„Dass die Bewältigung der Corona-Krise nicht in ein „Zurück zum Alten“ mündet“ Dominik Maringer, Schauspieler_Berlin 27.5.2021

Lieber Dominik, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich. Als freiberuflicher Schauspieler war das für mich aber auch schon vor der Corona-Krise so. Ende April des Jahres bereitete ich mich auf Dreharbeiten für eine Kinoproduktion vor, eine kleinere Rolle in „Die KänguruVerschwörung“ von Marc-Uwe Kling. Das Drehen war es auch, was mich letztes Jahr einigermaßen gut durch die ganze Situation kommen ließ. Ich bin sehr dankbar dafür und sehe es als Privileg an, dass wir beim Film und Fernsehen überhaupt arbeiten können.

Aber auch für mich war und ist es nicht einfach. Viele eigene Abende, die ich gemeinsam mit Musikern entwickle, wurden abgesagt. Eigentlich bereiten mir diese eigenen Produktionen viel Freude, aber seit Corona ist da eine ganz komische Situation eingetreten: Man probt und konzipiert und weiß gar nicht, ob das jemals aufgeführt werden kann. Ebenso recherchierte ich Ende April für einen Abend im Linzer Brucknerhaus im Juni, aber ich war da noch nicht so richtig motiviert. Das hatte natürlich vor allem mit dieser Ungewissheit zu tun, ob es überhaupt stattfinden kann. Dann fotografierte ich sehr viel in Ungenach, meinem Heimatdorf in Oberösterreich. Im Rahmen eines Seminars an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin wird es dazu auch eine Ausstellung im Herbst geben. Das Fotografieren hat mich in den letzten Monaten gedanklich und inhaltlich oft gut aufgefangen, ich finde es ist eine großartige Ausdrucksform.

Dominik Maringer, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich traue mir nicht zu, für uns alle zu sprechen, aber für mich ist gesellschaftlicher Zusammenhalt sehr wichtig, ich glaube wir alle sollten viel öfter das Gemeinsame suchen und nicht die Spaltung. Gleichzeitig wünsche ich mir eine gute Streitkultur, die aber nicht dazu führen darf, dass Politiker, Journalisten und andere Personen des öffentlichen Lebens bedroht werden.

Die Erregungsspiralen, vor allem in den sozialen Netzwerken, halte ich für kontraproduktiv. Komplexe Themen werden dort auf ein kurzes Statement, ein Meme verkürzt, oder sind besonders provokativ, um Klickzahlen zu bekommen. Ein Beispiel für eine solche Erregung war die völlig überflüssige, dumme Aktion #allesdichtmachen von 53 Schauspieler*innen von Mitte April. Mit plumpen, populistischen Mitteln wurde da eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt, um anscheinend eine Diskussion in Gang zu setzen, zumindest hatten das einige der Beteiligten so geäußert. Letzten Endes führte es aber zu keiner wirklichen Auseinandersetzung oder zu einer konstruktiven Kritik an den Corona-Maßnahmen. Ganz im Gegenteil, die ganze Sache spielte den Querdenkern und Rechten in die Hände und war für mich von einer großen Hysterie geprägt. Leider auch manche der Reaktionen darauf, die bis hin zur Forderung von Berufsverbot für diese Kolleg*innen reichten. Trotzdem unsere Nerven nach einem Jahr Corona-Krise angespannt sind und wir uns als Kulturschaffende zu Recht darüber ärgern, dass Museen und Theater schließen mussten, Seilbahnen, Läden, Büros und Fabriken aber meist offenbleiben durften, sollten wir nicht vergessen, dass es uns in Europa noch einigermaßen gut mit der Situation geht. Ich wünsche mir eine Solidarität mit Schwächeren, mit ärmeren Ländern. Nicht nur nett gemeinte Worte, sondern ganz konkrete Hilfen, zum Beispiel eine sofortige Freigabe der Covid-Impfpatente.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt demTheater/Schauspiel dabei der Kunst an sich zu?  

Ich hoffe sehr, dass die Bewältigung der Corona-Krise nicht in ein „Zurück zum Alten“ mündet, sondern ein echter Neubeginn ist. Wir müssen den Klimawandel in den Griff kriegen, die Ressourcen zwischen den Menschen gerechter verteilen. Die Hoffnung auf eine baldige Erholung der Wirtschaft und eine Ankurbelung des Konsums sollten wir stark hinterfragen: Warum müssen wir denn weiterhin viel zu viel konsumieren? Klar, ich wünsche keiner Branche den Stillstand, niemandem die Arbeitslosigkeit. Aber wir brauchen dringend neue Konzepte, die nicht nur Wachstum und Konsum heißen.

Hier kann das Theater, die Kunst eine wichtige Aufgabe übernehmen, indem sie an diesem Diskurs teilnimmt. Ich wünsche mir allerdings vom Theater keine moralische Anstalt, die von oben herab gesellschaftliche Missstände anprangert und gleichzeitig ihre Hospitant*innen, Assistent*innen und das künstlerische Personal ausbeutet. Zuallererst sollten die Theater und andere Kunstinstitutionen endlich damit anfangen, ihre eigenen Modelle infrage zu stellen. Abgesehen von diesen großen gesellschaftlichen Themen kann und soll das Theater aber auch einfach wieder ein Ort sein, an dem man sich trifft. Ein Ort, der den Künstler*innen und dem Publikum ein gemeinschaftliches Erlebnis verschafft. Nach so vielen Stunden auf der Couch mit Netflix und Co. fehlt mir das gerade am allermeisten, das Zusammenkommen in der Öffentlichkeit.

Was liest Du derzeit?

„Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking, meine noch halbherzige Vorbereitung für ein neues Theaterprojekt, das hoffentlich irgendwann mal aufgeführt werden kann.„Ein Sommernachtstraum“, ebenso. „Große Fotolehre“ von Andreas Feininger, mit großem Interesse.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Shakespeare, Zettel im Sommernachtstraum: „Schafft eure Kostüme bei, gute Schnüre an eure Bärte, neue Bänder an die Schuhe. Jeder schau sich seine Rolle an. Lasst für alle Fälle Thisbe frische Wäsche anziehen, und der den Löwen spielt, der soll sich nicht die Nägel schneiden, damit sie raushängen als Löwenkrallen. Und dann, ihr Lieblinge, ihr Schauspieler, esst keine Zwiebeln, esst keinen Knoblauch! Denn wir sollen einen süßen Atem ausstoßen, und ich hör sie schon jetzt zweifelsfrei sagen, es wär eine ganz süße Komödie. Kein Wort mehr. Fort! Marsch – fort!“

Dominik Maringer, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Dominik, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Dominik Maringer, Schauspieler

Dominik Maringer – Wikipedia

Selbstporträts_Dominik Maringer

28.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass das größte Theaterhaus im Lande die freie Szene ist“ Ludwig Drahosch, Maler und Filmemacher, Wien 27.5.2021

Lieber Ludwig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht anders als sonst, da ich auch außerhalb Coronas Zeiten isoliert lebe. Der erste Kaffee so gegen 6.30h, alles schläft, eine gute Zeit zum Denken. Zumeist warten Texte auf mich, manchmal auch Bilder im Sinne von Fotografie, Film oder Zeichnung und Malerei. Im Grunde ist das Medium nicht wichtig – das Thema hingegen hat sich in den letzten 10 Jahren immer präziser aus meinem Geist geschält. Der Mensch neigt dazu, wenn er aus Zeitgeistern wächst auch die positiven Seiten daran zu verlieren. Das Aufspüren von Anschauungen vergangener Zeiten, die vielleicht heute notwendig wären ist genau das was ich mache. Voriges Jahr schrieb ich ein Buch, das uns die Gegenwart aus der Sicht der Renaissance spüren lässt. Dieses Jahr wandere ich 300 Jahre nach vor, wobei ich nicht weiß ob mir das gelingt, doch die Gedanken sammeln sich und das lässt hoffen.

Ludwig Drahosch_Maler, Filmemacher

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir sollten uns vor Radikalisierungen Hüten, aus England wächst dem Verschwörungstheoretischen ein Neo-Atheismus entgegen , der selbst schon als radikal zu bezeichnen ist. Menschen, die den Glauben als evolutionäres Abfallprodukt bezeichnen stehen auf der Spitze der einen Seite und Menschen die der Wissenschaft nicht mehr trauen, weil sie deren Ethik untragbar finden, auf der anderen Seite. Das gemäßigte vernünftige Denken wird dazwischen aufgerieben und überhört. Wie in einer Art Polarisierungspoker kann man dann nur Hoffen auf der richtigen Seite zu stehen, nämlich derer, die gerade an der Macht ist, und den anderen vorschreiben darf was sie zu Denken hat. Wir wissen, die Geschichte betrachtend, wo das hinführen kann, und sollten humanistische Fallschirme entwickeln, um Schlimmstes zu verhindern.

Ludwig Drahosch_ Die desillusionierte Befreiung ( Öl auf Leinen )

Notfallpläne für eine humanistische Notbremsung entwickeln, aber nicht durch drei Experten, sondern durch jeden einzelnen.Wenn das nicht gelingt sollte man einen Anti-Unmenschlichkeits-Paragraph, als Hilfestellung für die Exekutive verankern .

Etwas das sozusagen einen Menschen die Möglichkeit gibt ungestraft einen Befehl zu verweigern, wenn dieser Befehl seinen ethisch moralischen Anschauungen widerspricht. Kants ganze Moral läuft doch darauf hinaus, dass jeder Mensch bei jeder Handlung sich selbst überlegen muss, ob die Maxime seines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden kann. […] Es ist ja gerade sozusagen das extrem Umgekehrte des Gehorsams! Jeder ist Gesetzgeber. Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant.. das wollte Hannah Arendt, dass die Menschen dies verstehen, weil sie wusste, das ist das Wichtigste um Böses zu verhindern.

Wir haben seltsame Zeiten, nicht nur durch Corona, sondern auch durch nicht durchschaubare Informationsfluten auf allen Ebenen und in allen Qualitäten. So ist letztendlich das Wichtigste, Mensch zu bleiben und in seinem Gegenüber auch bei Meinungsverschiedenheiten, den Mensch zu sehen, und sich immer verdeutlichen das zurzeit niemand genau weiß was richtig ist. Die Gegenwart beweist, dass der Schritt zum Überzeugungstäter kürzer als gedacht ist.

Ludwig Drahosch – über die Demontage der Freiheit _Graphit auf Papier  

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Der Begriff Kunst ist sehr weit gefächert, weil die Kunstrichtungen unterschiedliche Entwicklungen durchmachten. Die Malerei sowie all die anderen Bildenden Künste sollte sich endlich von der Postmodernen Dekonstruktion lösen und den Kunsttheoretikern das Zepter aus der Hand nehmen. Vielleicht findet sich dann wieder ein Publikum, abseits der Spielwiese reicher Zyniker.

In der Musik sollten die Radiosender wieder Reporter haben, die durch die Szene wandern und den noch unbekannten Talenten Gehör verschaffen, statt sich von Plattenlevels vorschreiben zu lassen was sie zu spielen haben. Vielleicht hört man dann etwas mehr als ständig die gleichen zwanzig Lieder.

Im Theater sollte uns endlich bewusstwerden, dass das größte Theaterhaus im Lande die freie Szene ist. In diesem Sinne sollten auch die Förderungen dafür sorgen, dass diese immer wieder nachwachsende Vielfalt beschützt, gehegt und gepflegt wird.

