„Kunst regt an. Kunst zeigt auf!“ Carina Herbst, Tänzerin_Wien 3.4.2021

Liebe Carina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Momentan erinnert mich jeder Morgen an ein Wochenende oder an Urlaubszeit, nur fehlt das locker leichte, positive Gefühl dabei. Das Weckerläuten in der Früh soll mich an einen geregelten Tagesablauf erinnern. Aber meistens ignoriere ich den Wecker, denn es ist momentan relativ egal, wann ich tatsächlich aufstehe.

Der Alltag gleicht dem Lauf im Hamsterrad, obwohl die Tage trotzdem sehr unterschiedlich verlaufen. In gewisser Weise fühle ich mich eingegrenzt, eingeschränkt und auf der Ersatzbank abgestellt. Wartend, dass das „normale“ Leben wieder beginnt. Ahnend, dass es nicht wie zuvor weitergehen wird. Hoffend, dass es doch möglich ist.

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Dann raffe ich mich auf und besinne mich auf die Tatsache, dass es mir grundsätzlich gut geht. Ich bereite meine Online-Stunden vor, überlege welche Art von Training ich für mich selbst machen möchte, und kümmere mich auch um alltägliche Dinge, wie den Haushalt, Einkaufen gehen etc.

Donnerstags geht es frisch getestet und mit FFP2-Maske in den einzigen Präsenzunterricht, den ich momentan halten darf, nämlich „Körpertraining und Körperarbeit“ für Schauspieler*innen. Dafür bin ich sehr dankbar. Der Austausch mit meinen Schüler*innen gehört zu meinen Wochen-Highlights!

Ich habe jetzt wieder mehr Zeit, meinem künstlerischen Schaffen – der Tanzimprovisation – nachzugehen. Sie begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Die körperliche künstlerische Auseinandersetzung ist eine Konstante, die mich durch viele Höhen und Tiefen getragen hat. Aus ihr entstehen oft Ideen für Choreographien, Tanzprojekte und Inhalte für meinen Unterricht. Vor allem ist sie für mich eine Art Meditation. Wenn ich frei und ohne Leistungsdruck tanze, kann ich alles rundherum vergessen. Das Tanzen hilft mir Gefühle und Gedanken auszudrücken, die ich nicht in Worte fassen kann. Es macht mich glücklich, verbindet mich mit meinem Körper und bringt mich in meine Mitte. Diese Improvisationen sind meine Kraftquelle.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In gewisser Weise müssen wir die Situation annehmen, wie sie ist, und uns dem, was noch kommt, stellen, um den eigenen Fortschritt nicht zu blockieren. Um weitermachen zu können, müssen wir für Alternativen und neue Lösungsansätze offen sein. Denn genau dieses „Weitermachen“ brauchen wir – vor allem in der Kunst!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist es zu erkennen, wie kostbar die Kunst ist und was für eine Kraft und Tiefe in Live-Performances steckt. Wir brauchen die Bühne. Wir brauchen das „echte Erlebnis“. Wir sind übersättigt vom digitalen, distanzierten Alltag. Kunst setzt dort an, wo das Verlangen nach „echten Erlebnissen“, persönlich und hautnah, größer wird. 

Generell denke ich, dass uns die Kunst in all ihren Facetten helfen kann, die unterschiedlichsten Situationen – wie auch die aktuelle – mit all den damit verbundenen Befindlichkeiten zu verarbeiten. Kunst regt an; Kunst zeigt auf! Oder regt auf und zeigt an? In jedem Fall löst sie etwas in uns aus.

Der Tanz ist für mich ein Ventil. Der Körper kann kraftvoll, zart, energiegeladen, sanft, aufbäumend, behutsam oder explosionsartig das Innere zum Ausdruck bringen. Tanz ist die Poesie des Körpers. Tanz sagt so viel aus, ohne dafür Worte zu verwenden. Gleichzeitig transportiert er noch viel mehr und lädt ein, die eigene subjektive Interpretation hineinzulegen. Wenn mehrere den gleichen Tanz betrachten, wird niemand das Gleiche sehen. Seine Rolle ist es zu inspirieren, damit etwas Neues entstehen kann.

Was liest du derzeit?

Ich lese momentan wenig und wenn dann meistens Fachliteratur für meine Unterrichtsgestaltung. Thematisch reicht das von Körperarbeitsmethoden nach Michael Tschechow bis zu „Functional Anatomy of Yoga“ diverser Autoren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mit geben?

Ein Zitat, das mir gerade jetzt noch viel wichtiger erscheint, von der großartigen Pina Bausch.

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Vielen Dank für das Interview liebe Carina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carina Herbst, Tänzerin, Tanzpädagogin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Palais Auersperg_Wien 19.3.2021.

25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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