„Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer“ Violetta Zupancic, Schauspielerin_Wien 1.4.2021

Liebe Violetta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich seit 14 Monaten für einen kleinen Menschen sorge, sieht mein Tagesablauf auch ohne Pandemie sehr sehr anders aus, wie er als Vollzeit Schauspielerin ausgesehen hat. Er wird nicht mehr von IntendantInnen und RegisseurInnen und Spielplänen dominiert, sondern von einem Wesen, das die Welt entdeckt. Ebenfalls ein sehr schönes und anstrengendes Schauspiel.

Zwischen 6 und 7 Uhr werde ich aufgeweckt, weil der besagte kleine Mensch auf mir herumturnt und in den Tag starten möchte. Ich eher immer nicht so. Über ein Jahr Babywecker hat meinen vom Theater indoktrinierten Rhythmus noch nicht in den eines Morgenmenschen verwandeln können. Aber es wird wohl oder übel das Bett verlassen. Danach wird Zähne geputzt und Frühstück gemacht und gespielt und so gut wie möglich für den Tag vorgekocht und Wäsche aufgehängt und auch sonst langweiliger langweiliger Haushalt erledigt.

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Dann gibt es ein Vormittagsschläfchen und da lege ich mich gleich mit dazu. Ich finde ich habe das verdient, da ich in der Nacht ohnehin mehrmals geweckt werde. Es ist mir sowieso unbegreiflich, dass ich seit 14 Monaten eigentlich nie länger als drei Stunden am Stück geschlafen habe (und tendenziell sind es eher 1 ½ Stunden) und dass ich noch am Leben bin.

Am späten Vormittag geht es raus Besorgungen machen und einen nahegelegenen Spielplatz stürmen. Sandkiste ist neuerdings hoch im Kurs. Sowie allen Menschen winken. Ein freundliches Kind. Dann geht es wieder heim und es gibt Mittagessen und ein Mittagschläfchen. Das nehme ich meistens auch in Anspruch. Weil ich kann. Und will. Und muss.

Am Nachmittag geht es meistens wieder nach draußen und Freunde treffen. Nur draußen wird sich getroffen, wenn nicht getestet worden ist. Wenn getestet wurde und wenn alle negativ getestet sind dann gehen wir zu uns in die Wohnung und ich koche für uns alle und der Besuch darf den kleinen Menschen bespaßen. Spielen, essen, baden, spielen, ein Buch anschauen, in den Schlaf stillen … und wenn der kleine Mensch friedliche eingeschlafen ist, wird das Babyphone angemacht und auf Zehenspitzen rausgeschlichen. Danach wird alles erledigt, was den Tag über liegen geblieben ist im Haushalt. Oder es wird Bürokratisches abgearbeitet. Oder wenigstens ein bisschen versucht die Website endlich neu zu gestalten und zu aktualisieren und neue Showreel Szenen zu schneiden und Mails zu schreiben mit „Hallo es gibt mich noch ich möchte gerne wieder arbeiten, wenn man eines Tages wieder arbeiten kann und darf“ … was man eben so macht, also freischaffende arbeitslose Künstlerin während einer Pandemie, die gerade auch noch ein Kind bekommen hat. Manchmal muss man dann auch versuchen, die Existenzängste nicht überhand gewinnen zu lassen. Und dann macht man Yoga. Und liest. Und schaut was auf dem Laptop. Und dann geht man ins Bett. Ohnehin viel zu spät. Und wenn man gerade sanft am Einschlafen ist, dann wird der kleine Mensch daneben wach und will wieder zurück ins Land der Kinderträume begleitet werden. Ob sie von weißen Masken in der Straßenbahn handeln? Meine handeln gelegentlich davon. Und dann wiederholt sich alles von vorne.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde gerne sagen durchhalten. Aber ich kann eigentlich fast auch nicht mehr. Aber trotzdem. Durchhalten!

Lieb zueinander sein. Auch mit Maske und Abstand. Aber trotzdem: an die Regeln halten und brav testen gehen!

Humor Kinder. Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke bitter notwendig wäre eigentlich ein Systemwechsel. Diese Pandemie hätte eine Chance sein können aber dafür haben wir leider eine falsche Regierung. Weg vom Kapitalismus und der Leistungsgesellschaft. Systemrelevante Berufe aufwerten vor allem in der Bezahlung. Bedingungslosen Grundeinkommen einführen. Endlich klare radikale Klimaziele schaffen und durchziehen. Und ich meine RADIKAL. Ich vermute, die Pandemie ist ein Witz im Gegensatz zu dem, was mit einer Klimakrise noch auf uns zukommen wird. Da kommen dann wahrscheinlich auch noch ein paar mehr Pandemien. Und man hat ja gesehen, wie schnell plötzlich Gesetzte beschlossen werden können und die Staaten zu einer Zusammenarbeit fähig sind. Und dass auch die Menschen sich adaptieren können, wenn es sein muss. Das bitte auch bei der Klima- oder zum Beispiel auch der Flüchtlingsthematik. Ich könnte die Liste noch weiter fortführen … Und eigentlich hab ich wahrscheinlich auch gar keine Ahnung von gar nichts …

Das Theater und die Kunst allgemein müssen diese Themen weiter im Diskurs halten und im Idealfall auch vorantreiben. Das Theater muss weiterhin hinschauen und hinzeigen und sowohl die Utopien als auch die drohenden Dystopien erzählen. Wenn die Theater aber endlich wieder öffnen dürfen, dann sollen die Menschen auch einen Hafen der Freude und Lust und Fröhlichkeit finden. Endlich wieder kollektive Erlebnisse, die nicht aus Homeoffice und Stäbchen in der Nase bestehen. Ein Wechselspiel zwischen SchauspielerInnen und Publikum und Text live und in Person. Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer. Es ist nicht immer schlecht, wenn es menschelt nach einem Theaterabend. Es ist sogar schön.

Was liest Du derzeit?

„Dicht“ Stefanie Sargnagel

„Vegan für unsere Sprösslinge“ Carmen Hercegfi und Anna Maynert

„Dein kompetentes Kind“ Jesper Juul

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zu Ehren von Rosa Luxemburg, die dieses Jahr am 5. März 150 Jahre alt geworden wäre:

„Sieh, dass du Mensch bleibst.

Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt:

fest und klar und heiter sein, ja,

heiter trotz alledem.“

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Violetta, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Violetta Zupancic, Schauspielerin

violetta zupančič | schauspielerin

Alle Fotos_Anna Breit

5.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer“ Violetta Zupancic, Schauspielerin_Wien 1.4.2021

  1. ich denke violetta hat eine grosse zukunft am theater und im film. ich hoffe natürlich das sie ihr kind nicht vegan ernähren will, dass das kleine wesen sie auch mal schlafen lässt und für uns alle dass es durchaus ein umdenken im konsum geben wird.

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