„Romy Schneider hat für ihren Beruf gelebt“ Miriam Fontaine, Schauspielerin_40.Todesjahr_Romy Schneider _ Wien 30.1.2022

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

Liebe Miriam, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?

Ich war immer verzaubert und fasziniert von Romy Schneider. Als Kind von ihr in den Sissi Filmen, denn, das muss ich an der Stelle unbedingt hervorheben: Auch wenn das purer Kitsch war und obwohl sie Zeit ihres Lebens versucht hat sich von Sissi zu befreien, was ja auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass die Leute einfach nicht begriffen haben, dass Romy Schneider nicht diese Rolle ist – sie war darin absolut hinreißend.

Dann habe ich ihre späteren Filme entdeckt, da wurde es richtig interessant – das war schauspielerisch natürlich nochmal eine ganz andere Ebene.

Ich habe viel über sie und ihr Leben gelesen und schaue mir sehr gerne Fotografien von Romy Schneider an.

Besonders gerne mag ich den Fotoessay von Will McBride. Ich liebe einfach dieses Gesicht, man kann so viel darin lesen.

Ich bin seit jeher voller Bewunderung für diese große Schauspielerin.

Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?

Es gibt so viele tolle Romy Schneider Filme, aber um hier einen zu nennen: besonders gerne mag ich „Les Choses de la Vie“ von Claude Sautet.

Generell finde ich Geschichten interessant, die das Leben schreibt- so gibt es ja auch oft diese Dreierkonstellationen. Natürlich – es ist ein Drama aber ich finde, es braucht keine großen Effekte oder spektakulären Fantasiegeschichten.

Am interessantesten ist es doch immer noch Menschen zu sehen, die etwas erzählen und einen berühren.

Romy Schneider und Michel Piccoli sind einfach umwerfend zusammen als Paar. Der Film hat so etwas Pures und so eine Ästhetik, das finde ich fantastisch.

Wie ein Gemälde aber überhaupt nicht statisch, das hat primär mit Romy Schneider, ihrer ungeheuren Präsenz, ihrem Spiel zu tun.

Dazu das von ihr gesungene Chanson d´Hélène. Diese Melancholie, dieser Schmerz. Für mich ist „Les Choses de la Vie“ ein klassischer „Romy Schneider – Film“.

Dieses Unaufgeregte, das man ja von früheren Filmen kennt, nicht viel Tamtam, einfach ein Gesicht, eine Aktion, eine Reaktion, ein Blick. Auch mag ich persönlich Rückblenden als Erzählform sehr gerne.

Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?

Es erscheint mir anmaßend mich hinsichtlich Romy Schneiders Spannungsverhältnis von Leben und Beruf zu äußern.

Generell würde ich sagen, dass die Grenzen natürlich leicht verschwimmen. Man geht nicht nach acht Stunden nachhause und lässt den Job vor der Tür.

Abgesehen davon, dass es ja kaum diese geregelten Arbeitszeiten gibt, gehört ja beispielsweise Recherche, Rollenarbeit, etc. genauso dazu wie das Spielen an sich. Wo beginnt da der Beruf und wo hört er auf? Ganz zu schweigen vom emotionalen und psychischen Aspekt. Das frage ich mich wirklich sehr häufig. Neben administrativen und organisatorischen Dingen oder auch Marketing, das gehört ja alles dazu, muss man sich ständig mit sich auseinandersetzen.

Es ist permanente Arbeit an und im besten Fall auch für sich. Dass man da Privates, Persönliches einfließen lässt, lässt sich ja gar nicht vermeiden bzw.dass man viel auch mit ins private Leben (auf)nimmt ist nicht verwunderlich.

Man muss halt gut auf sich aufpassen, achtsam sein, seine Grenzen wahren, auf Ausgleich achten. Ich persönlich neige dazu mich, v.A. emotional, zu verausgaben. Diese Gefahr besteht in dem Beruf natürlich sehr.

Und ich denke, es ist auch eine Typfrage – manche können Privatleben und Beruf eher trennen, bei anderen verwischen sich die Grenzen.

Bei Romy Schneider trifft wohl letzteres eher zu. Aber sie hat ja auch für ihren Beruf gelebt. Wenn man mit Leib und Seele dabei ist lässt sich das wohl gar nicht vermeiden.

Ihre Großmutter, Rosa Albach-Retty, hat es ja ziemlich treffend auf den Punkt gebracht: „Wer sich so hemmungslos von seinen Emotionen, Leidenschaften und Begierden treiben lässt, denkt sicher nicht daran, dass eine Kerze, die man an zwei Enden anzündet, auch schneller verbrennt.“

Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?

Der Beruf birgt ein enormes Entwicklungspotenzial. Klar – man ist ja ständig in Situationen, die einen herausfordern, einen aus der Komfortzone holen.

Man kommt gar nicht drumrum als sich mit sich, inneren Prozessen und dem Leben auseinanderzusetzen.

Das ist quasi der Bonus, den man zusätzlich bekommt und gleichzeitig Voraussetzung – ein großes Geschenk.

Was kann eine junge Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?

Die Liebe und Passion für den Beruf hat man oder nicht.

Inspirierend an Romy Schneider finde ich ihre Einstellung zum Beruf, den Wunsch sich weiterzuentwickeln, weiterzukommen, Verschiedenes, auch Schwieriges, auszuprobieren.

Sie hat französisch so gut gelernt, dass sie in Frankreich drehen konnte. Meines Wissens hatte sie auch eine große Liebe zum Theater und einen Riesenrespekt davor, wohl auch verbunden mit großen Ängsten und Nervosität. Sie hat sich dem gestellt und auch Theater gespielt.- auch auf französisch wohlgemerkt.

Darüberhinaus hat sie ja auch wirklich schwierige Rollen angenommen, die sicherlich sehr an die Substanz gingen und oft auch sehr nah an ihr als Person und ihrem Schicksal waren. Da ist natürlich wieder die Frage, ist das noch gesund?

Wo ist die Grenze zwischen Engagement, Hingabe und Selbstzerstörung?

Aber prinzipiell finde ich es sehr bewunderswert und inspirierend, dass sie sich so viel getraut hat, so mutig war und sich nicht mit dem, das am einfachsten funktioniert hat, zufrieden gegeben hat.

Und mit welcher Intensität sie ihre Rollen gespielt hat. Das begeistert mich sehr.

Man glaubt ihr alles, man fühlt alles.

In ihrem Gesicht, in ihren Augen – da ist alles da.

Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?

Ich weiß nicht, typisch wienerisch würde ich nicht sagen. Aber ich finde sie klingt teilweise nach Wien.

Obwohl sie natürlich wunderschön gesprochen hat, manchmal kann man etwas Wienerisches durchhören. Das ist aber mehr ein Gefühl als tatsächlich akustisch wahrnehmbar.

