Liebe Petra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag beginnt oft in der Nacht. Da ist alles möglich, da kann alles passieren. Allesmögliche. Ein Wort, ein Ton, ein Text, eine Melodie, ein Gedanke. Zwischenwelten, Inspiration, Stille, Klarheit. Und/oder das Zelebrieren dessen, dass es nichts (?) davon gibt. Und gelegentlich dann dieses „Verstehen“, das nicht nur von „Verstand“ kommt – da ist es meist sehr ruhig und leise.
Diese Erfahrungen begleiten in den Tag und bei anderen Formen der Arbeit. Helfen mir, die Welt und Menschen für-wahr-zu-nehmen. Der Abend gestaltet sich dann mitunter von selbst, je nachdem, wie laut der Tag war.
Petra Hehenberger_
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Anzu-erkennen, dass die Welt nicht eindeutig ist. War sie nie.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Vermutlich ist es auch meinem Soziologiestudium zuzuordnen, dass ich bei dieser Frage ins Wanken komme (eines, das mit Ermüdung zu tun hat). So querverweise ich auf die vorhergehende Antwort und schreibe – bevor der Punkt des Schweigens kommt, was in diesem Kontext wenig ergibt:
Kunst hilft bei der Überwindung der Trennung von Gesellschaftlichem und Persönlichem, beim ´uns und einander er-kennen´. Sie trennt nicht. Das hilft auch bei „Hybris“ (dass ich beim etymologischen Strawanzn dieses Wortes auf ´Herkunft ungeklärt´ treffe, macht mich irgendwie froh).
Was liest Du derzeit?
(mühelos) STÜSSELCHENS von Dominik Steiger
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lass es einmal gut sein“ meinte meine Großmutter. Mehr und mehr ahne ich, was sie da gesagt hat. Das mache ich nun mit den 5 Antworten einer Künstlerin und bedanke mich für (die) Fragen.
Vielen Dank für das Interview liebe Petra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Petra Hehenberger, schreibende und musizierende Ahnungsforscherin
Lieber Jonny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr unstet: Mal gibt es an einem Tag sehr viel zu tun und anderen gar nichts, auf jeden Fall haben die Tage und Wochen deutlich weniger Struktur, als vielleicht noch vor einem Jahr.
Ich bin bewusst Freiberufler und arbeite gerade an eigenen Texten, spiele und gestalte digitales Theater, mache Hörspielaufnahmen und drehe, den größten Teil davon in Eigenregie, vor allem was die Struktur der Arbeit angeht.
Jonny Hoff, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld und Besonnenheit! Was zunehmend schwer fällt. Dieses Virus wird unser Wertesystem noch länger auf die Probe stellen und wir müssen lernen damit einen Umgang zu finden, dessen Motor und Motivation nicht die Wut auf das Verpasste und Vergangene sein kann.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube einige verschiedene: Die Kunst kann uns all den Horror vor der eigenen Haustür für ein paar Stunden vergessen machen und ein wenig für Zerstreuung sorgen. Sie kann uns Möglichkeiten der Lösung und Auseinandersetzung mit dieser Krise aufzeigen und vielleicht Dialoge ermöglichen, die in der aktuellen Tagespolitik keinen Platz finden. Aber vor allem sollte sie sich zuständig fühlen für die Gesellschaft aus der sie geboren wurde und sich nicht an Äußerlichkeiten aufhalten, die sie daran hindern ihren Job zu machen – der Spiegel der Gesellschaft zu sein.
Was liest Du derzeit?