In der Literatur: am Telefon mit einem sehr österreichischen Verlag … – Ich „Ich hätte gerne einen Termin vereinbart“ – Verlag „bitte nicht am Telefon, wir haben auf unserer Webseite einen Chat für solche Angelegenheiten“

Am Chat: Verlag – „bitteschön ich bin…. Was kann ich für Sie tun“

Ich “ich würde gerne auf ein beratendes Gespräch vorbeikommen“

Verlag “haben sie einen Termin?“

Ich “Nein, deswegen schreibe ich Ihnen“

Verlag „Sie wollen einen Termin?“

Ich “Ja, könnten Sie mir einen Terminvorschlag machen“

Verlag „Nein, zurzeit werden Termine nur telefonisch besprochen“

Im Film wäre es schon hilfreich, wenn man die Qualität der Akteure nicht an ihren Bekanntheitsgrad misst. Grundsätzlich gilt für alle Künste, wenn sie verlernt haben,  den Menschen vorzuträumen wie Leben sein kann haben sie ihren Sinn verloren.

Ludwig Drahosch- Szenenbild aus Tschechows „Die Möwe“, gemeinsam mit Partnerin Nina C Gabriel – hier im Zentrum zu sehen

Was liest Du derzeit?

Gegenwärtig, da ich selbst schreibe, blättere ich mich nur fragmentarisch durch alte Texte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als Künstler verliert man tausend Schlachten aber man stirbt nicht daran.  

Wenn man aufrichtig kämpft, stirbt der Hochmut

Manchmal liegt auch schwer verletzt die Dummheit am Felde. Doch die erholt sich meistens wieder bis Weisheit über sie lächelt. Als Künstler hat man tausend Wunden zu lecken. Ihr Geschmack beeinträchtigt die Objektivität  formt die Notwendigkeit des nächsten Werkes und lässt die nächste Schlacht verlieren. Als Künstler kann man nicht siegen bis man eine kleine Erkenntnis gewinnt, die nichts mit Kunst zu tun hat sondern mit Menschen. Als Mensch kann man Künstler spielen aber niemals als Künstler Mensch. Und der Mensch in mir schreit nach Ruhe, doch der Künstler will noch was. Noch eine Partie sagt der Spieler und der Mensch schweigt und lässt geschehen. Als Künstler verliert man tausend Schlachten, die der Mensch in uns gewinnt.

Vielen Dank für das Interview lieber Ludwig, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ludwig Drahosch_Maler, Filmemacher

Ludwig Drahosch – Regiowiki

Filmlink: https://vimeo.com/user62045370

Fotos_Porträt: Nicole Tiesmeier; alle weiteren_Ludwig Drahosch

30.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Flüchtling“ Gefeierte Premiere im Theater Center Forum Wien_26.5.2021

Da ist die Hütte am Berg. Die verstreuten Kleider am Boden. Das zerbrochene Geschirr. Die Soldaten auf der Suche nach dem Flüchtling waren da. Der Flüchtling, der aus dem Todeszug sprang und um sein Leben rannte. Die Frau öffnete die Tür.

Gab ihm Licht, Essen, gab ihm die Nacht neben ihr – „Vergessen sie es nicht, dass ein Mensch ihnen nahe war“, sagt der Flüchtling am Morgen als die Frau ihm das Frühstück ihres Mannes, des Grenzers, gibt. Dann geht es weiter für den Flüchtling. Doch der Gedanke an die Frau lässt ihn nicht los….doch auch der Mann der Frau kehrt zurück.

Und jetzt geht es hier um alles. Um Leben, um Moral, um Pflicht, um Liebe, um Gewalt und Verzweiflung…

um Flucht, um Überleben…für jeden von hier…in der Hütte in den Bergen…im Morgengrauen…

Die Inszenierung des 1944/45 geschriebenen Stückes des österreichischen Schriftstellers Fritz Hochwälder (1911 – 1986), der 1938 selbst in die Schweiz floh und dessen Eltern im KZ Theresienstadt ermordet wurden, am Theater Center Forum Wien von Angelika Schütz wurde vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem Applaus begeistert gefeiert. Regie und Ensemble gelingen eine mitreißende spannungsreiche wie tiefsinnig dramatische Umsetzung des historischen Stoffes, der in seiner existentiellen Mitte auch in das Herz der Zeit trifft und dessen Fragen nach Verantwortung und Moral.

Die hervorragenden Schauspieler*innen Anna Sophie Krenn, Christoph Prückner und Florian-Raphael Schwarz vermögen mit außergewöhnlicher Dynamik eine ausdrucksstarke Spielpräsenz zu setzen, die zweifellos zum Besten gehört was derzeit in Wien zu sehen ist. Wie hier auf kleinstem Bühnenraum Dramatik und Spannung aufgebaut wird, ist sensationell! Ein Stück, das erschüttert und begeistert, herzlichen Dank!

„Ein Theaterereignis, das nicht zu versäumen ist!“

DER FLÜCHTLING Schauspiel von Fritz Hochwälder

Regie: Angelica Schütz

Ensemble: Anna Sophie Krenn, Christoph Prückner und Florian-Raphael Schwarz

Produktion: ANGELITERA

Spieltermine: 26. Mai bis 02. Juni 2021 – Forum III

(täglich außer Sonntag)

20:00h – ca. 22:30h (inkl. Pause)

Theater-Center-Forum

Porzellangasse 50, 1090 Wien

www.theatercenterforum.com

Walter Pobaschnig 26.5.2021

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

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„Literatur kann zu allen noch so schwierigen Zeiten Schutz und Hoffnung bieten“ Bastian Kresser, Schriftsteller_ Koblach/Vbg. 26.5.2021

Lieber Bastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gar nicht mal so anders als vor Covid-Zeiten. Ich jongliere nach wie vor mehrere Bälle gleichzeitig und habe meine Freude daran. Ich versuche, mich jeden Tag mindestens ein paar Stunden dem Schreiben zu widmen, gehe für meinen Brotberuf ins Büro und unterrichte einmal wöchentlich Englisch – längere Zeit via Zoom, inzwischen eine Mischung aus Präsenz und Zoom.

Mein Schreibverhalten hat sich, wie gesagt, kaum verändert. Ich setze mich jeden Tag an den Computer und tauche ein. Wo ich mich gerade befinde und was um mich herum passiert, kann ich in dieser Zeit sehr gut ausblenden. Mein neuer Roman, der im August erscheint, wurde zu einem großen Teil während der Pandemie geschrieben – und beschäftigt sich mit etwas vollkommen anderem.