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach ZuHause, den Wurzeln, dem Papa, der Großmutter,…

Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?

Ich liebe Wien und schätze mich glücklich hier leben zu können.

Es ist einfach eine wunderbare Stadt, ich wurde hier geboren, hab die meiste Zeit meines Lebens hier gelebt und bin insofern natürlich sehr mit der Stadt verbunden.

Die Lebensqualität ist unschlagbar, es gibt das Urbane und die Natur, gutes Wasser (sehr wichtig!) und diesen historischen Kern. Ich genieße es in einer geschichtsträchtigen Umgebung zu sein, in der man spürt, dass sich hier viel ereignet hat – das ist in Wien zweifelsfrei der Fall.

Von Würstelstand – und Beiselkultur über K.u.K-Vergangenheit, Moderne Architektur, Wiener Schmäh,…dieses bunte Potpourrie ist einmalig. Zwar bin ich auch immer wieder an dem Punkt, wo ich mal hier raus muss, manchmal geht mir dieser Wiener Grant ziemlich auf die Nerven aber ich komme immer wieder gerne zurück nachHause.

Ich habe in Wien bisher auch die meisten meiner Jobs gemacht bzw. Engagements gehabt, die Szene ist im Vergleich zu anderen Städten eher klein, was ich meist mag.

Ich habe eine Zeit lang in New York gelebt und da ist man erstmal wirklich nur eine Nummer, es ist ungeheuer schwer sich in einer solchen Umgebung zurechtzufinden, zu connecten, geschweige denn sich einen Namen zu machen. Ich finde Wien hat eine feine und vielseitige Theaterlandschaft und auch der Film hier hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und auch international einen bemerkenswerten Platz eingenommen.

Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?

Die Szene hier ist überschaubar, das hat Vor – und Nachteile: zwar kann man sich relativ rasch vernetzen und Kontakte knüpfen andererseits gibt es einfach unglaubliche viele SchauspielerInnen – überall – auch in Wien und Österreich. Prinzipiell glaube ich, dass es hierzulande definitiv gute Ausbildungsmöglichkeiten und Lehrkräfte auf dem Gebiet gibt.

Ich habe das Gefühl, dass, v.A. in Österreich, immer EIN Typ gefragt ist. Das wechselt zwar alle paar Jahre, aber da fände ich es sehr schön, wenn es etwas mehr Diversität gäbe. Und das ist eigentlich sehr interessant, weil ja seit einiger Zeit ganz viel bezüglich Offenheit und Diversität gepredigt wird aber tatsächlich immer sehr ähnliche Typen zu sehen sind.

Es hängt also von verschiedenen Faktoren ab, abgesehen von Talent und der Bereitschaft hart zu arbeiten braucht man natürlich Glück und die „richtige Zeit“. Da Österreich aber ja ein sehr priviligiertes Land ist sind hier die Möglichkeiten prinzipiell gut, in vielen Bereichen, auch in diesem Beruf.

Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?

Generell wünsche ich mir, dass es mehr Bewusstsein dafür gibt, was dieser Beruf erfordert. Hierfür finde ich das Bild des Eisbergs immer sehr passend: die Spitze ist der Erfolg, der Glanz und Glamour. Unter der Oberfläche, und das ist der Großteil, sind Zurückweisung, Unsicherheit, (Selbst)zweifel, (mitunter Existenz)ängste, harte Arbeit, Blut, Schweiß, Tränen, oft ein Gefühl des Ausgebranntseins, viel Training, Übung, Weiterbildung, schlaflose Nächte, oft umfangreiche Vorbereitung für einen Job, den man nicht bekommt,…

Ich habe so oft das Gefühl, dass Leute dazu überhaupt keinen Zugang haben. Die, die sich für dieses Metier nicht interessieren, sowieso nicht, das ist ja auch in Ordnung. Aber auch viele Kunst – und Kulturinteressierte, die vielleicht ein Abo für die Burg oder die Oper haben, haben ja meist keine Ahnung, was da so alles dazugehört.

Oder in den Medien wird höchstens von irgendwelchen Premieren berichtet, das soll natürlich auch so bleiben, aber warum nicht mal näher hinschauen? Warum nicht mal SchauspielstudentInnen zeigen, die erst ganz am Anfang stehen? Das finde ich hier in Österreich immer ein bisschen schwierig, dass man zwar so stolz ist auf die Kultur – und Kunstszene und sie so gerne vorzeigt aber dem, was es braucht, sodass sie so lebendig ist, der Weg dahin und das ganze Drumherum, dem wird kaum Beachtung geschenkt.

Für mich persönlich wünsche ich mir immer interessante, vielschichtige Rollen- vor Allem im Film aber gerne auch auf der Bühne sowie mit inspirierenden Menschen arbeiten zu können.

Wenn dann auch noch die Chemie mit KollegInnen und Regie stimmt und man beim Arbeiten ganz frei sein kann ist das überhaupt der Jackpot.

Und dass es mir gelingt noch besser mit meinen Energien haushalten zu können. Ich arbeite dran.

Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?

Es fühlt sich seltsam an, hier Ratschläge an StudentInnen zu vergeben, wo ich doch selber auf der Reise und oft auf der Suche bin. Ich bin 33, klar, ich habe schon Erfahrungen gemacht aber da können andere KollegInnen bestimmt nützlichere und umfangreichere Tipps geben. Aber wenn es Eines gibt, das ich diesbezüglich sagen kann, ist es: vorausgesetzt es ist für einen absolut klar diesen Weg gehen zu wollen, zu müssen, dann diesen mit ruhiger Kraft und Beharrlichkeit zu gehen.

Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?

Oh, da gibt es so vieles und nicht nur eine konkrete Frage.

Am liebsten würde ich mit ihr feiern gehen – trinken und ganz ausgelassen und frei tanzen, das stelle ich mir schön vor.

Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?

Radikal

Obsessiv

Mysteriös

Youthful (Gilt das?)

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Miriam, für Deine Zeit in Wort und szenischem Porträt! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

http://www.miriamfontaine.com/miriam_fontaine/welcome.html

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Hotel am Stephansplatz_Wien _ 14.1.2022

https://hotelamstephansplatz.at/

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 1_22

„Ich wünsche mir eine baldige Überwindung des „Produktionsstaus“ der Theater“ Nikolaij Janocha, Schauspieler _ Berlin 29.1.2022

Lieber Nikolaij, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich gerade keine Proben oder einen Dreh habe: Aufstehen gegen 9:00, Kaffee bei einer kleinen Runde vor meiner Nintendo Switch (mein ältestes Hobby – thank you, Mario), danach Mails beantworten etc. – “Bürokram” halt. Derzeit bin ich am Text wiederholen für eine anstehende Tournee mit dem Stück „Amadeus“ im Februar und März. Dann zweiter Kaffee. Wenn ich mich überwinde eine runde Joggen (gerade läufts gut, Notiz an mich selbst:weiter so!).Im Anschluss vielleicht ein Spaziergang durch Berlin, Einkauf fürs Abendessen und kochen – Die Pandemie mit der vielen Zeit zu Hause hat meine Kochkünste stark verbessert zum Glück. Abends hau ich mir dann wie viele irgendeine Serie oder nen guten Film rein (zuletzt begeistert hat mich “Atlanta” von und mit Donald Glover).