Platonow von Anton Tschechow
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Drei, ich konnte mich nicht entscheiden 🙂 :
„Das liegt daran, dass ich sehr selten denke; so stauen sich zahllose kleine Metamorphosen in mir an, ohne das ich darauf achte, und dann, eines schönen Tages, kommt es zu einer regelrechten Revolution.“
„Das Wahrscheinliche verschwindet zur gleichen Zeit wie die Freunde.“
„Sie sind ein schwarzes Loch an Bedürfnissen“
Vielen Dank für das Interview lieber Jonny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Jonny Hoff, Schauspieler
Foto_Laura Westermann
25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Federico, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zuallererst habe ich Glück, weil ich nicht zu Hause bleiben muss. Normalerweise unterrichte ich morgens Physik, während ich mich nachmittags mit Kunst und Literatur beschäftige. Das Gedichtbuch, an dem ich arbeite, heißt „EIS“. Es erzählt die Geschichte eines isländischen Gletschers. In dem Buch verflechten sich verschiedene Sprachen und asemische Schriften. Ein Gletscher ist schließlich die verschiedenen Aggregatzustände von Wasser.
Ich wohne fast in der Nähe eines Waldes von Eichen, Kiefern und Buchen. Seine Stimme ist mir sehr nahe, sie beschäftigt mich den ganzen Tag. Abends gehe ich oft im Wald spazieren.
Federico Federici _ Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist wichtig, wachsam zu bleiben. Wie Norbert Wiener immer sagte, „wiederholte Kommunikation führt erhöhtem Rauschen zu“.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel in der Gesellschaft wäre erforderlich. Das Trugbild vom verschwindenden Staat hat seine Nachteile deutlich gezeigt. Wenn ich die Welt als ein komplexes System betrachte, erkenne ich das Missverständnis der Globalisierung: keine harmonische Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teilen, sondern ein einziges Teil, das nur eines tun muss, nämlich die Gesetze des Marktes zu befolgen.
Kunst und Wissenschaft sollten wirklich im Zentrum der kulturellen Entwicklung stehen, anstatt der leeren Folklore der sozialen Netzwerken. Sie sollten das Fazit einer Weltanschauung darstellen.
Was liest Du derzeit?
„Bees. Their Vision, Chemical Senses and Language.“ von Karl von Frisch, ein Buch über die soziale Organisation von Bienenvölkern und ihre Sprache.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“We live in a world where there is more and more information, and less and less meaning.” Jean Baudrillard
Vielen Dank für das Interview lieber Federico, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert, da ich schon vor der Pandemie viel in meinem Atelier und von Zuhause aus gearbeitet habe.
Eingeschränkt sind die Arbeitssituationen im Hörspielstudio und auf Probebühnen. Performances und Reisen zu Konzertauftritten finden mal statt, mal fallen sie den diversen Beschränkungen zum Opfer.
Was mir fehlt, das ist der face-to-face Austausch mit den Künstlerfreund*innen und Student*innen und der Kaffeetratsch am Yppenplatz.
Renate Pittroff, Regisseurin, Medienkünstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Nerven bewahren. Empathie zeigen. Die allgemeine Gereiztheit nicht ins Private hinübernehmen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es fällt mir schwer, zu beurteilen, wie die Kunst und die Literatur nach der Pandemie dastehen wird. Traditionelle Kunstformen verschwinden oder werden schwer wieder herstellbar sein. Ein Auf- und Umbruch ist an sich auch eine Chance.
Die Rolle der Kunst und Literatur sehe ich darin, die demokratischen Verfahren und Strukturen, die jetzt schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, zu stärken. Und wachsam zu sein, dass die gesellschaftlichen Umbrüche, die sich durch die momentane Digitalisierung und Datenvernetzung entwickeln, nicht „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zerstören.
Was liest Du derzeit?
Ich lese „Designing Beauty – The Art of Cellular Automata“ von Andrew Adamatzy und Genaro J.Martinez, den Essay „Macht“ aus der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung von Rainer Hank mit Illustrationen von Luis Murschetz, „Intelligenz der Pflanzen“ von Stefano Mancuso, außerdem beschäftige ich mich mit Programmiersprachen „Python“ und „C++“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Jean Paul schrieb: Nur der Mensch, der schon einmal einen Vogel gezähmt hat, sollte Kinder erziehen dürfen.