Meiner Meinung nach zeigen die vielen grandiosen und ortsungebundenen Ideen von Künstler*innen aller Richtungen, dass es weit mehr braucht als einen Virus, um der Kreativität Grenzen zu setzen.

Bastian Kresser, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gemeinsam an einem Strang zu ziehen, positiv in die Zukunft zu blicken und nicht zuzulassen, dass diese herausfordernde Zeit einen Keil zwischen uns treibt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Man könnte hoffen, dass die Welt nach dieser Zeit eine bessere sein wird und dass die Menschen erkannt haben, wie wichtig Gesundheit, sozialer Kontakt und Nähe sind. Die Tatsache, dass die gesamte Welt von dieser Krise betroffen ist, könnte ein universell verbindender Aspekt sein und uns helfen, einander besser zu verstehen.

Utopie ist doch was Schönes. Unrealistisch, aber schön.

Was sich ganz klar gezeigt hat, ist, wie sehr sich die Menschen nach Kunst und Kultur sehnen, wie viel Sehnsucht in uns steckt und wie stark der Wunsch ist, uns wieder gemeinsam in Theaterstücken, Konzerten und Lesungen zu verlieren.

Was die Literatur betrifft: Während des ersten Lockdowns hat unsere Bibliothek einen Zustellservice eingerichtet und Freiwillige haben den Menschen hunderte Buchpakete nach Hause geliefert. Das ist Literatur, die lebt. Meiner Meinung nach war und ist besonders die Literatur ein sicherer Rückzugsort, der zu jeder noch so schwierigen Zeit Schutz und Hoffnung bieten kann.

Was liest Du derzeit?

Wasser und Zeit: Eine Geschichte unserer Zukunft von Andri Snær Magnason, einem isländischen Schriftsteller. Es geht um den Versuch, das gewaltige Ausmaß des Klimawandels und Veränderungen, die viel größer und komplizierter sind als die Dinge, mit denen wir uns üblicherweise beschäftigen, größer noch als die Sprache selbst, in Worte zu fassen, mit denen jede/r von uns was anfangen kann.

Ein fantastisches, augenöffnendes Buch, das eigentlich auf jedem Nachtkästchen liegen sollte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da mein nächster Roman mit dem Titel „Klopfzeichen“ in Kürze erscheint, bietet sich ein Textimpuls daraus an, der vielleicht Lust zum Weiterlesen macht:

Seit diesem Abend ist alles anders. Sie schauen uns anders an, wissen oft nicht, was sie sagen sollen. Manchmal bemerke ich, wie sie Kate und mich beobachten. Bei kleinen Dingen. Wenn wir essen oder wenn wir spielen. Leah sagt, auch das gehört dazu. Kate macht es nichts aus. Sie findet, dass es schön ist. Leah sagt, dass unsere Fähigkeit ein Geschenk ist. Sie sagt: Man soll das machen, was man am besten kann.
Kate und ich nicken. Wir wissen genau, was wir am besten können: Die Toten zum Sprechen bringen.

Vielen Dank für das Interview lieber Bastian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bastian Kresser, Schriftsteller

Bastian Kresser

Foto_Stefan Wilfinger.

28.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie werden Auftritte künftig aussehen? Werden nur die Großen überleben?“ Katharina Sigrid Eismann, Schriftstellerin_ Offenbach/Main 26.5.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bin Frühaufsteherin. Mit Koffein entsteht eine Vorstufe zum Tagesgedicht oder Text. Begleite meine Liebsten in den Tag, Termine klären, Besorgungen, ein Telefonat mit meinem Sohn. Raus aus den vier Wänden, eine Runde Frischluft ohne Mundschutz. Fahrt an den Mainbogen. Spaziergang & Gespräch mit meiner mutigen Freundin und Künstlerin Petra M. Mühl. Im Bärlauchgezwitscher schmieden wir vorsichtig Pläne: Für die Offenbacher Kunstansichten im Juni motivierte sie sieben Künstlerinnen für Lesungen und Kunstaktionen.
Noch eine Nachricht „erwischt“: Die Museen sind wieder geschlossen. Findet mein literarischer Stadtspaziergang im Juni noch statt? Zur Ablenkung Kurztrip nach Offenbach in meine Lieblingsbuchhandlung am Markt. Anschließend auf den nackten Goetheplatz in die Straßenheimat des Rappers Haftbefehl, Begegnung mit meiner Nordendfreundin und Literatin Edina Kovic.

Katharina Sigrid Eismann, Schriftstellerin, Performerin

Zwischendurch überarbeite ich Texte aus meinem aktuellen Schreibprojekt – literarische Reiseskizzen durch Siebenbürgen & Bukowina, der Titel schwelt noch über den Karpaten. Ein motivierendes Telefonat mit meinem engagierten Verleger Thomas Zehender vom danube books Verlag über aktuelle Rezensionen zum Paprikaraumschiff. Mein Roman ist im Corona-Herbst erschienen, kaum auf Lesebühnen gelandet – Ulm, München, Wien, Temeswar in der Warteschlange. Die Buch Wien 2020 ist nicht in die Donau gefallen! Ein Highlight für mich als Autorin war die virtuelle Donau-Lounge, mit Lesung und Buchbesprechung!

Vertagt wurde auch meine Wanderausstellung „Nach dem Fest das Fest“, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Konzeptkünstler Sven Eismann und dem bildenden Künstler Hagen Bonifer. Ein Tisch auf echten Eisenbahnbohlen gedeckt mit Zitaten aus meinem Bordbuch „Grenzgänge“, eine lyrische Landkarte vom Mainbogen bis zur Donaumündung wird voraussichtlich im nächsten Jahr oder im Kulturhauptstadtjahr in der „Maria-Theresia-Bastion“ in meiner Heimatstadt Temeswar gezeigt.

