„Die freie Kunst- und Kulturszene ist für jede demokratische Gesellschaft essentiell“ Anette von Eichel, Jazzsängerin_Köln 21.4.2021

Liebe Anette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe zwei Töchter von 12 und 15 Jahren, die im Homeschooling sind. Mein Mann und ich teilen uns die Kindererziehung gleichgestellt und versuchen, für unsere Töchter eine gewisse tägliche Routine aufrecht zu erhalten: wir stehen gemeinsam auf, frühstücken und machen dann erstmal zusammen einen kleinen Spaziergang vor dem Digitalunterricht der zwei Mädels; dann machen wir später am Vormittag eine „große Pause“ zusammen und essen gemeinsam zu Mittag. Wenn ich mit Mittagessenkochen dran bin, koche ich manchmal am Abend vorher schon vor, damit ich vormittags besser arbeiten kann. Das habe ich anfangs nicht gemacht und war dann immer sehr entnervt, wenn ich vormittags nicht richtig für mich selbst arbeiten konnte. Abends Vorkochen ist irgendwie krass – aber erleichtert mir meinen Tag. Außerdem ist es auch ganz nett, abends mit einem Glas Wein etwas zu kochen, das dann (Wunder oh Wunder der Backautomatik) am nächsten Tag vom Backofen selber fertig gekocht wird und einfach auf den Tisch kommt – fühlt sich fast an wie essen gehen.

Bis 11.00 Uhr arbeite ich jeden Morgen für mich und mein eigenes künstlerisches Projekt. Ich kann üben, komponieren, die Orga für mein neues Album „Inner Tide“ weiter anschieben – alles, wonach mir der Sinn steht. Letztes Jahr habe ich „Der Weg des Künstler“ von Julia Cameron gelesen.  Am Anfang meines Arbeitstages stehen seitdem immer „die 3 Morgenseiten“. Julia Cameron schlägt in ihrem Buch vor, dass Künstler*innen ihren Tag immer mit dem Schreiben von 3 Seiten beginnen sollten (die Größe der Seiten wählt man selber… J). Dieses Ritual tut mir gut und ordnet meine Gedanken.

Seit März 2021 bin ich Dekanin des Fachbereichs Jazz Pop an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Hochschularbeit in Zeiten von Corona ist, als ob man über die Kirmes läuft: Alles um dich herum hupt und blinkt und dreht sich! Regelmäßig neue Vorgaben von oben und ihre Auswirkungen auf die Arbeit von uns Kolleg*innen mit den Studierenden. Ich bin ein intuitiv arbeitender Mensch – ab 11.00 Uhr geht darum alles ein bisschen kreuz und quer… Emails, Telefonate, Zoommeetings, mal rausgehen oder einen Kaffee trinken. Das läuft durch bis Ende Nachmittag, soweit ich halt komme. Auf meinem Tisch steht das Bild von einem Faultier, dass das Empire State Building hochklettert, wie King Kong – das Bild soll mir helfen, langsam zu machen und die Arbeit nicht zu ernst zu nehmen.

Was sich für mich in der Pandemie als sehr wichtig erwiesen hat, ist Sport machen und in der Natur sein. Ich versuche, jeden Tag Sport zu machen. Ich gehe mal joggen, mache mal Yoga, nicht Großes, aber möglichst jeden Tag etwas. Ich bin auch so viel wie möglich draußen in der Natur und in meinem Garten. Mit Sport und Bewegung an der frischen Lust kann ich mich gedanklich besser ordnen, abschalten und auch besser schlafen.

In meiner Freizeit sehe ich meine Freund*innen – einzeln, mit Abstand, auf einen Spaziergang im Freien oder auch mal digital (geht auch, Hauptsache man sieht sich). Außerdem schaue ich gerade wirklich viele Filme, lese Bücher und höre abends manchmal Musik auf meinem Plattenspieler. Nachrichtengucken dosiere ich sehr.