Mir gefällt an diesem Zitat, wie Jean Paul hier den Gap zwischen Freiheit und Anpassung benennt.Und er zeigt den Freiheitswillen, aber auch die Zerbrechlichkeit des Menschen auf.Ich wünsche mir Leader der relevanten gesellschaftlichen Bereiche, die diesen Satz beherzigen.
Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit ich vor etlichen Jahren einmal Writer-in-Residence und Gastprofessor an einem College in den USA war und in der Nähe des dortigen Sportzentrums wohnte, zu dem auch eine Schwimmhalle gehörte, habe ich es mir angewöhnt, egal wo ich gerade bin, am frühen Morgen, sozusagen bevor das Leben beginnt, also vor dem Frühstück, eine halbe Stunde lang zu schwimmen, wenn denn ein Meer, irgendein Gewässer oder eben eine Schwimmhalle zur Verfügung steht. Zur Zeit sind in Bremen alle Hallenbäder dicht und verrammelt. Um draußen zu schwimmen, ist es noch zu kalt…also steige ich Corona bedingt jeden Morgen aus dem Bett aufs Fahrrad und strample am Ufer der Weser entlang, die knapp 150m hinter unserem Haus in Richtung Nordsee fließt. Das ist eigentlich auch schon der heftigste Einschnitt im Tagesablauf, denn der Rest des Tages verläuft auch jetzt wie vor der Pandemie: home office….Schreibtisch, Computer, Zettelei, Korrespondenz, Recherche, Collage-Utensilien, Schere, Stempelkasten und -kissen usw. Und natürlich: Gedicht-Lektüre zu allen Tageszeiten, nach dem von meinem bayerischen Freund Leitner geklauten Motto: Ein gutes Gedicht rettet den Tag! Was anders ist und mich als Phantomschmerz quält: das Reisen, bzw. die abgesagten, ausgefallenen, unmöglich gewordenen Reisen und Treffen mit den Kollegen und Kolleginnen in aller Welt! Die schönen und lebenserhaltenden Unterbrechungen des Alltags: Buchmessen, Lesungen, Buchpremieren, Festivals. Die Poesiefestivals in Bukarest, Marrakesch und Belgrad, auf die ich mich wahnsinnig gefreut hatte: abgesagt oder zur Zoomkonferenz verkommen.
Michael Augustin_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir, während wir darauf achten, den überlebenswichtigen Abstand einzuhalten, doch nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Als Optimist gehe ich davon aus, dass nach all den gesammelten und angehäuften Erfahrungen des Pandemiejahres unser kaputt gespartes und zu Tode rationalisiertes Gesundheitssystem an Haupt und Gliedern repariert werden wird und den dort Beschäftigten endlich die angemessene Wertschätzung zukommt. Und dass unserer marodes Bildungssystem zukünftigen Herausforderungen ähnlich der Coronakrise gewachsen sein wird. Der Mensch ist nämlich äußerst lernfähig. Als Pessimist weiß ich allerdings, dass Optimisten nicht alle Tassen im Schrank haben. Der Literatur und Kunst wird auch in Zukunft die Rolle von Literatur und Kunst zukommen. Sagen im Chor: der Optimist und der Pessimist.
Was liest Du derzeit?
Heinrich Mann: Abrechnungen
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn dir heute nicht gefällt, dann nimm doch einfach morgen. Da ist eh wieder heute.
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Penny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wir befinden uns seit dem 2. Dezember in Lockdown hier in England – einschliesslich Weihnachten. Daher tagtäglich: eine Mischung aus Bearbeiten und Abwarten. Bearbeiten von Theaterstücken für Radio oder ein Stück mit mehrfachen Besetzung auf ein Einpersonenstück. Abwarten auf immer wieder verschobene Premieren. Im Detail: Aufstehen, eine Stunde chanten (bin Buddhistin), frühstücken (ich versuche im Lockdown das in Wien gelernte erste und zweite Frühstück auf einen einziges Frühstück einzuschränken!), vormittags schreiben, nachmittags übersetzen, abends kochen und viel viel Lesen. Ab und zu Netflix, Bett. Endlos wiederholen.
