„Lonely Ballads Eins+Zwei“ Mitreißende Uraufführung Aktionstheater Ensemble _ Werk X, Wien – 16.6.2021

Da ist der leere Raum. Und da ist der Mensch. Ein Mensch. Immer nur ein Mensch. Kein Mit- nur ein Nebeneinander…

Und da ist die Musik, die Bewegung, das Wort. An das DU. Das Verlorene. Hinter der Wand. An die Menschen. Die Verlorenen. Hinter der Wand. Da und dort….

An die Liebe, an die Kindheit, an die Gegenwart. An das Vergessen. werden. Vergessen geworden sein...

Und die Wut. Über das Erdrückende. Jetzt und von Anfang an...

Und wo war das nun? Der Punkt – als sich das Leben drehte? Wer hat verloren? Ich mich? Du dich? Oder wir uns?…

Immer wieder geht der Tag, der Mensch verloren. Da und dort. Laut oder leise. Jetzt bleibt das Ringen. Mit der Leere. Das einsame. 1, 2, 3, 4 – hallo! Ich bin noch hier! Sehnsucht, Lust, Verzweiflung, Macht, Unverständnis…das Ringlspiel des Lebens….

Lass mich erzählen. Wie es ist. Lass mich erzählen. Immer weiter. Ich will ein Mensch sein auf meine Art. Lass mich reden…

Lass mich. Meine Geschichte. Meine Ballade. …

Es bleibt die Musik. Bis zum Schluss…

1, 2, 3 und Leben 4 und dann sind wir nicht mehr hier. Lonely Ballads…

Die Uraufführung „Lonely Ballads Eins + Zwei“ des Aktionstheater Ensembles im Werk X Wien, 1120 trifft punktgenau in das zerrissene, blutende Herz von Mensch und Zeit.

In einzigartiger dramatischer Wucht und Hintergründigkeit setzen das hervorragende Aktionstheater Ensemble Team mit dem genialen Regie-Dramaturgie Duo Martin Gruber und Martin Ojster, den hervorragenden Ausnahmeschauspieler*innen Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Benjamin Vanyek, Tamara Stern und der großartigen Musik mit und von Kristian Musser, Nadine Abado, Andreas Dauböck, Simon Gramberger, Joachim Rigler, Simon Scharinger Pfeil um Pfeil aus dem brodelnden Seelenköcher des alltäglichen Scheitern des Menschseins auf die Bühne. Und diese brennt, und wie!

Inszenierung und Darstellung entlarven in einer unglaublichen Intensität von Sprach- und Körperspiel einen melancholischen Narzissmus als gesellschaftliche Mitte der Zeit, dessen dunkler wie gefährlicher Grund Angst und Einsamkeit ist. Die erfahrenen Todesarten persönlicher Kränkung in Biographie und Beziehung werden zu Keimzellen der vielen gesellschaftlichen Todesarten von Verachtung und Gewalt. Man stirbt an dem, was einem angetan wird und in diesem Sterben wird es anderen angetan. Der Ausgangspunkt erfahrener Lebensfeindlichkeit wird zum Wiederholungszwang, der nicht zu brechen ist. Oder doch?

Ganz außergewöhnlich funktioniert auch der dramaturgische Transfer von Bühne und Publikum. Die Darstellung exemplarischer Lebenswelt zündet von Anfang an und lässt bis zum Finale nicht los. Das Publikum ist sofort mittendrin in Lachen wie betroffener Stille.

Genial sind alle exemplarischen Lebensbeispiele, die in einem furiosen schauspielerischen Crescendo – vom Beamerkauf mit Schwangerschaftsfolge, dem Küchennazi in der Pfanne, der „Tschuldigung“ Karottentorte im Wiener Cafè oder dem Buam und dessen lebenslanges im Kreisfahren zwischen Bim und Familie – welches die Publikumsaufmerksamkeit in Lachen wie Stille mitreißend zünden lässt. Was die Ausnahmeschauspieler*innen Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Tamara Stern und Benjamin Vanyek hier an bitter melancholisch-narzisstischen Erfahrungsstriptease bieten, ist einfach Klasse und ein Geschenk an Publikum und das Theater an sich. Im atemberaubenden Tempo wird hier eine Soloperformance gesetzt, die Sprache und Körper gleichsam immer wieder explodieren lässt. Zu bewundern ist dabei auch die darstellerische Konzentration und Kondition bei sengender Hitze im Bühnenraum. Zweifellos gehört dies zum Besten was auf den Gegenwartsbühnen zu sehen ist.

Der Mut und das Vertrauen von Regie, Dramaturgie wie Ensemble wird mit intensiver Publikumsaufmerksamkeit begeistert belohnt.

Sensationell ist auch wie im individuellen Setting gesellschaftliche Themen geöffnet und verdichtet werden. Etwa die historische Unkenntnis in unqualifizierten Vergleichen in Covid-Zeiten – Anne Frank-Covid Isolation – als gefährliche Angst-Melange der Zeit. Oder die Stellung von Kunst und Gesellschaft, wenn Isabella Jeschke über das Leben als Künstlerin in Covid-Zeiten mitreißend pointiert wie gesellschaftlich entlarvend erzählt. Ob Kaufhaus, Küche, Cafè oder Straßenbahn, es geht immer um Mensch und Gesellschaft und das unter Tränen des Lachens und Weinens.

Ebenso ist das Musik-Ensemble hervorragend. Die Songs sind mitreißend ausdrucksstark und wie hier in Wechsel, Dialog und dramatischem Spannungsaufbau mit Wort und Spiel interagiert wird, ist Sonderklasse.

Das Theaterkonzept Martin Grubers ist einzigartig. Über den Menschen in solch schonungsloser Offenheit zu erzählen, in Sprache und Körper, diese Intensität braucht auch etwas, um die Wucht des Ausdruckes aufzufangen, zu begleiten. Es braucht die Musik, wenn das alltägliche Grauen in solcher Dramatik spielerisch benannt wird, sonst würde es Bühne und Publikum zerreißen.