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kontakt halten mit Freund*innen (auch über die Distanz), solidarisch bleiben, nicht grantig werden und geht’s impfen, herrje!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Für mich persönlich ist Theater Lebensunterhalt, also hoffe ich natürlich auf wenig Absagen dieses Jahr – und dass das neue Stück unseres freien Theaters “Theater Grand Guignol”, was wir im Herbst aufführen wollen, üppig gefördert wird. Insgesamt wünsche ich mir eine baldige Überwindung des „Produktionsstaus“ der Theater (weil so viel abgesagt werden musste wird nun vielerorts das gespielt was schon seit einiger Zeit “fertig” geprobt ist – darum gibt es weniger neue Produktionen und deshalb auch weniger Rollen zu besetzen für uns freie Schauspieler*innen). Für die Gesellschaft insgesamt hoffe ich, dass bald wieder jede Art von Kultur des gemeinsamen Erlebens – also Theater, Konzert, Museum, Tanz wie auch das kleine Livekonzert im Pub oder die Clubnacht am Wochenende sicher und ohne Bedenken möglich sind, das bringt uns Menschen einfach zusammen und ohne diesen Austausch wird man langsam aber sicher irre.

Das muss also bitte nicht heißen, dass nun alle Theater thematisch die Pandemie beackern müssen – ich glaube, das schwingt eh mit in der Arbeit – denn, dass ein geniales Theaterstück die Gesellschaft retten wird, glaub ich eher nicht. Aber, dass die Menschen wieder Lust aufs Gemeinsame haben, das glaube ich schon. Da sollten die Theater die Türen öffnen und Abende zeigen, die zum Austausch einladen.

Was liest Du derzeit?

„Mit Elfriede durch die Hölle“ von Katharina Tiwald – da erlebt Elfriede Jelinek eine absurde Reise zum Flughafen Schwechat wie in Dante Aligheris „Inferno“ mit bekannten Zeitgenoss*innen Österreichischer und internationaler Prominenz als gequälte Seelen, Teufel, Erzengerl – herrlich seltsam zu schmökern.

Außerdem habe ich wieder den Sci-Fi-Meilenstein „Snow Crash“ von Neal Stephenson angefangen, da gibt es statt Staaten nur mehr sich bekriegende Großkonzerne und mittendrin coole Held*innen  die gegen einen üblen (Computer-)Virus kämpfen – aus dem Buch stammen die Begriffe „Metaverse“ und „Avatar“ für unser virtuelles Alter-Ego – also mal wieder überprüfen wie weit die Realität noch davon entfernt ist!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Wer zu enge Hosen kauft, hat noch Hoffnung.” – Anna-Sophie Fritz    

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Nikolaij, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Fotos_1 u. 4 Lena Meyer; 2 Nikolaij Janocha in “Dickhäuter”, Salzburger Festspiele, 2021, Foto_Erika Mayer; 3 Nikolaij Janocha in WASTED, Werk X Petersplatz, Wien 2019, Foto_Alex Gotter.

Künstlerbio Nikolaij Janocha:

Nikolaij Janocha absolvierte sein Schauspielstudium an der Universität Mozarteum in Salzburg.Erste Hauptrollen (Mephisto in “Faust I”, Ariel in “Der Sturm”, Jean in “Fräulein Julie”) spielte er am Zimmertheater Rottweil und war danach von 2014-2016 Ensemblemitglied am Jungen Staatstheater Braunschweig:Dort war er an erfolgreichen Produktionen mit Regisseur*innen wie Juliane Kann (“Das Tierreich”), Mareike Mikat (“Léonce und Lena”, ausgezeichnet am Hart am Wind – Festival 2015) und Martin Grünheit (“35 Kilo Hoffnung”) beteiligt.

Seit 2017 ist er freischaffend tätig und war in Wien am Werk X – Eldorado in der Uraufführung „Mutterseele“ von Thomas Perle zu sehen.Danach gastierte er für zwei Stücke am Schweizer Theater Kanton Zürich: “Die Schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf (Regie: Elias Perrig) sowie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (R:Johanna Böckli).

Seit 2018 steht Janocha immer wieder an den Schauspielbühnen Stuttgart auf der Bühne: Zunächst in “Willkommen” von Lutz Hübner und Sarah Nemitz (R:Schirin Khodadadian), 2019 in “Zwei Tauben für Aschenputtel” (R:Catja Baumann) und zuletzt 2021 als Venticello in ”Amadeus” (R:Udo Schürmer).

Mit dem Morosis.Kollektiv realisierte er 2019 die Österreichische Erstaufführung von “WASTED”(Kate Tempest) in Wien.Nikolaij Janocha lebt in Berlin und ist Mitglied der Theatergruppe THEATER GRAND GUIGNOL mit bisher drei Uraufführungen in Braunschweig, das Stück “Ein Leben lang kurze Hosen tragen” war 2020 beim Festival BEST OFF nominiert.

Instagram: @nikolaijjanocha

25.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es muss ein echter politischer Diskurs stattfinden“ Daniela Dett, Schauspielerin _ Linz 28.1.2022

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der privilegierten Situation durch die Anstellung am Musiktheater Linz auch einen geregelten beruflichen Alltag zu haben. Ein Tag, wenn es nicht gerade ein Sonntag ist, sieht ungefähr so aus: So  gegen 7:30 stehe ich auf und beginne mit Kneipp-Dusche, Kaffee und ein paar Sonnengrüßen den Tag. Von 10 bis 13:45 probe ich das Stück „Titanic“. Nachmittag ist Freizeit, in der ich aber zumeist an anderen Projekten arbeite. Abends ist entweder von 19 bis 22 Uhr erneut Probe oder ich sitze ab 17:30 in der Maske für eine Vorstellung von „Wie im Himmel“ oder „Priscilla“. Um ca. 22 Uhr wird geduscht und abgeschminkt und dann gehts aufgrund der Ausgangsbeschränkung leider sofort ab nach Hause.

Daniela Dett _ Schauspielerin, Sängerin,
Gesangspädagogin, Sprecherin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir wieder zueinander finden. Die einzige Chance für eine Gesellschaft ist ein respektvolles Miteinander. Bewusstes aufeinander Zugehen anstatt auszugrenzen, einen Dialog mit anders Denkenden führen und das Verbindende, nicht das Trennende suchen. Wir stecken schließlich alle da mit drin und haben die selben oder zumindest ähnliche Ängste, Zweifel und Fragen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu? 