Penny Black_Schriftstellerin und Übersetzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchatmen, Geduld praktizieren, denken und denken lassen, den Alltag geniessen, Freunde und Familie schätzen, sich Standhaftigkeit gestalten. So nach dem englischen Spruch: Keep Calm and Carry On, was eher banal klingt aber unter den jetztigen Umständen……..
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Von seiner Geburt an, wurde das Leben von William Shakespeare (1564-1616) in gefährlichem Aussmass von der Pest betroffen. Wiederholte Pestausbrüche führten zu wiederholten Theaterschliessungen, was wiederum dazuführte, dass zwischen 1606 und 1610 sein eigenes Theater nur neun Monaten offen hatte. In jener Zeit hat Shakespeare selbst einige seiner besten Theaterstücke geschrieben, darunter Macbeth, Antony und Cleopatra, Das Wintermärchen und Der Sturm. Ein exemplarisches Vorbild für AutorenInnen.
Ich bin kein echter Fan von gestreamten Theater, nichtsdestotrotz meine ich, dass wir das Wort Hybridität immer mehr hören und benutzen werden. Die Zeit ist da, dass das Theater doch mit den neuesten Technologien zusammenwirkt. Demnächst werde ich mit einer Videodesignerin zusammenarbeiten, und sehe schon jetzt wunderbare ästhetische und erzählkünstlerische Möglichkeiten vor mir.
Was liest Du derzeit?
Going to Meet the Man von James Baldwin (Kurzgeschichtensammlung), Homegoing von Yaa Gyaasi, Fierce Bad Rabbits von Clare Pollard.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Schwierigkeit hat nichts mit Tiefsinn zu tun, Schwierigkeit ist nicht gleich Kunst, und Unverständlichkeit an sich besitzt kein Wert.“
Laxmi Prasad Devkota.(1909-59)
Vielen Dank für das Interview liebe Penny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Hörspiel-, Literatur- und Übersetzungsprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Penny Black_Schriftstellerin
Foto_Layla Murga.
27.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Christina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Als Künstlerin und Mutter von 2 kleinen Kindern bin ich rund um die Uhr gefordert- Das ist manchmal nicht leicht, aber machbar. Ich brauche nicht mehr so viel Schlaf wie früher, um mich fit zu fühlen- und habe über die Jahre hinweg gelernt mit der Ressource Zeit sinnvoller umzugehen. Für mich steht in der Kunstproduktion Qualität immer noch vor Quantität.
Ich bin viel in der Natur, lasse mich von der Natur inspirieren- der Wald und einige Seen liegen vor meiner Haustüre. Meine Kinder klettern jeden Tag auf Bäumen und bauen Tipis. Es ist uns wichtig, dass sie so aufwachsen können- und für mich ist es der ideale Ort, mich auf die nächsten Ausstellungen vorzubereiten.
Christina Starzer, Künstlerin – Portrait mit Skulptur wireheart_2019
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Jenen unter die Arme greifen, die es wirklich brauchen. Contenance. Herzenswärme. Nächstenliebe. Erdung. Den richtigen Fokus finden. Das eigene Wertesystem überdenken, und zurechtrücken. Viel in die Natur gehen, Kraft tanken, das Licht ins Leben lassen!
Skulptur wireheart, 2019 – Christina Starzer
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Fährt man bewusst durch viele Ortschaften Österreichs und öffnet die Augen dann wird man merken, dass die Rollläden alle heruntergefahren sind. Die Menschen lassen das Licht nicht mehr in ihren Lebensraum. Das ist sehr traurig, und ein Zeichen für eine kollektive Depression. Wo viel Licht ist, gibt es viel Schatten. Aber wenn das Licht aus ist, dann ist nichts mehr da.
