„Die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, möglichst lange „sehend“ zu bleiben“ Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin_Avrillé bei Angers/F 4.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment gar nicht so viel anders als sonst, da wir in Frankreich im Moment keinen harten Lockdown mehr haben und die Schulen seit September auch offen geblieben sind. Richtig schwierig war es im März/April 2020, mit 100 Prozent Distanzunterricht, Homeoffice auch für meinen Mann und Sechsjährigem, der schon massenweise Aufgaben bekam. Glücklicherweise gab es in letzter Zeit weder in meinem Lycée noch in der Vorschule meines Sohnes Corona-Fälle. Ich weiß aber, dass diese Ruhe trügerisch ist.

Morgens ziehe ich mein Wildkind an, obwohl es das längst selbst kann, trinke einen Kaffee, dann arbeite ich entweder zu Hause oder fahre gleich (je nach Unterrichtsbeginn) mit Bus oder Straßenbahn nach Angers in die Schule. In unserem Département ist die Maske auch draußen überall Pflicht. Die ständig beschlagene Brille am Morgen erinnert daran, dass etwas anders ist. Der Unterricht ist meistens harmonisch, die Schüler*innen sind froh, dass sie da sein können. Ich möchte, dass sie trotz allem schöne Erinnerungen an ihre Schulzeit haben. Mittags gehe ich in die Kantine, mit Sicherheitsdistanz zu den anderen und immer mit einem komischen Gefühl im Bauch, aber im Lehrerzimmer wäre es noch schlimmer, weil wir da noch mehr aufeinander hocken. Ab und an gibt es ein Picknick mit einem guten Freund und Kollegen, der auch Deutscher ist, in einem Vorbereitungsraum, den ich ganz pikant Kabuff nenne, wir essen dann mit anderthalb Meter Distanz und offenem Fenster. Ins Café können wir ja nicht.

Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin

Wenn ich – meist vor der Sperrstunde um 18 Uhr – nach Hause komme, sind mein Mann und Wildkind da, dann ist Familienzeit, gemeinsames Kochen, Tanzen, Fernsehen, Legoteile suchen etc. Später das Kuschelritual und Abendlektüre, im Moment lesen wir „Das kleine Gespenst“. Meistens ist es danach schon halb zehn und ich muss entscheiden, ob ich noch korrigiere, was meistens nötig ist. Ansonsten schaue ich mit meinem Mann Filme und Serien auf ARTE, beantworte Mails, chatte oder arbeite an meinen Gedichten. Letzteres ist allerdings eher am Wochenende oder in den Ferien möglich. Es passiert nämlich, dass ich mich festschreibe bis in die Morgenstunden … seltsamerweise habe ich gerade eine eher produktive Phase, trotz der Pandemie.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich antworte mal ganz subjektiv: Barmherzigkeit, anderen und sich selbst gegenüber. Lächeln, auch unter der Maske, ein Leuchten in die Augen legen und verschenken, wenn es passt. Offen bleiben für Überraschungen. Sich schützen, auf sich achten, so gut es geht. Die Kinder und Jugendlichen im Blick behalten, ihnen Möglichkeiten bieten, zusammen kreativ zu sein, sie reden und fragen lassen. Der Trauer Raum und Worte geben, wenn sie über uns kommt. Sich klarmachen, dass alles endlich ist. Seinen Lieben Zärtlichkeit schenken, und allen, die es brauchen, ein offenes Ohr. Das Leben genießen, wie es eben möglich ist, das Glas gerne halbvoll mit Sauvignon blanc füllen. Die Natur und ihr derzeitiges Erwachen bewusst erleben. Ich bin so dankbar, dass ich ins Grüne kann und ans Wasser, das war vor einem Jahr in Frankreich unmöglich, da waren Wälder, Wege an Flüssen entlang und Strände gesperrt und wir durften uns nur mit selbstausgestellter Bescheinigung in einem Ein-Kilometer-Radius um unser Domizil bewegen, eine Stunde am Tag. Diese Erfahrung wirkt noch nach. Deshalb verreisen wir jetzt im Rahmen des Erlaubten auch mal für ein paar Tage, ans Meer, in die benachbarte Bretagne und gehen viel an die Loire. Ansonsten auch wichtig, gerade für Künstler*innen: Mehr kommunizieren, sich vernetzen, einander schreiben, gemeinsame Ideen verwirklichen. Bücher und Gedanken tauschen. Sich trauen, auf die anderen zuzugehen, Dinge aussprechen, die man immer schon sagen wollte, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht gewagt hat. Vor allem wenn es nette Dinge sind. Und sich gegenseitig trösten. Es gibt im Moment viele Menschen, die Trost brauchen. Last but not least, Pläne machen für später: Reisen, Museumsbesuche, Konzerte, Lesungen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ingrandes sur Loire, zwischen Angers und Nantes