Ein kleiner Virus schafft es, eine vermeintlich hochentwickelte Zivilisation lahmzulegen und Gräben durch die Gesellschaft zu treiben. Unser Lebensstil hat uns in vielen Bereichen in eine Sackgasse geführt und wird uns weiter gegen die Wand drücken, wenn wir nicht grundlegend umdenken. Kleine Adaptionen/Anpassungen und halbherziges Handeln zur Gewissensberuhigung reichen nicht mehr aus, es muß ein echter politischer Diskurs über Lösungen für das Gesamtwohl der Bevölkerung und die Erhaltung unseres Lebensraumes stattfinden, nicht dieses verantwortungsscheue, inhaltslose und bloß auf Wahlergebnisse abzielende Geschwafel der handelnden PolitikerInnen. Jeder und jede Einzelne hat die Wahl, das eigene Denken und Tun zu hinterfragen und neue Wege zu gehen.

An erster Stelle stehen klarerweise die offensichtlichen (und immens wichtigen) Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber ich denke dass sich daneben auch aus Überlegungen zu viel persönlicheren Aspekten eine bessere neue Normalität konstruieren lässt.

Ich persönlich habe meine Prioritäten neu geordnet, Begriffe wie Freiheit, Solidarität, Eigenverantwortung und Selbsthilfe neu definiert und mein Konsumverhalten überlegter und nachhaltiger gestaltet. Ich bin voller Hoffnung, dass mir und den Mitmenschen der Ernst der Lage bewusst ist und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten künftig Verantwortung übernehmen wird.

Die Rolle der Kunst ist und bleibt eine Entscheidende. Wir brauchen sie zum Leben. Sie kann uns Menschen eine Stütze und Reibungsfläche zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit sein, öffnet Horizonte, ist spannend, vielfältig, macht nachdenklich und schenkt Freude. Sie hilft uns dabei, nicht im Alltagstrott zu ersticken und bietet uns die Freiheit, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entdecken. Sie schafft Identität und Verbundenheit. Richard von Weizsäcker hat es auf den Punkt gebracht: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Was liest Du derzeit?

Derzeit liegen zwei Bücher auf meinem Nachtkästchen: Zum einen „Die Letzte Nacht der Titanic“ von Walter Lord und zum anderen der großartige Roman „Schöne Ungeheuer“ von Wilfried Steiner (offizieller Erscheinungstermin 14. März)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber!

Vielen Dank für das Interview, liebe Daniela! Viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Daniela Dett, Schauspielerin, Sängerin, Gesangspädagogin, Sprecherin

Foto_Klaus Huemer

15.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Salonfähig“ Elias Hirschl. Roman. Zsolnay Verlag.

Jetzt ist es zu Ende. Alles liegt jetzt auf dem Tisch. Herz, Milz, Leber, Hoden. Alles was drin ist, drin war. Ärzte öffnen den Körper und legen alles in silbernen Metallschalen ab. Das sieht spannend aus, denkt er sich und sieht sich alles an. Dann steht er auf und geht…

Es war ein Traum.

Und der wird gleich notiert. Denn das sagt Julius und auch die Rhetoriktrainern. Dann wird es so gemacht. So wie es Julius macht.

Wie Julius sein. Reden und beobachten wie. Das ist alles. Täglich. Der Spiegel ist ein gutes Mittel dazu. Und etwas für Julius tun dürfen. Etwa die Blumen gießen. Zelebrieren.

Und es geht weiter und weiter. Bis alles am Tisch liegt. Ausgeweidet. Das Innere und Äußere…bis es endet….

Der Wiener Schriftsteller und Musiker, Elias Hirschl, legt mit „Salonfähig“ einen fulminanten Roman vor, der in mitreißendem Sprach- und Erzählstil moderne Typologien von Identität als inhaltsleeres gesellschaftliches Erfolgsmodell bloßstellt und gleichsam zerfetzt. Wirkung als Authentizität, Skrupellosigkeit als Lebenskonzept, Sinnentleerung und Gefühlsabstumpfung als Erfolgskriterium werden im genialen literarischen Kunstgriff entlarvt.

Exemplarisch wird die Wertfreiheit gesellschaftlicher „Aufsteigerbiographien“ seit den 1980er Jahren beschreiben, die vorwiegend von jungen, erfolgreichen Menschen geprägt war, die sich in Managementpositionen wie in politischen Schlüsselpositionen etablierten. Erfolg als Inhalt und Ziel. Die Kunst des Scheins und die Kunst dies zu leben, lieben, zelebrieren zu wollen, finden im Roman ein einmaliges sprachliches Grab- wie Denkmal.

„Ein geniales literarisches Requiem einer politischen Gesellschaftsepoche“

Walter Pobaschnig 1_22

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„Dass wir das scheinbar Normale und Alltägliche wieder mehr wertschätzen“ Tobias Sommer, Schriftsteller _ Bad Segeberg 26.1.2022

Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Autor ist man ja ständig im Homeoffice. Schon vor der Pandemie war das Schreiben eine Tätigkeit, die ich eher alleine für mich in meinem heimischen Büro gemacht habe. Mit der Coronazeit ist auch mein Brotberuf (der nichts wirklich Literarisches fordert) in die eigenen vier Wände gerückt. So vermischen sich diese beiden Tätigkeiten und ich versuche, einen Tagesablauf zu finden, der diese trennt. Und vielleicht ist aus diesem Grund mein Tagesablauf mit Familie, Brotberuf, Haushalt und Schreiben nun etwas strukturierter.  

Tobias Sommer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Immer wieder hört man den Wunsch nach „Mehr Normalität“. Vielleicht ist das ein kleiner positiver Aspekt in dieser Zeit. Dass wir das scheinbar Normale und Alltägliche wieder mehr wertschätzen.

Bei dem riesigen Überangebot an Möglichkeiten wusste man häufig das Einzelne nicht mehr zu schätzen. Heute ist eine Lesung, ein Kinoabend oder der Museumsbesuch etwas Besonderes, auf das man sich freut, das man bewusst wahrnimmt und genießt. Es wäre schön, wenn wir uns dieses Gefühl bewahren, daran zurückdenken, wenn die Terminkalender und Eventhallen wieder voll sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Möglichweise genau die oben beschriebene Wertschätzung.

Ich glaube, besonders die Literatur/Kunst, die erst in 10-20 Jahren entsteht und die sich dann ausgiebig mit dieser Pandemie beschäftigt, wird wirklich interessant, denn sie wird zeigen, ob und was wir aus dieser Zeit gelernt und mitgenommen haben.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Es gibt einen Stapel mit Büchern, die ich als Autor lese, weil ich sie für neue Projekte brauche. Und es gibt natürlich einen Stapel (eher Berg) mit Büchern, die ich als Leser lese.