Die Zahl der Selbstmorde ist stark in die Höhe gegangen, die Menschen sind verunsichert, sie sind völlig entwurzelt, und viele werden sprichwörtlich verrückt. Sie ertragen ihren Alltag nicht mehr, denn dieser hat sich ja verschoben. Also muss man sich selbst auch weiterbewegen.
Die Kunst könnte eine „neue“ Rolle fernab des Kunstmarktes bekommen. Damit meine ich nicht die NFT´ s, oder ähnliche Entwicklungen- die zugegebenermaßen in vielen Gesellschaftsbereichen spannend zu beobachten sind. „Jeder Mensch ist ein Künstler“- Vielleicht ist es ein Vordenker wie Beuys, auf den wir uns in diesen Tagen besinnen können.
Denn Kunst kann auch wieder zentrieren und erden- eine therapeutische Funktion haben, wenn Sie so wollen. Sie ist immer das Abbild der jeweiligen Zeit. Der Zugang zur Kunst sollte kein Privileg mehr sein- Jeder Mensch darf ein Künstler sein, wenn er möchte.
Auch die Kunst braucht wieder Licht, mehr denn je!
Portrait mit object drawing/ painted giger- bemalter Ingwer, ein Jahr später 2020-2021 _ Christina Starzer
Was liest du derzeit?
Das kleine Einhorn Funkelstern, das Traumfresserchen,
Käthe Kollwitz- die Tagebücher 1908-1943.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
„Auf so manches in der Welt
Lernt der Mensch verzichten.
Was vom Leben übrigbleibt
Sind Bilder und Geschichten“
(Goethe)
object drawing, Wasserfarben auf Pappe, bemalte Nuss _Christina Starzer, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Malina – Versteck der Sprache“ Die Chiffre „Malina“ in Ingeborg Bachmanns Werk und in Zeugnissen von ZeitzeugInnen, Sandra Boihmane. Neofelis Verlag
1971-2021. 50 Jahre eines Romans, der seit seinem Erscheinen bis heute vielseitige Impulse, Diskussionen, Bewunderung wie Erschütterung auslöst. Dazu tragen einerseits der schonungslose radikale Inhalt und Stil des Textes wie das schillernde geheimnisvoll-tragische Leben der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926 – 1971) bei. So eng umrissen der topographische Handlungsspielraum des Romans – Wien – ist, so weit und offen ist Bedeutung und Sinn.
Die studierte Philosophin, Schwerpunkt transdisziplinäre Geschlechterstudien, Sandra Boihmane, legt mit der vorliegenden Studie zur titelgebenden Chiffre „Malina“ einen umfassenden wie spannenden wissenschaftlichen Zugang zu Bedeutungszugängen und Querverweisen in Philosophie, Geschichte, Sprache und Kunst dar. Es ist gleichsam eine Fundgrabe, die sich hier für WissenschaftlerInnen wie literaturinteressierte Leserinnen und Leser auftut und staunen wie neugierig weiterdenken lässt.
Das vorliegende Buch, Grundlage ist die Dissertation der Autorin von 2014, gliedert sich in sechs Überblickskapitel. Beginnend mit dem Forschungsstand zum Titel „Malina“, weiteres die mediale Vermittlung wie die Bedeutung des Namens im kriminellen Milieu und Volkslied erhellt, dann die Öffnung historischer Zusammenhänge wie der Roman und die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann im Horizont eines Vermächtnisses. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet dies ab.
„Einer der bemerkenswertesten Forschungsbeiträge zu einem epochalen Roman und dessen faszinierender Autorin“
Liebe Fanny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan jeden Tag unterschiedlich. Da ich es gerade ganz wichtig finde, innerlich nicht zu versauern, lege ich den Fokus sehr darauf, es mir selbst lustig zu machen, da gerade nichts von außen kommen kann. Ich hab angefangen Kerzen selber zu machen, hab wieder mal gebacken, höre viel Musik und versuche mich wieder dem Schreiben, einer kleinen Leidenschaft von mir, zu widmen.