Die Musik trägt in dieser stellvertretenden Reise in die Abgründe des Lebens. Das Bühnenlicht geht an und geht aus. Doch bei Martin Gruber ist Analyse zugleich immer Utopie. Das Wort des Menschen ist vor Einsamkeit laut oder stumm schreiend in den vier Wänden. Aber da ist auch ein Leiserwerden, eine Stille. Und hier ist Aufmerksamkeit, hinsehen und hinhören eine Chance. Da lebt auch eine ganz kräftige Utopie für Mensch und Leben. In und aus der Einsamkeit. Ein Tag wird kommen? Und Musik weiß hier vielleicht am Besten Impulse zu geben. Laut und leise in der Einsamkeit.

Herzlichen Dank Martin Gruber und Aktionstheater Ensemble für dieses geniale mitreißende Spiegelkabinett von Mensch und Zeit!

LONELY BALLADS EINS + ZWEI

Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble in Koproduktion mit Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz im Rahmen des internationalen Festivals Bregenzer Frühling in Kooperation mit WERK X

Konzept, Regie, Choreografie: Martin Gruber | Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Musikalische Leitung: Kristian Musser, Nadine Abado, Andreas Dauböck | Bühne, Kostüme: Valerie Lutz | Video: Maximilian Traxl | Regieassistenz: Pia Nives Welser | Mitarbeit: Felix Dietlinger, Hacer Göcen Mit: Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Tamara Stern, Benjamin Vanyek und Nadine Abado, andreas Dauböck, Simon Gramberger, Kristian Musser, Joachim Rigler, Simon ScharingerDauer: 2h 30min, inklusive 15min Pause

Premiere_ Mi 16. Juni 2021, 19.30 Uhr, Uraufführung.

Weitere Termine: Do 17. Juni 2021, 19.30 Uhr, Fr 18. Juni 2021, 19.30 Uhr, So 20. Juni 2021, 19.30 Uhr, Mo 21. Juni 2021, 19.30 Uhr, Mo 21. Juni 2021, 19.30 Uhr

Szenische Fotos_Gerhard Breitwieser.

Schlussapplaus Fotos_Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 17.6.2021

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„Literatur ermöglicht fremde Erfahrungen“ Lukas Maisel _ Schriftsteller_Zürich 17.6.2021

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Duschen, Schreiben. Später Tacos essen an der Donau. Und noch später zuhause Nusrat Fateh Ali Khan hören, einen pakistanischen Qawwali-Sänger.

Lukas Maisel _Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht den Verstand zu verlieren, das bedeutet: nicht in einfache Erklärungen zu flüchten, auch wenn sie auf den ersten Blick so verlockend erscheinen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Einen Aufbruch sehe ich nicht kommen. Der Literatur kommt dieselbe Rolle zu wie vor der Pandemie: Fremde Erfahrungen zu ermöglichen. Darum wird auch niemand einen Corona-Roman lesen wollen: Wir alle haben diese Erfahrung gemacht.

Was liest Du derzeit?

“As I Lay Dying” von Faulkner, “For Whom The Bell Tolls” von Hemingway und “Die Verwirrungen des Zöglings Törleß” von Robert Musil.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dietmar Dath zitiert in „Niegeschichte“ den 1977 in der DDR erschienenen Roman „Die ersten Zeitreisen“ von Reinhard Heinrich und Erik Simon: „Die Phantastik ist heute ausgestorben, war aber an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend von grosser Bedeutung und schuf die Grundlagen für die Entstehung der Symbolliteratur, die solch wahrhaft unsterbliche Werke hervorbrachte wie die des Anton Kornelius – des grössten Poeten des vierundzwanzigsten Jahrhunderts -: ‚Rotkäppchen und der Wolf‘ und ‚Dornröschen‘.“ Ich frage mich, welche seltsamen Fehler sich im Rückblick auf unsere Zeit einst einschleichen werden.

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lukas Maisel _Schriftsteller

Lukas Maisel | Autor

Foto_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal _ Wien 11.6.2021

11.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich hätte viel lieber die echte Aufregung vor Ort gehabt“ Leander Steinkopf, Schriftsteller_ Bachmannpreisteilnehmer 2021 _ München 17.6.2021

Lieber Leander, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Bachmannpreis!

Wo lebst Du und wie war Dein Weg zum Schreiben und als Schriftsteller bisher?

Literarisch geschrieben habe ich schon immer, anfangs schlecht, später besser, dazu gestanden habe ich lange nicht, mich stattdessen auf eine Identität als Wissenschaftler oder Journalist konzentriert. Ich habe keine Schreibschule absolviert und keinen der einschlägigen Literaturkurse, so habe ich mich erst mit der Veröffentlichung meines ersten Buchs, der Erzählung „Stadt der Feen und Wünsche“, als Schriftsteller begriffen. Seitdem gibt es viel auf und ab, hin und her, aber mittlerweile habe ich ein Verständnis davon, was man erwarten kann und was man befürchten muss.

Leander Steinkopf, Schriftsteller_Bachmannpreisteilnehmer 2021

Wie kam es zu Deiner Teilnahme am Bachmannpreis 2021 und wie gehst Du jetzt innerlich darauf zu?

Mir fehlte und fehlt der Verlag für meine Belletristik, da sah ich den Bachmann-Wettbewerb als Gelegenheit vielleicht Verbindungen zu knüpfen. Außerdem hatte ich eine passende Erzählung, die zum Vorlesen vor Publikum taugt. Ich stellte mir vor, wie ich von meinem Text aufschaue und in lachende Gesichter blicke. Dazu kommt es nun leider nicht.

Es ist eine komische Situation die Lesung längst aufgenommen zu haben und dann doch live zu einem Wettbewerb anzutreten. Es ist eine sehr ungewöhnliche, unnatürliche Anspannung. Ich hätte viel lieber die echte Aufregung vor Ort gehabt.

