„Malina blickt schonungslos auf den Wunsch geliebt zu werden“ Johanna Mucha, Schauspielerin_50 Jahre Roman Malina _Ingeborg Bachmann_ Wien 20.4.2021

Die erste intensive Begegnung mit Ingeborg Bachmann und ihrem Werk fand in meiner Schulzeit statt. Ich habe mit 17 Jahren „Malina“ für die Erstellung meiner Fachbereichsarbeit gelesen. Da war für mich diese Dreiecksbeziehung zwischen der Erzählerin, Ivan und Malina zentral. Jetzt sehe ich mehr dieses Spiegel-Ich. Malina ist die Rückfrage an das Ich – „Weißt Du wer/wie Du bist, wie Du geworden bist?“

Johanna Mucha_Sängerin, Schauspielerin

Der Blick auf sich selbst ist der schwierigste. Ob in Kritik oder Lob.

Auf der Bühne wird ob in Wort, Gesang oder Tanz eine Geschichte erzählt. Da steckt das Leben in Dramatik und Vision drin. Das kann auch ein Kampf sein, wie im Roman. Das treibt mich an.

Eine Darstellung, ein Kunstwerk ist immer ein Stück Biographie. Auch ein Weiterkommen darin. Der Versuch dazu.

Meine Beobachtung der Gegenwart ist, dass wir uns sehr schwer tun, uns selbst anzuschauen, uns selbst zu sehen. Das zu sehen was wir wirklich sind.

Moderne Selbstdarstellung in sozialen Medien hat nichts mit dem realen Selbstbild zu tun, da geht es um Perfektion, um den Aufbau von Perfektion. Die Schwierigkeit ist dann eben der reale Spiegelblick. Da kann viel zerbrechen. Malina ist da eine kritische Position dazu und ist 50 Jahre danach aktuell wie nie – wer bin ich hinter Fassaden und Schichten, die oberflächlich oder tief im Außen und Innen liegen?

Liebe kann ein Sehnen, Wollen, Ziehen und Zurückweichen sein. Wer kennt das nicht? Der Roman trifft da ins dunkle Herz der Liebe. Stellt ihre erdrückenden Schatten bloß.

Es dreht sich alles um Ivan. Das Sehnen, das Warten. Der einzige Gedanke. Es macht sie kaputt und sie weiß es.

Das beiderseitige Spiel der Liebe, diese Koketterie von Nähe und Distanz, funktioniert ja zwischen Ivan und der Erzählerin gar nicht. Ivan hat eine Position und sie zerbricht daran.

Liebe ist Begeisterung und Schwere. Zweiteres bleibt, wenn ersteres geht. Umgekehrt funktioniert das meist nicht.

Jede Frau und jeder Mann wünschen sich geliebt zu werden. Angenommen zu sein, Halt zu haben. Der Roman blickt auf und hinter diesen Wunsch. Stellt schonungslos das Ringen und Scheitern daran dar.

Malina lesen gelingt mir nur in Etappen. Ich muss es immer wieder beiseite legen. Da ist so viel Schmerz, Verzweiflung. Der Griff zum Buch braucht dann wieder Zeit.

Es gibt immer Verletzungen in der Liebe. Die Selbstliebe kann da ein Halt und eine Kraft der Integration ein. Auch die Distanz, der Humor.

Im Roman wird gekämpft. Um Liebe, um jeden Moment von Nähe. Bis zum Ende. Ich liebe das. Ich liebe dieses Ringen, dieses Alles-Geben bis der Vorhang fällt, auf der Bühne wie im Leben.

Ein leidender Mensch auf der Bühne ist immer interessant, weil es näher ist. Glücklich sind ja immer die anderen.

Das Spiegelbild darf nicht nur der eigene Spiegel sein. Es braucht das Außen. Freunde wie Feinde. Das ist der Weg sich selbst besser kennenzulernen. Das ist in der Kunst wie im Leben, der Liebe so.

Die Enge der eigenen Spiegelbilder im Roman ist ja das Zehrende und Verzehrende. Da ist kein Kabinett von Spiegeln, kein Drehen und Wenden, dann auch keine Kraft mehr dazu.

