„Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen“ Katharina Kummer, Regisseurin_Wien 5.4.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Funktionierend im Schreibmodus: aufstehen, bewegen. Grüntee trinken Bürokratie und Telefonate erledigen. Interviews führen, schreiben. Mich nach nahen Menschen erkundigen. Rausgehen. Essen. Eventuell weiterschreiben, lesen, schlafen. Glücklicherweise habe ich extrem geringe Fixkosten, keine Kinder etc. und bin seit jeher ohnehin am liebsten allein, außer wenn ich inszeniere, beim Proben.

Funktionierend im Regiemodus: Aufstehen und ins Theater rennen. Ab 10 Uhr Proben. Während die Spieler Nachmittagspause machen, an der Fassung sitzen, Beleuchtung, Arbeitsgespräche führen. Nach der Probe Wein trinkend weiterarbeiten. Schlafen gehen. Alles wie immer nur ohne Premieren.

Oder völlig lost und beyond sein. Tage damit verbringen, mit Monstren zu kämpfen. Mich verstecken. Wüten. Im Kreis drehen. Versuchen immer schwierigere Level weirdester mindspaces zu durchqueren. Compulsive behaviours verschiedenster Art. Nicht funktionieren.

Oder Abläufe, von denen ich noch gar nicht wußte, dass ich sie mag. Wie etwa, mich ohne Arbeitsbezug mit Leuten treffen. Weder funktionieren noch nicht-funktionieren also. Leben. Ohne Produktivitätsanspruch.

Katharina Kummer _ Toihaus _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage habe ich delegiert. An den kommunistischen Freund meines Vertrauens: Linke Parteien unterstützen, sie in Richtung radikalerer Ziele pushen, wie etwa die Kollektivierung von Land und Eigentum. Klassenbewusstsein und ein Bewusstsein für die Dynamiken des Kapitalismus in Europa und der imperialistischen Gewalt im globalen Süden schärfen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel/Theater, der Kunst an sich zu?

„Aufbruch“, „Neubeginn“, „alle gesellschaftlich und persönlich“… zu diesen Phrasen habe ich nicht das geringste Verhältnis. Sie sind wie mottenzerfressene Pullover, die nicht mal mehr für die Altkleidersammlung taugen.

Zu Theater allerdings habe ich durchaus ein Verhältnis und „dem Theater“ hätte meines Erachtens nach nichts Besseres passieren können, als die Totalzerstörung durch diese Pandemie.

Als ich als Jurymitlglied an Vorsprechen an einer Schauspielschule teilnahm, haben Bewerberinnen auf meine Frage, warum sie Theater machen wollen, oft etwas gesagt wie: „Weil ich keine Lust auf so einen langweiligen Bürojob habe“. Als Motivation eines Kunstschaffens, das etwas hervorbringt, was für irgendeinen Rezipienten auch nur ansatzweise von Wert sein könnte, ist das selbstverständlich ziemlich mager. Als Aussage, die Rückschlüsse auf den Status Quo der Kulturproduktion unserer Gesellschaft zulässt, ist es umso aufschlussreicher:

Was für ein Armutszeugnis stellt sich eine sich als ungemein fortschrittlich gerierende Zivilisation aus, wenn unzähligen jungen Menschen lediglich völlig entfremdete und als sinnlos empfundene Tätigkeiten als Alternative dazu erscheinen, einer winzigen Kulturelite anzugehören? Wie krass ist der Rückschluss auf die Alltagskultur einer Welt, in der man entweder völlig sinnlose Dinge herstellen oder sich an deren Vermarktung, Verwaltung oder Vermüllung beteiligen kann oder auch an den Abläufen der Organisation dieser Sinnlosigkeiten oder an der Vollstreckung des Schutzes dieser inhaltlichen Armseligkeiten! Nichts von alledem eröffnete den Bewerberinnen – zu Recht – eine Lebensperspektive, in der irgendeine Möglichkeit von Selbstausdruck zu finden war oder die ein als sinnvoll empfundenes Gestalten der Energie in Aussicht stellte, die die Verdichtung von Raum zu einem Körper innerhalb einer gewissen Zeitspanne bereithält, die man ein menschliches Leben nennt.

Die kleine Berufs-Kulturelite hingegen befindet sich mit ihren Stimmen, ihrem Schaffen, ihrem Ausdruck, ihren Persönlichkeiten und ihren Perspektiven völlig im Rampenlicht und führt dort gleichzeitig einen von der besagten entfremdeten Alltagskultur zu großen Teilen abgetrennten Spezialdiskurs.

Die Unkultur unser Lebensart wird jetzt im tiefen Fall sichtbar, den viele erleben, wenn es darum geht, überhaupt mit seiner Zeit und Energie umzugehen. Selbstverständlich wäre es perfide, das den Einzelnen anzulasten. Die ökonomische Struktur, die soziale Architektur, die inneren – sowohl geistigen als auch affektiven -Kapazitäten sind derart unterentwickelt, dass so viele ins Schleudern geraten angesichts des Wegbrechens eines ohnehin als sinnlos empfundenen äußersten Gerüsts. Wie gesagt: ein Armutszeugnis für eine Zivilisation.  

