„Wir brauchen Literatur, Musik, Theater, Kunst, um unser Leben entfalten zu können“ Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin _Bonn 4.4.2021

Liebe Ingeborg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe noch mehr Zeit für mich und lerne, da ich alleine lebe, gerade den wichtigsten Menschen in meinem Leben ganz besonders gut kennen. Mit all seinen Hoffnungen für die Zukunft, all seinen Sehnsüchten, auch nach Vergangenem und Verlorenem. Mag sein, dass mir, als älterem Menschen, gar nicht so viel fehlt, wie den jungen Leuten. Mein Radius ist kleiner geworden. Und wenn sich doch das negative Gedankenkarussell zu drehen beginnt, teile ich meine Sorgen mit meinen liebsten Menschen, die, dank  moderner Technik, immer erreichbar sind. Dann habe ich im Mai eine Woche Urlaub gebucht, in einem schönen Hotel am Meer. Ich hoffe das klappt. Ich brauche etwas, worauf ich mich freuen kann. Immerhin: Ich lebe! Dafür bin ich angesichts der vielen armen Menschen, die an Corona sterben mussten, sehr dankbar.

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ich habe einen relativ festen Tagesplan. Morgens schreibe ich, bzw. ich versuche, Gedichte zu schreiben, auch wenn die Wörter sich seit längerer Zeit vor mir zu verstecken scheinen. Ich bin geduldig und warte auf sie. Wenn sie ausbleiben, versuche ich es am nächsten Tag wieder. Am Nachmittag lese ich sehr viel. Bei schönem Wetter gehe ich am Rhein spazieren. Ich hänge mehr vor dem Fernsehen als sonst. Schaue viele Talkshows. Wenn sich Menschen über ein Thema unterhalten, fühle ich mich mit ihnen im Gespräch und nicht so alleine. Ich habe aber immer weniger Lust auf Online-Veranstaltungen. Es ist einfach nicht dasselbe. Es fehlen die direkten Kontakte, Berührungen, Umarmungen, persönliche Gespräche, Nähe und Wärme. Um ruhig zu werden und in den Schlaf zu kommen meditiere ich am Abend. 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, vielen Menschen ist deutlich geworden, wie sehr wir uns alle brauchen.  Die soziale Distanzierung, die Abgrenzung  von Freunden und Familienangehörigen, die Arbeit im Homeoffice, das Fehlen der sonst  täglichen Routine, als wäre jeder auf einer einsamen Insel gelandet, darf nicht zum Lebensprinzip werden. Ich glaube aber, es wird lange dauern, bis wir uns wiedererkennen und wieder Vertrauen in uns und das Leben allgemein haben.

Vielleicht hilft uns allen eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt, vielleicht geht auch von dieser schlimmen Zeit eine Hoffnung aus. Viele Menschen sind in ihrer Seele zutiefst verletzt. Die vielen negativen Schlagzeilen, die wir täglich hören: Schicksalsschläge, Todesfälle, in einigen Ländern überfüllte Krankenhäuser, Angst um Arbeitsplätze und die Existenz. Wir sind unserer Freiheit beraubt, zu tun, was wir möchten, hinzugehen wohin auch immer wir wollen, Menschen zu treffen, auch in großer Zahl. Das ist eine sehr giftige Mischung für die Psyche.  Wichtig für uns alle ist, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass bald wieder Leichtigkeit und Unbeschwertheit  zurückkehren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nach diesem tiefen Einschnitt durch die Pandemie sind wir alle mehr als sonst gefragt, unser eigenes zukünftiges Tun und Vorhaben zu reflektieren. Ein glückliches und reiches Leben ohne Musik und Theater, ohne Literatur und Kunst ist für die meisten von uns kaum möglich. Wir brauchen das alles, um unser Leben entfalten zu können. Diese Bedürfnisse sind so wichtig und wesentlich wie elementare Bedürfnisse  nach einem Zuhause, nach Essen und Schlafen. Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, man könne darauf verzichten. Dies ist uns in Coronazeiten sehr deutlich geworden, vor allem in Italien, wo Menschen sich solidarisch zeigten durch ihren Balkongesang. Von Süd-  bis Norditalien sangen und spielten die Menschen auf ihren Instrumenten. Dieser Trend breitete sich in ganz Europa aus.

Kunst repräsentiert und entwickelt unsere Träume und unsere Lebenswirklichkeit. Sie liefert innovative und kreative Ideen für unsere Gesellschaft. Sie macht unser Leben lebenswert und schenkt uns individuelle Identität und sorgt gleichzeitig für Verständigung unter Menschen verschiedener Herkunft. Sie bietet Anlass, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu feiern und sich zu begeistern.

Was liest Du derzeit?

Ich lese täglich Gedichte. Im Augenblick vor allem:

Johanna Hansen: Zugluft der Stille

Klara Hurkova: Der offene Raum

Franziska Beyer-Lallauret: Warteschleifen auf Holz

Dann:

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit
gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind
um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt.

(Hilde Domin)

Vielen Dank für das Interview liebe Ingeborg, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ingeborg Brenne-Markner Archive – Lektorat Wortgut (lektorat-wortgut.de)

Foto_privat

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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