Spätnachmittags Essen mit meinem Sohn, er fiebert den realen Abi-Prüfungen entgegen. Texte, Emails der Firma Spacewood GmbH gegenlesen; das gebeutelte Messebau- und Eventunternehmen probiert neue Wege, virtuelle Gleise. Eigeninitiative anstatt Brückenstipendium: In der Schreinerei der Firma Spacewood im Frankfurter Osthafen fand meine Lesung während der Frankfurter Buchmesse mit Hygienekonzept statt. Auf Abstand, ein intensives Erlebnis, nach der langatmigen Kommunikation mit der Messe.

Abends ein Telefonat mit meiner Freundin und Schriftstellerkollegin, sie gönnt sich eine Auszeit auf Sizilien. Wir spinnen die Fortführung unserer „Offenbacher Einladung“ weiter.

Nicht vergessen, noch ein Gedicht von der Facebooktreppe gepostet, für die Bühne in der Luft, um nicht zu verstummen. In kontaktarmen Zeiten laufen die regionalen Plattenteller der Literatursender auf Hochtouren, sollte man meinen, Warteschleife.

Katharina Sigrid Eismann, Schriftstellerin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Gespräch, das Miteinander, die Familie, Überlegen und Überleben, den Humor nicht verlieren. Nicht denkfaul werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es ist offensichtlich geworden, dass Kunst und Kultur als „nicht systemrelevant“ eingestuft werden. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Ich wünsche mir weniger Selbstdarstellung, weniger Bürokratie, dafür unkonventionelle Wege bei der Umsetzung von Projekten. Mehr Blick über den Tellerrand. Ich befürchte, dass der Trend zur Selbstdarstellung zunimmt, auch wegen der virtuellen Bühnen. Wird es noch aktuell sein, was ich schreibe, meine Herangehensweise, meine Art, mein Stil? Wie werden Auftritte künftig aussehen? Wie offen ist das Publikum? Werden nur die Großen überleben?

Was liest Du derzeit?

Vor dem Fest – Saša Stanišić

Ferngespräche – Marie Luise Kaschnitz

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir sind ein Lied.

Katharina Sigrid Eismann, Schriftstellerin, Performerin

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina Sigrid, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Katharina Sigrid Eismann, Schriftstellerin, Performerin

Sigrid Katharina Eismann – Lyrik.Prosa.Performance

Fotos_ privat.

27.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Von unterwegs“ Eckhart Nickel. Piper Verlag

„Fernweh beginnt mit Worten. Mit einem Klang, der die Sehnsucht nach Abenteuer bereits in der magischen Abfolge seiner Wohllaute buchstabiert…“.

So beginnt, Eckhart Nickel, viefach ausgezeichneter Schriftsteller – 2017 mit dem Kelag-Preis in Klagenfurt – seine erste Reiseerzählung des vorliegenden Sammelbandes und öffnet damit schon den Zauber der Sprache, mit welchen der Autor in den folgenden Seiten Erfahrungen, Erlebnisse, Begegnungen „von unterwegs“ einzigartig  lebendig werden lässt.

Der Autor erzeugt in großer Eleganz von Sprache und Erzählvirtuosität eine Atmospähre des Miterlebens, die von Details seiner weltweiten Reisebewegung in Vorbereitung, Überraschung und Geschehen bis zum umittelbaren Prozess der Erinnerung und des Beschreibens reicht. Es ist ein Teilhaben an Ort, Zeit und Gesellschaft wie auch von Inspiration und Arbeit eines Schriftstellers. Dabei sind innere wie äußere Präzession in Reflexion wie Witz und Pointe ganz zentral. Viele literarische, kunstgeschichtliche wie historische und zeitkritische Bezüge werden geöffnet und geben Leserin und Leser zahlreiche Impulse und Denkanstöße, die auch nach den einzelnen Kapitel noch von der Weite der Welt träumen lassen wie über diese nachzudenken.

Es ist ein Lesegeschenk, ein Buch mitten aus dem Leben dieser Welt und der Neugierde und Offenheit dazu. Dargereicht  mit einem außerordentlichen Wissenshorizont, der immer auch ein Plädoyer für das Menschsein in Freiheit wie auch Verantwortung ist, da und dort.

„Eckhart Nickel beschenkt uns einmal mehr mit einem Lesegenuss in höchster Spracheleganz und Esprit“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Wir können nicht an alten Formen festhalten, müssen alles neu überdenken und Neues ausprobieren“ Ariela Sarbacher, Schriftstellerin_ Zürich 25.5.2021

Liebe Ariela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sitze fast den ganzen Tag an meinem Schreibtisch und arbeite an einem neuen Stoff. Dafür stehe ich früh auf, frühstücke und dann mache ich mich dran. Ich befinde mich in einem sehr bewegten und bewegenden Arbeitsprozess, den ich allenfalls unterbreche, um Tai-Chi zu machen und zu trainieren oder ich gehe ins Freie, um zu gehen. Das hat sich bewährt, um Momente zu überwinden, in denen ich blockiert bin und Abstand brauche.