Was war Dir bei Deiner aufgezeichneten Lesung wichtig und wie bereitest Du Dich jetzt auf die digitalen Literaturtage vor?

Mir fällt es oft schwer bei Lesungen zuzuhören, meine Gedanken wandern, etwas lenkt mich ab. Deshalb bemühe ich mich darum nicht monoton zu lesen. Außerdem würde ich nie einen Text vorlesen, der nicht das Potential hat für eine halbe Stunde zu unterhalten.

Meine Vorbereitungen bestehen darin das zugeschickte Equipment anzuschließen. Sonst bleibt mir nicht viel zu tun, für dieses Dabeisein ohne Anwesenheit.

Wie gehst du mit Anspannung um?

Schlecht.

Ich bitte Dich noch um ein Bachmannpreis-Achrostikon:

Bei aller Chance hat man allerdings nicht nur positive Reaktionen. Egal, ist so.

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Leander, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Leander Steinkopf, Schriftsteller_Bachmannpreisteilnehmer 2021

Leander Steinkopf (D) – Bachmannpreis (orf.at)

Foto_Jeannette Steinkopf.

Interview_online_Walter Pobaschnig _ 6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Das Gefühl, nicht allein zu sein“ Magda Woitzuck _ Schriftstellerin_ Niederösterreich 16.6.2021

Liebe Magda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite von zu Hause aus, daher hat sich mein Tagesablauf durch Covid-19 nicht verändert. Meistens sitze ich gegen 9 am Schreibtisch, wenn eine Deadline ansteht, auch am Wochenende. Früher bin ich oft gefragt worden, wie ich das schaffe: den ganzen Tag zu Hause sein und trotzdem arbeiten. An diese Frage musste ich während des ersten Lockdowns oft denken, als sich der Alltag der Menschen in meinem Umfeld so stark verändert hat. Ich habe ja daheim einen Arbeitsplatz und einen gewohnten Ablauf. So etwas von einen Tag auf den anderen plötzlich organisieren zu müssen und sich darin einzurichten, dann noch mit Familie – das muss eine Herausforderung sein. So gesehen hatte ich großes Glück.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das mag jetzt paradox klingen, aber ich glaube wir brauchen alle ein bisschen Ruhe. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber in den letzten Jahren ging es medial ja ziemlich hoch her. Klimawandel, Brexit, Trump, dann Covid-19. Zuerst die Verunsicherung wegen der Krankheit, dann die Folgewirkungen der Lockdowns, also finanzielles Auskommen und so weiter, jetzt die Impfung und die teils heftigen Debatten darüber. Das prasselt alles auf uns ein. Und dann sitzen wir auch noch seit einem Jahr daheim, können uns weniger in direkten Gesprächen darüber austauschen. Da kommt also schon einiges an Emotionen zusammen. Ich glaube, das ist an keinem spurlos vorüber gegangen. Wir brauchen Ruhe, damit wir überhaupt wieder zu uns finden, uns sammeln und das alles verarbeiten können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, es ist zu früh zu sagen, was wesentlich sein wird. Wir stecken ja noch mittendrin. Wahrscheinlich wird das wichtig sein, was immer schon wichtig gewesen ist: das Gefühl, nicht allein zu sein. Damit einher geht auch die Rolle von Literatur und Kunst. Sie wird – wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit – trösten, verbinden, dabei helfen, zu verarbeiten und uns neue Perspektiven bieten. In der Geschichte Europas der letzten 1000 Jahre gab es immer wieder Episoden, wo es nach einer Katastrophe zu völliger Ausschweifung kam, zu einer Veränderung in der Kunst und im Denken. Nach der Pest von 1347 soll es zu Gelagen und Orgien gekommen sein, wer überlebt hatte, feierte das Leben. Vieles änderte sich, von der Mode bis zu den Werkzeugen. Und schließlich mündete das Mittelalter in der Renaissance. Das Wort „Wiedergeburt“ sagt schon alles. Der 30jährige Krieg entvölkerte ganze Landstriche, danach kam der Barock. Der erste Weltkrieg und die Spanische Grippe fanden zeitgleich statt, beides kostete Abermillionen Leben. Heute stehen die darauf folgenden Goldenen Zwanziger für eine Phase des Exzesses. Es ist zwar eine Sache, diese Dinge aus historischer Distanz zu betrachten und eine andere, mittendrin zu stecken, aber ich bin neugierig, was die nächsten Jahre bringen werden.

Was liest Du derzeit?

„Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar. Ein wunderbar kluges, witziges und obendrein sehr liebevolles Buch über literarischen Stil und AutorInnen. Ich lache und lerne sehr viel. Parallel dazu lese ich gerade richtige U-Literatur, einen Krimi von Robert Galbraith aka J.K. Rowling.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zitate mitgeben finde ich schwierig, aber vielleicht: „Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“ Das stammt angeblich von Konfuzius. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: der Satz ist universell anwendbar, wurscht ob man gerade spazieren geht oder schreibt.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Magda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Magda Woitzuck _ Schriftstellerin

aktuelles und lesetermine – magdawoitzucks Webseite!

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien 6_21.

9.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Also lag nichts näher als die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt“ Nava Ebrahimi, Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021 _Graz 16.6.2021

Liebe Nava, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Bachmannpreis!

Wo lebst Du und wie war Dein Weg zum Schreiben und als Schriftstellerin bisher?

Ich lebe in Graz, bin aber in Köln aufgewachsen, im Westerwald und in Bad Ems zur Schule gegangen, in Teheran geboren. Als Kind schon wollte ich Kinderbuchautorin werden. Ich habe mir Romanfiguren ausgedacht, die aber lange nur Variationen von Pippi Langstrumpf blieben. Weil wir oft umgezogen sind, habe ich meinen Schulfreundinnen außerdem viele Briefe geschrieben, manche habe ich nie abgeschickt, sondern sie nur geschrieben, um Dinge zu verarbeiten. Schreibend konnte ich mich schon immer am besten ausdrücken. Hinzu kommt, dass ich mich beinahe zwanghaft in andere Menschen hineinversetze. Und ich spiele gerne das Spiel „Was wäre passiert, wenn…“, ausgehend von einer realen Situation. All das hat mich zur Schriftstellerin gemacht. 