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Oh, das ist eine große Frage. Ich glaube, im Moment ist es für uns alle wichtig, individuell Ruhe, Hoffnung und eine gewisse tägliche Routine zu bewahren. Es ist schwierig zu sagen, wie sich die nächste Zeit für uns Kulturschaffende entwickeln wird. Umso wichtiger ist es, kleine verwirklichbare Pläne zu entwickeln, sich selber eine kleine Perspektive zu bauen. Was kann ich umsetzen? Welches Ziel kann ich mir suchen? Eine Sprache lernen? Ukulele lernen? Lesen, kochen, Sport machen. Es ist wichtig, gut auf uns und die Menschen in unserem Umfeld zu achten. Wer braucht vielleicht meine Hilfe? Wie geht es meiner Familie, meinen Freund*innen? Was kann ich für meine Familien, meine Freund*innen und Kolleg*innen tun? Wertschätzung äußern, wenn jemand sich bemüht, geduldig bleiben mit Fremden und der allgemeinen Situation, Hoffnung machen, aufeinander achten, dass wir gesund bleiben und körperlich und seelisch intakt diese Phase überwinden können. Und es ist wichtig, irgendwie den Humor zu bewahren. Mal was Kleines, Absurdes tun. Mein Mann und ich haben uns überlegt, uns nächste Woche vielleicht mal alle für einen Tag lang einen Schnurbart anzumalen. Wir finden das großartig, unsere Töchter wollen noch nicht so recht mitmachen! Haha!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Meiner festen Überzeugung nach ist ihre freie Kunst- und Kulturszene für jede freiheitliche demokratische Gesellschaft essentiell. Ohne uns Kulturschaffende und unsere Kunst wird es nicht nur still in unserer Gesellschaft, sondern, wie ich glaube, wirklich gefährlich auf Dauer! Nach meinem Empfinden wird unser Beitrag als freie Kulturszene zu unseren westlichen Demokratien im Moment von der Politik sträflich unterschätzt. Konzerte, Theater-, Kino- und Museumsbesuche regen die Menschen dazu an, ihre Werte und Normen zu überdenken und weiter zu bilden. Das alles sind Diskussionsorte und Orte der Meinungsbildung einer freiheitlichen Gesellschaft. Kultur ist nicht nur dafür da, dass man sich abends auf die Couch knallt und von einem Streamingdienst berieseln lässt, um am nächsten Tag wieder brav fürs Bruttosozialprodukt zu arbeiten. Das ist auch mal nett, aber das ist nicht alles. Wenn wir die Kunst und unsere Kultur vernachlässigen, fallen wir als Wertegemeinschaft auseinander. Meiner Meinung nach sehen wir davon schon die ersten Ansätze.

Es wird wesentlich sein, dass wir Kulturschaffende mit der Politik jetzt und nach der Pandemie besser ins Gespräch kommen, um zu zeigen, was unsere Arbeit und was unser gesellschaftlicher Beitrag ist. Vielleicht haben wir in Deutschland (und auch Österreich?) als Kulturschaffende auch in der Vergangenheit zu sehr darauf vertraut, als Kultur zum Wertekanon der Gesellschaft zu gehören. Jetzt sehen wir: letztlich sticht immer die wirtschaftliche Abwägung und die schlagkräftigere Lobby. Meiner Ansicht nach ist unsere Gesellschaft zu sehr vom Kapitalismus geprägt.

Wir sind hier in Deutschland seit 1 Jahr von Einschränkungen im Kulturbereich betroffen, seit November 2020 haben wir als Kulturschaffende ein faktisches Arbeitsverbot. Das halten wir durch, weil wir einsehen, dass das ein wichtiger Beitrag zur Pandemiebekämpfung ist. Aber dafür müssen wir auch im Gegenzug als Kulturschaffende von der Politik aufgefangen werden. Hier geht es nicht um Renditen und Millionengewinne von Großkonzernen – hier geht es um die wirtschaftliche und kreative Existenz von rechtschaffenen, hart arbeitenden Soloselbständigen und Betrieben im Kultursektor. Tausende von Einzelschicksalen mit Familien und ihren berechtigten Erwartungen an die Gesellschaft, die sie mit ihrer Arbeit bisher mit getragen haben.

Was liest Du derzeit?

Zu Anfang der Pandemie habe ich alle Bücher von Jane Austen noch einmal gelesen. Sense & Sensibility, Pride & Prejudice, Mansfield Park, Emma, Northanger Abbey, Persuasion… Ich mag Jane Austens Sinn für Humor. Außerdem haben die Menschen in diesen Büchern so viel Zeit und müssen oft so lange auf Bewegung in ihrem Leben warten. Ich habe mir damals gedacht, dass diese Geschichten bestimmt gut sind, um selber für mich die Wartezeit bis nach der Pandemie zu überbrücken.

Jetzt habe ich gerade die „Quasikristalle“ von Eva Menasse gelesen. Kann ich nur empfehlen, hat mir wirklich gut gefallen! Lesen ist jetzt genau das Richtige. Dazu schön eine Kerze anzünden, schöne Musik hören, was Nettes trinken… sehr gut!

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ooh… “whoever needed words”? Vielleicht den Songtext der großartigen britischen Sängerin und Poetin Norma Winstone auf Bill Evans „Prologue“ (von ihrem Album „Somewhere Called Home“)

Now a time to stay a while

And consider who we are.

Oh, so many things to say

But we’ve almost come too far.

As we look down

We see the water flowing fast

Beneath our feet.

While here above

The bridge on which we wait

Will stand forever.

Love paints a silent picture

In a world which speaks no word.

Whoever needed words?

Make belief is where we are

Till we find some other place.

Vielen Dank für das Interview liebe Anette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

… gerne! J

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Anette von Eichel

Fotos_Maya Claussen

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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