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gestern haben wir im Literaturunterricht über die Frauen der Romantik gesprochen, für die noch jede Geburt eine Gratwanderung zwischen Diesseits und Jenseits war, jeder Schnupfen des Kindes zu einem Urteil werden konnte. Wir können uns das heute vielleicht besser vorstellen als noch vor einem Jahr. Der Tod, den wir so schön aus unserem Alltag verbannt hatten, ist ein Stück weit in die Mitte der Spaßgesellschaft gerückt. Ich denke, viele kennen mittlerweile jemanden, der an Corona gestorben ist. Wenn wir Pech haben, stand dieser Jemand uns nahe und wir konnten nicht zur Beerdigung. Wir werden hier gerade alle mehr oder weniger auf unsere eigene Verletzlichkeit zurückgeworfen, körperlich, seelisch, beruflich, privat.  Das Leben fühlt sich paradoxerweise intensiver an. Wir stellen vielleicht tiefgründiger Fragen, verschieben Prioritäten, rücken im Idealfall enger zusammen. Oder werden einsamer, ängstlicher, wütender. Nach dem Lockdown hoffen wir auf den Rausch, die Freudentänze, den Überschwang des Irgendwann. Auf der anderen Seite wissen wir um die Resignation, die Enttäuschung, das Hadern mit dem, was kaputtgegangen ist. All diese sich überschneidenden Befindlichkeiten wird die Kunst einfangen, wie sie es immer schon getan hat, aber die so erzählten Geschichten, Töne und Bilder werden in ein weltumspannendes kollektives Gedächtnis eingehen; die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, dass die, die durch die Erfahrung der Pandemie „sehend“ geworden sind, auch möglichst lange „sehend“ bleiben. Um es mal frei nach Bachmann zu sagen.  

Was liest Du derzeit?

Sehr viel Lyrik durcheinander, neben dem eben erschienenen Jahrbuch Gedichtbände ganz verschiedener Autorinnen, die ich alle gerade mit Bewunderung entdecke. Heute zum Beispiel liegen hier „Sansibar und andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt und „Die idiotische Macht deiner Wimpern“ von Sünje Lewejohann.

Und natürlich lese ich das POEDU, das eben erschienene Buch zum Projekt von Kathrin Schadt, wo Kinder zu Aufgaben erwachsener Dichter*innen wirklich göttlich gute Gedichte verfasst haben.

Außerdem den Roman „Elbwärts“, von Thilo Krause, der wie ich aus Sachsen stammt und die Handlung in der Landschaft der Sächsischen Schweiz ansiedelt, in Dörfern, Städtchen und auf Bergen, die ich gut kenne.

Und schließlich den zauberhaften Briefwechsel zwischen der Dichterin und Malerin Johanna Hansen und dem amerikanischen Schriftsteller David Oates. „Schreiben ist eine Art von Luftwiderstand“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe Ingeborg Bachmann ja vorhin erwähnt. Ihre „härtere(n) Tage“ aus „Die gestundete Zeit“ sind leider eingetroffen, es werden auch nicht die letzten sein, nun warten wir alle auf diesen anderen, den guten Tag, „an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben.“

Und es gibt ein bekanntes Gedicht von Rilke, das mir schon immer sehr viel bedeutet hat. Im heutigen Kontext erschließt sich da noch einmal eine ganz neue Lesart, finde ich.

Wandelt sich rasch auch die Welt

Wandelt sich rasch auch die Welt

wie Wolkengestalten,

alles Vollendete fällt

heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,

weiter und freier,

währt noch dein Vor-Gesang,

Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,

nicht ist die Liebe gelernt,

und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.

Einzig das Lied überm Land

heiligt und feiert.

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Beyer-Lallauret, Schriftstellerin

Franziska Beyer-Lallauret (franziska-beyerlallauret.eu)

Foto_Charles Moreau

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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