Nava Ebrahimi_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Wie kam es zu Deiner Teilnahme am Bachmannpreis 2021 und wie gehst Du jetzt innerlich darauf zu?

Im vergangenen Winter, im tiefsten Lockdown-Tal, nach langen Monaten mit Kindern zu Hause, habe ich mich danach gesehnt, als Autorin wieder sichtbar zu werden. Außerdem sehnte ich mich nach Menschen und Gesprächen, also lag nichts näher als die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Ich habe mich hingesetzt, zwei Texte geschrieben und den zweiten für besser befunden. Das war eine gute Erfahrung: Mir war überhaupt nicht danach, zu schreiben, und ich hätte nie gedacht, dass ich in dieser Stimmung etwas Neues schaffen könnte. Aber tief in mir warten offenbar immer Texte darauf, an die Oberfläche zu gelangen. 

Was war Dir bei Deiner aufgezeichneten Lesung wichtig und wie bereitest Du Dich jetzt auf die digitalen Literaturtage vor?

Mir war wichtig, dass auch das Publikum, das den Text noch nicht kennt, gut folgen kann. Der Ort der Lesung sollte zu mir und zum Text passen, aber auch nicht zu sehr vom Text ablenken. Für die Tage, die jetzt anstehen, habe ich kaum Termine vereinbart, und die Kinderbetreuung so organisiert, dass ich mich auf die Lesungen und Jurydiskussionen konzentrieren kann.

Wie gehst du mit Anspannung um?

Sehr unoriginell: Ich mache Yoga. Und ich habe mich mit Freundinnen für Samstagabend verabredet. Damit sie mich entweder wieder aufbauen oder zurück auf den Boden holen können.

Ich bitte Dich noch um ein Bachmannpreis -Achrostikon:

B=Bald…

A=…anfangen, bitte

C=Celan oder Corona

H=Heuer wieder digital

M=Malina

A=Armageddon

N=Nava tritt für Österreich an

N=Neu & ungewohnt

P=Publikum, keins

R=Reise, keine

E=Einsam

I=Ich ohne andere Autor:innen

S=Stadtschreiberin wäre auch fein.

Nava Ebrahimi_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Nava, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Nava Ebrahimi_ Schriftstellerin_Graz

Nava Ebrahimi (A) – Bachmannpreis (orf.at)

Alle Fotos_Clara Wildberger

Interview_online_Walter Pobaschnig _ 6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Es gibt eine altbackene Rezeptionshaltung“ Tex Rubinowitz, Bachmannpreisträger 2014 _ Gespräch_Wien Stadtpark 16.6.2021

Ich bin in Lüneburg in Norddeutschland aufgewachsen. Mit sechzehn Jahren verließ ich die Schule und habe dann in Fabriken gearbeitet. Denen war es egal ob du in Mathe eine Fünf hattest. Ich war da in einer Joghurt Fabrik, habe Joghurts verpackt. Das Geld war natürlich angenehm, weil es über das Taschengeld hinausging. Meine Mutter ahnte jedoch, dass ich da nicht glücklich werde.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bildender Künstler _ Bachmannpreisträger 2014,

Ich hatte einen Freund aus Lüneburg, dieser studierte Kunst, bei Maria Lassnig, in Wien. Ihn besuchte ich 1983. Und er sagte, „mach das“.  Ich fand das ganz toll, diese ersten Einblicke, die Gerüche, die fleckigen Fußböden in der Kunstuniversität, auch den Boheme Stil des Freundes. Das fand ich damals cool. Heute würde ich das lächerlich finden aber in meiner Verlorenheit damals fand ich das gut.

Er erklärte mir wie man sich an der Kunstuniversität bewirbt und dass ich eine Kunst-Mappe im Oktober abzugeben hätte. Ich war damals bei der Bundeswehr auf Sylt und habe Bremsschirme gepackt für Flugzeuge, abends habe ich dann Papier und zwei Flaschen Bier besorgt beim Spar und habe so vor mich hingemalt. Diese Bilder, die in Sylt entstanden sind, reichte ich dann ein. Ich kannte all diese Namen der Professor*innen nicht. Mein Freund riet mir zu Prof. Oswald Oberhuber. Seine Assistenten sagten, die Mappe sei am Dienstag abzugeben und am Freitag gibt es dann eine Rückmeldung.

Es war ein sehr milder Herbst im Oktober 1984, in dem ich da in Wien war und die Stadt kennenlernte. Herbstlaub, die Architektur Wiens, auch die Vielfältigkeit, ich wohnte in Ottakring. Ich fuhr dann am Freitag mit der Straßenbahn zur Universität. Da waren die eingereichten Mappen mit Zettel drauf. Angenommen oder nicht. Bei meiner Mappe war ein Angenommen.

Ich erinnere mich als ich dann aus der Universität ging, dass ich einen warmen Mantel anhatte, das ärgerte mich, es war ja ein sehr milder Oktober. Gegenüber von der Angewandten war ein Würstelstand. Ich kannte diesen weichen Wiener Pferdeleberkäs nicht. Dazu trank ich süßen Sturm, das kannte ich auch nicht. Diese Kombination passte zu diesem euphorischen Gefühl. Und Sturm trinkt sich sehr gut. Bin dann vom Würstelstand zum Cafè Prückel, das war auch wunderschön. Ich habe alles so genossen, diese Momente. Dann forderte der Sturm seinen Preis und ich rannte aufs Klo. Glück hat ja seinen Preis. Diesen Preis zahlte ich gerne.