Als Autor lese ich gerade Kafkas „Amerika“ und als Leser „Ruthchen schläft“ von Kerstin Campell. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schwierig. Vielleicht ein Zitat von einem meiner Lieblingsautoren, von Hans Erich Nossack:

„Was sich nicht träumen lässt, hat keine Wirklichkeit.“

Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Tobias Sommer, Schriftsteller

Foto_Juliane Hesse.

3.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Rom brennt!“ Nero und das Ende einer Epoche, Anthony A.Barrett _ wbg Verlag


Es ist ein dramatisches Ereignis, das nicht nur in der Weltgeschichte der Antike
zentral ist, sondern weit darüber hinausgeht – der Brand Roms zur
Regierungszeit des Kaisers Nero (37-68).

Bilder der Kunstgeschichte davon begleiten dabei bis in die Gegenwart. Etwa
der Lyra spielende Kaiser dargestellt von Peter Ustinov im Film „Quo vadis?“
(1951). Ustinov wurde dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für den
Oscar nominiert. Das Bild des Kaisers als skrupelloser selbstverliebter Tyrann
prägte auch nachfolgende Zugänge zu Leben, Werk und Bild Neros. Und diese
bilden bis heute wesentlich einen Archetypos, der viel über Mensch und Zeit
aussagt…aber welche Zeit?

Anthony A.Barrett, Professor Emeritus an der University of British Columbia
und Gastprofessor an der Universität Heidelberg, legt nun ein umfassendes
Porträt der antiken Welt Roms zur Zeit Neros wie neue Zugänge zu Leben und
Herrschaft des Kaisers vor.

Dabei nimmt der renommierte Wissenschaftler die historische Quellenlage
genau in den Blick wie auch die weiterführende Wirkungsgeschichte. Es werden
gleichsam die Schablonen von Überlieferung und Interpretation verglichen und
einer kritischen Überprüfung unterzogen. Es entsteht so ein umfassendes Bild
von Zeit und Leben, das so manche Überraschungen bietet und viele Impulse
kritischer Geschichtsbetrachtung bietet.


Geschichte gleichsam als kritische, spannende Detektivarbeit“

Walter Pobaschnig 1_22

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„Kunst vermag zu trösten“ Ruth Brauner, Bildende Künstlerin_Niederösterreich 25.1.2022

Liebe Ruth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich musste mich im letzten Jahr oft zusammenreißen und mich selbst daran erinnern, dass die täglichen Zeiten für meine künstlerische Arbeit nicht in Vergessenheit geraten. Die ständigen Wechsel zwischen Präsenz- und Online, muss ich zugeben, zehren an mir. Ich versuche das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen.
An zwei bis vier Tagen die Woche arbeite ich an der Musik- und Kunstschule im Bezirk Mödling. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen tut mir gut und bietet mir neben meiner eigenen Atelierarbeit Inspiration und Ablenkung.
In den letzten Monaten habe ich auch so oft als möglich Ausstellungen besucht, auch ein Theaterbesuch ist sich noch ausgegangen. Durch die Einschränkungen der letzten beiden Jahre ist mir einmal mehr bewusst geworden, welchen unglaublichen Reichtum an Möglichkeiten wir üblicherweise haben.
Und last but not least nehmen eine prominente Stelle in meinem Tagesablauf mein Partner und meine Kinder ein. Wir kochen und essen beispielsweise gemeinsam. Ich bin sehr dankbar, gerade in wiederkehrenden Lockdownzeiten, dass ich das Privileg dieser Familiensituation genießen darf.

Ruth Brauner, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit. Für mich scheint das die zurzeit wichtigste Eigenschaft zu sein.
Ich habe einmal eine Dokumentation über Angela Merkel gesehen, laut der sie zuerst mal ihren wöchentlichen Saunabesuch wahrnahm, als ihr 1989 die Nachricht von der Erstürmung und dem Fall der Mauer zu Ohren kam. Das hat mich schwer beeindruckt und ich hoffe, dass ich mich in Situationen, die mich bedrängen, daran erinnern werde, um besonnene Entscheidungen treffen zu können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst kann einerseits über schwierige Zeiten hinweghelfen und vermag den/die Einzelne zu trösten. Andererseits kann Kunst auch neue Wege eröffnen, wenn die alten Wege überholt scheinen, sie kann auch dazu beitragen nach Niederlagen aufzustehen und neu anzufangen. Kunst beinhaltet und verträgt es zu scheitern und immer wieder von Neuem zu beginnen.

Was liest Du derzeit?

Siri Hustvedt, eine Autorin, die mich seit vielen Jahren begleitet. Ich liebe ihre Romane wie auch ihre Essays. In und mit ihnen fühle ich mich aufgehoben, verstanden und getröstet.
Außerdem lese ich gerade den Roman „Die Gastgeberin“ von Karin Ivancsics, einer österreichischen Schriftstellerin, die ich vor zwei Wochen durch Zufall bei einer Lesung in meiner Lieblingsgalerie kunstraumARCADE in Mödling, Nö kennengelernt habe. Der Roman handelt von einer Künstlerin, die mit „ihren Verstorbenen“ in Gesprächen und Diskussionen Zwiesprache hält.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es kommt eh, wie´s kommen muss und so kommt es dann auch, meistens jedenfalls.“ Das ist sinngemäß ein Zitat aus „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson, an den genauen Wortlaut kann ich mich leider nicht erinnern. Dieses Buch kann ich aber jeder/m empfehlen. Humor ist eine Eigenschaft, die ebenfalls über schwierige Zeiten hinweghelfen kann und Humor kommt in diesem Buch nicht zu kurz.

Vielen Dank für das Interview liebe Ruth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ruth Brauner, Bildende Künstlerin

www.ruthbrauner.at

Fotos_F.Jana Madzigon

24.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Romy spielt sich frei“ Günter Krenn, Molden Verlag

Es ist ein Leben im Rampenlicht, das auch abseits der Filmscheinwerfer nicht erlischt. Alles ist im Bild. Jede Drehpause in jungen Jahren. Jeder Schritt. Da gibt es keinen Winkel im Schatten, in dem es sich zu sich finden lässt…

Da ist die Großmutter, der Vater, die Mutter und die große Tradition des Theaters, des Schauspiels. Vom Hoftheater des Kaisers bis in die Dunkelheit der 1930/40er Jahre. The show must go on. Das Bühnenlicht zählt mehr als alles. Auch jetzt für ein junges Leben…

Und dann so schnell selbst auf Filmplakaten, Titelseiten, Fotos da und dort. Da bleibt keine Zeit um lange in den Spiegel zu blicken…wer bin ich? Es geht weiter und weiter. Schneller und schneller. Die Filmrolle, das Leben, die Liebe…und der Tod…

„Es gibt nur ein Leben, und ich will es leben“ Romy Schneider, 1977

Günter Krenn, Philosoph, Theaterwissenschaftler und Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums sowie mehrfach ausgezeichneter Autor, legt mit „Romy spielt sich frei“ eine beeindruckende Biographie der Künstler*innendynastie der und rund um die österreichische Schauspielerin Romy Schneider (1938 – 1982) in Wort und Bild vor.