Ariela Sarbacher, Schauspielerin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einen langen Atem zu entwickeln. Mir zu vergegenwärtigen, dass meine Generation hier im Westen von Krisen einer solchen Tragweite bisher verschont geblieben ist, hilft mir. Es ist unsere erste Erfahrung damit. Der zweite Weltkrieg hat sieben Jahre gedauert, während denen die Menschen unsagbares Leid und Entbehrungen zu tragen hatten. Ich bin nur zwanzig Jahre danach zur Welt gekommen. Eine kurze Zeitspanne, wenn man bedenkt, was mit diesem Krieg angerichtet wurde. Wir sollten diese Situation nicht als Zumutung begreifen, sondern als Teil des Lebens. Dem wir möglicherweise alle ein wenig nähergekommen sind, im Sinn von Überleben. In der jetzigen Situation sehe ich was wir haben und wieviel davon. Die Not der anderen begreife ich jetzt anders, weil wir selber in Not geraten könnten. Wenn ich vorher über die ungerechte Verteilung auf der Welt nachdachte, so fühle ich sie jetzt. Auch Mitgefühl erlebe ich jetzt anders.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aufbruch wohin? Aufbruch meint, eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu kreieren, das womöglich von Krisen dieser Art bestimmt werden wird. Immer wieder. Sich mitzuteilen, statt sich zu produzieren. Wir müssen jetzt miteinander arbeiten, statt gegeneinander. Flexibilität ist gefragt. Wir können nicht an alten Formen festhalten, müssen alles neu überdenken und Neues ausprobieren. Durch die Beschränkung der Kontakte stellt sich heraus, wie sehr diese Berufe von der Kommunikation leben. Theatervorstellungen, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, das Kino, lassen sich nicht digital ersetzen. Wir müssen Konzepte entwickeln, wie wir zusammenkommen können, ohne die Sicherheit zu gefährden, aber nicht nur während eines zeitlich begrenzten Rahmens. Dabei frage ich mich: sollten wir uns nicht mit dem Moment befassen, statt auf ein Danach zu schielen, das wieder so werden soll wie vorher? Das ist alles sehr bruchstückhaft formuliert, denn ich habe, ganz ehrlich, noch keine Vision. Das Hyperventilieren bringt jedenfalls nichts. Während des ersten Lockdowns gab es einen Moment des Innehaltens. Den sollten wir weiter nutzen.

Was liest Du derzeit?

Die nicht sterben von Dana Grigorcea und Medea. Stimmen von Christa Wolf.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

There ist no darkness – but ignorance. (William Shakespeare)

Vielen Dank für das Interview liebe Ariela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buch-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ariela Sarbacher, Schauspielerin, Schriftstellerin, Persönlichkeitstrainerin

Ariela Sarbacher – Einfluss

Foto_Janine Guldener

27.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wien zum Verweilen“ Ein literarischer Streifzug durch die Stadt. Reclam Verlag

Es sind Spaziergänge, zu denen jetzt die Welt in Stadt und Land, in nah und fern, einlädt. Der entferntere wie unmittelbare Lebensraum wird zum Erfahrungs-, Erholungs-, und Interessensraum, der Natur, Geschichte und Kunst Schritt für Schritt neu öffnet und erschließt.

Gerade eine Stadt in ihren vielfältigen künstlerischen Bezugspunkten und Stationen kann ein Mittelpunkt der Neugierde und des Wissens im Flanieren und Genießen von kommenden Frühlings- und Sommertagen sein.

Impulsfragen können dann einen Tag begleiten: welche künstlerischen Erinnerungen sind mit bestimmten Plätzen, Straßen verknüpft? Was waren Inspirationen von Künstler*innen? Der Kunst kommt in einer Stadt immer eine besondere Bedeutung in Wort, Anschauung und Ansprache zu und ein Spaziergang bietet sich an, auch diesen in Erläuterung und Text nachzugehen.

Die sehr ansprechend gestaltete Reihe des Reclam Verlages über Städte und ihre vielfältigen künstlerischen Bezüge im kompakten Taschenbuchformat,bietet nun Blitzlichter in literarischen, musikalischen Texten an, die eine Stadt neu entdecken, begegnen oder überhaupt erste Schritte tun lassen. „Wien – zum Verweilen“  lädt zu sechzehn Station von der Ungargasse Ingeborg Bachmanns (Roman „Malina“) bis zum „Zentralfriedhof“ bei Wolfgang Ambros. Die einzelnen Textabschnitte beinhalten gut zusammengefasste Erklärungen zu Schriftsteller*innen und ihren Stadtbezügen, Dazu folgt dann der Originaltext.

„Ein sehr inspirierender Reise- und Spaziergangsbegleiter, der Wien literarisch faszinierend entdecken lässt.“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Eine Gesellschaft aufzubauen, in der man echte Offenheit und Toleranz lebt“ Angela Fischer, Künstlerin_ Wien 25.5.2021

Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe wie gewohnt in der Früh auf und genieße meinen Kaffee, neben mir meine zwei Katzen, die sich zu mir kuscheln, währenddessen ich meine E-Mails checke. Dann begebe ich mich gleich zu meiner eigentlichen Arbeit- d.h. ich male an einem großformatigen Bild weiter. Danach gehe ich zu Fuß in mein Studio in der Nähe vom Stephansplatz und arbeite dort weiter, derzeit an einer Skulptur für meine Ausstellung VITA ACTIVA. Vor Ort besuchen mich dort ansässige Nachbarn die mir öfters eine Erfrischung bringen und es ergeben sich immer nette Gespräche über Kunst, Gott und die Welt. Danach räume ich ein bisschen auf, damit die Passanten beim Vorbeigehen eine schönere Auslage haben. Wenn ich damit fertig bin geht es zurück ins Atelier dort plane ich dann schon weitere Projekte, mache Skizzen, führe Recherchen durch-betreffend Farb- und Materialstudien oder bereite mich inhaltlich für Kollaborationsprojekte vor, da gibt es immer viele Texte zu lesen. Ich freue mich auch sehr, wenn KollegInnen sprich KünstlerInnen unterschiedlicher Sparten und meine KunstsammlerInnen zu mir ins Atelier kommen, um über die neuesten Arbeiten zu sprechen und gemeinsame Interessen geteilt werden und man sich auch betreffend philosophischer existenzieller Fragestellungen austauschen kann und das Ganze in entspannter Atmosphäre.

Angela Fischer, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und optimistisch bleiben, die Hoffnung nicht aufgeben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es im Leben zu Stillständen kommen kann. Das fühlt sich am Anfang gar nicht gut an, gibt einem aber bei näherer Betrachtung dann doch die Möglichkeit und somit auch Zeit, das eigene Leben zu reflektieren, sprich wie stelle ich mir mein zukünftiges Leben vor, wie verbringe ich meine verbleibende Lebenszeit, wie gehe ich mit intellektuellen und materiellen Ressourcen um. Versuchen etwas Gutes darin zu sehen, zu finden und vor allem den Humor nicht verlieren, das Leben ist manchmal eh skurril und launenhaft genug.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Empathie. Gemeinschaftliches Denken. Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung. Ich persönlich habe mir die Frage gestellt- in was für einer Welt will ich leben? Mit welchen Menschen möchte ich zusammen sein und Zeit verbringen und was fühlt sich für mich gut und stimmig an? Für eine/n jede/n, gibt es da unterschiedliche Kriterien, das ist auch gut so, es kann und soll nicht jede/r gleich sein.