Fanny Altenburger_Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Innerlich wach und warm zu bleiben, und genau zu beobachten was im Außen passiert. Kritisch bleiben und Herzen aufmachen, viele kleine liebe Gesten; dem Nachbar mit dem Einkauf helfen, und sich die Kunst, die man gerade außer Haus nicht bekommt nach Hause holen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, oder hoffe, dass wir nachher alles, was uns seit einem Jahr genommen aber vorher so selbstverständlich war, viel mehr zu schätzen wissen und vielleicht sogar ein Stück noch mehr beglückt nach einer Veranstaltung, eines schönen Miteinanders, nach Hause gehen und uns freuen werden. Ich hoffe sehr, dass der ganze digitale Ersatz, der jetzt Schule, Universitäten, Kinos, Theater, Ausstellungen, Konzerte, politische Diskussionen versucht am Leben zu halten, dann wieder rückläufig wird, weil mir das physische Miteinander fehlt und es mittlerweile recht belastet.
Was liest Du derzeit?
Ich habe gerade begonnen von Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ zu lesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Beinah ist oft schlimmer als nein.“ Von Mascha Kaléko aus „enfant terrible“.
Fanny Altenburger_Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Fanny, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Fanny Altenburger, Schauspielerin
Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina _ Wien_19.4.2021.
16.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Dessi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin eine Frühaufsteherin. Um 5.30h, noch bevor der Wecker läutet, beginnt schon mein Tag. Ich genieße die Zeit des frühen Morgens und starte in den Tag hinein mit heißem Kaffee und guter Musik – das sorgt sofort für Behaglichkeit. Derzeit ist meine Mutter-Rolle mehr gefragt als die der Schauspielerin. Und es ist nicht nur corona-bedingt. Mein Mann, der Schauspieler Alexander Strömer, probt zurzeit viel als Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Dennoch erlebe ich durch ihn sehr viel Rückhalt und Unterstützung!
Ich verkörpere die vielen verschiedenen Rollen daher in meinem Alltag: – Mutter, Ehefrau, Köchin, Lehrerin, Elternvereinssprecherin, Putzfrau, Verführerin, Psychotherapeutin, Krankenschwester, ach, da gibt es unzählige … (lacht)
Dessi Urumova, Schauspielerin
Und ich muss zugeben – es macht richtig Spaß zwischen den Rollen zu „switchen“. Dazwischen, in meiner noch übrigen „freien“ Zeit, tanze ich leidenschaftlich gern Salsa als mein tägliches Workout und für mein absolutes Wohlbefinden. Sagen wir mal so, trotz der für uns allen derzeitigen, herausfordernden Situation, versuche ich diese so gut es geht zu meistern und mein Leben dabei zu genießen.
Meinen Beruf als Schauspielerin kann ich momentan leider nicht so richtig ausüben. Und es ist nicht nur auf die allgegenwärtige Corona Zeit zurückzuführen. Obwohl meine berufliche Laufbahn erfolgreich startete: prompt nach meiner Schauspielausbildung wurde ich ans Theater an der Josefstadt engagiert und spielte dort im Ensemble von der Klassik bis hin zum gehobenen Boulevard 7 Jahre lang.
Dessi Urumova im Theaterstück „Schwarze Augen für gelegentliche Treffs“
Meine erste große Rolle im Fernsehen, die mir Gelegenheit gab mich einem breiten Fernsehpublikum zu präsentieren, war in einem spannenden österreichischen „Tatort“ unter der Regie von Harald Sicheritz. Ich bin zutiefst dankbar für diese wunderbare, und für mich als Schauspielerin sehr bereichernde, Arbeit. Diese wurde auch unter Anderem in meiner ersten Heimat Bulgarien mit der Auszeichnung des Kulturministeriums um die Verdienste im Ausland, gewürdigt. Auch nach der Geburt meines Sohnes folgten einige gute Theater- und Fernsehengagements.