Ich habe dann gemerkt, diese Boheme Attitude der Kunststudenten will ich nicht darstellen. Das wollte und konnte ich nicht. Ich schickte dann eine Zeichnung zum Falter, der Wiener Wochenzeitung, und diese wurde genommen. Es war schlecht bezahlt aber die Veröffentlichung war dann mein zweiter Triumph nach der Aufnahme an der Kunstuniversität. Ich hatte ein Feld gefunden wo ich reüssieren konnte. Zeichnerisch, künstlerisch.

Aus der Tätigkeit als Cartoonist für die Zeitung entstand dann auch die Möglichkeit zu schreiben, kleinere Sachen, Musikrezensionen, Kunst, das wurde dann immer länger. Ich wurde eingeladen so eine halbe Seite über Wien zu schreiben, so kleine Vignetten, Dinge, die man so im Alltag nicht am ersten Blick sieht, das hat mir sehr viel Spaß gemacht und da bin ich dann ins Schreiben reingekommen. Dann schrieb ich für den Standard und so entstand dann mein vielfältiger Weg zum Schreiben.

Christian Ankowitsch, der langjährige Moderator des Bachmannpreises, brachte mich 1985 zum Falter, er war da Redakteur und nahm meine erste Zeichnung an. Ankowitsch ging dann zum Standard und nahm mich da auch mit. Er hatte auch ein Forum im Internet gegründet und fragte mich ob ich ein Unterforum gründen wollte. Mein Forum war dann „höfliche Paparazzi“, über zufällige Begegnungen. Ich hatte das Forum 1999 eröffnet, es ist dann explodiert und da waren auch die Schriftsteller*innen Wolfgang Herrndorf, Kathrin Passig. In diesem Forum entstand auch die Leidenschaft für den Bachmannpreis, Klagenfurt. Ich bin „Anko“ für den Falter, den Standard und für das Forum dankbar. Ohne ihn?

Bachmannpreis 2014_Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm

2000 fuhr ich das erste Mal nach Klagenfurt und habe gesehen welche mannigfaltigen Formen der Literatur es gibt, ja wie Buchstaben. Freunde von mir haben dreimal gelesen und auch Preise gewonnen. Kathrin Passig, die ja auch nicht vom literarischen Schreiben kam, sondern eher vom Sachbuch und die das mal ausprobieren wollte. Drei Jahre vorher hat ja Wolfgang Herrndorf gelesen, der sich später erschoss. Durch diese Freundschaften, Begegnungen ist das Interesse für das Schreiben entstanden ob man das kann. Das war ein Ehrgeiz. Das war auch bei Kathrin so.

Ich fand das Format auch gut und wollte es versuchen. Ich hatte auch nichts dagegen mich der Jury zu stellen. Viele sagen ja, sie haben ein Problem damit. Sind ängstlich, weil da ist eine Jury. Aber sie müssen sich da ja nicht ausstellen. Es ist ja anders als bei diesen TV Talente/Fashionshows – das sind ja Kinder, die einem Trugbild aufsitzen, das ausgebreitet wird. Schreibende Leute sind alt genug zu wissen was da passiert, das gibt es ja schon seit vielen Jahren also kann man sich nicht beschweren. Es ist ja nicht anders als ein Buch zu verfassen und es rezensieren zu lassen. Warum soll es dies auch nicht in der Öffentlichkeit geben? Ich hatte da überhaupt kein Problem damit.

„Evergreens of Psychoterror“ Rare Singles spontan aufgelegt von Tex Rubinowitz und DJane Commander Venus _ Bachmannpreis 2014_Fr.4.7. Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm (ORF Bachmannpreis 2014)

Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin, Jurorin 2014,  kannte Texte von mir und lud mich ein, einen Text für Klagenfurt zu schreiben. Dann kam von ihr eine SMS „Wir fahren nach Klagenfurt“. Ich sagte zunächst, ja, ich fahre jedes Jahr nach Klagenfurt, lege da Platten auf, machte ein Quiz und alles Mögliche im Lendhafen. Dann sagte sie, wir fahren gemeinsam und da fiel mir ein, dass sie meinen Text gut findet.

Tex Rubinowitz _ Lesung _Diskussion_Bachmannpreis _ Sa 5.7.2014

Das Format ist spannend und ich, wie meine Mutter, verfolgen das schon sehr lange. Es hängt natürlich auch stark von den Juroren ab. Es gibt charismatische und farblose Juroren. Juroren etwa, die nur laut sind, selbstdarstellerisch. Wenn ein Juror fundiert ist, wenn es Klasse hat, ist das ok. Wenn es aber nur auf Provokation aus ist, dann ist das sehr unangenehm, so eine Rebellenattitüde.

Wolfgang Herrndorf schrieb im Forum über den Bachmannpreis. Ich sagte zu Wolfgang, schicke doch selbst was hin, er sagte, glaubst Du ich kann das? Ich sagte- ja, schreib mal einen Text. Er schickte dann einen Text hin. Klaus Nüchtern lud ihn dann ein. Mit Wolfgang Herrndorf bin ich 2004 in der Fangruppe zum Bachmannpreis mitgefahren. Das war ein erster Anreiz auch selbst zu lesen. Ende der 90er sah ich es das erste Mal im Fernsehen. Angeschaut, kommentiert aus der Ferne. Wolfgang Herrndorf gewann den Publikumspreis in Klagenfurt.

Bachmannpreis 2014 _ ORF Klagenfurt

Im Folgejahr war auch jemand aus dem Forum dabei und im Folgejahr dann Kathrin Passig, 2006. Im Feuilleton stand, als sie den Hauptpreis bekam, warum schon wieder jemand aus dieser Forum Gruppe gewinnt. Da kamen so Gerüchte auf, dass wir die Texte in der Gruppe kollektiv geschrieben haben könnten, was natürlich Schwachsinn ist. Niemand würde das machen. Aber es war so eine Mischung aus Neid und Misstrauen. Was ist das für eine merkwürdige Gruppe? Wo kommt die her? Zwei, drei Jahre später las Alex Scholz, der gewann auch einen Preis. Das ist unsere Klagenfurt Geschichte.