Des weiteren kann man sich die Frage stellen, was für eine Message beinhaltet meine Kunst? Bisher war diese mehr von äußeren Eindrücken motiviert, aber zunehmend werden meine Arbeiten optimistischer, eher im Sinne einer Realitätsflucht. Vielleicht aber auch wie bei der Malerin Agnes Martin “ with my back to the world „. Ich finde das ermöglicht mir einfach in schönere, bessere Atmosphären einzutauchen, die es im Realen so noch nicht gibt. Angenehme Räume zu gestalten, in denen man vor der Wirklichkeit pausieren kann. Mich interessieren immer mehr Plätze der inneren Freiheit sowie Menschen die sich innere Freiheit gönnen, die sind einfach glücklich und mit sich und der Welt im Reinen und können für andere eine inspirierende Bereicherung sein. Denn auch in solchen Situationen merkt man richtig, wie kostbar das Leben, die Freiheit und andere Annehmlichkeiten sind. Ich denke, dass auch das Kunst kann.

Ich denke, dass es wichtig ist, eine Gesellschaft aufzubauen, in der man echte Offenheit und Toleranz lebt, sich auf Augenhöhe begegnen kann und man Vorurteile beiseite lässt und versöhnlich auf die Dinge blickt. Denn in Wirklichkeit sind auch KünstlerInnen mehr Mensch als „Uomo universale“, obgleich das interessant erscheint. Auch solche Situationen können in der Kunst dazu beitragen, die eigenen subjektiven Befindlichkeiten wegzulassen und objektiv im Sinne der Kunst zu agieren im Anspruch auf ein höheres Ideal. Ich glaube, dass auch solch naive Gedanken – Gutes in die Welt bringen können, vielleicht sogar etwas heilen können.

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Vita activa von Hannah Arendt

Brick Bohemian von Derrick Ryan Claude Mitchell

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LOVE  can heal

„Das ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“

Gift in Medizin zu transformieren

Angela Fischer, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Angela Fischer, Künstlerin

Entrance – Angela Fischer (af-art.at)

Alle Fotos_Angela Fischer.

27.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Sich selbst und der Liebe zu stellen. Schonungslos. Darum geht es in Malina“ Xiting Shan, Schauspielerin_Wien_ Romanjubiläum _ Malina _ 25.5.2021

Ich bin mit sechs Jahren nach Wien gekommen und hier aufgewachsen. Ich liebe diese Stadt, sie hat so viele schöne Facetten und kombiniert sehr viel Tradition mit Moderne.

Xiting Shan_Schauspielerin_Wien

Die Menschen haben ihre Eigenheiten aber diese sind sehr liebenswert. Sie regen sich sehr gerne über ein Thema auf aber belassen es dann doch schlussendlich in Gelassenheit dabei. Das ist eine typische Wiener Eigenart (lacht).

Die Herzlichkeit ist auch etwas Typisches dieser Stadt. Freunde sagen mir oft, dass die Begrüßung hier herzlicher ist.

Mein Weg zur Kunst war weniger ein Weg als eine Entscheidung, eine Erkenntnis der Kindheit. Ich überlegte als Kind was ich werden will – Polizistin? Feuerwehrfrau? Musikerin? Läuferin?  Schauspielerin schien mir dabei am Interessantesten und Aufregendsten, weil man in mehrere Rollen schlüpfen kann. Das war dann mein Ziel. Niemand sagte mir jedoch, dass es so ein harter Weg sein wird (lacht). Ich gehe jetzt diesen Weg und möchte ihn weitergehen.

Ich habe dann zunächst eine Tourismusschule besucht, da eine Schauspielausbildung finanziell nicht möglich war. In der Schule blieb die bildnerische Kunst ein Schwerpunkt. Ich male, zeichne auch sehr gerne. Ich arbeitete dann bei einem Musicalprojekt mit. Da spürte ich, dass mein Feuer für das Schauspiel nach wie vor nicht erloschen ist und brennt. Dieser Flamme folgte und folge ich.

Wien ist für mich Heimat und Kulturstadt. Das Theater hat dabei einen ganz besonderen Stellenwert. Eine Heimatstadt als Arbeitsplatz ist immer eine Balance. Einerseits spannend und wunderbar aufgrund der vielen Möglichkeiten, andererseits muss ich aufmerksam sein, um nicht zu viel in der besonderen Lebensqualität und Vertrautheit der Stadt zu chillen. Ich darf mich nicht zu viel im Sessel ausruhen (lacht). Aber es kann sehr gut verbunden werden. Auch eine große Qualität der Stadt.

Das Schauspiel ist auch ein Weg zu mir selbst. Schauspiel öffnet viele Türen. Nach Innen und Außen. Es ist so vielseitig.

Das Schauspiel klopft an eigene Türen. Warum habe ich diese verschlossen?

In jeder Rolle ist immer das eigene Ich präsent. Das ist die Voraussetzung, um auf der Bühne zu agieren, um eine Rolle an- und einzunehmen. Herauszufinden wer man selbst ist, ist die Grundlage des Schauspiels.

Eine Rolle kann im Erarbeitungsprozess vorgestellt oder innerlich gefühlt werden. Wir haben in uns triggers, Emotionspunkte – was macht mich traurig? Was macht mich glücklich oder wütend?  Daran kann angeknüpft werden. Das ist für jeden anders. Und da verbindet sich das Selbst mit dem Bühnenselbst. So entsteht eine Rolle.