Jetzt jedoch bin ich umso mehr gefordert, diesen Marathon zu laufen und einer längeren Durststrecke entgegenzuhalten. Das ist eine prekäre Situation, denk ich, für jeden Künstler — einerseits nicht hadern mit sich selbst, andererseits das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen stärken gerade in Situationen, in denen man nur auf sich selbst zurückgeworfen ist. Ohne als Künstler wahr- genommen zu werden. Obwohl ich meine Mutterrolle mit Freude auslebe, sehne ich mich gleichzeitig sehr nach beruflichen Aufgaben. Das Eine schließt ja das Andere nicht aus. Ich bin im Ostblock aufgewachsen (weitere Stationen waren Berlin und dann Wien), und habe miterlebt, wie die Frauen im Osten diesen Balanceakt zwischen Kind und Karriere lebten, und zwar mit einer gewissen Lässigkeit, einer guten Portion Weiblichkeit und Solidarität untereinander.
Jedoch erkenne ich leider auch in meinem Beruf mit einem weinenden Auge offenbar eine Zweiklassengesellschaft. Frauensolidarität ist etwas für Magazine und Ratgeberliteratur, so scheint mir. In der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus: In meinem Alterssegment – sicherlich nicht mehr die junge Geliebte, aber die nicht mehr ganz junge Frau, die in ihrem Leben bereits etwas erlebt hat und dadurch zusätzlich an Attraktivität, auch des Innenlebens, generiert haben sollte – sind die „wenigen“ Rollen nämlich heiß umkämpft.
Ich versuche stets diese Attraktivität in mir zu finden und auch auszustrahlen, was mir aber viel wichtiger scheint, mit meinem tiefen, inneren Gefühlsleben als Schauspielerin punkten zu können. In der Realität bringt das leider wenig. Obwohl Österreicherin, aber wohl aufgrund meines ethnischen Äußeren, werde ich meistens auf die “Ausländerin“festgelegt, obgleich ich keinen Akzent habe, – diesen werde ich dann gebeten herzustellen. Das wäre keinesfalls schlimm, wären da auch andere Sichtweisen und Rollenangebote.
Natürlich kann die Rolle einer „Ausländerin“ auch eine tolle und inspirierende Aufgabe sein! Sowie im „Tatort“, die bulgarische Sonderermittlerin Donka, die sehr viele dramaturgische Wandlungen, Drehpunkte, Tiefen und Untiefen zeigen durfte.
Dessi Urumova, in der Fernsehproduktion Tatort „Ausgelöscht“
Umgekehrt ist es aber dann so, dass ich beispielsweise in einem Film einen als Bulgaren ausgewiesenen Darsteller sehe, der nicht einmal Bulgarisch – nein, ein Kauderwelsch an verunglücktem Russisch von sich gibt. Wie können wir uns dann erwarten, nicht immer mit Australien verwechselt, oder auf Mozartkugeln reduziert zu werden, wenn man sich selbst mit Ländern, die in unserer EU vereint sind, in heimischen Filmen so unreflektiert und stereotyp, ja lieblos, befasst?
Glücklicherweise ergeben sich für mich als Sprecherin immer wieder neue interessante und internationale Projekte. Da meine Muttersprache Bulgarisch ist, liegt unter Anderem der Fokus auf EU-Kulturaufträgen: ich bin die offizielle bulgarische Stimme der Austrian Airlines und des Hauses für europäische Geschichte in Brüssel. Sprachaufnahmen für das Deutschlandradio und den Bulgarischen Rundfunk bereichern meine künstlerische Arbeit als Sprecherin. Das macht mir große Freude. Und….letztendlich vertraue ich auf mich und meinen eigenen Lebensweg.
Ich bin ja noch jung (lacht).
