„Nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher lesen“ Céline Struger, Künstlerin_Wien 21.4.2021

Liebe Celine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe gegen 9:30 Uhr auf, frühstücke, erledige Korrespondenz, Research und Anträge, mache Pilates und gehe nachmittags gegen 15:00 Uhr ins Atelier. Dort arbeite ich bis um 22:30 Uhr. An Montagen, Dienstagen und Donnerstagen zwischen 13:00-18:00 Uhr  erledige ich meine Metallarbeiten in einer Gemeinschaftswerkstatt, baue Gußformen aus Holz und brenne Keramiken. Einen Tag pro Woche bleibe ich zu Hause oder  sehe mir Ausstellungen an. 

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund bleiben und Kraft sammeln für wenn es wieder voll losgeht. Seinen digitalen Medienkonsum herunterzuschrauben und nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher zu lesen. 

Ich bemerke an mir selbst, dass ich mich seit Beginn der Pandemie in meinen Einstellungen zur Welt vielleicht ein bißchen stärker „radikalisiert” habe und da trägt der contentgesteuerte Medienkonsum auf Social Media bestimmt dazu bei. Ich glaube das geht vielen anderen auch so. Wenn man vorher schon ein bißchen links und vegetarisch war, dann ist man es nun noch vehementer und wenn man vorher schon eher rechts und wütender SUV-Fahrer war, dann erst recht. Das einzige was dagegen hilft, ist die eigene „Blase” auch online zu verlassen und sich darin zu üben das eine oder andere Posting für sich zu behalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Es wäre natürlich schön, wenn aus der Pandemie ein positiver, gesellschaftlicher Wandel hervorginge, aber ich halte es angesichts des aktuellen globalen Wertesystems (patriarchaler Kapitalismus) für unwahrscheinlich.

Die Klimakrise, globale Migrationsströme, Sklavenhandel sind direkte Resultate eines Wirtschaftssystems, das auf dem Prinzip des maximalen Ertrags bei minimalem Einsatz, (d.h. minimaler Umweltschutz, minimale Nachhaltigkeit, minimaler ArbeitnehmerInnenschutz) ausgerichtet ist.

Vielleicht konnte die COVID-Krise nun die BürgerInnen soweit überzeugen, dass ihnen ein größeres Stück ihres eigenen Steueraufkommens tatsächlich zusteht. Die Akzeptanz einer repräsentativen Größe an ÖsterreicherInnen gegenüber einem bedingungslosen Grundeinkommen stieg laut einer Studie seit Beginn der Corona-Pandemie um etwa 7%. Und ich hoffe, dass die Politik im Hinblick auf eine flächendeckende Automatisierung im Servicebereich und Handel zumindest manchen Bevölkerungsgruppen ein Grundeinkommen zugesteht, da dies kostengünstiger wäre als künstlich neue, „unnötige” Arbeitsplätze zu schaffen. – Auch wenn das gemäß kapitalistischer Ideologie nicht „bedingungslos” erfolgen kann.

Künstlerisch sehe ich, zumindest kurzfristig und lokal einen verstärkten Trend zur Kunst im öffentlichen Raum. Auf internationaler Ebene passiert jetzt einiges im Bereich jener Digital Art, die sich mit sogenannten NFTs (Non Fungible Tokens) mit Crypto-Zahlungsmitteln verschränkt hat. Dadurch wurden in den letzten Wochen ernorme Verkaufserlöse erzielt. Ein NFT ist ein einmalig ausgegebenes Zertifikat, das einem digitalen Kunstwerk zugeordnet wird und zur Blockchain der Cryptowährung (in dem Fall: Ethereum) gehört. Diese NFTs werden nun als revolutionäre Möglichkeit zum Sammeln digitaler Kunst angesehen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe letzte Woche Marcel Prousts  „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” zu Ende gelesen. Ich hatte es mit Anfang zwanzig in einer Version als  Bande-Dessinée, als Comic auf französisch begonnen. Lange hatte ich es nicht durch „Im Schatten junger Mädchenblüte” geschafft, da der Protagonist dort als junger Bourgeois von seiner Hausangestellten wie von einem Tier spricht. Er beschreibt sie als „treu wie einen Hund” aber „zu alt und zu einfach gestrickt, um ihr viel beizubringen”. Diese  Äußerungen schienen mir damals im Kontext ihrer Entstehungszeit elitistisch und grausam und ich legte den Text für zehn Jahre beiseite. Im darauffolgenden Band beschreibt er dann wie er der Prinzessin von Luxemburg am Strand von Balbecq in Gegenwart seiner, von ihm verehrten, hochgebildeten Großmutter begegnete. Die Prinzessin, selbst eine Dame mittleren Alters, grüßte seine Großmutter besonders zuvorkommend und drückte ihm dann zum Abschied Brotstücke, wie man sie an Enten verfüttert mit den Worten in die Hand, er solle diese seiner Großmutter schenken. Denn in den Augen der Prinzessin unterscheiden sich die Bürgerlichen nicht im Geringsten von ihren Hausangestellten. Mein Fazit: Ich musste 500 Seiten und zehn Lebensjahre warten, bis diese feine Ironie sich entfaltete und ich diese auch als solche begreifen konnte. Und das Werk ist voll von solchen Besonderheiten. Als ich nun am letzten Band las, ließ ich mir besonders viel Zeit, denn mich durch das Werk durchgearbeitet zu haben, bedeutet auch, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht, so wie im Leben.

Daher mag ich neben Romanen auch Kunstbücher, die keinen klassischen Anfang, Mittelteil und Schluss haben. Eines meiner liebsten ist „Labyrinth” von Olaf Nicolai, da es im Gegensatz zu herkömmlichen Büchern nicht linear gelesen werden muss. Es funktioniert assoziativ mit einigen Hauptthemen, die sich in alle Richtungen zum nächsten Hauptthema verzweigen, wobei auch der Aufbau des Buches, seine Narrationsstränge labyrinthisch angelegt sind. Derzeit lese ich „Arts of Living on a Damaged Planet” von Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan und Nils Bubandt. Man kann dieses Buch ebenfalls von vorne, von hinten oder in der Mitte beginnen, es mischt naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu Ökosystemen des Anthropozäns und den Symbiosen von biologischen Akteuren mit Artistic Research und spickt es mit Abbildungen und einem fundierten Quellenverzeichnis. Ich kann es nur empfehlen, vor allem Künstlerinnen und Künstlern.



Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mir ein Zitat von Derrida ausgesucht, da es Text mit Attributen beschreibt, welche Bewegung und Beobachtung in einer (Stadt-)Landschaft ausdrücken. Und deshalb passt es gut zu Literatur Outdoors:

„Ein Text ist noch kein Text, solange er seine Absichten nicht hinter seiner ersten Biegung, dem ersten Blick der Leserin verbirgt und die Struktur seines Aufbaus und die Regeln seines Spiels bis zum Schluss im Verborgenen bleiben.”

(„A text is not a text unless it hides from the first comer, from the first glance, the law of its composition and the rules of its game.” Derrida)

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Céline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Home | CÉLINE STRUGER (celinestruger.com)

Fotos_1,4 Daniel Hosenberg; 2,3,5 Detlef Löffler

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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