„Dass die Bewältigung der Corona-Krise nicht in ein „Zurück zum Alten“ mündet“ Dominik Maringer, Schauspieler_Berlin 27.5.2021

Lieber Dominik, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich. Als freiberuflicher Schauspieler war das für mich aber auch schon vor der Corona-Krise so. Ende April des Jahres bereitete ich mich auf Dreharbeiten für eine Kinoproduktion vor, eine kleinere Rolle in „Die KänguruVerschwörung“ von Marc-Uwe Kling. Das Drehen war es auch, was mich letztes Jahr einigermaßen gut durch die ganze Situation kommen ließ. Ich bin sehr dankbar dafür und sehe es als Privileg an, dass wir beim Film und Fernsehen überhaupt arbeiten können.

Aber auch für mich war und ist es nicht einfach. Viele eigene Abende, die ich gemeinsam mit Musikern entwickle, wurden abgesagt. Eigentlich bereiten mir diese eigenen Produktionen viel Freude, aber seit Corona ist da eine ganz komische Situation eingetreten: Man probt und konzipiert und weiß gar nicht, ob das jemals aufgeführt werden kann. Ebenso recherchierte ich Ende April für einen Abend im Linzer Brucknerhaus im Juni, aber ich war da noch nicht so richtig motiviert. Das hatte natürlich vor allem mit dieser Ungewissheit zu tun, ob es überhaupt stattfinden kann. Dann fotografierte ich sehr viel in Ungenach, meinem Heimatdorf in Oberösterreich. Im Rahmen eines Seminars an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin wird es dazu auch eine Ausstellung im Herbst geben. Das Fotografieren hat mich in den letzten Monaten gedanklich und inhaltlich oft gut aufgefangen, ich finde es ist eine großartige Ausdrucksform.

Dominik Maringer, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich traue mir nicht zu, für uns alle zu sprechen, aber für mich ist gesellschaftlicher Zusammenhalt sehr wichtig, ich glaube wir alle sollten viel öfter das Gemeinsame suchen und nicht die Spaltung. Gleichzeitig wünsche ich mir eine gute Streitkultur, die aber nicht dazu führen darf, dass Politiker, Journalisten und andere Personen des öffentlichen Lebens bedroht werden.

Die Erregungsspiralen, vor allem in den sozialen Netzwerken, halte ich für kontraproduktiv. Komplexe Themen werden dort auf ein kurzes Statement, ein Meme verkürzt, oder sind besonders provokativ, um Klickzahlen zu bekommen. Ein Beispiel für eine solche Erregung war die völlig überflüssige, dumme Aktion #allesdichtmachen von 53 Schauspieler*innen von Mitte April. Mit plumpen, populistischen Mitteln wurde da eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt, um anscheinend eine Diskussion in Gang zu setzen, zumindest hatten das einige der Beteiligten so geäußert. Letzten Endes führte es aber zu keiner wirklichen Auseinandersetzung oder zu einer konstruktiven Kritik an den Corona-Maßnahmen. Ganz im Gegenteil, die ganze Sache spielte den Querdenkern und Rechten in die Hände und war für mich von einer großen Hysterie geprägt. Leider auch manche der Reaktionen darauf, die bis hin zur Forderung von Berufsverbot für diese Kolleg*innen reichten. Trotzdem unsere Nerven nach einem Jahr Corona-Krise angespannt sind und wir uns als Kulturschaffende zu Recht darüber ärgern, dass Museen und Theater schließen mussten, Seilbahnen, Läden, Büros und Fabriken aber meist offenbleiben durften, sollten wir nicht vergessen, dass es uns in Europa noch einigermaßen gut mit der Situation geht. Ich wünsche mir eine Solidarität mit Schwächeren, mit ärmeren Ländern. Nicht nur nett gemeinte Worte, sondern ganz konkrete Hilfen, zum Beispiel eine sofortige Freigabe der Covid-Impfpatente.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt demTheater/Schauspiel dabei der Kunst an sich zu?  

Ich hoffe sehr, dass die Bewältigung der Corona-Krise nicht in ein „Zurück zum Alten“ mündet, sondern ein echter Neubeginn ist. Wir müssen den Klimawandel in den Griff kriegen, die Ressourcen zwischen den Menschen gerechter verteilen. Die Hoffnung auf eine baldige Erholung der Wirtschaft und eine Ankurbelung des Konsums sollten wir stark hinterfragen: Warum müssen wir denn weiterhin viel zu viel konsumieren? Klar, ich wünsche keiner Branche den Stillstand, niemandem die Arbeitslosigkeit. Aber wir brauchen dringend neue Konzepte, die nicht nur Wachstum und Konsum heißen.

Hier kann das Theater, die Kunst eine wichtige Aufgabe übernehmen, indem sie an diesem Diskurs teilnimmt. Ich wünsche mir allerdings vom Theater keine moralische Anstalt, die von oben herab gesellschaftliche Missstände anprangert und gleichzeitig ihre Hospitant*innen, Assistent*innen und das künstlerische Personal ausbeutet. Zuallererst sollten die Theater und andere Kunstinstitutionen endlich damit anfangen, ihre eigenen Modelle infrage zu stellen. Abgesehen von diesen großen gesellschaftlichen Themen kann und soll das Theater aber auch einfach wieder ein Ort sein, an dem man sich trifft. Ein Ort, der den Künstler*innen und dem Publikum ein gemeinschaftliches Erlebnis verschafft. Nach so vielen Stunden auf der Couch mit Netflix und Co. fehlt mir das gerade am allermeisten, das Zusammenkommen in der Öffentlichkeit.

Was liest Du derzeit?

„Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking, meine noch halbherzige Vorbereitung für ein neues Theaterprojekt, das hoffentlich irgendwann mal aufgeführt werden kann.„Ein Sommernachtstraum“, ebenso. „Große Fotolehre“ von Andreas Feininger, mit großem Interesse.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Shakespeare, Zettel im Sommernachtstraum: „Schafft eure Kostüme bei, gute Schnüre an eure Bärte, neue Bänder an die Schuhe. Jeder schau sich seine Rolle an. Lasst für alle Fälle Thisbe frische Wäsche anziehen, und der den Löwen spielt, der soll sich nicht die Nägel schneiden, damit sie raushängen als Löwenkrallen. Und dann, ihr Lieblinge, ihr Schauspieler, esst keine Zwiebeln, esst keinen Knoblauch! Denn wir sollen einen süßen Atem ausstoßen, und ich hör sie schon jetzt zweifelsfrei sagen, es wär eine ganz süße Komödie. Kein Wort mehr. Fort! Marsch – fort!“

Dominik Maringer, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Dominik, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Dominik Maringer, Schauspieler

Dominik Maringer – Wikipedia

Selbstporträts_Dominik Maringer

28.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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