Beeindruckend ist einerseits das Sachwissen zu Biographie und künstlerischer Zeitgeschichte, das in wunderbarer Text- und Bildsprache gleichsam Zeit und Bühne lebendig werden lässt, anderseits der mitreißende Sprachstil, der Leben und Werk der Familie Romy Schneiders filmgleich vor die staunenden, begeisterten Leseaugen stellt.

Ein wunderbarer Lebensbogen in Wort und Bild für Romy Schneiders Fans wie Theater- Filmgeschichteinteressierte, der unvergleichlich ist.

„Günter Krenn ist ein genialer Buchregisseur wie es nur ganz wenige gibt – ein Geschenk in Wort und Bild!“

Günter Krenn, „Romy spielt sich frei: Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“

Walter Pobaschnig

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„Musik ist der direkteste Weg zur Seele des Menschen“ Theresa Aigner, Musikerin _ Wien 24.1.2022

Liebe Theresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich beruflich viel unterwegs bin, gestalten sich meine Tage immer sehr unterschiedlich. Bis zum frühen Vormittag kann ich mich mit Körper-Geist-Übungen sowie Geige-Üben auf den Tag und die aktuellen Erfordernisse einstellen. Danach bin ich am Weg zu meinen Unterrichts-Stellen, zu Proben, Besprechungen, Konzerte oder widme mich der Büroarbeit. Die Lockdown-Zeiten haben meine gesamten Abläufe in (m)ein Zimmer, auf einen Ort projiziert: Online-Unterricht, Üben, Musik hören und erarbeiten. Diese Entschleunigung habe ich sehr schätzen gelernt und möchte ich unbedingt beibehalten. Es lässt mich bewusster und intensiver leben.

Theresa Aigner MA
Musikpädagogin, Musikerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Nerven verlieren. Und wenn doch, bieten Sport, Natur und Berge, Freundinnen und Freunde, Tagebücher oder besonders die Kunst eine geeignete Möglichkeit, den inneren Ausgleich wiederherzustellen.
Ich persönlich stelle mir oft die Frage: Was werden wir in 20, 30, 40 Jahre unseren Kindern und Enkelkindern erzählen, wenn sie uns zu dieser Zeit befragen?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die Kunst allgemein lässt uns spüren, dass wir Menschen analoge und fühlende Wesen sind. Für mich ist die Musik der direkteste Weg zur Seele des Menschen. Findet musikalisch-emotionale Berührung statt, sind wir Menschen im Kontakt miteinander und können im großen gesellschaftlichen Gefüge in Dialog treten. Das lässt uns friedlich mit uns selbst und den brennenden Fragen der Zeit auseinandersetzen.

Was liest Du derzeit?

Marlene Streeruwitz: Geschlecht. Zahl. Fall.

Ihre konsequente und klare Haltung ist für mich eine große Horizonterweiterung.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Joy, sorrow, tears, lamentation, laughter — to all these music gives voice, but in such a way that we are transported from the world of unrest to a world of peace, and see reality in a new way, as if we were sitting by a mountain lake and contemplating hills and woods and clouds in the tranquil and fathomless water.” (Albert Schweitzer)

Theresa Aigner MA
Musikpädagogin, Musikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Theresa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Theresa Aigner, Musikerin, MA Musikpädagogin

Fotos_1,2 Johannes-Starmühler; 3 Divinerinnen-Portraits-by-Theresa-Pewal.

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Am Modell der Affäre hat sich nicht viel geändert“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Station bei Arthur Schnitzler _ Wien 23.1.2022

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlich willkommen, liebe Valerie Anna Gruber, Schauspielerin, hier im Café Landtmann an der Ringstraße in Wien!

Das Wiener Kaffeehaus ist seit jeher ein Treffpunkt der Kunst, Literatur wie der Begegnung und des Austausches mit Wissenschaft, Kultur. Hier im Cafè Landtmann waren etwa Sigmund Freud oder der Schriftsteller Arthur Schnitzler regelmäßig zu Gast.

Liebe Valerie, was bedeutet Dir die traditionsreiche Wiener Kaffeehauskultur?

Sehr viel. Ich habe zur Geschichte und Kultur dieser Tradition einen großen Bezug. Schon als Jugendliche zog es mich, wenn ich zu Gast in Wien war, ins Kaffeehaus.

Ich verbringe sehr gerne Zeit im Kaffeehaus und ich merkte auch wie sehr es mir in den Lockdowns fehlte.

Das Kaffeehaus ist ein Ort des Gesprächs und der Begegnung. Ein Treffpunkt, auch mit sich selbst. Sinngemäß sagte ja der Schriftsteller Alfred Polgar, „das Kaffeehaus ist der Ort, wo man hingeht, wenn man alleine sein will aber in Gesellschaft“.

Ist das Kaffeehaus für Dich als Schauspielerin auch ein Inspirations- und Arbeitssort?

Ja, ich habe kürzlich ein Konzept im Kaffeehaus fertiggestellt, weil mir Zuhause dazu nichts einfiel. Das war am letzten Tag vor dem Lockdown und ich dachte, ich gehe nochmal ins Kaffeehaus. Und ich habe dann in eineinhalb Stunden ein grobes Konzept verfasst, was mir Zuhause nicht gelungen ist. Ja, das Kaffeehaus hilft oft (lacht).

An welchem Konzept hast Du und arbeitest Du aktuell?

Da möchte ich noch nicht darüber sprechen, da es noch im Entstehen ist (lacht).

Was macht für Dich die Inspiration des Kaffeehauses, gerade im Schreiben,  aus?

Das Kaffeehaus trägt eine Geschichte der Kunst und Kultur, besonders auch des Schreibens in sich, man denke nur an das Genre der Kaffeehausliteratur und die Literatursalons. Das ist immer noch bei uns in Wien spürbar.

Das Kaffeehaus ist auch heute Treffpunkt für Künstler*innen und dies macht eine wesentliche Inspirationsquelle auch in der Gegenwart aus.

Hier mit dem Cafè Landtmann verbinde ich auch stark das benachbarte Burgtheater. Es ist beliebter Treffpunkt vor und nach einer Vorstellung.