Es gibt nur eine offene Tür in der Liebe. Liebe ist frei. Im Beginn, der Dauer und im Ende. Im Hinein oder Hinaus.

Wir lernen in der Liebe zu scheitern. Besser zu scheitern.

Das Geheimnis von Liebe ist Ehrlichkeit und Humor. Das sind die Zutaten.

Männer tun sich mit der zweiten Stelle schwer. Wenn sie nicht immer und überall auf der „Lebens-Liebes-Bühne“ ganz vorne stehen. Ich habe meine Bühne, meine Kunst, das muss der Mann akzeptieren.

Das Schlimmste für eine Frau ist ein Mann, der sich seiner selbst, seiner Männlichkeit, nicht bewusst ist. Es gibt leider sehr viele davon.

Selbstbewusstsein ist immer ruhend und still. Das ist kein Narzissmus. Das ist auch sehr attraktiv.

Im Sex geht es nicht um Leistung sondern um Liebe. Für Männer ist dies oft schwer. Auch heute noch.

Wenn ein Mann Schluss macht in einer Beziehung kommt es aus dem Nichts.  Das macht ziemlich grantig.

Ich bin in der Liebe „old school“. Es geht um ein Miteinander, nicht nur bei Sonnenschein, kein schnelles Aufgeben bei Wind und Wetter. Drama gehört dazu.

Eine Partnerschaft ist für mich ein Halten und Heben. Zuhause und in der Öffentlichkeit. Das ist für mich ganz wichtig.

Und ich liebe das Diskutieren in der Liebe. Ich mag das, es erweitert den Horizont. Und ich heiße Johanna, ich kämpfe (lacht).

Wenn ich probe, nehme ich die Rolle auch mit nachhause. Das muss der Mann aushalten. Da bin ich Perfektionistin. Wenn dann das Stück läuft, ist es anders. Bis dahin gilt es für den Mann durchzuhalten (lacht). Das ist natürlich für eine Beziehung anstrengend.

Ein attraktiver Körper ohne Herz, Gefühl und Intellekt ist nur für zwei Tage toll.

Ich verliebe mich gern in den Intellekt. Wissen zieht mich an. Aber das genügt natürlich allein nicht. Irgendwann ist alles erzählt und bewundert. Dann braucht es mehr. Wie im Roman.

Fehlende Liebe kann nicht nach-, aufgeholt werden. Der Schmerz, das Leiden daran holt beim ersten Kuss ein. Das ist ein Todeskuss. Ein dunkles Ringen mit der Sehnsucht.

Bei Ingeborg Bachmann geht es immer um Erfahrungen, Erleben, Gegensätze, welche die Liebe, das Leben bestimmen und die es zu benennen gilt. Das Schreiben ist das offene Wort dazu.

Liebe ist ein Lernen von Nähe. Wie nahe lasse ich Verletzungen kommen? Wie weit entfernt mich dies von mir selbst? Was zerstört mich? Darum geht es ja im Roman.

Die eigenen Gedanken sind nicht immer die besten Wegweiser. Sie können Pfeile nach Innen sein. Selbstgespräche der gespannte Bogen dazu. Es braucht eine Distanz und einen Austausch. Im Roman geht es ja auch um die Suche danach, das Befreien davon. Und das Scheitern daran.

Der Tod ist im Roman ein Gesprächspartner. Und das ist er ja auch. Die Auseinandersetzung ist wichtig, in Kunst und Leben.

Die Herausforderung von Kunst und Bühne ist, Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden. Ich sehe mich als Darstellerin in diesem Inspirations- und Spannungsfeld.

Jedes Buch, jedes Bühnenstück sind eine Entdeckungsreise zum Menschen. Kultur ist Entdeckung.

Johanna Mucha_Schauspielerin, Sängerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Johanna Mucha _ Sängerin, Schauspielerin _Wien.

Johanna Mucha | Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Model & Coach

„Ein ganz normaler Tag im Lockdown“ Johanna Mucha, Schauspielerin_Wien 27.2.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

https://literaturoutdoors.com

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