Warum ich schon seit Jahren, wenn ich nicht gerade selber Theater mache, kaum mit Theaterleuten befasst bin, ist weil mich die Homogenität dieser Szene zutiefst langweilt. Ihre Zusammenkünfte, an denen die immer gleichen teilhaben, erfüllen meist in erster Linie die Funktion, sich im vom Inner Circle hervorgebrachten Spezialdiskurs in den eigenen Anschauungen selbst zu vergewissern, zu beruhigen und zu bestätigen.

Verstehen Sie mich richtig: eine elitäre Kultur und Spezialdiskurse ermöglichen die Entwicklung ästhetischer Qualitäten, die nur in dieser Konzentration gedeihen können. Das hat einen großen Wert, nur ist der Spalt zwischen den sich Ausdrückenden und den in die entfremdete Sinnlosigkeit Verbannten riesig. Und ich meine das im globalen Sinn, nicht nur in unserem spezifischen kulturellen Zusammenhang. Aber auch. Die Diversität, die ich in meinen selbst gewählten anderen Kontexten erlebe ist keineswegs da vorhanden, wo hörbar gedacht und gestaltet wird.

In diesem Sinne begrüße ich eine Totalzerstörung der bestehenden Theaterstruktur durch die Pandemie. Wie ein Neubeginn aussieht, wird sich zeigen. Es ist oft hinderlich, dem schon inmitten des Zusammenbruchs krampfhaft vorzugreifen. Erstmal gilt es, den Niedergang zu genießen und vollständig geschehen zu lassen. Dann Schneefall, Ruhe.

Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen. Das halte ich allerdings für maximal unwahrscheinlich. Mich interessiert Theater in der Hinsicht, wie und wo es von Ritual stammt. Das mit besagten Skills zu kreuzen, die ich ja selbst im Eliteprofidiskurs erworben habe, ist meine Spezialität. Ich mache Theater, wo immer es einen Rahmen gibt, der mich interessiert und dann, wenn es mir ohnehin angetragen wird. I love it. The essence of theatre itself is not to blame. Im Angesicht dessen, dass völlige Konsistenz virtuell ist, ist die Konsequenz, die ich aus meiner Kritik ziehe nicht, dass ich den Griffel aus der Hand lege, sondern lediglich that I stick to what I wanna say, dass ich darauf verzichte, aktiv irgendeine Karriere voranzutreiben, dass ich sowohl in meinen Arbeiten als auch in meinem sozialen oder oft auch asozialen Verhalten die Heterogenität suche und herstelle, die ich in bestehenden Kulturzusammenhängen vermisse. 

Anyway: um den Samen der Theatralität, der in vielen schlummert und der auf neue Weise Blüten treiben wird, mache ich mir gar keine Sorgen. Meine ehemalige Studentin Ruchi Bajaj schrieb mir neulich: „Wir verdauen unser gegenwärtiges Selbst, das wir erfunden haben. Aber es war alles nur Illusion. Es bricht noch das Alter der Teezeremonie an.“  

Achso – die materielle Perspektive des hier Gesagten betreffend: siehe Antwort auf die Frage davor.

Was liest Du derzeit?

Caliban and the Witch von Silvia Federici, Der Gebrauch der Körper von Giorgio Agamben, Oblomow von Iwan Gontscharow, die philosophischen Chroniken von Nancy, was Marcus Steinweg gerade auf Facebook postet, eine Aufsatzsammlung über Lady Di. Ich vermisse als einziges die Bibliotheken!! Dass man gemeinsam in einem Raum ist, aber jeder in seiner geistigen Welt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kathy Acker – schon voll von Krebs und auf ihren Tod zugehend – hielt bei einem Roadtrip am Straßenrand, um zu pinkeln, legte sich in die Wiese und sagte: “the sun feels so good on my cunt!”

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Kummer, Regisseurin, Autorin

Zur Person: Die Regisseurin und Autorin Katharina Kummer ist Jahrgang 1981. Bereits während ihres Linguistikstudiums an der HU Berlin Gastengagements bei Film und Theater. Auf der Suche nach einer Kombination aus performativem und konzeptuellem Arbeiten fand sie beim Puppen-, Figuren- und Objekttheater die Möglichkeit, die Bühne als Szene exzessiven Denkens zu nutzen. 2011 machte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ihr Diplom. Während ihres Festengagements als Spielerin am Puppentheater Halle (2011- 2017) realisierte sie bereits diverse Uraufführungen als Regisseurin und Autorin, darunter für sie wichtige Arbeiten wie „Ach und Weh – eine Liebesmüllabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek“ (Soloproduktion 2009), „wir werden alle unsre mütter“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2014), „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ (Text: N. Esinencu, Maxim Gorki Theater 2015, erster Preis des Secondo Theaterfestivals in Zürich), „MIRJAM & MYRIAM oder: Sieh dich vor, im Traum eines kleinen Mädchens gefangen zu sein“ (Uraufführung DSCHUNGEL WIEN 2016) und „Bei uns ist alles un Ordnung!“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2017). „Rote Sonne oder: Dieser Planet geht mir auf die Nerven“ (Uraufführung, Staatstheater Augsburg 2018), „Turm /Schleier, Puppe /Fleisch“ (Uraufführung, TOIHAUS Salzburg, 2020). Derzeit lebt sie als freie Regisseurin und Schauspieldozentin in Wien und Bayern.

Regie | Theater Chemnitz (theater-chemnitz.de) 11.3.2021

Foto_Ela Grieshaber

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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