Der ganze Bachmannwettbewerb, dass es im Sommer ist, der See, das Rundherum, es ist eine Sommerstadt. Und während wir da immer hingefahren sind, sind auch andere Leute aus Berlin, Hamburg angereist. Und haben gemerkt wie angenehm die Atmosphäre wie lebenswert die Stadt ist. Wir haben dann den Lendhafen entdeckt und gefragt ob man da Platten auflegen, das Quiz machen könnte. Wir haben dann auch einen Schwimmwettbewerb organisiert.

Für meine Teilnahme 2014 war es gut, dass ich durch die Aktivitäten im Rahmenprogramm abgelenkt war, und damit nicht nur mit Lesen beschäftigt und den Fragen – wie wirkt man? Liest man? Was macht die Konkurrenz? Das hat dann die Nervosität genommen.  Ich weiß aber, dass Autor*innen unfassbar nervös waren, weil sie es vor Ort ja gar nicht kannten. Ich fühlte mich wohl, wusste wie es funktioniert. Es war fast ein „homecoming“.

Bei meiner Lesung war ich wahnsinnig verkatert. Ich las am Samstag und war am Freitag noch Plattenauflegen und dann im Theatercafe. Bin dann auch zu spät gekommen. War eher entspannt.

Ich habe nicht damit gerechnet einen Preis zu bekommen. Zu lesen war ja schon Ehre genug. Es ist eine tolle Sache. Es ist eine große Aufmerksamkeit. Viele Leute schauen zu, meine Mutter schaut zu. Und dann war ich da auf der shortlist. Und dann der Hauptpreis.

Tex Rubinowitz_Bachmpreisträger 2014

In der Berichterstattung wurde dann der Jahrgang heruntergemacht. Ein schwacher Jahrgang und der Sieger war noch der Annehmbarste, wurde gesagt. Mir gefiel mein Text gut, ich fand ihn ok. Aber das ist ein Reflex von Journalisten, die irgendwelche hehren Literaturansprüche haben und gleichzeitig dem misstrauen, dass ein Quereinsteiger wie ich da reinrutscht – das kann nicht gut sein, das ist ein Experiment, der macht witzige Zeichnungen, Musik, was immer, das ist jetzt sein viertes Bein, der will das eigentlich gar nicht, das kann nicht gut sein. Das kann nichts Seröses sein.

Es ist immer so, dass Schriftsteller, die nebenbei malen, oder malende Musiker, was oft grauenvoll ist, das würde niemand kritisieren, aber ein Zeichner, noch dazu ein Witzezeichner, der Literatur schreibt, das kann nicht sein, das muss kritisiert werden. Die Zeichnung wird nicht kritisiert aber das ich schreibe. Das ist eine altbackene Rezeptionshaltung, die sich, ich weiß jetzt nicht, aus einer Voreingenommenheit speist, vermutlich Voreingenommenheit, das kann nur albern sein was der Mann macht.

Bachmannpreis _ 2014 _ Preisträger*innen_von lnks: Michael Fehr (Kelag Preis), Getraud Klemm (BKS-Publikumspreis), Tex Rubinowitz (Bachmannpreis), Senthuran Varatharajah (3sat Preis), Katharina Gericke (Mr.Heyn`s Ernst Willner Preis)

Es ist die Zweigleisigkeit, die immer belächelt, nicht verstanden wird. Das ist wie bei Woody Allen, wenn er Klarinette spielt. Die Leute erwarten dann etwas Lustiges aber will sich nur der Schönheit der Klarinette, dieses Instrumentes hingeben. Einfach ein Teil der Musikgruppe sein und nicht der Witzbold. Die Leute können das nicht trennen.

Das Gute beim Bachmannpreis ist, dass es sieben Juror*innen sind. Sieben Meinungen und sieben verschiedene Zugänge zur Literatur. Das ist das Angenehme. Natürlich kann auch Eitelkeit in der Jury eine Rolle spielen, dass  man sein „Pferdchen“ durchbringen will, weil es das „Gspür“ für den Text hervorhebt.

Literatur ist im deutschsprachigen Raum enorm privilegiert, es gibt Literaturhäuser, Preise. Das ist weltweit einzigartig, unvergleichlich. Aber dem Buchmarkt ging es schon mal besser.

Als ich den Bachmannpreis 2014 gewann, bekam ich ca.40 Einladungen in Literaturhäuser in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Ich war andauernd auf Achse. Das ist natürlich eine wesentliche Einnahmequelle für Autor*innen. Deswegen ist/war die Corona Zeit auch so schlimm für Autor*innen, weil sie nicht touren können. Wie ja Musiker auch, die trifft es noch schlimmer.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Tex, alles Gute und viel Freude und Erfolg für Deine Literatur- und vielseitigen Kunstprojekte!

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Tex Rubinowitz – Wikipedia

Interview _Stadtpark Wien _Lockdown 4_21_und alle Fotos_Walter Pobaschnig _4_21 _ 7_14.

Walter Pobaschnig 6_21

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„Der Liebesbegriff bei Augustin“, „Rahel Varnhagen“ _ Hannah Arendt, Neuedition _ Piper Verlag

Es sind die radikalen Fragen nach Welt und Selbst, die bei dem Theologen „Kirchvater“ Augustin (354 – 430) begegnen. Wer bin ich? Wer war ich? Wer kann ich sein? Diese Grundfragen werden vor dem je persönlichem Hintergrund der Biografie gestellt. Welche Veränderung brauche ich, will ich, kann ich leisten? Und welche Rolle spielt dabei die Liebe als zentraler theologischer wie anthropologischer Ductus.