Manche Emotionen einer Rolle sind sehr präsent. Andere erfordern Zugänge in Recherche, Blickwinkel, Möglichkeiten der Darstellung. Ich muss dann entscheiden wie weit ich mich da herantasten kann und wie weit ich es schaffen kann, darf. Schauspiel lässt Grenzen erfahren, erkennen und auch überwinden.

Theater ist keine Therapie. Aber es ist ein Nachgehen von Emotionen, Erfahrungen, ein Weg, um sich besser kennenzulernen, im besten Fall eine Selbsterkenntnis. Im Bühnen- wie Zuschauerraum.

Dieses Selbst-Kennenlernen in einer Rolle wie im Theater an sich ist sehr nachhaltig. Du vergisst nicht, wer Du bist, wenn Du es im Moment erfährst, herausfindest. Es ist ein Bewusstseinsmoment. Ein Schärfen der Sinne. So bin, so reagiere ich, so ticke ich. Das ist dann fast so wie Fahrradfahren (lacht). Du weißt wie es geht und verlernst es nicht. Auch wenn die Straße immer anders sein kann.

Ingeborg Bachmnann ist eine sehr starke, toughe Frau. Das schließt alles ein, auch in den Spiegel zu blicken und sich sich selbst zu stellen, der Liebe zu stellen. Schonungslos. Darum geht es in Malina.

Es ist für Frauen ganz wichtig herauszufinden was man will. Und auch die Kraft zu haben, dafür einzustehen. Keine Angst davor zu haben, dies zu sagen.

Zur Entstehungszeit des Romans Malina war es für Frauen gesellschaftlich besonders schwer. Ingeborg Bachmann war da eine Ikone. Es ist nach wie vor sehr viel von ihr zu lernen.

Dieses Bewusstsein bei Ingeborg Bachmann – ich möchte selbst Verantwortung übernehmen, ich möchte meine eigenen Regeln aufstellen.  Das ist sehr ident mit mir.

Ich bin mit diesem Bewusstseinskampf aufgewachsen. Als Asiatin, Ausländerin war es oft schwer und ich war vor die Wahl gestellt, mich anders zu präsentieren oder dafür einzustehen, wer ich wirklich bin und lass` die Leute, die etwas dagegen haben, einfach reden. Schlussendlich ist es etwas Tolles, wenn man diesen eigenen Weg gehen und dies machen kann. Bei Malina wie in der persönlichen Lebenswelt.

Ich bin in meinem bisherigen Leben oft gescheitert. Es gilt dann nicht ganz zu verzweifeln, Scheitern ist wichtig, weil es auch zeigt, dass es kein Stehenbleiben war.

Scheitern ist wichtig für die eigene Entwicklung. Es ist für die Menschheit wichtig.

Scheitern ist kein Weltuntergang. Das Leben geht weiter, auch im Scheitern. Ein Revuepassierenlassen ist dann wichtig. Was kann ich daraus lernen? Was kann ich mit der Erkenntnis machen? Scheitern ist dann nichts Schlimmes.

Liebe auf den ersten Blick? Eine schwierige Frage (lacht). Früher dachte ich, dass es dies gibt, mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich denke, es gibt eine Verliebtheit auf den ersten Blick. Das kann der Anfang von Liebe sein, natürlich mit rosaroter Brille (lacht). Es kann etwas Gutes entstehen. Oder auch nicht, wie im Roman.

Liebe auf den ersten Blick ist ein Anfang. Ein Gesehenwerden. Das ist viel. Vielleicht alles.

Das Äußere ist wie eine Haube auf den inneren Werten. Die Haube muss passen. Wenn die Haube nicht passt, ist es kalt.

Liebe auf den ersten Blick – der erste Blick auf das Äußere oder auf das erste Gespräch. Das macht einen Unterschied.

Als Gedanke finde ich Liebe auf den ersten Blick sehr schön.

Wenn zwei Menschen Liebe spüren, Wertschätzung und Respekt leben, dann kann Liebe dauern. Das ist meine Sicht.

Das Bewusstsein was Liebe ist, entwickelt sich von Generation zu Generation weiter.

Dauernde Liebe, bis zum Tod,  ist eine sehr schöne Idee.

Liebe kann auch Glück auf Zeit sein und wieder neu gefunden werden.

Was ist Liebe? Nur einen Mensch zu lieben oder die Freiheit haben jeden Menschen zu lieben?

Wir sind in einem Zeitalter in dem offen geliebt und auf Wiedersehen gesagt wird.

Liebe ist eine Frage der eigenen Wertschätzung. Ordne ich mich unter oder sage ich meine Meinung? Dies gilt für Frauen wie Männer.

Damit Liebe funktioniert, ist es wichtig, dass Vertrauen zugesprochen wird. Vertrauen ist Freiheit. Wenn ich weiß, dass ich Liebe erfahre, kann ich mich öffnen und frei sein.

Gebrochenes Vertrauen ist Schmerz. Aber auch Klarheit.

Zur Zeit Malinas war Liebe Heirat und Haushalt. Affären gab es zu jeder Zeit.

Heutzutage ist es ein Kennenlernen und Trennen. Es ist ein Probieren, ein auf „stand by“, aber kein gemeinsames Aufbauen.

Liebe geht heute langsamer voran. Da ist viel Herantasten. Das ist auch eine Frage der Kommunikation.

Heutzutage ist das „connecting“ im Verliebtsein, der Liebe viel fordernder. Da gibt es kein Warten, Akzeptieren wie früher bei einem verpassten Anruf. Alles muss unmittelbar, schnell sein in den sozialen Medien. Das kann auch belasten. Da die Akzeptanz niedriger ist, dass man auch anderes zu tun hat als auf das Handy zu schauen. Da kann auch vieles scheitern.

Männer hatten früher viel Macht in der Partnerschaft. Heute, was den deutschsprachigen Raum betrifft, ist es eine Balance zwischen Frau und Mann.

Feminismus ist kein Machtwechsel sondern Freiheit.

Xiting Shan_Schauspielerin_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Xiting Shan _ Schauspielerin _Wien.

Xiting Shan – Schauspielerin | Theapolis

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

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