Was macht für Dich die Gesprächskultur des Kaffeehauses aus? Was wird da, kann da besprochen werden?

Ich kann mir nichts vorstellen, das nicht in einem Kaffeehaus besprochen werden kann (lacht).

Es ist ein Ort des Gedankenaustausches und des Inputs im Gespräch. Das ist für mich als Künstlerin etwas sehr Wichtiges, weil mich die Begegnung und Kommunikation mit anderen Menschen sehr inspiriert.

Wir haben für unsere literaturoutdoors Station hier thematisch den literarischen Typus des „süßen Mädels“ im Werk des Wiener Schriftstellers, Dramatikers Arthur Schnitzler (1862 – 1931), gewählt. Was charakterisiert diesen Figurentypus und welche Zugänge hast Du dazu?

Mein erster Gedanke dazu war – ein schwieriges Thema, weil ich die Problematik aus feministischer Sicht sehe, dass das „süße Mädel“ als Frauentypus eine Projektionsfläche, ein Wunschgedanke männlicher Phantasie ist, dieser entsprungen ist.

Im „süßen Mädel“ ist sehr viel männlicher Einfluss, auch durch Arthur Schnitzler geprägt, zu sehen.

Welche Perspektiven ergeben sich für Dich in der Darstellung des „süßen Mädels“ heute?

Als Künstler*in gilt es in der Darstellung alle Sichtweisen, weiblich oder männlich, nachvollziehen zu können. Damals wie heute. Das ist meine Aufgabe als Schauspielerin und es gelingt grundsätzlich gut, meistens (lacht).

Wie siehst Du die männlichen Charaktere bei Schnitzler, die mit dem „süßen Mädel“ in Kontakt treten?

Grundsätzlich ist das soziale Gefälle in diesen Begegnungen signifikant und sehr problematisch. Das „süße Mädel“ kommt aus der Vorstadt und die Männer, mit denen sie Umgang hat, sind aus der höheren Gesellschaftsschicht. Sie hat aber faktisch keine Möglichkeit in diese höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen.

Das „süße Mädel“ aus der Vorstadt ist für die höher gestellten Männer in der Stadt keine Heiratsoption sondern ein Vergnügen.

Die Frage ist: was bewegt die Männer so zu handeln? Was suchen sie?

Die Männer flüchten im „süßen Mädel“ aus der Ehe oder vergnügen sich davor mit ihr.

Die Frage ist auch, welche Vorteile hat die Frau davon? Hat sie kurzeitig Zugang zu einer anderen Gesellschaftsschicht?

Setzt das „süße Mädel“ den Typ des naiven, zugänglichen Mädchens bewusst ein? Ist es eine Rolle für sie, hinter der viel mehr steckt? Es ist ein spannendes Feld. Die Frage für mich ist etwa, wo liegt die Macht der Frau in dieser Konstellation.

Worin liegt diese Macht der Frau?

Das ist die Frage (lacht).

Wenn das „süße Mädel“ souverän und selbständig bleibt, hat sie die Macht über den Mann und das soziale Machtverhältnis gleicht sich persönlich aus.

Wenn das „süße Mädel“ aber nicht souverän sein kann, dann wird es schwierig, dann hat sie keine Macht, oder viel weniger Macht.

Die Machtfrage ist da ja sehr stark an die Sexualität gebunden. Wer hat die Macht darüber?

Ich sehe die Männer in Schnitzlers Texten als sehr triebgesteuert und wenig beherrscht und damit wenig machthabend über ihre Sexualität.

Frauen sind da bewusster in ihrer Sexualität und haben damit mehr Macht. Es ist aber auch der Frau nicht abzusprechen, manchmal triebgesteuert zu sein. Das wäre eine Einschränkung, die ich gar nicht treffen will.

Man darf auch nicht vergessen, dass Schnitzler auch provozieren wollte, etwa im „Reigen“. Sexualität offen zu thematisieren war in dieser Zeit ja ein Skandal.

Über Sexualität zu schreiben war etwas extrem Mutiges, Aufrüttelndes – ein Tabubruch.

Die Aufführung des „Reigen“ hatte 2021 ihr 100 Jahr-Jubiläum. Was hat sich seit damals zwischen Mann und Frau verändert?

Zwischen Mann und Frau hat sich politisch und gesellschaftlich durch Emanzipations- Frauenbewegungen viel verändert – aber noch lange nicht genug…

Und gerade im zwischenmenschlichen Umgang solcher paarweisen Konstellationen wie sie im Reigen zu finden sind, hat sich, wie ich finde, gar nicht so viel verändert. Menschen finden aus den unterschiedlichsten Gründen zueinander, haben verschiedene Sehnsüchte, wollen bestimmte Bedürfnisse befriedigt haben und gehen dementsprechend miteinander um.

Aber Sexualität auf der Bühne zu thematisieren ist heute kein Tabu mehr. Die Problematik der Darstellung des Stoffes in der Gegenwart sehe ich eher dann, wenn diese sich zu weit vom Ursprungstext entfernt um Aufmerksamkeit, Aktualität zu erlangen – und dabei die Intention des Textes verliert.   

Wieviel Psychoanalyse, Schnitzler war ja mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse im Gespräch, Austausch, steckt denn im Werk Arthur Schnitzlers?

Ja, die Psychoanalyse, sie wird ja zu dieser Zeit modern, ist da literarisch sehr sichtbar.

Man erkennt im Werk Arthur Schnitzlers stark die Einflüsse der Psychoanalyse.

Die literarischen Figuren sind viel psychologischer gebaut als in Texten, die vor Sigmund Freud entstanden sind.

Wie siehst Du das Modell der Affäre heute?

Da hat sich nicht viel geändert. Es heißt vielleicht heute manchmal anders (lacht).

Es ist keine Seltenheit und auch die Rollenbilder der Verführerin und des Verführten, des selbst gewünscht Verführten, haben sich nicht verändert.

Man würde vielleicht meinen, dass der Umgang damit offener und toleranter geworden ist, aber ich glaube, dass das nur einen kleinen Teil der Gesellschaft betrifft. Für den Großteil der Menschen ist eine sogenannte „Affäre“ immer noch ein absolutes No-Go, etwas worüber man nicht spricht, was man eigentlich nicht tut – und trotzdem ist es so weit verbreitet. Ich würde mir manchmal einen offeneren Umgang mit dem Thema wünschen, aber andererseits macht wahrscheinlich auch das Verbotene den
Reiz einer Affäre aus.

Gibt es ein Werk Arthur Schnitzlers, das Dir besonders am Herzen liegt, zu dem Du einen besonderen Bezug hast?

Es gibt zwei – „Liebelei“ und „Reigen“.

Ich finde „Liebelei“ ist ein wahnsinnig spannendes Stück, wie es dramaturgisch aufgebaut ist und durch die interessanten Figuren. Sehr gerne würde ich das einmal spielen.