Die junge Philosophin und Theologin Hannah Arendt (1906 – 1975) nimmt 1929 diese theologische Thematik bei Augustin als Ausgangspunkt ihrer Dissertation bei Karl Jaspers auf. Es ist ein Thema, das auch die Zeit in ihren Herausforderungen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen bewegt. Der Prozess des Verfassens wird auch zu einem kritischen Dialog mit Ansätzen der Philosophie und formt die spätere so einfussreiche Schriftstellerin und Philosophin. Ich und Welt, Gesellschaft und Miteinander, Politik und Kritik werden zu Mittelpunkten ihres Schreibens. Augustin ist dabei ein Ausgangspunkt….

„Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin in der Romantik“ Hannah Arendt_ Neuedition _ Piper Verlag

Es ist das Zeitalter der Aufklärung, in das Rahel Varnhagen 1771 in Berlin geboren wird. Und es sind die Reflexionen und Inspirationen der Zeit, denen sich die aus einer jüdischen Familie stammende junge Frau zu stellen und die sie aufnimmt und je an ihrem Lebensort zu entwickeln und zu thematisieren sucht. Ein Weg zwischen Anspruch und Gesellschaft, Herausforderung und Widerstand tut sich auf und sie geht diesen Weg dennoch mit Konsquenz. Ein mutiges Frauenleben zwischen Gegenwart und Identität…

Hannah Arendt  widmet Rahel Varnhagen eine umfassende Studie, die zwischen 1931 und 1933 in Berlin entstand, also in einer Zeit größter politischer Veränderung und Radikalisierung. Eine Studie, die wegweisend ist.

„Hannah Arendt ist eine der wesentlichsten philosophischen, gesellschaftspolitischen Stimmen ihrer Zeit wie der Gegenwart“

Walter Pobaschnig 6_21

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„Wir haben Corona bekämpft und nun machen wir weiter wie zuvor“ Julia Weber, Schriftstellerin_ Zürich 21.6.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Oft erwache ich, weil mein kleines Kind an mein Bett kommt und meine Nase in den Mund nimmt. Oder aber ich höre es rufen, dann hebe ich es aus seinem Bett. Dann Kaffee, dann dem grösseren Kind sagen, es soll Zähne putzen, dann dem grösseren Kind nochmals sagen, es soll Zähne putzen, dann zuhören wie der Heinz (der Vater des Kinder) dem Kind sagt, es soll Zähneputzen, dann das Kind aus der Wohnung begleiten, dem Nachbarskind hallo sagen, dann vom Balkon winken, dann nochmals einen Kaffee trinken mit heinz und dem auf dem Teppich herumrollenden kleineren Kind, dann das kleinere Kind in die Kita bringen, dann zum See fahren, dort ins Atelier sitzen und schreiben. Dann schwimmen im See. Dann wieder Kaffee. Schreiben. Schreiben. Dann nachhause fahren, dann Abendessen mit Kindern und Erzählungen der Tage und Rufen und manchmal Tanzen, dann Kinder ins Bett und dann Wein trinken mit Heinz und über das Geschriebene oder die Kinder oder die Welt oder die Bewegungen reden.

Julia Weber, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerade fällt es mir schwer zu sagen, was wichtig ist, weil gestern hier, in der Schweiz etwas Wichtiges gewesen wäre.

Und es ist ja beinahe so, als wäre die Pandemie vorüber. Aber das ist sie nicht. Es hätte Chancen gegeben auf ein Umdenken, eine neue Umsicht, eine neue Betrachtung von Notwendigkeiten, von Vorsicht mit Menschen und Welt. Aber wir haben Corona bekämpft und nun machen wir weiter wie zuvor. Die Flugzeuge werden wieder fliegen, die Menschen wieder ihre Burnouts produzieren und das Geld wird fließen, Fleisch wir produziert, als hätte es nichts mit Lebewesen zu tun, die ein Anrecht auf ein gutes Leben haben.

Wir haben in der Schweiz gestern über ein Gesetz abgestimmt, dass den Co 2 Ausstoß reduzieren soll und das Volk hat dieses Gesetz abgelehnt. Ich weiß nicht, was los ist, was die Menschen denken, wo wir stehen, warum mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Menschen in diesem Land nicht begreift, dass der Klimawandel da ist. Vielleicht kann ich darum die Frage gerade nicht beantworten, was wichtig wäre. Was besonders wichtig gewesen wäre, wurde gestern abgelehnt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat für mich immer, in allen Zeiten, nach und vor und bei allen Aufbrüchen, aber vor allem in Zeiten des Schlafes, in die wir nun langsam wieder zurückkehren, die Aufgabe des Wachhaltens oder Wachrüttelns oder neu Erfindens, beweglich Bleibens.

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich drei Kameradinnen von Shida Bazyar fertig gelesen.

Und nun das alles hier, jetzt von Anna Stern angefangen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt so viele wichtige Impulse und wunderbare Zitate, die mir natürlich jetzt nicht einfallen, ach ich bin leider auch nicht besonders belesen. Ich glaube, ich will euch einfach diese zwei Bücher empfehlen, auch wenn ich das eine erst gerade angefangen habe. Sie stehen sehr gut neben nacheinander, das eine, drei Kameradinnen ist ein lautes Buch und es hat mich umhergeschleudert, ich musste in mich hineinhören, ehrlich sein, im eigenen Dunkel bewegen, still sein. Und das alles hier, jetzt ist leise und weich und bis jetzt auch eine reise in einen heilen Teil meiner eigenen Kindheit und in eine Trauer hinein.

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Weber, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Julia Weber (CH) – Bachmannpreis (orf.at)

Foto_Ayse Yavas

15.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sehr schade, dass ich weder die anderen Kandidat*innen noch die Jury persönlich treffen werde“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021_Salzburg 15.6.2021

Liebe Katharina, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Bachmannpreis!

Wo lebst Du und wie war Dein Weg zum Schreiben und als Schriftstellerin bisher?

