„Wir können nicht an alten Formen festhalten, müssen alles neu überdenken und Neues ausprobieren“ Ariela Sarbacher, Schriftstellerin_ Zürich 25.5.2021

Liebe Ariela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sitze fast den ganzen Tag an meinem Schreibtisch und arbeite an einem neuen Stoff. Dafür stehe ich früh auf, frühstücke und dann mache ich mich dran. Ich befinde mich in einem sehr bewegten und bewegenden Arbeitsprozess, den ich allenfalls unterbreche, um Tai-Chi zu machen und zu trainieren oder ich gehe ins Freie, um zu gehen. Das hat sich bewährt, um Momente zu überwinden, in denen ich blockiert bin und Abstand brauche.

Ariela Sarbacher, Schauspielerin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einen langen Atem zu entwickeln. Mir zu vergegenwärtigen, dass meine Generation hier im Westen von Krisen einer solchen Tragweite bisher verschont geblieben ist, hilft mir. Es ist unsere erste Erfahrung damit. Der zweite Weltkrieg hat sieben Jahre gedauert, während denen die Menschen unsagbares Leid und Entbehrungen zu tragen hatten. Ich bin nur zwanzig Jahre danach zur Welt gekommen. Eine kurze Zeitspanne, wenn man bedenkt, was mit diesem Krieg angerichtet wurde. Wir sollten diese Situation nicht als Zumutung begreifen, sondern als Teil des Lebens. Dem wir möglicherweise alle ein wenig nähergekommen sind, im Sinn von Überleben. In der jetzigen Situation sehe ich was wir haben und wieviel davon. Die Not der anderen begreife ich jetzt anders, weil wir selber in Not geraten könnten. Wenn ich vorher über die ungerechte Verteilung auf der Welt nachdachte, so fühle ich sie jetzt. Auch Mitgefühl erlebe ich jetzt anders.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aufbruch wohin? Aufbruch meint, eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu kreieren, das womöglich von Krisen dieser Art bestimmt werden wird. Immer wieder. Sich mitzuteilen, statt sich zu produzieren. Wir müssen jetzt miteinander arbeiten, statt gegeneinander. Flexibilität ist gefragt. Wir können nicht an alten Formen festhalten, müssen alles neu überdenken und Neues ausprobieren. Durch die Beschränkung der Kontakte stellt sich heraus, wie sehr diese Berufe von der Kommunikation leben. Theatervorstellungen, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, das Kino, lassen sich nicht digital ersetzen. Wir müssen Konzepte entwickeln, wie wir zusammenkommen können, ohne die Sicherheit zu gefährden, aber nicht nur während eines zeitlich begrenzten Rahmens. Dabei frage ich mich: sollten wir uns nicht mit dem Moment befassen, statt auf ein Danach zu schielen, das wieder so werden soll wie vorher? Das ist alles sehr bruchstückhaft formuliert, denn ich habe, ganz ehrlich, noch keine Vision. Das Hyperventilieren bringt jedenfalls nichts. Während des ersten Lockdowns gab es einen Moment des Innehaltens. Den sollten wir weiter nutzen.

Was liest Du derzeit?

Die nicht sterben von Dana Grigorcea und Medea. Stimmen von Christa Wolf.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

There ist no darkness – but ignorance. (William Shakespeare)

Vielen Dank für das Interview liebe Ariela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buch-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ariela Sarbacher, Schauspielerin, Schriftstellerin, Persönlichkeitstrainerin

Ariela Sarbacher – Einfluss

Foto_Janine Guldener

27.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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