„Dass das größte Theaterhaus im Lande die freie Szene ist“ Ludwig Drahosch, Maler und Filmemacher, Wien 27.5.2021

Lieber Ludwig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht anders als sonst, da ich auch außerhalb Coronas Zeiten isoliert lebe. Der erste Kaffee so gegen 6.30h, alles schläft, eine gute Zeit zum Denken. Zumeist warten Texte auf mich, manchmal auch Bilder im Sinne von Fotografie, Film oder Zeichnung und Malerei. Im Grunde ist das Medium nicht wichtig – das Thema hingegen hat sich in den letzten 10 Jahren immer präziser aus meinem Geist geschält. Der Mensch neigt dazu, wenn er aus Zeitgeistern wächst auch die positiven Seiten daran zu verlieren. Das Aufspüren von Anschauungen vergangener Zeiten, die vielleicht heute notwendig wären ist genau das was ich mache. Voriges Jahr schrieb ich ein Buch, das uns die Gegenwart aus der Sicht der Renaissance spüren lässt. Dieses Jahr wandere ich 300 Jahre nach vor, wobei ich nicht weiß ob mir das gelingt, doch die Gedanken sammeln sich und das lässt hoffen.

Ludwig Drahosch_Maler, Filmemacher

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir sollten uns vor Radikalisierungen Hüten, aus England wächst dem Verschwörungstheoretischen ein Neo-Atheismus entgegen , der selbst schon als radikal zu bezeichnen ist. Menschen, die den Glauben als evolutionäres Abfallprodukt bezeichnen stehen auf der Spitze der einen Seite und Menschen die der Wissenschaft nicht mehr trauen, weil sie deren Ethik untragbar finden, auf der anderen Seite. Das gemäßigte vernünftige Denken wird dazwischen aufgerieben und überhört. Wie in einer Art Polarisierungspoker kann man dann nur Hoffen auf der richtigen Seite zu stehen, nämlich derer, die gerade an der Macht ist, und den anderen vorschreiben darf was sie zu Denken hat. Wir wissen, die Geschichte betrachtend, wo das hinführen kann, und sollten humanistische Fallschirme entwickeln, um Schlimmstes zu verhindern.

Ludwig Drahosch_ Die desillusionierte Befreiung ( Öl auf Leinen )

Notfallpläne für eine humanistische Notbremsung entwickeln, aber nicht durch drei Experten, sondern durch jeden einzelnen.Wenn das nicht gelingt sollte man einen Anti-Unmenschlichkeits-Paragraph, als Hilfestellung für die Exekutive verankern .

Etwas das sozusagen einen Menschen die Möglichkeit gibt ungestraft einen Befehl zu verweigern, wenn dieser Befehl seinen ethisch moralischen Anschauungen widerspricht. Kants ganze Moral läuft doch darauf hinaus, dass jeder Mensch bei jeder Handlung sich selbst überlegen muss, ob die Maxime seines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden kann. […] Es ist ja gerade sozusagen das extrem Umgekehrte des Gehorsams! Jeder ist Gesetzgeber. Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant.. das wollte Hannah Arendt, dass die Menschen dies verstehen, weil sie wusste, das ist das Wichtigste um Böses zu verhindern.

Wir haben seltsame Zeiten, nicht nur durch Corona, sondern auch durch nicht durchschaubare Informationsfluten auf allen Ebenen und in allen Qualitäten. So ist letztendlich das Wichtigste, Mensch zu bleiben und in seinem Gegenüber auch bei Meinungsverschiedenheiten, den Mensch zu sehen, und sich immer verdeutlichen das zurzeit niemand genau weiß was richtig ist. Die Gegenwart beweist, dass der Schritt zum Überzeugungstäter kürzer als gedacht ist.

Ludwig Drahosch – über die Demontage der Freiheit _Graphit auf Papier  

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Der Begriff Kunst ist sehr weit gefächert, weil die Kunstrichtungen unterschiedliche Entwicklungen durchmachten. Die Malerei sowie all die anderen Bildenden Künste sollte sich endlich von der Postmodernen Dekonstruktion lösen und den Kunsttheoretikern das Zepter aus der Hand nehmen. Vielleicht findet sich dann wieder ein Publikum, abseits der Spielwiese reicher Zyniker.

In der Musik sollten die Radiosender wieder Reporter haben, die durch die Szene wandern und den noch unbekannten Talenten Gehör verschaffen, statt sich von Plattenlevels vorschreiben zu lassen was sie zu spielen haben. Vielleicht hört man dann etwas mehr als ständig die gleichen zwanzig Lieder.

Im Theater sollte uns endlich bewusstwerden, dass das größte Theaterhaus im Lande die freie Szene ist. In diesem Sinne sollten auch die Förderungen dafür sorgen, dass diese immer wieder nachwachsende Vielfalt beschützt, gehegt und gepflegt wird.

In der Literatur: am Telefon mit einem sehr österreichischen Verlag … – Ich „Ich hätte gerne einen Termin vereinbart“ – Verlag „bitte nicht am Telefon, wir haben auf unserer Webseite einen Chat für solche Angelegenheiten“

Am Chat: Verlag – „bitteschön ich bin…. Was kann ich für Sie tun“

Ich “ich würde gerne auf ein beratendes Gespräch vorbeikommen“

Verlag “haben sie einen Termin?“

Ich “Nein, deswegen schreibe ich Ihnen“

Verlag „Sie wollen einen Termin?“

Ich “Ja, könnten Sie mir einen Terminvorschlag machen“

Verlag „Nein, zurzeit werden Termine nur telefonisch besprochen“

Im Film wäre es schon hilfreich, wenn man die Qualität der Akteure nicht an ihren Bekanntheitsgrad misst. Grundsätzlich gilt für alle Künste, wenn sie verlernt haben,  den Menschen vorzuträumen wie Leben sein kann haben sie ihren Sinn verloren.

Ludwig Drahosch- Szenenbild aus Tschechows „Die Möwe“, gemeinsam mit Partnerin Nina C Gabriel – hier im Zentrum zu sehen

Was liest Du derzeit?

Gegenwärtig, da ich selbst schreibe, blättere ich mich nur fragmentarisch durch alte Texte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als Künstler verliert man tausend Schlachten aber man stirbt nicht daran.  

Wenn man aufrichtig kämpft, stirbt der Hochmut

Manchmal liegt auch schwer verletzt die Dummheit am Felde. Doch die erholt sich meistens wieder bis Weisheit über sie lächelt. Als Künstler hat man tausend Wunden zu lecken. Ihr Geschmack beeinträchtigt die Objektivität  formt die Notwendigkeit des nächsten Werkes und lässt die nächste Schlacht verlieren. Als Künstler kann man nicht siegen bis man eine kleine Erkenntnis gewinnt, die nichts mit Kunst zu tun hat sondern mit Menschen. Als Mensch kann man Künstler spielen aber niemals als Künstler Mensch. Und der Mensch in mir schreit nach Ruhe, doch der Künstler will noch was. Noch eine Partie sagt der Spieler und der Mensch schweigt und lässt geschehen. Als Künstler verliert man tausend Schlachten, die der Mensch in uns gewinnt.

Vielen Dank für das Interview lieber Ludwig, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ludwig Drahosch_Maler, Filmemacher

Ludwig Drahosch – Regiowiki

Filmlink: https://vimeo.com/user62045370

Fotos_Porträt: Nicole Tiesmeier; alle weiteren_Ludwig Drahosch

30.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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