Ich lebe mittlerweile wieder in Salzburg. Mein Weg zum Schreiben hat bereits in der Schulzeit begonnen, die Entscheidung, diesen Weg endgültig einzuschlagen fiel mit dem Erscheinen des ersten Romans „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste“ 2015 zusammen. In den Folgejahren hat mich einerseits das immer breitere Netzwerk in Wien gut unterstützt, insbesondere das Team vom Anno Literatursonntag und Anno Dialektdonnerstag, befreundete Kolleg*innen. Der nächste größere Schritt kam dann für mich mit zwei Stipendienaufenthalten, einmal in Hausach und einmal in Stuttgart. Da hatte ich schon das Gefühl, im eigenen Schreiben dazuzugewinnen. 

Katharina J.Ferner_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Wie kam es zu Deiner Teilnahme am Bachmannpreis 2021 und wie gehst Du jetzt innerlich darauf zu?

Das Einreichprozedere ist ja bekannt. Sehr schade finde ich, dass ich weder die anderen Kandidat*innen noch die Jury persönlich treffen werde. Aber ich bin immer noch euphorisch, wenn ich an den Anruf von Brigitte Schwens-Harrant denke.

Ich dachte allerdings, dass ich gerade an etwas arbeite, das sich für den Wettbewerb eigen könnte. Wenn man mitten in einem Romanprojekt steckt oder einem Poesieband, bleibt oft für andere Texte nicht die Zeit.

Innerlich bin ich vor allem gespannt. Es darf jetzt einfach losgehen!

Was war Dir bei Deiner aufgezeichnetem Lesung wichtig und wie bereitest Du Dich jetzt auf die digitalen Literaturtage vor?

Mir war wichtig, dass es trotzdem eine Art von Bühne gibt bzw. einen Raum, der dementsprechend einen Rahmen bietet und der nicht das eigene Wohnzimmer ist. Aufgezeichnet oder live – es ist immer noch eine Wettbewerbslesung. 

Heute habe ich das Stativ und die Kamera schon aufgebaut, ansonsten gehe ich es entspannt an. 

Wie gehst du mit Anspannung um?

Verschieden. Momentan draußen sein, Sport machen und manchmal das Telefon zuhause lassen.

Ich bitte Dich noch um ein Bachmannpreis -Achrostikon:

Bereisen

Anfänge

Charme

Herzensdichterin

Malina

Anrufung

Nostalgie

Neugierde

Puzzleteil

Runden

Eisschlecken

Interaktion

Sommer

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Katharina, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Katharina J.Ferner_ Schriftstellerin_Salzburg.

Katharina J. Ferner (A) – Bachmannpreis (orf.at)

Foto_Mark Daniel Prohaska

Interview_online_Walter Pobaschnig _ 6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein?“ Eva Pereira, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 15.6.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag startet für gewöhnlich mit einem Kaffee mit meinem Mann. Die Kinder sind jetzt 17 und 14 und wechselweise noch im Homeschooling. Gegen 8 Uhr fahre ich in mein Büro an der Freiburger Uni oder bleibe zuhause im Homeoffice. Nachmittags beginnt die Arbeit an eigenen Projekten, das sind z.B. Übersetzungs- oder Lektoratsaufträge. Außerdem arbeite ich jeden Tag einige Stunden an meiner Lyrik. Vor Corona bin ich begeistert zum Tangotanzen gegangen, seit Beginn der Pandemie schreibe ich stattdessen mehr. Ansonsten kümmere ich mich um den Haushalt, bin für die Familie da, lese, gehe biken, übe Geige oder treffe Freund*innen zum Spazierengehen. Der Austausch – auch über soziale Medien – mit anderen ist wichtiger denn je; das Gefühl, trotz Corona-Einsamkeit irgendwie mit der Welt verbunden zu sein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ausgediente Muster zu überdenken. Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein? Ich denke, wir brauchen in diesen unsicheren Zeiten mehr Liebe und Verständnis füreinander sowie generell einen zärtlicheren Umgang mit Menschen, Tieren und der Natur. Es ist wichtig, sich selbst und anderen täglich Schönes ans Herz zu legen, in welcher Form auch immer: ein Lächeln, eine nette Geste, mitfühlende Worte. Proaktiv und empathisch auf andere zugehen. Da äußere Ablenkung und Unterhaltung seit einem Jahr nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, kann es hilfreich sein, den persönlichen Fokus neu auszurichten: Vielleicht lassen sich im kleineren Radius neue, bisher unbekannte Kraft- und Inspirationsquellen finden, um so vom Außen unabhängiger zu sein und insgesamt gelassener durch die Krise zu kommen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vielen von uns ist spätestens mit Beginn der Pandemie bewusst geworden, wie elementar wichtig Kunst – und zwar in jeder Form – für unsere Gesellschaft ist. Kunst kann erden, verstören, trösten. Sie kann helfen, im Chaos eine Ordnung zu erkennen und Hoffnung geben. Als Konsequenz der äußeren Beschränkungen hat sich die Kunst im vergangenen Jahr neue Wege gebahnt. Die Literaturszene hat z.B. im Internet neue digitale Formate und Vernetzungsmöglichkeiten entstehen lassen, eine Art virtuelle Salons. Auf Instagram gibt es einen spannenden Austausch unter Lyrikschaffenden. Literatur lässt sich nicht in Schranken weisen, schon gar nicht in Zeiten existenzieller Krisen. Viele Schriftsteller*innen haben im vergangenen Jahr mehr Zeit und Muße gehabt, um zu schreiben, anderen haben Inspiration und Impulse von außen gefehlt. Ich wünsche uns allen gutes Durchhalten und hoffe, dass wir einander bald wieder bei echten Kulturveranstaltungen begegnen und rauschende Feste feiern können.

Was liest Du derzeit?

„Eine Frau“ von Annie Ernaux und „Feuer bin ich in der Ferne“ von Gioconda Belli.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„You have to go the way your blood beats. If you don’t live the only life you have, you won’t live some other life, you won’t live any life at all.“

(James Baldwin)

„I’m terrified of passive aquiescence. I live in intensity.“

(Virginia Woolf)

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Pereira, Schriftstellerin

Foto_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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