Wahrscheinlich geht es darum, den Anderen teilhaben zu lassen an der eigenen Entwicklung. Hm, einander Hoffnung geben.  Nicht nur Aufschreien bei Ungerechtigkeit, sondern tätig werden, dort wo man es kann. Zeit der Herzöffnung. Und die Kunst kann ja nie aus, sich auseinander zu setzen . Das ist ja auch ihre Aufgabe. Und sie darf und muss dennoch frei sein. Oh, nicht leicht .

Was liest Du derzeit?

Bei mir liegt gerade Der geteilte Visconte von Italo Calvino ( irgendwie passend ) und Meine Preise von Thomas Bernhard . Zwischendurch gibts Heinrich Heine oder ich werde angeRilket.

Kürzlich gelesen hab ich auch „Schmerz und Gegenwart“ von Alfred Goubran .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dann sieh, dass du Mensch bleibst:

Mensch sein ist vor allem die Hauptsache.

Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche.

Mensch sein heißt, sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinwerfen – wenn`s sein muss.

Sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen.

Auch ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man ein Mensch sein soll.

Ich weiß nur, wie man`s ist!“

Rosa Luxemburg: Brief aus dem Gefängnis an Mathilde Wurm, 28. Dezember 1916. In: Gesammelte Briefe, Band 5, Dietz, Berlin 1987, S. 151

Rosa Roedelius, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Rosa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Rosa Roedelius, Künstlerin

Rosa Roedelius

Fotos_Rosa Roedelius

21.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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