„Theater muss sich radikal erneuern“ Ute Liepold, Regisseurin_ Klagenfurt 2.4.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit arbeite ich viel am Schreibtisch, als freiberufliche Regisseurin und Theaterleiterin habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig in Arbeit. Manchmal treffe ich Autor*innen und andere Künstler*innen für mein aktuelles Projekt „Fluid Identities“. Mir scheint, dass sich gerade jetzt viele Beteiligte noch mehr freuen, analog mit Menschen arbeiten zu dürfen.

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wege zu finden, diese Situation physisch und psychisch auszuhalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir werden nie wieder so leben, wie wir gelebt haben. Das, was gerade passiert, hat auf allen Ebenen langfristige Auswirkungen.  Ich denke, es ist jetzt wichtig, Fragen zuzulassen: Was passiert mit einer Welt, die dem schnellen Wirtschaftswachstum alles andere unterordnet? In der noch immer Männer das Sagen und die Ressourcen haben. Theater als eine der letzten großen Bastionen des Patriarchats muss sich radikal erneuern: Intendant*innen, Regisseur*innen und Autor*innen müssen ein vielstimmiges Zukunftsnarrativ entwickeln um von einer Welt zu erzählen, in der die weißen, gesunden, männlichen Stadtbewohner endlich Platz machen für alle anderen Menschen dieser Welt.

Was liest Du derzeit?

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier.

Annie Ernaux: Die Scham.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Fremder: erstickte Wut tief unten in meiner Kehle, schwarzer Engel, der die Transparenz trübt, dunkle, unergründliche Spur. Der Fremde, Figur des Hasses und des anderen, ist weder das romantische Opfer unserer heimischen Bequemlichkeit noch der Eindringling, der für alle Übel des Gemeinwesens Verantwortung trägt. Er ist weder die kommende Offenbarung noch der direkte Gegner, den es auszulöschen gilt, um die Gruppe zu befrieden. Auf befremdliche Weise ist der Fremde in uns selbst: Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum der unsere Bleibe zu nichte macht, die Zeit, in der das Einverständnis und die Sympathie zugrunde gehen. Wenn wir ihn in uns erkennen, verhindern wir, dass wir ihn selbst verabscheuen.

Julia Kristeva

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Über uns (wolkenflug.at)

Fotos_Johannes Puch

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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