In „Liebelei“ gibt es mit Christine und Mitzi auch zwei ganz unterschiedliche Frauentypen, die für die Zeit repräsentativ sind.

Der „Reigen“ ist schon wegen seiner Geschichte des Aufführungsverbotes, der Aufregung und des riesigen Skandals bekannt und interessant.

Dieser offene literarische Umgang mit Sexualität bei Schnitzler ist vorher undenkbar gewesen. Da haben wohl Sigmund Freud und die Psychoanalyse auch viel dazu beigetragen, dass es Schnitzler in dieser Form thematisierte.

Beide dramatischen Texte liegen mir sehr am Herzen und natürlich die Novelle „Fräulein Else“. Daraus habe ich oft einen Teil bei Vorsprechen gespielt.

Ist Sexualität auch heute ein Tabuthema?

Ich würde sagen, ja. Oberflächlich betrachtet, würde man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass dies überhaupt nicht so ist, dass alles sexualisiert wird und nichts mehr daran aufregt. Aber ich glaube schon, dass es Menschen nach wie vor schwerfällt über Sexualität zu sprechen und sich damit auseinanderzusetzen. Vor allem mit ihrer eigenen Sexualität, und damit offen umzugehen und im Reinen zu sein.

Wie kann man, muss man Schnitzler heute auf die Bühne bringen?

Ich bin durch mein Schauspielstudium in den USA sehr geprägt von der Theatertradition des englischsprachigen Raums, die eine sehr hohe Werktreue hat und wo sich diese Frage gar nicht erst stellt. Es ist klar, dass das Stück auf der Bühne jenes der Zeit ist und da gibt es nicht viel zu rütteln.

Es gibt da hierzulande eine andere Zugangsweise und das kann natürlich auch seinen künstlerischen Reiz haben, das will ich nicht bewerten.  Aber eine moderne Inszenierung sollte trotzdem immer etwas zu erzählen haben. Ich sehe leider viele Produktionen, wo ich das Gefühl habe, die Regie geht ins Leere, weil sie nichts mehr erzählt.

Ich persönlich finde es sehr spannend, den Text in seiner Zeit zu belassen und dem Publikum die Entscheidung zu überlassen, was er heute zu erzählen hat.

Wie nimmst Du das Kaffeehaus als Lebensraum in Tradition und Gegenwart wahr?

Kaffeehäuser haben immer etwas wahnsinnig Gemütliches. Das ist das Licht, die kunstvollen Stoffbezüge, die Stühle und Holzarbeiten, gerade hier im Cafè Landtmann wunderschön zu sehen und das überdauert ja auch die Zeit und es wird viel Wert und Mühe auf den Erhalt dieser Tradition gelegt.

Die Architekten*innen haben sich bei den Kaffeehäusern schon etwas gedacht (lacht). Diese Tradition, Atmosphäre und Geschichte sind spürbar. Man hat sofort das Gefühl, dies ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Was gehört für Dich zu einem Kaffeehausbesuch dazu?

Das kommt auf die Aufenthaltsdauer an. Es kann dann etwa eine Melange sein, auch mit einer Mehlspeise dazu. Ich esse aber auch ab und zu gerne im Kaffeehaus.

Welche Mehlspeisen bevorzugst Du?

Die Sachertorte oder einen Topfenstrudel.

Mit Schlag (Anm: Schlagobers)?

Nein, unbedingt ohne Schlagobers (lacht).

Ist das Begegnen, Wahrnehmen unterschiedlicher Menschen im Cafè auch eine schauspielerische Inspiration?

Schauspiel braucht eine große Neugier auf die Welt. Das Kaffeehaus ist natürlich ein idealer Ort dafür.

Die Neugierde auf Menschen ist auch mein Kapital als Schauspielerin, denn Menschen stelle ich ja auf der Bühne, vor der Kamera dar.

Ich stehle wahnsinnig viel vom Leben für die Bühne, weil es so eng zusammenhängt, dass man alles verwerten kann. Das ist eines der vielen schönen Dinge an diesem Beruf.

In unserem vorangegangenen Projekt stand der Entertainer, Sänger, Schauspieler Peter Alexander im Mittelpunkt. Gibt es für Dich auch Parallelen der beiden Wiener Künstler Peter Alexander und Arthur Schnitzler?

Die Wiener Seele und das Wienerische sind bei beiden stark verankert. Natürlich im Wandel der Zeit, in der die beiden gelebt haben.

Da fällt mir noch eine Geschichte zu Arthur Schnitzler ein: Ich war vor einigen Jahren zu einem Vorsprechen an einer sehr bekannten Berliner Schauspielschule und habe dort unter anderem „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler vorgesprochen. Ich bin nicht über die erste Runde hinauskommen und eine Jurorin hat mir dann die Kritik gegeben – wenn ich aus Österreich komme, warum ich denn nicht etwas von einem österreichischen Schriftsteller vorspreche. Da habe ich mir schon meinen Teil gedacht (lacht). Es ist offensichtlich nicht jedem so klar, dass Arthur Schnitzler sehr mit Wien verbunden ist.

Peter Alexander hätte aus Deiner erzählten Anekdote bestimmt eine wunderbare Parodie gemacht und Arthur Schnitzler hätte dies sicherlich ebenso in ein Bühnenstück eingearbeitet.

Das Kaffeehaus ist jetzt im Winter in Ankommen, Aufenthalt mit besonderer Atmosphäre verbunden wie auch zu den anderen Jahreszeiten. Wie siehst Du die Jahreszeiten im Zusammenhang mit der Kaffeehauskultur?

Der Winter, Herbst, Vorfrühling sind für mich klassische indoor- Kaffeehauszeiten mit besonderer Atmosphäre.

Was wünscht Du Dir für die Wiener Kaffeehauskultur in näherer, weiterer Zukunft?

Dass sie ihre Tradition bewahren kann und dass das weiterhin viele Gäste genießen und zu schätzen wissen. Besonders junge Menschen können heute oft nichts mehr damit anfangen, und ich würde mir wünschen, dass die Kaffeehauskultur auch wieder mehr junge Besucher anlockt.

Aber das Kaffeehaus hat so viele Zeiten, auch schwierige und schwierigste, überdauert und ich mache mir da keine Sorgen darum.

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlichen Dank, liebe Valerie, für Deine Zeit in Wort und wunderbarer Vorbereitung und Darstellung des „süßen Mädels“ im Werk Arthur Schnitzlers (*1862 Wien +1931 Wien), Arzt, Dramatiker, Schriftsteller!

Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte 2022!

„Das süße Mädel“ _Arthur Schnitzler_ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

https://www.valerieannagruber.com/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Arthur Schnitzler_Café Ladtmann_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21