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aufwachen! Nicht weitermachen wie bisher. Dabei warten vermutlich viele darauf, genau das tun zu können: alles soll wieder so sein wie vorher. Aber wie vorher? Dürfen wir dann alle wieder deneinen bei vollgedeckter Tafel zusehen, während man vielen anderen keine Chance gibt und sie einfach vergisst? Sei es gesellschaftlich … politisch … oder kulturell, … global! Das wäre hoffnungslos.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Was das Künstlerische anbelangt, kann ich persönlich, vielleicht etwas kontrovers, mit einem Vergleich antworten: Können, beispielsweise, Frauen, die gerne in der Kirche aktiv mitgestalten wollen, dies aber nur begrenzt dürfen, die Rolle der Kirche definieren? Ich fürchte, nein! Aber sie können eine Vision von dem erschaffen, wie es sein sollte, wenn sie die Möglichkeit der Mitgestaltung, des Mitbestimmens haben!
Ich hoffe darauf eine Antwort geben zu können, indem ich selbst wieder etwas dazu beitragen dürfen werde.
Obwohl ich im Innersten weiß, was ich künstlerisch alles zu geben habe. Schauspielerei hat aber viel mit Geheimnis zu tun. Und nicht etwa mit…wie soll ich es ausdrücken … mit Politik …, in der man verkündet, was man alles tun wird, wenn man gewählt wird.
Was mir aber schmerzlich auffällt, das Nicht-Schöne, das Durchschnittliche, das Gewöhnliche, Bekannte, scheint der Allgemeinheit viel lieber als das Schöne, Edle, Ästhetische, das Nicht-Sofort-Einzuordnende, Mysteriöse. Vor dem Schönen, Exotischen, haben wir vermutlich Angst, es bedroht womöglich die unfesten, unsicheren Charaktere, derer es leider in der westlichen, unserer völlig kommerzialisierten Welt, viel zu viele gibt. Blickt man z.B. nach Bulgarien, überhaupt in den vom Westen kritisch, furchtsam beäugten Osten…da hält „frau“ noch etwas auf sich. Sie fühlt ihre Selbstbestimmung und somit auch ihre autonome Macht gerade in ihrer Weiblichkeit.… und sie ordnet sich dadurch eben nicht unter, wie man immer allgemein behauptet, indem sie sich nämlich „fraulich“ gibt. Für unseren Westeuropäer, scheinbar ein Widerspruch. Der beklagt sich wieder, dass die Frauen so „vermännlicht“ sind, und blickt sehnsüchtig …gegen Osten. (lacht). Der Ordnung halber, will ich nicht verhehlen, dass es auch im Osten viel Verbesserungswürdiges gibt.
Ich wünsche uns mehr Solidarität, Achtsamkeit, Zusammenhalt, Offenheit. Jeder Tag sollte uns neue Chancen eröffnen, sich selbst zu hinterfragen, den Blick nach Innen zu richten, sich neu zu definieren, einander zu achten und sich gegenseitig zu stützen. Diese Werte sind gerade jetzt, wo die Gesellschaft droht gespalten zu werden, wichtiger denn je!
Dessi Urumova,und Alexander Strömer in „Was ihr wollt“
Was liest Du derzeit?
Bedingt durch das Vorbereiten seines ersten Buchreferats in der Volksschule, lese ich erneut mit meinem Sohn Antoine de Saint- Exupery‘s „Der kleine Prinz“ – diesmal durch die Augen eines Kindes betrachtet.
Ich liebe die Russische Literatur! Zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellern gehört eindeutig Alexander Puschkin. Seine Liebeslyrik ist ein unersetzlicher Teil meiner Lesezeit.
Robert Pfaller „Wofür es sich zu leben lohnt“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Folgendes Zitat von Goethe gab mir meine Lehrerin schon in der Volksschule mit und es begleitet mich bis heute unentwegt:
„Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals – wohl aber durch Handeln! Versuche Deine Pflicht zu tun, und Du weißt was an Dir ist. Was ist aber Deine Pflicht?– Die Forderung des Tages.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Und aktueller mehr denn je – – der Fuchs zum Kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ (Antoine de Saint de – Exupery)
Dessi Urumova, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Dessi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!